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aus: Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges – Weißbuch Nr. 2 des Auswärtigen Amtes, Berlin, 1939 (Viertes Kapitel)

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A.  Die Auswirkung der britischen Einkreisungspolitik auf die Haltung Polens

 

I.  Vernichtungsfeldzug gegen die deutsche Volksgruppe

Das vierte Kapitel bringt den Nachweis für den Mißbrauch Polens als Werkzeug des englischen Kriegswillens (Nr. 349 bis 482). Die Auswirkung der britischen Blankovollmacht war sofort zu spüren. Polen setzte zum Vernichtungsfeldzug gegen die deutsche Volks­gruppe an. Einen Tag nach dem polnischen Nein, am 27. März 1939, kommt es in Brom­berg unter Rufen wie „Weg mit Hitler“, „Wir wollen Danzig“, „Wir wollen Königs­berg“ zu deutschfeindlichen Demonstrationen (Nr. 349).
An anderer Stelle wird bei einem Kameradschaftsabend der Reichsdeutschen von ein­dringenden Polen Führerbild und Reichsflagge vernichtet (Nr. 350), wogegen schärfster Protest eingelegt wird (Nr. 351 und 352). Thorn und Posen müssen Ende März von neuer­licher Verschärfung der Hetze, Demonstrationen, tätlichen Angriffen und annexio­ni­sti­schen Forderungen berichten (Nr. 353, 354 und 355). In Posen halten die Ausschreitungen eine volle Woche an. Es kommt immer öfters zu Überfällen auf Volksdeutsche, wobei es Schwerverletzte gibt (Nr. 355 und 357).

Deutsche Proteste sind erfolglos (Nr. 360). Anfang April wird ein öffentlicher Aufruf in ganz Polen verbreitet, der das Generalprogramm für die Entdeutschung des Landes enthält (Nr. 358). Mitte April überschreiten die ersten deutschen Flüchtlinge die Grenze (Nr. 359). Den Konsulaten ist es fast unmöglich, alle Fälle einzeln aufzuführen (Nr. 361).
Auch in Oberschlesien tobt die Hetze ohne Maßen (Nr. 362). Terrorakte füllen die Berichte der deutschen Konsulate (Nr. 363). Der Aufständischenverband gibt die Terrorbefehle aus (Nr. 364). Am 6. Mai meldet Generalkonsulat Kattowitz 200 Terrorfälle (Nr. 365), am 19. Mai weitere hundert (Nr. 372) allein aus Oberschlesien. Kein Deutscher ist seines Lebens und seines Eigentums mehr sicher. Der Terror greift auch auf das kongreßpolnische Gebiet über und wird durch planmäßige Brandstiftung verschärft (Nr. 366). Die letzten kultur­politischen Stützpunkte des Deutschtums werden zerstört (Nr. 369, 373, 374, 377, 379, 383, 385, 390, 391, 399 usw.).
Die deutsche Volksgruppe wendet sich in ihrer Verzweiflung an den Polnischen Staats­präsidenten (Nr. 369). Die Englische Regierung wird durch die Deutsche Botschaft über diese friedensgefährliche Entwicklung auf dem laufenden gehalten (Nr. 368), ohne daß etwas geschieht.
Mitte Mai steigert sich die Hetze zu Deutschenpogromen, bei denen Tausende von Deutschen „wie Freiwild“ gejagt werden (Nr. 370 und 371). Die Flüchtlingsbewegung nimmt zu (Nr. 374), desgleichen das polnische Säbelrasseln, die Verkündung annexionistischer Kriegsziele (Nr. 367, 378) und die öffentlichen Verunglimpfungen und Beleidigungen des Führers, die erneut zu scharfen Protesten zwingen (Nr. 382). Auf dem wirtschaftlichen Sektor werden planmäßig deutsche Genossenschaften, Molkereien und Apotheken liquidiert (Nr. 380, 395). Lodz meldet am 7. Juni: „Die Bedrohungen der Volksdeutschen mit Totschlag, Folterungen usw. sind zu täglichen Selbstverständlichkeiten geworden.“ Ganze Familien bringen wegen der ständigen Morddrohungen ihre Nächte in den Wäldern zu (Nr. 381).

Proteste im Polnischen Außenministerium werden mit Achselzucken und still­schwei­­gendem Eingeständnis beantwortet, daß man gegenüber den Militärs machtlos und der Gefangene des polnischen Chauvinismus geworden ist (Nr. 382 und 385). Nach 2 ½ Monaten englischer Garantie faßt der Deutsche Botschafter in Warschau seine Eindrücke dahin zusammen, „daß die Verhetzung Ausmaße angenommen hat, wie er sie während seiner langjährigen Tätigkeit nicht habe beobachten können“ (Nr. 385). Weiterlesen

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aus: Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges – Weißbuch Nr. 2 des Auswärtigen Amtes, Berlin, 1939 (Zweites Kapitel)

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A. Britische Aufrüstung und Hetze gegen Deutschland
(September 1938 bis Juli 1939)

Das deutsch-polnische Problem war durch die Vernachlässigung während 20 Jahren und die polnische Überheblichkeit zur kritischsten Frage der europäischen Politik geworden. Es stellte für denjenigen, der einen Kriegsanlaß suchte, jederzeit die gewünschte Möglichkeit zur Verfügung. Es war England, das im Rahmen seiner Ein­kreisungspolitik den europäischen Horizont nach solchen Möglichkeiten absuchte und in den Märztagen 1939 mit dem polnischen Chauvinismus den Kontakt herstellte.
Die deutsch-englischen Beziehungen schienen in der gemeinsamen Erklärung von Mün­chen (Nr. 217) eine Wendung zum besseren erreicht zu haben. Es waren ihr viele Jahre einseitiger deutscher Bemühungen um die englische Freundschaft vorangegangen. Die Verständigung mit England gehörte zum außenpolitischen Programm des Natio­nal­sozia­lismus. Der Flottenvertrag von 1935 sollte die Sicherheit dafür bieten, daß die beiden Reiche unter gegenseitiger Respektierung ihrer Lebensinteressen nicht wieder die Klingen kreuzen würden. Die Münchener Erklärung sollte diese Gewißheit friedlicher deutsch-englischer Beziehungen zu einer endgültigen machen.

Um so größer war die Enttäuschung, als Chamberlain drei Tage nach der Münchener Erklärung im Unterhaus die Aufrüstung um jeden Preis proklamierte (Nr. 218). Diese Tatsache und die Haltung der englischen Opposition zwangen den Führer, in der Saarbrücker Rede (Nr. 219) sein Volk vor Vertrauensseligkeit zu warnen und auf die Mög­lichkeit hinzuweisen, daß jederzeit die Kriegspartei Edens, Churchills und Coopers zur Macht kommen könne. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben. Schon lange vor der tschechoslowakischen Spannung war Deutschland in England dazu mißbraucht worden, das englische Publikum rüstungswillig zu machen. Nach München wurde dieser Prozeß rasch vorangetrieben. Der Englische Kriegsminister verkündete schon am 10. Oktober 1938 die bevorstehende, wesentliche Verstärkung und Modernisierung der Terri­to­rial­armee (Dok. Nr. 220).

Gleichzeitig trieb England den französischen Verbündeten zu weiteren Rüstungs­an­strengungen, vor allem in der Luft, an (Nr. 221). Es folgten die Vorbereitungen für die Anlegung eines Nationalregisters für den freiwilligen Hilfs- und Kriegsdienst (Nr. 222). Churchill durfte in einer Rundfunkansprache für die Vereinigten Staaten (Nr. 223) in ähnlicher Weise gegen Deutschland hetzen, wie Duff Cooper in Paris (Nr. 232), und forderte die allgemeine Wehrpflicht. Der Führer warnte in einer Rede in Weimar am 6. November (Nr. 224) aufs neue vor den englischen Kreisen, auf deren Programm die „Vernichtung Deutschlands und Italiens“ stehe. Auch der Reichsaußenminister machte vor der ausländischen Presse auf die Weltgefahr der Kriegshetzer in den westlichen Demokratien aufmerksam (Nr. 225).
Mitte November wurde die kanadische Industrie erfolgreich in das englische Luft­rü­stungs­programm eingebaut (Nr. 226) und bei einem Besuch von Chamberlain und Halifax in Paris/Frankreich zur Vermehrung der offensiven Luftwaffe gedrängt, englischer­seits aber die Entsendung eines starken Expeditionskorps zugesagt Nr. 227 und 228). Am 30. November 1938 folgte die handelspolitische Kampfansage Englands an Deutsch­land in Südost- und Mitteleuropa (Nr. 229). Am 7. Dezember hielt es der Englische Staatssekretär für Kolonien für notwendig, das Dokument von München durch ein unmotiviertes Nein in der Kolonial- und Mandatsfrage zu entwerten und Deutschland auf diesem Gebiet den Weg des Verhandelns zu versperren (Nr. 231).
Nebenher ging die von der Englischen Regierung geduldete Pressehetze gegen das Reich, Beleidigungen des Führers (Nr. 233), die Vergiftung der Atmosphäre durch Falsch­meldungen (Nr. 230) und die wachsende Bearbeitung der Öffentlichkeit durch die eng­li­sche Kriegspartei, der Chamberlain nun auch schon in der Öffentlichkeit Kon­zes­sio­nen machte (Nr. 234). Wie die Ansprache des Führers beim Neujahrsempfang am 12. Januar 1939 (Nr. 235) beweist, ließ sich Deutschland trotzdem von der Hoffnung auf Frieden und Verständnis bei England und Frankreich nicht zurückschrecken. England beantwortete diese Bereitschaft mit der Einführung des „freiwilligen nationalen Dienstes“, der es „für den Krieg bereit machen sollte“ (Nr. 237), und mit gesteigerten Bemühungen, die eng­li­sche Nation kriegsreif zu machen.
Friedensanstrengungen des Führers wurden in der englischen Presse unterschlagen (Nr. 238).

Noch ehe die tschechische Ausrede vorgebracht werden konnte, fühlte sich Chamber­lain vor der Geschichte berufen, gegenüber dem Deutschland Adolf Hitlers die gleiche Rolle zu spielen, wie der jüngere Pitt gegenüber Napoleon (Nr. 240). Der Führer sah sich am 30. Januar veranlaßt, im Reichstag aufs neue auf die Kriegspartei in England hin­zu­weisen und das deutsche Volk darauf aufmerksam zu machen, daß diese „unter allen Umständen einen Krieg vom Zaune brechen wolle“ (Nr. 241). Rüstung und Hetze gingen in England Hand in Hand.

Man rühmte sich der überwältigenden Zahlen der Aufrüstung (Nr. 242). Schon Mitte Februar 1939 machte England völkerrechtlich das Schußfeld für den Wirtschaftskrieg frei, indem es die Genfer Generalakte kündigte, soweit sie für Kriegszeiten verbindlich war (Nr. 244). Es entzog sich damit in dem geplanten Krieg jedem Schieds­gerichts­ver­fahren bei Streitigkeiten mit den Neutralen. Das war eine ausgesprochene Kriegs­vor­be­rei­tungs­maß­nahme. Die Kriegslüsternheit Englands war in der ganzen Welt zu spüren. Weiterlesen


aus: Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges – Weißbuch Nr. 2 des Auswärtigen Amtes, Berlin, 1939

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A. Der Kampf gegen das Deutschtum in Polen und gegen Danzig von 1919 bis 1933
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I. Zur Lage der deutschen Volksgruppe in Polen

Die deutsch-polnischen Beziehungen haben seit dem Augenblick der Wiederaufrichtung eines selbständigen polnischen Staates in Versailles unter einem mehrfachen Ver­häng­nis gestanden:
Erstens erklärte sich Polen unter Berufung auf eine angeblich tausendjährige Mission zum Erbfeind der Deutschen. Es begründete damit nicht nur seine Ansprüche auf deutsches Reichsgebiet, son­dern geradezu seine Existenzberechtigung und empfahl sich so den Siegermächten als zuverlässigen, jederzeit einsatzfähigen Alliierten zur Niederhaltung Deutschlands.
Zweitens: Es wurde in dieser Funktion von den Westmächten bestätigt und durch Ein­beziehung zunächst in das französische Bündnissystem beauftragt, den östlichen Sektor der permanenten Einkreisung zu übernehmen und die Tradition der Zwei­fron­ten­lage für Deutschland fortzusetzen.
Das deutsch-polnische Verhältnis wurde drittens von Anfang an durch die Überlassung einer starken deutschen Volksgruppe vergiftet, die sofort dem schärfsten Poloni­sie­rungs­zwang unterworfen war.
Viertens stellten die Abtretungen deutschen Reichsgebiets im Osten die größten Un­gerechtigkeiten des Friedensdiktats dar. Sie wurden nicht nur vom deutschen Volk, sondern auch von maßgebenden alliierten Staatsmännern als so unhaltbar empfunden, daß sich jedermann darin einig war, daß an dieser Stelle die erste Wiedergutmachung einsetzen mußte, wenn nicht hier der nächste kriegerische Konflikt in Europa aus­bre­chen sollte.

Lloyd George hat in einer Denkschrift für die Konferenz von Versailles am 25. März 1919 (Dokument Nr. 1) auf diese künftige Kriegsursache ebenso aufmerksam gemacht wie die Deutsche Friedensdelegation (Nr. 2). Selbst der Vorsitzende des Obersten Rates Clemenceau hat in dem bekannten Brief an Paderewski vom 24. Juni 1919 (Nr. 3) Polen auf die Bedeutung einer solchen Volkstumshypothek hingewiesen and den Abschluß und die Einhaltung eines entsprechenden Minderheitenschutzvertrages (Nr. 4) zur Vor­aus­setzung dafür gemacht, daß Polen die deutschen Gebiete erhielt. Damit war zugleich die feierliche Verpflichtung der Alliierten Mächte festgelegt, die Einhaltung dieses Grundgesetzes der deutschen und übrigen Volksgruppen in Polen sicher­zu­stellen. Der Wortlaut des Vertrages läßt keinen Zweifel darüber, wozu sich Polen gegenüber den mehr als 40 % nichtpolnischen Einwohnern des neuen Staates ver­pflichtet hat. Die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen von 1919 bis 1933 ist aber, wie die hier vorgelegten Urkunden zeigen, zur Geschichte einer perma­nen­ten Verletzung dieses Vertrages durch Polen und zur Geschichte einer stillschweigenden Mittäterschaft des Völkerbunds und der Garantiemächte geworden.

Schon am 20. November 1920 sah sich die Deutsche Regierung genötigt, aus ihrer Zurückhaltung herauszutreten und der Polnischen Regierung eine umfassende Beschwerde zu überreichen (Nr. 5). Sie mußte feststellen, daß „der Deutsche in Polen vogelfrei“ sei. Die Rede des Volksdeutschen Abgeordneten Spickermann im Polnischen Sejm vom 23. Januar 1923 (Nr. 6) bestätigt den Eindruck, daß der Minder­heiten­schutz­vertrag, „die Magna Charta unserer Existenz“, vom ersten Tag an gebrochen wurde. Einige Monate später kündigte der damalige Ministerpräsident General Sikorski in öffentlicher Rede als Regierungsprogramm „die Liquidation deutscher Güter und die Entdeutschung der westlichen Provinzen“ an und erging sich in scharfen Äußerungen gegen Danzig (Nr. 7). Mitte 1923 hatte die Austreibung der Deutschen bereits einen außerordentlichen Umfang angenommen (Nr. 8). Polnische Maßnahmen gegen den deutschen Grundbesitz, wie sie z. B. der Ständige Internationale Gerichtshof in seinem Gutachten vom 10. September 1923 als „nicht im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen der Polnischen Regierung stehend“ bezeichnete (Nr. 9), verstärkten den Zwang zur Abwanderung. Im September 1931 wurde von polnischer Seite zugegeben, daß bereits rund eine Million Deutsche aus Polen verdrängt waren (Nr. 10).

Weder die Garantiemächte noch der Völkerbund, der inzwischen nicht nur von der deutschen, sondern auch von der ukrainischen Volksgruppe immer wieder um Schutz gegen die ständige Verletzung der Minderheitenbestimmungen durch Polen angerufen worden war (Nr. 9, Anm.), sind indessen ihrer Pflicht nachgekommen. Aus einer Debatte im Britischen Oberhaus – einer von vielen im Britischen Parlament – vom 15. Juni 1932 (Nr. 11) geht hervor, daß man in England die Mißhandlung der Volksgruppen in Polen und die Gefahr für den europäischen Frieden kannte, daß aber nichts geschah, um rechtzeitig eine Änderung herbeizuführen.

Bereits im März 1933 hatte der Vernichtungskampf Polens gegen die wirtschaftliche Existenzbasis und den kulturellen Besitzstand der deutschen Volksgruppe einen er­schreckenden Umfang angenommen (Nr. 12).

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