von Richard Wagner

breker-richard-wagnerAus dem Jahre 1865 fand sich, bei einer neuerlichen Untersuchung meiner Papiere, in zer­stückelten Absätzen das Manuskript vor, von welchem ich heute den größeren Theil, auf den Wunsch des mir für die Herausgabe der »Bayreuther Blätter« verbundenen jüngeren Freundes, der Veröffentlichung für unsere ferneren Freunde des Pat­ronat­vereines zu übergeben mich bestimmt habe.

War die hier vor mir stehende Frage: »was ist deutsch?« überhaupt so schwierig zu beant­worten, daß ich meinen Aufsatz, als un­voll­endet, der Gesammtausgabe meiner Schriften noch nicht beizugeben mich getraute, so beschwerte mich neuerdings wiederum die Aus­wahl des Mitzutheilenden, da ich mehrere in diesen Aufsätzen behandelte Punkte bereits anderswo, namentlich in meiner Schrift über »deutsche Kunst und deutsche Politik«, wei­ter ausgeführt und veröffentlicht hatte. Mögen hieraus Mängel des vorliegenden Aufsatzes erklärt werden. Jedenfalls habe ich aber dießmal die Reihe meiner damals niedergelegten Gedanken erst noch zu schließen, und es wird dieser Schluß, welchem ich nun, nach drei­zehnjähriger neuer Erfahrung, allerdings eine besondere Färbung zu geben habe, demnach mein letztes Wort im Betreff des ange­regten, so traurig ernsten Themas enthalten. Es hat mich oft bemüht, mir darüber recht klar zu werden, was eigentlich unter dem Begriffe »deutsch« zu fassen und zu verstehen sei.

Dem Patrioten ist es sehr geläufig, den Namen seines Volkes mit unbedingter Ver­ehrung anzuführen; je mächtiger ein Volk ist, desto weniger scheint es jedoch darauf zu geben, sei­nen Namen mit dieser Ehrfurcht sich selbst zu nennen. Es kommt im öffentlichen Leben England’s und Frankreich’s bei Weitem seltener vor, daß man von »englischen« und »fran­zösischen Tugenden« spreche, wogegen die Deutschen sich fortwährend auf »deutsche Tiefe«, »deutschen Ernst«, »deutsche Treue« u. dergl. m. zu berufen pflegen. Leider ist es in sehr vielen Fällen offenbar geworden, daß diese Berufung nicht vollständig begründet war. Wir würden aber dennoch wohl unrecht thun anzunehmen, daß es sich hier um gänz­lich nur eingebildete Qualitäten handele, wenn auch Misbrauch mit der Berufung auf die­selben getrieben wird. Am besten ist es, wir untersuchen die Bedeutung dieser Eigenthüm­lichkeit der Deutschen auf geschicht­lichem Wege. Weiterlesen