Tag Archive: Generationen



von Kurt Eggers
aus: „Von der Heimat und ihren Frauen“ (1940)

Der Wille zum Werden liegt im Menschen als Keim verborgen, ehe noch der Mensch geboren wird.

Das körperliche Werden, das Wachstum, findet seinen bestimmten Abschluß im Erwach­sen­sein. Das geistige Werden, das Reifen, wird erst mit dem Tode beendet.

Wachstum und Reifen zusammen machen erst die wahre Menschwerdung aus. Es ist genau so unnatürlich und widersinnig, das Reifen zu unterbinden, wie etwa willkürlich das Wachstum zum Stillstand zu bringen. Zwangsläufig treten dann Verfalls­erschei­nun­gen und Verkrüppelungen ein.

Jedoch gibt es Menschen, denen das Reifen, das erfüllt ist von Unruhe, Not und aller Art von Unannehmlichkeit, zuwider ist. Sie sehen in der Kindheit den einzig erstrebens­werten Zustand und trauern ihr nach als dem verlorenen Paradies.
Sie bleiben in der Ebene des Zeitalters des Kindes und wagen nicht, in das Land des Mannestums zu treten.
In ihren Religionen preisen sie den Kindheitszustand als selig und stellen die Forderung des Kindseins als heilbringend auf. Kinderlassen wird ihnen Offenbarung. Aus Kinder­märchen machen sie Heilstatsachen.

Ihr Paradies: ein Dämmerzustand, ein Nichtswissenwollen um des lieben Friedens willen. Ein Gepäppeltwerden und Sichgängelnlassen. Ein verträumtes Spielen mit den Symbolen Schlange und Totenkopf.

Ihr Fluch: das Leben mit seinem Kampf, seiner Pflicht, seiner Arbeit, seiner wachen Nüchternheit und seiner Härte.

Ihre Sehnsucht: aus diesem Leibe, aus diesem Leben herausgelöst zu werden, das verlorene Paradies, den Ort süßer, ruhevoller Seligkeit, wiederzugewinnen.

Die Folge: das Natürliche soll vom Unnatürlichen überwunden werden. Die geistige Geburt soll um der Schmerzen willen unterbleiben!

Kindsein bedeutet Unselbstständigkeit — und die erfordert Leitung, Zuruf, ständige Behütung. Wer Kind ist, begibt sich der Feigheit.

Wer anders kann sich aber aus der Feigheit zurücklehnen in die Unfreiheit, als der, der sich zu schwach fühlt, wenn das Leben seine Forderungen stellt?

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Der „Sündenfall“ bewirkte das Ende des paradiesischen Zustandes. Das kindliche Träu­men wich der harten Pflicht. An die Stelle des Traumes trat die Tat.

Käme heute das Paradies zurück, so würde es in hundert Jahren keinen Menschen mehr auf dieser Erde geben. Der Wille zum Werden hat das Paradies überwunden; so lange er wach ist, wird es nicht wiederkehren.

Die Tat wird sich nicht vom Traume überwinden lassen, sowenig die Dämmerung über das Licht zu siegen vermag.

Darum: wer Kind bleiben will, wird, da er zur Frucht untauglich ist, ein Unkraut sein, das ausgejätet werden muß. Wer da sagt: „Ich habe Angst, Mann zu werden“, den soll man ausstoßen aus der Gemeinschaft.

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Es geht darum, daß der Wille zum Leben geheiligt wird. Tausend Jahre lang beging man die fortgesetzte Sünde gegen den Geist des Lebens, indem man Weiterlesen


Helmut Schlesky hat vor Jahrzehnten den Begriff der “skeptischen Generation” geprägt, die Medien sind voller Berichte über die Millennials, die Generationen X, Y und Z, es gibt die heimatlose und seit neuestem auch die überforderte Generation, und deshalb ist es an der Zeit, dass wir der Generationenfolge eine eigene hinzufügen:

Die verhätschelte Generation ist das Ergebnis der Nach-Wende-Erziehungsversuche; es sind Kinder der Globalisierung, die ungeahnten Zugang zu Waren aus aller Herren Länder geschaffen hat. Erdbeeren im Winter, X-Box und Computer — sie sind Insignien der verhätschelten Generation wie das Smartphone und die Designer-Klamotten.

pampered generationAufgewachsen ist die Mehrheit der verhätschelten Generation ultra-behütet und abgeschirmt von allem, was man als eigene Erfahrung so machen kann. An die Stelle der eigenen Erfahrungen sind Second-Hand-Erfahrungen pädagogischer Werthaftigkeit getreten; vorgekaute, pädagogisch-wertvolle Erfahrungsräume haben dafür gesorgt, dass der verhätschelten Gene­ration keinerlei von pädagogisch-wertvollen Vorgaben abweichende Inhalte zugemutet wurden. Und natürlich dürfen die Sozialarbeiter und Psychologen nicht fehlen, die mit Argusaugen von Kindergarten über die Schule bis zum Lehrberuf oder bis zur Universität darüber wachen, dass Kindern und Jugendlichen aus der verhätschelten Generation nichts widerfährt, was von Sozialarbeitern und Psychologen als negativ bewertet wird. Früher konnten Kinder an negativen Erfahrungen wachsen. Heute sorgen Sozialarbeiter und Psychologen dafür, dass Kinder bestenfalls körperlich wachsen. Weiterlesen