von H.-P. Schröder

„Diese einfältigen Narren!  
Sie haben versucht,  
die Götter zu entnazifizieren. 
Das ist ihnen nicht bekommen.“
Savitri Devi Mukherji 

Weg II (2)

Canto Mayor 1945

1945 —
als wir zerschlagen wiederkehrten,
aus den Schnee- und Steppenwüsten
und was noch lebte in Ruinen,
sie mit Niedertracht entehrten,
da dachten wir nicht mehr zurück,
sobald wir uns’re Frau’n begrüßten.

Wir erblickten keine Heimat,
das war ein unbekanntes Land,
eines, das wir nie gekannt,
das zu uns aus Briefen sprach:
Der Feind, er hat es abgebrannt.

Es galt die Trümmer wegzuräumen,
es galt die Kraft zu sammeln, aufzuzäumen,
Bomben und Parteien zu entschärfen.
Zukunft mit Geistesgegenwart entwerfen,
denn Kurland, das war nimmermehr,
wo ein ganzes Heer ertrank.
Wir fühlten uns bestialisch krank.

Und freuten uns in Ruhezeiten
am Schlaf und an der Wärme Strahl,
an scheuem Lächeln unter Leiden,
während Iwan und der Jim befahl,
während der Boss uns schon bestahl.

Wir saßen mit zerschund’nem Knie
todmüde oft am Seitenstreifen,
wollten uns vor Züge werfen,
doch die Züge kamen nie.

Im Herbst versuchten wir es wieder
dann schon halb durch Frost besiegt,
etwas Kohle für die Glieder,
zwei Kartoffeln als ein höchstes Glück,
brachten das Leben uns zurück.

Eisig fuhren Winterwinde
im offenen Coupé durch’s Land,
sammelten das Winterkinde,
abgemagert, eisverbrannt,
zerbliesen es zum Winterengel,
den man gefroren steinhart fand,
drängten uns in Winterstille
stumm geworden, fieberschwach.
Klirrend platzten Pumpenschwengel
unter klarem Sternendach.

Hunger hielt die Kleinsten wach.
Da tauschten wir mit Glück das beste,
letzte Ding, das uns geblieben,
gegen verdorb’ne Essensreste,
vom Bauch durch leeres Land getrieben.
Wir, wie alle Kofferrucksackmenschen,
erfuhren, wie die kleinen Dinge lieben.

In jenen Tagen war es anders,
da waren sie noch überall zu seh’n,
die Befreier standen Schmiere.
Und man sah sie oft auf Streife,
wie olivengrüne Tiere,
durch verkohlte Trümmer geh’n.

Schlichen auf dem Schützenpanzer
vor bis zur Geschlechts Control,
Offiziere trieben es wie toll,
machten Lärm in ihren Basen,
verwegen bis um 6 Uhr früh.
Hatten uns’re Nichten, hatten uns’re Basen
herzlich lieb auf ihrem Knie.

Aus Schutt und aus gesprengten Heimen
wird Verwertbares gezogen,
Balken, Türsturz, Fensterstein,
Eisenträger glutgebogen.
Zerstampfte Brüderschwesterlein
drängen sich an’s Tageslicht,
treffen dort auf noch mehr Leichen,
stinken zwischen ihresgleichen,
sehen nicht nach Menschen aus.
Kein Platz für sie im Zukunftshaus,
Maden haben sie im Blick,
müssen nun woanders bleichen,
kehren in das Grab zurück.

So wuchs Altes neu durch Seelen-
und durch Körperkraft,
und Feiges ließ empor sich kochen,
und saugte fleißig mit am Saft,
tat gütlich sich an unser’n Knochen,
und lullt‘ uns mit Versprechen ein.

Hat geholfen einzuseifen,
ließ uns im Traum die Schinkendüfte seh’n.
Doch man muß auch das versteh’n,
man muß in harten Zeiten
sich als Natur verkleiden,
die Strategie des Überlebens überstreifen.
Wir wurden von Verlangen weggerafft.

Hatten es bis hier und her geschafft,
doch wir konnten nicht begreifen,
wie die Absicht wird gedreht,
bis sie in Gesichter weht.

*

20. November 1945 – 1949

Über ihrem Gegner saß die Rache,
Hoffahrt im Gesicht,
zu Gericht.

In Nürnberg war’s, der alten Stadt,
in einem abgewrackten Affenstall,
kam die Gerechtigkeit zu Fall,
setzten sie die Zukunft und die Ehre matt.

Sangen Kaugummis vom Blatt,
spuckten der Justiz in ihre Pflicht:
Beweise die entlasten? Niemals und auf keinen Fall!
Verteidigung im Angesicht
der Schwere eurer Schuld?
Die braucht es nicht!
Hängt alle auf, und Schluß mit der Geduld!

Fort, fort, die Regierung ab- und aufgehängt,
Zeugen in das Grab beseitigt,
Verräter hinter’m Geldschrank notvereidigt,
der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen,
mit Persilschein frisch verdrängt.

*

1947 —
Landser taten Klinken putzen,
die Frauen schrubbten Klinkerstein
blitz und blank und aufbaufein.
Nur die gänzlich Ausgekochten
ließen ganz schnell beides sein.

Später, als das Morden weltweit ward Routine,
Mode durch dieselben Täter wie im alten Jahr,
kamen ihre Lehrlinge gelaufen,
zum Aktenstudium, in die Nürnberg ’45 Bar.
Und dachten sich danach bequem:
Eindeutig ja, die eigenen Gebrechen
zeugen von ganz and’rer Qualität,
bevor wir ein Menschenvolk auslöschen,
schreiben wir’s als Notwehr ins Gesetz
und warten ab, bis nichts mehr geht
und feiern das Verbrechen,
bis alle Regeln brechen,
als gerechte Human Hetz.

In gewissen losen Kreisen
machte sich Behagen breit.
Besoffen von Gelegenheit,
tat man jeden Tag die Lage preisen.

Das Ändern fing in jenem Maße an,
in dem die Trümmer wichen,
die Erinnerung an Bombennächte
nicht mehr so flüssig über Lippen rann
und  Erinnerungen an die Toten
in’s Schattenhafte hin verblichen.

*

1948 —
neue Scheine, neues Glück,
Nylons für rasierte Beine,
das verlobte Land im Blick,
knüpft das Vergessen zarte Bande,
hängt sich an ein Besatzerstück.

Strümpfe, Zigaretten, Klopapier
wechseln gegen Staats-Reliquien
den Besitz von mir zu dir.
Heute wissen wir,
alle trieben es erneut
mit ausgekochten Leichen,
die sie im durch das Fleisch Erhitzer fanden,
bastelten daraus Gelegenheitsprobanden,
durch die sie den Meistergrad erkreischen,
und gaben eine Runde aus:
Tipps gegen Höchstgebote.
An Jägerbanden,
gegen Pausenbrote.

„Der dort war es,
hinten in Ruine sieben,
der war in der Partei,
ist bis zum Schluß darin geblieben.“

Erkannten ihre Sorte an den Zeichen,
taten sich die Würstchen reichen,
schmauchten sich an Luckys fein,
gossen sich den Whisky ‚rein,
Dessous hingen an der Wäscheleine,
pißten auf die schwächsten Schweine.

*

1949 —
kam gerollt die nächste Welle
von den Zecken und den Schrecken,
die von außen über unser Land herfiel,
die Hosen fleckig ausgefranst, mit Spiel,
ohne Koffer, taktisch klug verhärmt,
der Nobelschlitten blieb versteckt,
Zunge über Lippe leckt
und das Kinn mit Bart verdreckt,
tief geborgen in der Futterkrippe ihrer Jacken,
eine Handvoll Brillianten und ein bißchen Gold,
schnürten sich die Riesenpacken,
tauschten Stadtteile in allerbester Lage
gegen zwei Gramm Kohlenstoff, verdeckt.
Fortuna ist Dukatenklinglern hold.
Frau Stadtrat lächelte entzückt,
ein Grundbuchblatt wird abgenickt.

Mann, was waren das für Zeiten,
die Zecken wurden wir nie los.
Volltrunken von der Unschuld Blut
taten Greuel sie verbreiten,
blieben hier mit ihrer Brut,
vergriffen sich an fremdem Gut.
Gutfreund mit dem Tod und dienlich all den Feinden,
den roten und den weißen Fünfzacksternchen,
die nur die Geschäfte einten.
Auf unsere Scholle
setzten sie den Hinkefuß.
Hatten uns damals schon gekauft,
hatten uns damals schon verkauft.
Händler halt, wie manche meinten.

 

Während Phlox und die Narzissen kniehoch auf den Halden schossen
tanzten uns’re neuen Kinder vergnügt in ausgebombten Kellerräumen,
schaukelten auf Leitersprossen, unverdrossen.
Wir ließen sie in ihren Träumen… — hätten wir es ihnen nur gesagt,
was den Bewohnern widerfahren, wie man die geplagt,
und was deren Kindern widerfahren,
in einer Nacht auf glühend‘ Mauerwerk gebannt,
von Fliegern aus dem Engelland.

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Quelle: http://julius-hensel.com/2013/12/hensels-sonntagsmatinee-freies-land/ 

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