aus: Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges – Weißbuch Nr. 2 des Auswärtigen Amtes, Berlin, 1939 (Zweites Kapitel)

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A. Britische Aufrüstung und Hetze gegen Deutschland
(September 1938 bis Juli 1939)

Das deutsch-polnische Problem war durch die Vernachlässigung während 20 Jahren und die polnische Überheblichkeit zur kritischsten Frage der europäischen Politik geworden. Es stellte für denjenigen, der einen Kriegsanlaß suchte, jederzeit die gewünschte Möglichkeit zur Verfügung. Es war England, das im Rahmen seiner Ein­kreisungspolitik den europäischen Horizont nach solchen Möglichkeiten absuchte und in den Märztagen 1939 mit dem polnischen Chauvinismus den Kontakt herstellte.
Die deutsch-englischen Beziehungen schienen in der gemeinsamen Erklärung von Mün­chen (Nr. 217) eine Wendung zum besseren erreicht zu haben. Es waren ihr viele Jahre einseitiger deutscher Bemühungen um die englische Freundschaft vorangegangen. Die Verständigung mit England gehörte zum außenpolitischen Programm des Natio­nal­sozia­lismus. Der Flottenvertrag von 1935 sollte die Sicherheit dafür bieten, daß die beiden Reiche unter gegenseitiger Respektierung ihrer Lebensinteressen nicht wieder die Klingen kreuzen würden. Die Münchener Erklärung sollte diese Gewißheit friedlicher deutsch-englischer Beziehungen zu einer endgültigen machen.

Um so größer war die Enttäuschung, als Chamberlain drei Tage nach der Münchener Erklärung im Unterhaus die Aufrüstung um jeden Preis proklamierte (Nr. 218). Diese Tatsache und die Haltung der englischen Opposition zwangen den Führer, in der Saarbrücker Rede (Nr. 219) sein Volk vor Vertrauensseligkeit zu warnen und auf die Mög­lichkeit hinzuweisen, daß jederzeit die Kriegspartei Edens, Churchills und Coopers zur Macht kommen könne. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben. Schon lange vor der tschechoslowakischen Spannung war Deutschland in England dazu mißbraucht worden, das englische Publikum rüstungswillig zu machen. Nach München wurde dieser Prozeß rasch vorangetrieben. Der Englische Kriegsminister verkündete schon am 10. Oktober 1938 die bevorstehende, wesentliche Verstärkung und Modernisierung der Terri­to­rial­armee (Dok. Nr. 220).

Gleichzeitig trieb England den französischen Verbündeten zu weiteren Rüstungs­an­strengungen, vor allem in der Luft, an (Nr. 221). Es folgten die Vorbereitungen für die Anlegung eines Nationalregisters für den freiwilligen Hilfs- und Kriegsdienst (Nr. 222). Churchill durfte in einer Rundfunkansprache für die Vereinigten Staaten (Nr. 223) in ähnlicher Weise gegen Deutschland hetzen, wie Duff Cooper in Paris (Nr. 232), und forderte die allgemeine Wehrpflicht. Der Führer warnte in einer Rede in Weimar am 6. November (Nr. 224) aufs neue vor den englischen Kreisen, auf deren Programm die „Vernichtung Deutschlands und Italiens“ stehe. Auch der Reichsaußenminister machte vor der ausländischen Presse auf die Weltgefahr der Kriegshetzer in den westlichen Demokratien aufmerksam (Nr. 225).
Mitte November wurde die kanadische Industrie erfolgreich in das englische Luft­rü­stungs­programm eingebaut (Nr. 226) und bei einem Besuch von Chamberlain und Halifax in Paris/Frankreich zur Vermehrung der offensiven Luftwaffe gedrängt, englischer­seits aber die Entsendung eines starken Expeditionskorps zugesagt Nr. 227 und 228). Am 30. November 1938 folgte die handelspolitische Kampfansage Englands an Deutsch­land in Südost- und Mitteleuropa (Nr. 229). Am 7. Dezember hielt es der Englische Staatssekretär für Kolonien für notwendig, das Dokument von München durch ein unmotiviertes Nein in der Kolonial- und Mandatsfrage zu entwerten und Deutschland auf diesem Gebiet den Weg des Verhandelns zu versperren (Nr. 231).
Nebenher ging die von der Englischen Regierung geduldete Pressehetze gegen das Reich, Beleidigungen des Führers (Nr. 233), die Vergiftung der Atmosphäre durch Falsch­meldungen (Nr. 230) und die wachsende Bearbeitung der Öffentlichkeit durch die eng­li­sche Kriegspartei, der Chamberlain nun auch schon in der Öffentlichkeit Kon­zes­sio­nen machte (Nr. 234). Wie die Ansprache des Führers beim Neujahrsempfang am 12. Januar 1939 (Nr. 235) beweist, ließ sich Deutschland trotzdem von der Hoffnung auf Frieden und Verständnis bei England und Frankreich nicht zurückschrecken. England beantwortete diese Bereitschaft mit der Einführung des „freiwilligen nationalen Dienstes“, der es „für den Krieg bereit machen sollte“ (Nr. 237), und mit gesteigerten Bemühungen, die eng­li­sche Nation kriegsreif zu machen.
Friedensanstrengungen des Führers wurden in der englischen Presse unterschlagen (Nr. 238).

Noch ehe die tschechische Ausrede vorgebracht werden konnte, fühlte sich Chamber­lain vor der Geschichte berufen, gegenüber dem Deutschland Adolf Hitlers die gleiche Rolle zu spielen, wie der jüngere Pitt gegenüber Napoleon (Nr. 240). Der Führer sah sich am 30. Januar veranlaßt, im Reichstag aufs neue auf die Kriegspartei in England hin­zu­weisen und das deutsche Volk darauf aufmerksam zu machen, daß diese „unter allen Umständen einen Krieg vom Zaune brechen wolle“ (Nr. 241). Rüstung und Hetze gingen in England Hand in Hand.

Man rühmte sich der überwältigenden Zahlen der Aufrüstung (Nr. 242). Schon Mitte Februar 1939 machte England völkerrechtlich das Schußfeld für den Wirtschaftskrieg frei, indem es die Genfer Generalakte kündigte, soweit sie für Kriegszeiten verbindlich war (Nr. 244). Es entzog sich damit in dem geplanten Krieg jedem Schieds­gerichts­ver­fahren bei Streitigkeiten mit den Neutralen. Das war eine ausgesprochene Kriegs­vor­be­rei­tungs­maß­nahme. Die Kriegslüsternheit Englands war in der ganzen Welt zu spüren. Englische Vertretungen im Ausland entwickelten sich zum „Herd der Kriegs­psychose“. Eden, Churchill und Duff Cooper galten als die eigentlichen Vertreter und künftigen Führer der Nation (Nr. 245). Am 8. März rühmte der Englische Kriegsminister die Größe und Schlagkraft der Armee, die er auf den europäischen Kontinent schicken könne (Nr. 246).

Die Neuordnung im tschechischen Raum gab den Vorwand für eine Verdoppelung der englischen Kriegsvorbereitungen und der antideutschen Hetze. Duff Cooper konnte den Führer in offener Sitzung des Unterhauses beleidigen; Lord Halifax deckte diese Belei­di­gun­gen gegenüber dem Deutschen Botschafter (Nr. 247).
Am 29. März verkündete Chamberlain die Verdoppelung der auf Kriegsstärke gebrach­ten territorialen Feldarmee (Nr. 248). Am 20. April wurde das Gesetz zur Errichtung des Versorgungsministeriums, der wehrwirtschaftlichen Zentrale der Kriegsvorbereitungen, angekündigt (Nr. 250). Die englische Öffentlichkeit wurde durch Reden, Nachrichten und amtliche Gesten (Nr. 249) in Nervosität und Kriegsstimmung gehalten.
Am 26. April führte England die allgemeine Militärdienstpflicht ein (Nr. 251). Die Begrün­dung sprach „von dem Wandel in der öffentlichen Meinung, der sich seit schon erheb­li­cher Zeit stetig entwickelt habe“, und von den „neuen Verpflichtungen, die Groß­bri­tan­nien vor kurzem in Europa eingegangen sei“.

Beide Voraussetzungen sind von der Englischen Regierung planmäßig geschaffen wor­den, um die Militärdienstpflicht in der öffentlichen Meinung durchsetzen zu können. Ein Bericht des Deutschen Botschafters von Dirksen vom 10. Juli 1939 (Nr. 252) faßt zusam­men, was in England getan wird, um den „Begriff Krieg zum Mittelpunkt des Denkens und der Gespräche“ zu machen. Am 28. Juli gab der Innenminister Sir Samuel Hoare die Errichtung eines „Schatteninformationsministeriums“ für den Notfall bekannt und defi­nierte den Ausdruck Notfall mit dem Satz: „Ich meine den tatsächlichen Krieg“ (Nr. 254).

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B. Die britische Haltung zur tschechischen Frage
(November 1938 bis April 1939)

In der Begründung der britischen Einkreisungspolitik hat die tschechische Frage eine wichtige Rolle gespielt. Deutschland wurde der Vorwurf gemacht, die Tschecho-Slo­wa­kei mit Gewalt zerschlagen und die Konsultationspflicht gegenüber England verletzt zu haben. Diesen Behauptungen stehen amtliche englische Feststellungen entgegen, wie aus den Dokumenten Nr. 255 bis 266 hervorgeht. Chamberlain selbst bekannte sich in einer Erklärung im Unterhaus zur Wandelbarkeit der Grenzen von Versailles (Nr. 255). Die englische Garantie für die Tschecho-Slowakei könnte daher auch keine „Kristallisation der Grenze“ bedeuten (Nr. 256). Am 14. März, dem Tag, da die Tschecho-Slowakei aus­ein­ander­brach, gab Chamberlain im Unterhaus zu, daß ein unprovozierter Angriff auf die Tschecho-Slowakei nicht stattgefunden hatte (Nr. 257). Am 15. März, d. h. nach der Unterzeichnung des deutsch-tschechischen Abkommens, erklärte Chamberlain im Unterhaus, daß die englische Garantie für die Tschecho-Slowakei nicht zur Anwendung kommen könne, weil „der Staat, dessen Grenzen wir zu garantieren beabsichtigten, von innen her zerbrach und so sein Ende fand. Seine Majestät Regierung kann sich infolge­dessen nicht mehr länger an diese Verpflichtung gebunden halten“ (Nr. 259). Diese amt­liche englische Feststellung deckt sich nicht nur mit der deutschen Auffassung, sondern auch mit der historischen Tatsache, daß am 14. März mittags gegen 13 Uhr durch die Unabhängigkeitsproklamation des slowakischen Landtags die Tschecho-Slowakei bereits auseinandergebrochen war.

In diesem Augenblick setzte die englische Kriegspartei zum Gegenstoß an und behielt die Oberhand. Die Deutsche Botschaft in London meldete am 17. aus ähnlichen und parlamentarischen Kreisen eine plötzliche Versteifung (Nr. 261). Chamberlain warf seine eigene Politik über Bord und kapitulierte vor der Opposition, die von nun an, im Ein­ver­neh­men mit der Bürokratie des Foreign Office, die außenpolitische Führung übernahm (Nr. 263).
So kam es zu der englischen Demarche in Berlin (Nr. 262) und zu dem Vorwurf, Deutsch­land habe seine Münchener Unterschrift verleugnet. Auch dieser Vorwurf ist ad hoc zu besonderem Gebrauch konstruiert worden. Denn aus den Dokumenten Nr. 264 und 265 geht hervor, daß England noch am 23. März in dem deutschen Vorgehen keinen Verstoß gegen die Konsultationsabrede von München sah. Auf Anfrage im Unterhaus, welche Vorstellungen man in Berlin wegen des Umstandes erhoben habe, daß die Deutsche Regierung die in München versprochene Konsultation mit der Englischen Regierung nicht vorgenommen habe, erwiderte Unterstaatssekretär Butler: „Meines Wissens enthielt das erwähnte Communiqué keine derartige Erklärung. Der zweite Teil der Frage erledigt sich damit.“ Der Führer konnte daher mit Recht im Reichstag am 28. April den Vorwurf zurückweisen, die Münchener Abreden nicht eingehalten zu haben (Nr. 266). Das Münchener Abkommen, in dem ein feierlicher Kriegsverzicht niedergelegt war, ist vielmehr in dem Augenblick durch England gebrochen worden, als es Deutschland den Krieg erklärte.

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C. Die britische Einkreisungspolitik seit Februar 1939

Der nächste Abschnitt behandelt von Nr. 267 bis 324 die britische Einkreisungspolitik seit Februar 1939, die für die Beurteilung der Kriegsursachen von entscheidender Be­deutung ist. Denn erst durch die Verkoppelung des polnischen Komplexes mit der britischen Ein­kreisung wurden relativ einfache Fragen, wie Danzig und Korridor, mit jenem Dynamit geladen, der den Frieden zunächst in Ost- und dann in Westeuropa in die Luft sprengen mußte.

Die Englische Regierung, die sich schon vorher moralisch der Opposition unterworfen hatte, betrieb nunmehr auch öffentlich die Außenpolitik jener Männer, deren ein­ge­stan­de­nes Ziel die Vernichtung des Großdeutschen Reiches war.
Noch ehe es den tschechischen Vorwand gab, hatten England und Frankreich öffent­liche Erklärungen abgegeben, daß sie sich im Falle eines Krieges mit allen Streitkräften zu Hilfe eilen würden (Nr. 267). Die öffentlichen Bekundungen der englisch-französischen Solidarität und „eine bemerkenswerte englische Aktivität in Polen“ bestärkten bereits im Februar gewisse polnische Absichten „einer allmählichen Verschlechterung der deutsch-polnischen Beziehungen“ (Nr. 268).
In Birmingham, zwei Tage nach Prag, blies Chamberlain die Angriffsfanfare gegen Deutschland und kündigte öffentlich die Einkreisung an: Nicht nur die Dominions und Frankreich, sondern auch andere Mächte würden den Wunsch haben, sich mit England zu konsultieren (Nr. 269). Unverantwortlich in die Welt gesetzte, völlig unsinnige Gerüchte über ein deutsches Ultimatum an Rumänien wurden begierig aufgegriffen (Nr. 270), um diesen Staat für schutzbedürftig zu erklären.
In den vorangegangenen Unterhausdebatten war von der Opposition wie von der Regie­rungs­partei bereits die ganze Liste der für die Einkreisung zu gewinnenden Staaten, einschließlich Polens, aufgestellt worden. Lord Halifax erklärte am 20. März im Ober­haus, daß die Regierung Erwägungen darüber anstelle, „ob nicht zwecks gegen­seitiger Unterstützung die Übernahme ausgedehnter gegenseitiger Verpflichtungen geboten erscheine“, und teilte mit, daß England keine Zeit versäumt habe, um „mit anderen Regierungen in enge und praktische Konsultation zu treten“ (Nr. 271). Daß dazu in erster Linie Polen gehörte, belegen die Berichte des Deutschen Geschäftsträgers in London vom 20. und 22. März (Nr. 272 und 274). Am 24. März berichtete auch der Deutsche Bot­schafter in Warschau von wiederholten Besuchen des Englischen Botschafters im Pol­nischen Außenministerium während der letzten Tage (Nr. 206). Polen wußte demnach be­reits, als es am 21. März vom Reichsaußenminister noch einmal mit der Danzig- und Korridorfrage befaßt, am 26. März seine ablehnende Antwort erteilte, daß es die Garan­tie Englands und der zu schaffenden Koalition hinter sich haben werde. Das polnische Nein ist daher in erster Linie von England zu verantworten.

Zur Erzeugung der geeigneten Atmosphäre wurden überdies Hetzmeldungen über deutsche Angriffsabsichten gegen kleine Staaten lanciert, z. B. auch gegen Norwegen (273). Die Einbeziehung der Sowjetunion stand von Anfang an auf der Tagesordnung (Nr. 274). Über den Kopf Hollands und der Schweiz hinweg wurden auch diese Länder für schutzbedürftig erklärt (Nr. 276 und 311). Im Bewußtsein, daß England seiner bedurfte, stei­gerte dann Polen seine Bedingungen bis zu jenem Blankoscheck vom 31. März 1939 (Nr. 206, 277 und 279).

Die polnische Antwort an Deutschland vom 26. März war daher nicht nur von der pol­ni­schen Anmaßung, sondern hauptsächlich auch von der britischen Absicht diktiert, Polen zum entscheidenden Faktor der Einkreisungspolitik zu machen. Mit dieser Garantie wurde, wie selbst Duff Cooper damals schrieb, das Schicksal des englischen Empire, die Frage von Krieg und Frieden „einer Handvoll unbekannter Leute in Polen anvertraut“. Der Führer erteilte in Wilhelmshaven die erste warnende Antwort: Deutschland werde nicht den schweren Fehler wiederholen, „die Einkreisung zu sehen und sich ihrer nicht beizeiten zu erwehren“ (Nr. 281).

Daß sich England des grundsätzlichen Wandels seiner Politik und des Risikos, das es mit dem polnischen Freibrief übernahm, bewußt war, ergibt sich aus den Reden Cham­ber­lains und Simons vom 3. April (Nr. 283 und 284). Die Verpflichtungen „Krieg zu führen“ waren absichtlich dort eingegangen worden, wo sie England als Vorwand für die Kon­trolle Ost- und Mitteleuropas und für die Auslösung eines Präventivkrieges brauchte. Die militärische Ausführung und Anpassung ging mit der Arbeit der diplomatischen Einkreisung Hand in Hand (Nr. 285). Am 6. April wurde beim Besuch Becks in London die Umwandlung der einseitigen Garantie Polens vom 31. März in eine zweiseitige be­kannt­gegeben (Nr. 286).

Noch einmal wurde in vollem Bewußtsein der Tragweite die Entscheidung über Krieg und Frieden bedingungslos in die Hand Polens gelegt. Am 13. April wurde die Ein­krei­sung auch auf den italienischen Achsenpartner ausgedehnt, neben Rumänien auch Griechenland eine einseitige Garantie gegeben und gleichzeitig die Verbindung mit der Türkei hergestellt (Nr. 288). Die Kriegspartei war mit diesem Kurs zufrieden (Nr. 289). Die Bemühungen um die Sowjetunion, ohne die man sich damals einen Erfolg der Ein­krei­sung nicht vorstellen konnte, nahmen ihren Fortgang und wurden intensiviert (Nr. 290). Das rumänisch-polnische Bündnis sollte auch gegen Deutschland spielen (Nr. 291). Gegenüber Deutschland wurde offiziell diese Politik mit Friedensversicherungen zu tarnen gesucht (Nr. 293). Nach der Einführung der Kriegsdienstpflicht in England war kein Zweifel mehr über die Ziele dieser Politik erlaubt. Der Führer sah sich daher am 28. April zu dem Memorandum an England (Nr.294) und zu seiner Rede im Reichstag (Nr. 295) gezwungen, in denen er aus der englischen Einkreisungspolitik die Folgerungen zog und feststellte, daß die Englische Regierung „einen Krieg Englands gegen Deutschland nicht mehr als eine Unmöglichkeit, sondern im Gegenteil als ein Hauptproblem der englischen Außenpolitik ansieht“ und „einseitig dem Flottenabkommen die Grundlage entzogen und dieses außer Kraft gesetzt hat.“ Voraussetzung des Flottenabkommens war die Respektierung der gegenseitigen Lebensinteressen gewesen.

Der Führer war auch jetzt noch zur Verständigung bereit und ließ die Tür „für neue Verhandlungen“ offen. In den Reihen der englischen Kriegspartei war man verärgert, „daß die Rede nicht kriegerischen Charakter gehabt habe“ (Nr. 296).

England jedoch tat auch jetzt nichts, um die polnische Frage durch Einwirkung in War­schau zu entspannen und zwischen Polen und Deutschland einen Kontakt her­zu­stellen. Im Gegenteil, die englische Ermutigung der polnischen Überheblichkeit war sofort zu spüren (Nr. 298). Man sprach zwar davon, daß die Frage Danzig und Korridor bereinigt werden könnte und müßte (Nr. 299), aber man ließ volle vier Monate verstreichen, ohne Polen zu veranlassen, das Verhandlungsangebot des Führers vom 28. April anzu­neh­men.
Am 12. Mai wurde die Einkreisungspolitik gegen die Achse mit der englisch-türkischen Garantieerklärung weiter vorwärts getrieben (Nr. 301), am 19. Mai durch Chamberlain er­klärt, daß die Einkreisungsfront durch endgültige Verträge mit den garantierten Staaten befestigt und durch neue Abmachungen mit weiteren Mächten ergänzt werden müßte (Nr. 303). Die stärksten Bemühungen galten nun dem Einbau der Sowjetunion (Nr. 306). Das Schicksal dieser Verhandlungen, die bis zur Selbsterniedrigung geführt wurden, ist bekannt. Der englische Wille zum Präventivkrieg war allenthalben zu spüren (Nr. 304). In seiner Rede in Kassel (Nr. 305) warnte der Führer aufs neue, Deutschland werde nicht warten, bis die Einkreisungspolitik vollendet sei. Die Warnungen wurden wiederholt (Nr. 307 und 308). Die Englische Regierung hatte sich mit der Opposition so weit gefunden, daß selbst ein Churchill keinen Unterschied entdecken konnte (Nr. 309). Am 23. Juni wurde die französisch-türkische Ergänzung des englischen Einkreisungsabkommens vom 12. Mai bekanntgegeben (Nr. 310).

Den aggressiven Sinn der englischen Außenpolitik enthüllte Lord Halifax in einer Rede in Chatham House (Nr. 312), als er erklärte, die britische Politik bleibe „lediglich auf dem unabänderlichen Weg, den die eigene Geschichte ihr vorgezeichnet habe“.
Es ist die Rückkehr zur „Balance of Power“, die die jeweils stärkste Kontinentalmacht mit Hilfe von Koalitionen niederwirft, ehe sie sich der englischen Kontrolle entziehen kann. Ende Juni wurde der gemeinsame Oberbefehl über die französisch-englischen Streit­kräfte besprochen (Nr. 313).

Der Englische Kriegsminister bekannte sich offen zum System der Europa beherr­schen­den französischen Allianzen, das nunmehr von England übernommen wurde (Nr. 316). Die englischen Einkreisungsbemühungen in Südosteuropa nahmen trotz gelegentlicher Widerstände der zu garantierenden Staaten ihren Fortgang (Nr. 317).
Mit Hilfe von politischen Krediten sollte der Einkreisungspolitik der Weg bereitet werden (Nr. 318).
Mitte Juli tauchte in England zum ersten Male die „Besorgnis“ vor einem deutsch-rus­si­schen Ausgleich auf, der eine Besserung der deutsch-polnischen Beziehungen zur Folge haben könnte (Nr. 319).
Zur Hebung der Kriegsstimmung in der Heimat, in Polen und Frankreich veranstaltete die englische Luftwaffe Demonstrations- und Propagandaflüge über Frankreich (Nr. 322). Ende Juli erklärte sich England, um das sowjetrussische Bündnis um jeden Preis zu sichern, dazu bereit, militärische Verhandlungen aufzunehmen, ehe die politischen zum Abschluß gekommen waren (Nr. 323). Ein Vorgang, von dem Chamberlain im Unterhaus erklärte, daß er einzigartig sei.

Der Abschluß des deutsch-russischen Nichtangriffspaktes versetzte der Einkreisung den tödlichen Stoß. Aber England hatte in voller Absicht alle Brücken zu einer fried­lichen Regelung hinter sich abgebrochen und ließ dem Verhängnis seinen Lauf.

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Siehe auch:

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