Aus der NS-Schriftenreihe „Dokumente der deutschen Politik“, 1936 – Seite 137

Rede des Botschafters von Ribbentrop
in der 91. Sitzung des Völkerbundrates in London
über Sowjetpakt, Locarno-Vertrag und den deutschen Friedensplan
am Vormittag des 19. März 1936

 

joachim-von-ribbentrop1quod-kleinHerr Präsident!

Die Deutsche Reichsregierung ist der Einladung des Völkerbundrates zu seiner heutigen Tagung gefolgt, in dem Bestreben, auch ihrerseits einen Beitrag zu leisten zur Klärung der bestehenden politischen Situation.

Sie hat mich beauftragt, zu diesem Zweck vor den hier anwesenden Staatsmännern ihren Standpunkt zu den auf der Tagesordnung stehenden Anträgen der Französischen und Belgischen Regierung betreffend den Rhein­pakt von Locarno darzulegen.

Sie hat sich hierbei nach langen inneren Erwä­gun­gen entschlossen, ihre verständlichen for­malen Bedenken hintanzusetzen, die sich aus der Tatsache ergeben könnten, daß Deutsch­land zur Zeit nicht Mitglied des Völker­bundes ist, sowie daß der heutigen Tages­­ord­nung die Bestim­mungen eines Vertrages zugrunde liegen, den Deutschland als nicht durch seine Schuld erloschen ansehen muß.

Ich persönlich habe mit wirklicher Befriedigung diese Mission übernommen. Durch­drun­gen von der Überzeugung, daß eine in höherem Sinne gerechtere Sache eines Volkes in diesem Rat von Nationen noch nie vertreten wurde, und ferner in der auf­richtigen Hoffnung, daß diese erste Wiederaufnahme der Beziehungen meines Landes zu dem Völkerbund einen Wendepunkt in der Geschichte Europas nach den vielfältigen Verwirrungen der unseligen Kriegs- und Nachkriegsjahre bedeuten möge.

Die deutsche grundsätzliche Einstellung zu dem Problem Locarno, das heute hier zur Diskussen steht, ist der Weltöffentlichkeit durch die Rede des Deutschen Reichskanzlers vom 7. März 1936 eingehend vor Augen geführt worden. Die Tatsache aber, daß es zu den heute hier zur Beratung stehenden Anträgen der Französischen und Belgischen Regierung kommen konnte, macht es erforderlich, daß ich nochmals vor dem Rat den deutschen Standpunkt zu diesem Problem kurz darlege, damit bei der Beschlußfassung des Rates die schwerwiegenden Gründe, die Deutschland zu dem bekannten Schritt vom 7. März gezwungen haben, ihre volle Würdigung finden können.

Der Sinn des Rheinpaktes von Locarno war es, die Anwendung von Gewalt zwischen Frankreich und Belgien einerseits und Deutschland andererseits für ewige Zeiten auszuschließen. Diese Abmachung wurde garantiert durch England und Italien. Es wurde bestätigt, daß bei einer Verletzung dieses Vertrages der Völkerbund zwecks Feststellung des Angreifers angerufen werden sollte.

Es ist bekannt, daß sich schon damals gewisse Schwierigkeiten ergaben durch die bereits vorher bestehenden Bündnisverträge Frankreichs mit Polen und der Tsche­cho­slo­wa­kei, die an sich schon nicht in den Rahmen dieser scharf umgrenzten west­lichen Friedensabmachung hineinzupassen schienen. Deutschland hat diese Bündnisse aber schließlich in Kauf genommen, weil sie sich in ihrer Struktur dem Locarnovertrag an­paß­ten.
Dieser Locarnovertrag aber, der von der nationalsozialistischen neuen Regierung über­nommen wurde, belastete Deutschland einseitig mit einer unendlich schweren Verpflichtung durch die Beibehaltung der im Versailler Vertrag diktierten Demili­tari­sie­rung des Rheinlandes. Eins der wichtigsten und volkreichsten Gebiete des Deutschen Reiches mit 15 Millionen kerndeutschen Einwohnern sollte also ohne jeglichen mili­tä­ri­schen Schutz bleiben.

Ich glaube, daß vom Standpunkt einer höheren Gerechtigkeit aus eine solche Ein­schrän­kung primitivster Souveränitätsrechte an sich schon auf die Dauer für ein Volk eine fast unerträgliche Zumutung bedeutet. Wenn das deutsche Volk trotzdem diesen Zustand so viele Jahre hindurch ertrug, so tat es dies in der Erwartung, daß dann aber auch die anderen Partner von Locarno ihre wesentlich leichteren Verpflichtungen mindestens ebenso getreulich einhalten würden wie Deutschland die seinen.
Diesem Empfinden des gesamten deutschen Volkes hat der Deutsche Reichskanzler seit der Übernahme der Regierung im Jahre 1933 wiederholt öffentlich Ausdruck verliehen.

Was ist nun geschehen?

Im Laufe des vergangenen Jahres begann der eine Vertragspartner dieses Paktes, Frank­­reich, seine Beziehungen zur Sowjetunion immer enger zu gestalten. Es kamen ernste Nachrichten über ein französisch-sowjetrussisches Militärbündnis, gleichzeitig ober auch über ein gleiches zwischen Rußland und der Tschechoslowakei. Lange Zeit hindurch waren diese Meldungen unklar. Sie wurden bald dementiert, wurden dann zugegeben und wieder dementiert, bis eines Tages zur Überraschung der bis dahin zumindest offiziell in Unkenntnis gehaltenen anderen Mächte das neue französisch-sowjetrussische Militärbündnis veröffentlicht wurde.
Die beängstigende Bedeutung und damit Auswirkung dieses Bündnisses für Deutsch­land aber ergibt sich aus folgenden schwerwiegenden Feststellungen:

1. Dieses Bündnis bedeutet die Zusammenfügung zweier Staaten, die, eingerechnet der für militärische Hilfeleistung in Frage kommenden kolonialen Gebiete etwa 275 Mil­li­o­nen Menschen umfassen.
2. Die beiden vertragschließenden Parteien gelten jede für sich zur Zeit als die stärksten Militärmächte der Welt.
3. Dieses Bündnis richtet sich ausschließlich gegen Deutschland.
4. Sowjetrußland, das an sich, durch weite Räume von Deutschland getrennt, von die­sem gar nicht angreifbar wäre, hat sich durch einen analogen militärischen Bundes­vertrag mit der Tschechoslowakei indirekt an die deutsche Grenze vorgeschoben.
5. Frankreich und Rußland erheben sich nach diesem Bündnis zum Richter in eigener Sache, indem sie gegebenenfalls auch ohne einen Beschluß oder eine Empfehlung des Völkerbundes selbständig den Angreifer bestimmen und somit gegen Deutschland nach ihrem eigenen Ermessen zum Kriege schreiten können.

Diese strikte Verpflichtung der beiden Staaten ergibt sich klar und eindeutig aus Ziffer 1 des Zeichnungsprotokolls zu dem Bündnisvertrag.
Das heißt also: Frankreich kann in einem angezogenen Fall aus eigenem Ermessen ent­schei­den, ob Deutschland oder Sowjetrußland der Angreifer sei. Es macht dabei ledig­lich den Vorbehalt, daß es sich durch sein militärisches Vorgehen gemäß einer solchen eigenen Entscheidung nicht Sanktionsmaßnahmen seitens der Garantiemächte des Rheinpaktes, England und Italien, aussetze.

Dieser Einwand ist rechtlich und realpolitisch gesehen belanglos.

Rechtlich: Wie will Frankreich bei der eigenen Feststellung des Angreifers voraussehen wollen, welche Haltung zu dieser seiner Feststellung nachträglich die angezogenen Garanten des Locarnopaktes einzunehmen beabsichtigen? Die Antwort auf die Frage, ob Frankreich im gegebenen Falle derartige Sanktionsmaßnahmen zu befürchten hätte, hängt praktisch nicht lediglich von der loyalen Vertragstreue der Garanten ab, die die Deutsche Regierung in keiner Weise in Zweifel ziehen will, sondern auch von den ver­schiedensten Voraussetzungen rein faktischer Art, deren Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit im voraus in keiner Weise zu übersehen ist. Außerdem kann aber die Beurteilung des Verhältnisses des neuen Bündnisvertrages zum Rheinpakt unmög­lich von dem Vertragsverhältnis zwischen Frankreich und Deutschland einerseits und den Garantiemächten andererseits abhängig gemacht werden, sondern allein von dem unmittelbaren Vertragsverhältnis zwischen Frankreich und Deutschland selbst. Sonst müßte Deutschland man ansinnen, jede mögliche Verletzung des Rheinpaktes durch Frankreich stillschweigend hinzunehmen, im Vertrauen darauf, daß die Garanten für seine Sicherheit zu sorgen haben. Das ist sicherlich nicht der Sinn des Rheinpaktes gewesen.

Realpolitisch: Es ist für einen Staat, der infolge einer unrichtigen, weil in eigener Sache vorweggenommenen Entscheidung von einer so übermächtigen Militärkoalition ange­grif­fen wird, ein belangloser Trost, sein Recht in nachträglichen Sanktionen gegen­über den vom Völkerbundrat verurteilten Angreifern zu erhalten. Denn welche Sanktionen konnten überhaupt eine so gigantische, von Ostasien bis zum Kanal reichende Koalition treffen? Diese beiden Staaten sind so mächtige und aus­schlag­gebende Mitglieder und insonderheit militärisch starke Faktoren des Völkerbundes, daß nach allen praktischen Erwägungen eine Sanktion dagegen von vornherein undenkbar wäre.

Es ist daher diese zweite Einschränkung, die ihren Bezug nimmt auf die Rücksicht­nah­me auf eventuelle Sanktionen, realpolitisch gänzlich belanglos.

Ich bitte nun aber die Mitglieder des Rates, sich nicht nur die rechtliche und praktisch politische Tragweite dieser Verpflichtung Frankreichs zum selbständigen Handeln zu vergegenwärtigen, sondern sich vor allem die Frage zu stellen, ob die Ansicht vertretbar ist, daß die damalige Deutsche Regierung, die die Locarnoverträge unterzeichnet hat, etwa jemals die Verpflichtungen dieses Paktes übernommen hätte, wenn sich in ihm so einseitig belastende Momente befunden haben würden, wie sie sich nun nachträglich ergeben.

Deutschland und Frankreich haben durch den Rheinpakt in ihrem Verhältnis zueinander auf die Waffengewalt verzichtet. Deutschland seinerseits hat sich, wie schon gesagt, mit der Tatsache der bei Abschluß des Rheinpaktes bestehenden und in ihrem Inhalt die­sem angepaßten Beistandsverträge mit Polen und der Tschechoslowakei abgefunden. Den Rheinpakt aber nun nachträglich so zu interpretieren, daß er einer Partei die Mög­lich­keit offen läßt, über die bei Abschluß bereits bestehenden Verpflichtungen hin­aus in beliebigem Maße neue Beistandspflichten militärischer Art gegen die andere Partei ein­zu­ge­hen, ist nach der festen Überzeugung und Rechtsauffassung der Deutschen Reichs­regierung genau so wie nach ihren politischen Pflichten gegenüber der Deut­schen Nation ein Ding der Unmöglichkeit. Denn diese liefen am Ende darauf hinaus, daß Frankreich in jedem beliebigen Konflikt Deutschlands mit dritten Staaten berechtigt wäre, nach freiem Ermessen einzugreifen. Damit aber würde Deutschland, das selbst keinerlei militärische Bündnisverträge mit anderen Staaten hat, ein so ungleiches Vertragsverhältnis zugemutet, wie es vernünftigerweise von keinem Staat eingegangen werden kann.

Wenn in der Zeit des Abschlusses des Locarnopaktes diesem eine solche Auslegung zugebilligt worden wäre, dann würde dies bei der so gründlichen und ausführlichen Fixierung der einzelnen Punkte auch nachdrücklich vermerkt worden sein. Es ist aber auch bis zum Abschluß des französisch-russischen Vertrages niemals versucht worden, eine solche Auslegung etwa nachträglich hineinzuinterpretieren. Auf alle Fälle aber muß die Deutsche Regierung, und sie ist hierfür allein zuständig, für sich erklären, daß unter diesen Voraussetzungen einst der Rheinpakt nie abgeschlossen worden wäre. Denn wenn solche Auffassungen damals bestanden hätten, dann wäre es die Pflicht der Ver­trags­part­ner gewesen, diese darauf aufmerksam zu machen. Dies ist aber weder damals geschehen, noch geschah es jemals vor dem Zeitpunkt, an dem sich Frankreich einer solch erweiterten und damit den ursprünglichen Sinn des Locarnopaktes zer­stö­ren­den Auslegung zuwandte.

Das französisch-sowjetrussische Bündnis aber bedeutet darüber hinaus noch nach der geschichtlichen Auffassung der Deutschen Regierung eine völlige Beseitigung des bis­herigen europäischen Gleichgewichts und damit der fundamentalen politischen und rechtlichen Voraussetzungen, unter denen der Locarnopakt damals abgeschlossen wurde.

Die Behauptung der Französischen Regierung aber, daß dieser neue Pakt notwendig gewesen sei, um der deutschen Aufrüstung ein Gegengewicht zu bieten, beruht er­sicht­lich auf einem Irrtum, denn der Locarnopakt setzte die Wiederherstellung der Gleich­berechtigung militärischer Art zwischen Deutschland und Frankreich voraus, indem er in seinem Schlußprotokoll die Verpflichtung Frankreichs wie der anderen Staaten bestätigte, der deutschen Abrüstung zu folgen. Und nur deshalb, weil Frank­reich es ablehnte, auf diesem Wege die Gleichheit der Rüstungen herzustellen, war Deutschland gezwungen, durch seinen Weg zu dem in Locarno selbst vorgesehenen Ziel eines tat­sächlichen Gleichgewichts zu kommen.
Ich brauche hier nicht noch besonders festzustellen, daß Deutschland seinerseits selbstverständlich keinerlei Bündnisse abgeschlossen hat.

Die Deutsche Regierung vertritt daher die Auffassung daß der französisch-sowjet­russische Vertrag sowohl dem Buchstaben wie auch dem politischen Sinne nach dem westeuropäischen Sicherheitssystem von Locarno widerspricht und daß somit der Rheinpakt von Locarno durch die einseitige Handlungsweise Frankreichs verletzt und damit de facto aufgehoben wurde.

Deutschland hat, wie den Mitgliedern des Rats bekannt ist, sofort nach Veröffentlichung des französisch-sowjetrussischen Vertrages die übrigen Signatarmächte des Rhein­pak­tes auf die Unvereinbarkeit dieses Bündnisses mit denn Rheinpakt von Locarno hin­ge­wie­sen1) Es hat diesen Standpunkt auch in den sich anschließenden diplomatischen Verhandlungen beibehalten, trotzdem hielt Frankreich an diesen nun einmal geschaf­fe­nen Tatsachen fest und bereitete endlich die Ratifizierung durch die französischen gesetzgebenden Körperschaften vor.

Der Deutsche Reichskanzler konnte auf die Dauer einer solchen Entwicklung gegenüber nicht untätig zusehen. Immer hat er in den Jahren seit seinem Regierungsantritt Frank­reich die Hand zur Versöhnung hingestreckt. Er hat der Welt eine ganze Anzahl Ange­bote zur Befriedung gewacht.

Das Angebot zur absoluten Abrüstung: Es wurde abgelehnt.
Das Angebot eines allgemein gleichen 200 000 Mann-Heeres: Es wurde abgelehnt.
Das Angebot eines 300 000-Mann-Heeres: Es wurde abgelehnt.
Das Angebot eines Luftpaktes wurde abgelehnt mit der Begründung, es könne ein solcher Pakt nur im Zusammenhang mit der von Deutschland geforderten Unter­zeich­nung eines Ostpaktes stattfinden.
Das Angebot zu einer großzügigen Befriedung Europas vom 21. Mai 1935: Es wurde einfach übergangen, ausgenommen jene Proposition die dann später der englisch-deutschen Flottenabmachung zugrunde gelegt wurde.

Wieder und wieder hat der Deutsche Reichskanzler seine Befriedungsangebote unter­brei­tet und – ich darf es hier sagen – er und ganz Deutschland hatten gehofft, daß der russisch-französische Vertrag nicht ratifiziert würde. Als diese Ratifizierung vor kurzem dennoch von der französischen Kammer vorgenommen wurde, hat endlich der Deutsche Reichskanzler im Bewußtsein der ihm obliegenden schweren Verantwortung für das Schicksal und die Sicherheit des ihm anvertrauten Volkes die einzig mögliche Konsequenz aus diesem Vorgehen Frankreichs gezogen. Er hat daraufhin die volle Souveränität des Reiches über das gesamte Reichsgebiet wiederhergestellt. Maßgebend für diesen Entschluß der Deutschen Regierung war die für sie pflichtgemäße politische Erwägung und Berücksichtigung der Tatsache, daß

1. der Rheinpakt von Locarno durch das einseitige Vorgehen Frankreichs dem Buch­sta­ben und dem geschichtlichen Sinne nach entwertet und damit aufgehoben wurde, und daß
2. im Hinblick auf die neue französisch-russische Militärallianz Deutschland ohne weiteren Verzug die primitivsten Rechte einer Nation zur Sicherung ihres eigenen Territoriums wiederherstellen wußte.

Die Deutsche Reichsregierung muß daher den Vorwurf, den Vertrag von Locarno ein­seitig verletzt zu haben, als unrecht und unbillig zurückweisen. Es war ihr gar nicht mehr möglich, einen Vertrag zu verletzen, der de facto durch die Handlungsweise des anderen Partners als erloschen zu betrachten war.
Es ist ferner auch nicht möglich, daß ein Partner gegen den Buchstaben und den Geist eines Vertrages handelt, den anderen aber auf diesen Buchstaben und diesen Geist verpflichten will.

Deutschland hat am 7. März nichts getan, als die für eine Großmacht selbst­ver­ständ­liche Konsequenz aus einer ohne ihr Verschulden hergestellten Sachlage gezogen zu haben. Ich bin der festen Überzeugung, daß jeder der hier anwesenden ver­ant­wor­tungs­bewußten Staatsmänner, die ihr Volk so lieben wie der Führer das seine, in der gleichen Lage auch genau so gehandelt haben würde.

Und folgendes muß ich noch namens der Deutschen Reichsregierung hier erklären: Wenn ein Staat gegen einen anderen plötzlich ein Militärbündnis abschließt, dann ist dies mindestens ebensosehr ein neuer Tatbestand als die darauf folgende Reaktion des auf solche Weise Bedrohten. Besonders wenn diese Reaktion in nichts anderem besteht als in der Wiederherstellung der vollen Souveränität innerhalb dessen eigenen Grenzen. Wenn daher der Vorwurf eines einseitigen Handelns erhoben wird, dann müßte diesen Vorwurf Deutschland solange ablehnen, als er sich nicht auch gegen Frankreich richtet. Die Vertreter der französischen Regierung haben allerdings in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß Deutschland die Möglichkeit oder sogar die Pflicht gehabt hätte, die Frage der Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit des neuen Militärbündnisses mit dem Rheinpakt zunächst vor eine internationale Gerichtsinstanz zu bringen, und von einigen Ratsvertretern ist die Frage der Austragung der Meinungsverschiedenheiten durch eine Schiedsinstanz erneut zur Erörterung gestellt worden.

Ich will nicht darauf insistieren, warum denn nicht Frankreich seinerseits auf Grund der deutschen Vorstellungen diesen Weg vor der Inkraftsetzung des Bündnisses beschritten hat. Ich will auch nicht die weitere wichtige Frage vertiefen, ob es überhaupt angängig wäre, die Tragweite einer Bestimmung wie der des Artikels 16 der Völker­bund­grund­satzung – denn darum würde es sich in unserem Falle handeln – einer Gerichtsinstanz zur Entscheidung zu unterbreiten. Es genügt meines Erachtens dem­ge­gen­über, auf die entscheidende Tatsache hinzuweisen, daß es sich um ein Problem handelt, das neben seiner rechtlichen Seite zweifellos von überragender politischer Bedeutung ist und des­sen sachgemäße Klärung und Lösung daher nicht von einer Gerichtsinstanz erwartet werden kann.

Ebensowenig hätte sich die Deutsche Regierung – und ich will das hier mit auf­rich­ti­gem Bedauern feststellen – einen Erfolg davon versprechen können, die Angelegenheit auf dem Wege von Verhandlungen mit den Signatarmächten zu klären. Nach allen Er­fah­run­gen der letzten Jahre und nach der ganzen Entwicklung, die die Dinge ohne Ver­schul­den der Deutschen Regierung genommen haben, war sich diese klar, daß dieser Weg zu keinem praktischen Ziel geführt haben würde. Die französische Regie­rung und auch die Regierungen der übrigen Signatarmächte sind bei den diplo­mati­schen Ausein­andersetzungen über die deutschen Argumente aus Gründen, die uns unbekannt sind, hinweggegangen, so daß der Deutschen Regierung dies auch heute noch unver­ständ­lich ist. Zweierlei stand für die Deutsche Regierung fest:

1. Frankreich war nicht mehr bereit, von dem Vertrag mit der Sowjetunion Abstand zu nehmen, und
2. Frankreich wäre nicht bereit gewesen, Deutschland für die Inkraftsetzung dieses Bündnisses das einzig in Frage kommende Äquivalent der Wiederherstellung der deutschen Souveränität über die westlichen Provinzen des Reiches zuzubilligen.

Damit war nach den zahllosen trüben Erfahrungen, die Deutschland – wie bereits erwähnt – seit Jahren mit seinen Vorschlägen gemacht hatte, keineswegs zu rechnen. Es ist aber weiterhin klar, daß, wenn eine Großmacht wie Frankreich sich ohne Bedenken gegen bestehende Verträge kraft seiner Souveränität zu Militärbündnissen so gewal­ti­gen Ausmaßes entschließen kann, dann eine andere Großmacht wie Deutschland zum mindesten das Recht besitzt, den Schutz des ganzen Reichsgebietes durch die Wieder­her­stel­lung der allen Völkern zugebilligten natürlichen Hoheitsrechte innerhalb ihrer eigenen Grenzen sicherzustellen.

Ich habe mit großer Aufmerksamkeit von den Reden Kenntnis genommen, die die Ver­treter der anderen Mächte im Rat gehalten haben. Dabei habe ich aber zu meinem Bedauern ein Eingehen auf die eben von mir nochmals entwickelten deutschen Gedan­ken­gänge vermißt. Mit Genugtuung kann ich aber feststellen, daß von den Vertretern anderer Mächte weitblickende und in die Zukunft weisende Dinge gesagt worden sind. Diesem aufbauenden Teile will ich mich jetzt zuwenden.

Nach der nunmehr wiederhergestellten Souveränität des Reiches in seinem gesamten Gebiet und mit der damit endlich durchgeführten seit so langen Jahren ersehnten Gleich­berech­tigung ist aber das deutsche Volk gewillt und bereit, nunmehr einen end­gültigen Schlußstrich zu ziehen unter das traurige Kapitel der geistigen und recht­lichen Irrungen und Verwirrungen in Europa, deren hauptsächlichstes Opfer es war. Mit dem Erlöschen des Locarnovertrages ist auch der letzte Rest der noch aus dem Geiste des Hasses entstandenen diskriminierenden Bestimmungen eines großen Volkes ver­schwunden. Ein schwerer seelischer und politischer Druck ist von dem deutschen Volk genommen, das sich nunmehr nach 17 Jahren endlich in seiner Freiheit und Ehre wiederhergestellt sieht.

Dieses deutsche Volk hat aber nun nur noch den einen aufrichtigen Wunsch, in Frieden und Freundschaft mit seinen Nachbarn zu leben und von jetzt an am Aufbau einer wirklichen Solidarität Europas nach seinem besten Vermögen mitzuarbeiten.
Deutschland will in Zukunft als souveräne Nation frei und ungezwungen seine Ab­ma­chun­gen mit den anderen Staaten treffen. Es will damit beenden die lange Zeit deutsch-französischer Spannungen, Krisen und Kriege, und will von sich aus endlich einleiten helfen eine bessere Zukunft der Verständigung und der Freundschaft der beiden großen Nationen. Dies wird von dem deutschen Volk aus tiefstem Herzen er­sehnt.

In diesem Geiste hat der Deutsche Reichskanzler der Welt ein historisches und wohl einzig dastehendes Angebot zur Befriedung Europas gemacht: 25 Jahre Frieden sollen sichergestellt werden, d. h. es soll ein Friedenswerk entstehen, das weit über die Gene­ra­tion der Männer hinausreicht, die von der Geschichte berufen sind, dieses Werk heute abzuschließen.

Ich bin mir bewußt, daß der Rat für die Weiterbefolgung der Vorschläge nicht das zu­stän­dige Gremium darstellt, allein ich kann gleichwohl nicht darauf verzichten, auf ihre säkulare Bedeutung hier noch einmal hinzuweisen. Sie bilden mit der Herstellung der deutschen Souveränität eine politische Einheit und können deshalb auch vom Rate nicht unberücksichtigt bleiben, wenn er zu einer geschichtlich standhaltenden Beur­tei­lung des politischen Charakters und der Gesinnung einer Aktion gelangen will, die, indem sie die letzten Reste einer ungleichen Bewertung euro­päischer großer Völker beseitigt, den ersten Grundstein zu einer neuen großen europäi­schen Gemeinschaft legt. Die Voraussetzung aber für das wirtschaftliche und lokale Wohlergehen dieser euro­päi­schen Völkerfamilie ist die Sicherung eines Friedens, der in seinem Segen durch keinerlei aggressive Aktionen, und wären sie noch so erfolgreich, ersetzt werden könn­te.

Der Inhalt und die Tragweite der deutschen Vorschläge bedürfen keines Kommentars. Sie sind so weit gespannt und umfassend, daß wohl jeder Staatsmann, dem das Wohl Europas am Herzen liegt, nur wünschen kann, sie in dieser oder jener Form bald ver­wirk­licht zu sehen.

Möge angesichts dessen der Rat über die Empfindungen des Augenblicks hinweg die Tragweite der geschichtlichen Entscheidung erkennen, die in seine Hand gelegt ist, und die mithelfen soll, dem friedlosen Europa den Weg in eine bessere Zukunft offen­zu­hal­ten.  quod-klein-Anfang

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Noch am selben Tag wurde Deutschland des „Vertragbruchs“ verdammt, obwohl Frank­reich schon die Regeln des Locarnopaktes gebrochen hatte, indem es eine „Mili­tär­front“ mit Rußland gegen Deutschland vertraglich formierte.
Daraufhin gab Botschafter Rib­ben­trop folgende Protestnote im Namen des Auswärtigen Amtes ab:

Protest des Botschafters v. Ribbentrop
vor dem Völkerbundrat in London vom 19. März 1936

gegen die Verurteilung des deutschen Schrittes vom 7. März 1936

Die Deutsche Regierung lehnt die soeben beschlossene Resolution aus tief­innerster Überzeugung ab und muß hiergegen in aller Form Verwahrung einlegen.

Nicht Deutsch­land hat den Locarno-Vertrag zum Erlöschen gebracht, sondern Frank­reich durch den Abschluß des französisch-russischen Militär­bündnisses.
Der deutsche Schritt vom 7. März – die Wiederherstellung der vollen Souveränität in seinem eigenen Gebiet, dieses primitivste Recht eines Volkes zur Verteidigung seiner Grenzen – war aus­schließ­lich die Konsequenz dieser französischen Hand­lungs­weise.

Ich habe heute Vor­mit­tag eingehend eine umfassende Darstellung des deutschen Rechts und politischen Stand­punktes gegeben, und ich denke, daß, wenn die Herren Ratsmitglieder mehr Zeit gehabt hätten, diese Darstellung zu würdigen, sie zweifellos zu einer anderen Entschließung gekommen wären.
Die Deutsche Reichsregierung und mit ihr das gesamte deutsche Volk haben die heilige Überzeugung, daß die soeben angenommene Ratsentschließung vor dem Urteil der Geschichte nicht bestehen wird.

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