von Kurt Eggers
aus: „Von der Heimat und ihren Frauen“

Der Deutsche wurde nicht in die Lieblichkeit einer sonnigen Landschaft, nicht in die Sorglosigkeit eines unerschöpflichen Bodens geboren. Weder Land noch Landschaft gaben ihm satte Ruhe oder träumerische Behaglichkeit.

Es ist des Deutschen Schicksal, nie in gnadenreicher Üppigkeit dahinleben zu dürfen, sondern sich auch die kärgste Freude erkämpfen zu müssen. Das bedingt sein Gesicht und seine Seele.

Wer durch Deutschland suchend schreitet, wird mehr zerfurchte und zerrissene Züge finden als glatte und zufrieden glänzende Mienen. Und in des Deutschen Seele toben mit gleicher Heftigkeit Stürme, wie sie das Nordmeer aufwühlen, durch das seine Schiffe fahren. Kargheit und Sehnsucht haben den Deutschen grüblerisch, einsam und kämpferisch gemacht. Darum muß, wer den Deutschen gewinnen will, ihm eine Erde und einen Himmel voller Kampf versprechen.

Satte Völker, die nichts von Sehnsucht wissen, haben nie verstanden, warum der Deutsche grübelt und sinnt, warum er über das Genießen das Denken stellt.

Das deutsche Denken erwuchs zu eigentümlichen Formen aus des Deutschen Blut. Wenn der Deutsche baute, so erstanden unter seiner Hand Dome und Türme, die in seltsam bizarren Formen zu den Wolken stießen; wenn er dichtete, so wurden seine Balladen spröde und herb und von einer keuschen, verborgenen Schönheit — sie müssen das Ohr dessen verletzten, der den Wohlklang südlicher Verse liebt.

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Das deutsche Denken strebt zur großen Einheit von innerer Schau, von Willen zur Ehr­lichkeit und von wahrhaftigem Wollen. Es ringt um Wahrheit, das heißt um Erkennen und Bekennen des Wesensgemäßen. Um dieser Wahrheit willen verläßt er ausgetretene Bahnen und überkommene Formen und alle Begriffe, die durch Alter ehrwürdig und heilig sein mögen.

Dabei türmt es keine Gebäude und prägt keine ehernen Tafeln, sondern hat den Mut zur Einfachheit und neuer Wandlung.

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Das heißt: Die Unruhe um der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit willen konnte und kann auf die Dauer nicht gebändigt werden von Systemen, die den Frieden oder doch wenig­stens die Befriedung brachten und bringen. Gegen diese Unruhe gibt es nun einmal keinen süßen Trost als Antwort aller Antworten.

Zu allen Zeiten wußte oder ahnte der Deutsche um die Gefahr des Stillstandes und Stilleseins, um die Gefahr des Fäulniskeims, der sich darin verbirgt.

Zu allen Zeiten verschrieb sich der Deutsche lieber dem „Teufel“ der Unruhe, als dem Gott des Friedens. Mit anderen Worten: Er atmete lieber den Pulverdampf als den Dampf des Weihrauchs.

In den Augen der befriedeten (eingefriedeten) Herdenmenschen haben die bewußt deutschen Menschen etwas Dämonisches, etwas Besessenes. Man meidet sie aus Angst um den Frieden der eigenen Seele, man geht ihnen aus dem Wege, weil man sich vor dem Schwert ihres Geistes fürchtet.

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Seit tausend Jahren hat sich die Herde der Welt auf die Träger der deutschen Unruhe gestürzt und sie gemordet, geschändet, ausgetilgt. Und trotz allem hat diese deutsche Unruhe inmitten des großen Sterbens der Völker die deutsche Nation gefährlich lebens­bejahend erhalten. Dort, wo der Deutsche zu sich erwachte, wurde er unauf­teilbar, un­bestechlich, unversöhnlich.

Dort, wo er ganz deutlich wurde, fanden die vielfachen Ränke, mit denen man ihn sich selber entfremden wollte, keine Bresche.

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Wer den Deutschen erstarken lassen will, muß ihn in Not und Entbehrungen zwingen. Das ist das Geheimnis deutschen Wesens: die deutsche Seele ist noch nie in Kriegen, oft aber in feigen Friedenszeiten gefährdet gewesen. In satten Zeiten ist der Deutsche arg­los und fröhlich wie ein Kind. In solchen Zeiten haben es seine Feinde leicht, ihn mit Theorien und seltsamen Lehren zu bändigen. Dann können sie es wagen, ihn auszu­nützen und ihn zu erniedrigenden Sklavenarbeiten zu zwingen. Die deutsche Gut­gläu­big­keit, die biedermännische Vertrauensseligkeit sind die schwächsten Stellen in der Festung des deutschen Wesens. Man hat den Deutschen gelehrt, der Haß sei ver­werf­lich. Und der Deutsche hat diese Lehre geglaubt. Erst spät hat er erkennen müssen, daß der echte Haß so edel ist wie die echte Liebe.

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Mit der Unbekümmertheit eines Kindes hat der Deutsche Schätze an die Welt verschenkt und Werte mit vollen Händen hinausgeworfen. Mit spielerischer Freude hat er es mit­an­ge­sehen, daß andere diese Schätze und Werte einsammelten und damit ihre Macht be­gründeten.

Er war zu jung, um von der Verantwortung eines verpflichtenden Erbes zu wissen.

Diesem Zujungsein verdankt die Welt ihr heutiges Gesicht.

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Tausendmal ging der Deutsche an der Krone vorüber und begnügte sich damit, Knecht in seines Vaters Haus zu sein.

Wie ein träumerischer, verspielter Knabe hat er aus Ländern und Welten ein Schachtel­spiel gebaut, um es am Ende des Spieles mit einer Handbewegung wieder umzuwerfen.

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Die deutsche Geschichte ist ein Lehrbuch für eine Weltgeschichte der verpaßten Ge­le­gen­hei­ten.

Man sollte den jungen Deutschen täglich ein Kapitel aus diesem Lehrbuch vorlesen.
Vielleicht werden sie dann wach bleiben und gegen alle Einflüsterungen unempfindlich werden. Vielleicht auch wird ihnen die Schamröte in die Wangen steigen — und vielleicht werden die Tränen des Zornes ihre Augen erfüllen.

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Satte Zeiten verleiten zu gedankenlosem Genuß. Not aber zwingt zu Fragen und Nach­denken. Oft hat die deutsche Seele ihr Fragen nach dem Warum des Geschicks und der Geschichte in die Wolken gerufen. Oft standen Deutsche fassungslos vor den Trümmern ihres Reiches und ihrer Idee. Religionen sind erwachsen aus der Frage nach dem Warum.

Die Religionen aber lehrten Theorien des Schicksals, und diese Theorien wälzten die Last der Verantwortung von den fragenden Seelen ab auf den unbekannten Gott und gaben den Trost der Vorsehung. Schuld und Schicksal wurden ineinander verwischt.

So wurde der Deutsche wieder schläfrig. Er fand für seine Schuld eine Entschuldigung. Aus den Wolken kam keine Antwort auf seine Fragen, und die Anklage seines Herzens konnte er mit der Entschuldigung gottgegebenen Schicksals beschwichtigen und betäuben.

Man hätte den Deutschen lehren sollen, daß alle Schuld Folge seiner Lauheit, daß alles Schicksal Strafe seiner Schuld ist. Man hätte ihm nicht das Gebetbuch, sondern das Schwert zur Sühne in die Hand geben sollen! Wer in die Wolken fragt, wird genarrt. Wer sein Herz fragt, bekommt Antwort. Und diese Antwort ist kein zweideutiger Orakel­spruch, sondern eine Forderung: Sei deutsch und handle deutsch, dann bist du stärker als alles Schicksal!

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Das deutsche Fragen sucht die Bestätigung. Und diese Bestätigung lautet, daß nichts umsonst, nichts vergebens, nichts zufällig und nichts etwa ein Wunder ist. Daß vielmehr jede Sünde in Halbheit, Zaghaftigkeit und Gleichgültigkeit ihren Ursprung hat, und daß jede Tat die Auswirkung einer Gesetzmäßigkeit ist.

Das deutsche Fragen will also nicht den Trost eines unbekannten Gottes, sondern die Bestätigung der Gesetzmäßigkeit haben. Statt Wunder will es die Erfüllung.

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Wer die Gesetzmäßigkeit in sich und in seiner Tat erkennt, der weiß, daß aller Wunder­glau­ben letztlich einem ichsüchtigen Trieb entspringt; der erwartet nicht, daß seinem ängstlichen Herzen zuliebe die Sonne stehenbleibe und Berge wandeln, sondern der stürmt im Angriff gegen die Widrigkeit und formt das Schicksal zur Geschichte.

Wer an die Gesetzmäßigkeit glaubt und zu ihrer Erfüllung drängt, ist ehrfürchtiger als der Wunder­gläubige, denn er vergewaltigt nicht das große Leben, sondern ordnet sich ihm ein.

Wer Wunder will, will flüchten. Erst der, der sich selber als Teil des Gesetzes erkennt, schafft Ordnungen und Werte, die größer, härter, ehrlicher und erhabener sind als selbst die frommsten Wünsche und Gebete.

Wunder und Zauberei auf der einen, Gesetz und Tat auf der anderen Seite: so steht der Deutsche vor der Entscheidung.

Wer sich zu Gesetz und Tat bekennt, hat ein erstes Gebot. Das lautet: Ich weiß, daß ich bin!

Wer das Ja zum Leben, zu seinem Leben bekennt, will Erfüllung, nicht Erlösung. Dessen Fragen wird einfacher, dessen Tun wird rücksichtsloser. Je schwächer der Mensch, um so umfangreicher, um so lauter seine Fragestellung.

Man kann tausend und abertausend Jahre nach dem gnädigen Gott klagend suchen und wird doch am Leben und an des Lebens Gesetz scheitern. Der Starke aber überschreitet in mutiger Tat die Grenzen aller Welten.

Hier Schwachheit und darum Erlösungssehnsucht, Gebet, Weltfluch und Weltflucht — dort Bereitschaft zur Tat und Mut, über letzte Abgründe zu springen und höchste Berge zu ersteigen: das ist die deutsche Entscheidung!

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Tausend Jahre und länger wurde der Deutsche hin und her gerissen zwischen zwei Welten, der Welt des Ja und der Welt des Nein.

Kaum war er seiner Kraft bewußt geworden und tat die ersten Schritte zur Macht, als man ihm vom Tor, das zu seiner Erfüllung führt, zurückstieß. Man raunte ihm zu, seine Stärke sei teuflische Versuchung, sein Jauchzen sei Frohlocken des Satans. Man riet ihm, die eigne Stärke zu zerschlagen, das kämpferische junge Blut abzulassen. Kurz, man mutete ihm zu, sein Herz zu verkaufen und alt zu werden. Alt und – ungefährlich!

Viele haben sich im Lauf der Zeiten zum Verzicht verführen lassen und hingen der Welt des Nein an. Sie starben als Verräter ihres Gesetzes, als Flüchtlinge vor dem Leben. Doch die, deren Herz sich gegen Fremdes verschloß, die sich aller Drohung zum Trotz zur Welt des Ja bekannten, wurden einsam in der Welt, einsam in ihrem Volk. Ihr Leben wurde zum Protest, ihre Tat zu Auflehnung und Rebellion. Sie starben ihren Tod in der Schlacht, auf dem Scheiterhaufen, im Kerker oder in der Verbannung.

Sie mieden die Welt der Schwachen, die Welt der Vertröstung, und hatten den Mut, sich ihrer leidvollen Einsamkeit zu rühmen.

Doch Deutschland, das Reich, war bei diesen wenigen, war bei ihrem Leben und fast noch mehr bei ihrem Sterben.

Aus: „Vom mutigen Leben und tapferen Sterben“

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TextQuelle: https://archive.org/details/VonDerHeimatUndIhrenFrauen

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