(zu Teil 1)

Das „Russische Zenter“ versucht insbesondere über die Zustände in Russland aufzuklären und hält u. a. Konferenzen und Kundgebungen ab. Daneben publiziert man auch eigene Broschüren und Bücher. Eine Broschüre, welche auf Englisch kurz die Situation in Russland erklärt, ist hier zum ersten Mal auf Deutsch übersetzt.

Außerhalb der russischen Föderation wird geglaubt, dass Putin einen nationalkonservativen Kurs verfolgt und zusammen mit Russland ein Bollwerk der traditionellen Werte darstellt. Oft kann man sogar hören, dass Putin die russischen Nationalisten repräsentieren würde. Diese Broschüre soll zu mindestens einige Fakten über das im Westen ver­breitete Bild von Putin klarstellen.

Neosowjetische Ideologie

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit ihrer kommunistischen Doktrin von geplanter Wirtschaft und Weltrevolution brauchte es eine neue Staatsideologie. Das sowjetische Establishment wollte oder konnte nicht einfach so weiter machen und sich auf die Revolution von 1917 und den Staat von Lenin und Stalin beziehen. Die weit­gehende Delegitimierung des Bolschewismus machte etwas Neues nötig. Deswegen wurde der Fokus der kommunistischen Ideologie nach der kurzen Regierungszeit von Yeltsin – wo ein offenkundiges ideologisches Vakuum bestand – zu einem sehr pri­mitiven, aber gleichzeitig auch sehr effektiven antifaschistischen „Kult des Sieges“ geändert. Dieser „Kult des Sieges“ füllte die geistige Leere und hält das System am Leben.

Der sowjetische Mythos über den quasi alleinigen Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ist einer der Grundpfeiler von Putins System. Der sowjetische Mythos über den Zweiten Weltkrieg ist deswegen so wertvoll, weil es die Verbrechen der kommu­ni­sti­schen Diktatur reinwäscht – schließlich waren sie notwendig für den Sieg – und weil man eine „Schuld“ von Osteuropa und quasi der ganzen Welt fordern kann, da die Sowjetunion allein quasi die Welt vom Faschismus gerettet hat. Außerdem dient der „Kult des Sieges“ zur Verfolgung von russischen Nationalisten und zur Grundlage der multikulturellen Ideologie, da ja die Sowjetunion mit all ihren Völkern gemeinsam den Krieg gewonnen hat. So wird z. B. die muslimische Masseneinwanderung aus Zentral­asien und dem Kaukasus damit gerechtfertigt, dass die Großeltern ja zusammen im Kampf gegen den Faschismus im Schützengraben lagen und nicht auf Nationalitäten geachtet haben.

In einem Land, das einst antike Geschichte und Traditionen hatte, sind die heutigen Traditionen und die Geschichte auf die Mitte des 20. Jahrhunderts reduziert. Der Rest der Geschichte wird fast nur von Hobby-Historikern erforscht. Aufgrund der Wichtigkeit und der Omnipräsens des „Kult des Sieges“ ist es nicht überraschend, dass dieser teil­weise verrückte Ausmaße annimmt. Er entwickelt sich aktuell zu einer Art zivilen Reli­gion — mit allen Gefahren von Religionen.

Der „Kult des Sieges“ hat seine eigenen Symbole, welche blasphemisch kommunistische und national-russische kombiniert. Die Sowjetflagge wird genauso genutzt wie die orange-schwarze St.-Georg-Fahne und teilweise auch die moderne rot-blau-weiße Nationalfahne. Die letzteren beiden gab es natürlich zu Sowjetzeiten nicht, im Gegenteil wurden sie von jenen Russen genutzt, die auf deutscher Seite kämpften. Im Zweiten Weltkrieg wurden Russen, bei denen diese Symbole gefunden wurden, von der Roten Armee hingerichtet — ein Fakt, über den man heute nicht offen reden darf. Es ist heute verboten, die Aktivitäten der roten Armee zu kritisieren, genauso wie es verboten ist, die „Verbrechen“ der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu „verringern“ (natürlich ist eine Vergrößerung gestattet). Dies macht eine neutrale Geschichtsforschung unmöglich.

Der „Kult des Sieges“ hat seinen eigenen religiösen Kalender: Feste Termine sind der 9. Mai (Tag des Sieges), der Tag des Kriegsbeginns 22. Juni und der 27. Januar, der Tag, an dem die Belagerung Leningrads endete. Der Rest des Jahres ist gefüllt mit vielen Gedenktagen, Geburtstagen von Sowjetischen Militärführern etc.

Der „Kult des Sieges“ hat auch seine eigenen rituellen Prozessionen. Ein Beispiel ist die Kampagne „Unsterbliches Regiment“, bei dem die Teilnehmer Fotos ihrer im Krieg be­teiligten Ahnen tragen. (Zur gleichen Zeit startete im Internet die Kampagne „Unsterb­liche Baracke“, wo Leute auf die Schicksale ihrer Verwandten in Gulags aufmerksam machten).
Nicht alle Teilnehmer eines solchen Marsches kommen freiwillig. Staatsbedienstete, Studenten etc. werden dazu gezwungen, daran teil zu nehmen; dabei gab es Skandale, wie etwa dass Teilnehmer Bilder von Leuten trugen, die sie gar nicht kannten. Das Ganze nimmt solche Ausmaße an, dass der Leiter des Instituts für wirt­schaftliche Stra­te­gien, Alexander Ageev, den Vorschlag machte, den Toten des Zweiten Weltkriegs das Wahlrecht zu geben, das ihre lebenden Verwandten für sie ausüben sollte.
Solche wahnsinnigen Aussagen sind leider keine Überraschung, die Sowjetsoldaten von 1941-45 sind quasi zu Heiligen erklärt worden. Ein Beweis dafür sind z. B. Fotos von Studenten, die gezwungen worden sind, vor Veteranen zu knien.

Jedes repressive Gesetz gegen russische Nationalisten wird damit begründet, dass russische Nationalisten die „Gefühle der Veteranen“ verletzten. In der Realität sind viele Veteranen allerdings arm und im Stich gelassen. Um die junge Generation an diesem Sieg teilhaben zu lassen, gibt es verschiedene Initiativen des Kremls, z. B. gibt es bei Veranstaltungen Brot, wie es im belagerten Leningrad gegeben haben soll, gemacht aus Kleie, Sägemehl und einigen anderen Zutaten. 150 Gramm dieses Brotes gab es damals für die normale Bevölkerung; dass die Parteifunktionäre eine andere Verpflegung be­ka­men, wird verschwiegen.

Die Glorifizierung des Zweiten Weltkriegs samt der Heraufbeschwörung einer neuen faschistischen Gefahr, die quasi hinter jeder Ecke lauert, findet das ganze Jahr über in Schulen, an Arbeitsplätzen und in den Medien statt. Dabei versuchen sich insbesondere Politiker und Staatsbeamte gegenseitig dauernd zu übertreffen, was zu absurden Sze­nen führt. Zum Beispiel wurde bei einem kulinarischen Wettbewerb zum 9. Mai in der Stadt Krasnoyarsk ein Kuchen in der Form eines Grabsteines (zur Erinnerung an die toten Soldaten) und ein Kuchen, auf dem ein alter Mann seinen toten Sohn in den Armen trägt, präsentiert.

Solche Beispiele gibt es endlos und sind Zeichen einer zunehmenden Massenpsychose zum Thema 9. Mai. 2016 schockte ein YouTube-Video viele Menschen. In dem Video erzählt ein kleines Mädchen die rührende Geschichte ihrer Familie während des Krieges, dabei spielte sie mit ihren Händen in der Asche ihres Veteranen-Großvaters. Natürlich wurde das Video mit Absicht so von den Eltern gestellt und gefilmt.

Einige weitere Beispiele sind Wettbewerbe von Körperbemalungen mit Symbolen des „Kult des Sieges“, Kostüme für Kinder, die sowjetischen Uniformen nachgemacht sind, falsche Veteranen, die als Art Weihnachtsmann in Schulen und Kindergärten eingeladen werden und vieles mehr. Für viele Russen ist der „Kult des Sieges“ natürlich aufgesetzt, allerdings gibt es quasi kein Entkommen.

Teilnahme einiger Vertreter des „Russischen Zenter“
an einer Demonstration der Azov-Bewegung

Islamisierung

Putin und russische Medien kritisieren die Krisen, die in Westeuropa aufgrund der Ein­wanderer entstehen. Zur gleichen Zeit aber begünstigt die russische Politik die Einwan­derung von Moslems nach Russland. Obwohl es von einem Großteil der Bevöl­ke­rung gewollt ist, gibt es kein Visa-Abkommen mit zentralasiatischen Staaten wie etwa Kasachstan, so dass die dortigen Einwohner ohne Grenzkontrollen einfach nach Russ­land einwandern können und das auch tun. Alle Versuche, diese Thematik zu behan­deln, werden mit dem Vorwurf Faschismus beendet.

Aufgrund der neo-sowjetischen Ideologie Putins können kultur- und artfremde Asiaten aus früheren Sowjetrepubliken die russische Staatsbürgerschaft viel schneller erlangen als z. B. qualifizierte weiße Europäer. 90 % der Einwanderer in Russland sind junge Mos­lems vom Land, vorrangig aus Usbekistan und Tajikistan, der Gegend, in der Ter­roristen auch ihren Nachwuchs rekrutieren.

Für Islamisten aus Usbekistan ist es nicht schwer, nach Moskau zu kommen; sie müs­sen einfach nur in einen Zug steigen — ohne Registrierung oder Grenzkontrollen. Im Kaukasus werden aus Steuergeldern Koranschulen eröffnet. Der Regierungschef der Region Tschetschenien und Putin-Gefolgsmann, Ramzan Kadyrov, hat eine Art halb legale Privatarmee von 40.000 Mann, zum Großteil islamistisch. In Moskau wurde inzwischen die größte Moschee Europas gebaut, eröffnet von Putin persönlich. In Russland können Islamisten nahezu offen auftreten und Propaganda machen, gleich­zeitig steigt die Anzahl an Nicht-Weißen und insbesondere Moslems stetig.

Verfolgung von Russen in Russland

Die Verfolgung der russischen Nationalisten ist eng verknüpft mit der Verfolgung der restlichen Opposition. Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Organisationsverbote, außergerichtliche Blockade von Netzseiten — all das geschieht jedem, der Putin kri­ti­siert. Dabei ist die Angst vor den russischen Nationalisten die Haupttriebfeder. Die Repres­sion gegen Nationalisten beginnt am schnellsten, findet am häufigsten statt und ist die gewalttätigste.
Putins Kampf gegen die russische nationale Bewegung begann bereits in seiner Zeit als FSB- (vorher KGB) Agent. Er verbot die bis dahin schlagkräftigste nationalistische Ver­einigung, RNU (Russische Nationale Einheit), welche in den späten 1990er Jahren tau­sende Unterstützer aufweisen konnte. Nach 15 Jahren wurde RNU von zwei Dutzend schlecht bezahlten Putin-Söldnern in „Neu Russland“ wiedergegründet.

Publikationen des „Russischen Zenter“. Die Bücher behandeln die „Weißen Garden“,
die gegen die Bolschewisten im russischen Bürgerkrieg kämpften.  Die Broschüre
ist das englische Original der hier veröffentlichten deutschen Übersetzung.

Während seiner Amtszeit als Präsident verbreitet Putin regelmäßig, dass für ihn die Hauptgefahr für Russlands Sicherheit Nationalismus und Xenophobie sind. Alle Ver­suche in den letzten 15 Jahren, eine nationalistische Partei zu gründen, wurden vom Justizministerium untergraben. Es wurde das Gesetz „N 114-FZ“ gegen „Extremistische Aktivitäten“ 2002 erlassen, welches sich primär gegen Nationalisten richtet. Daneben gibt es noch die Artikel 280 und 282, die sich ebenfalls hauptsächlich gegen Natio­na­li­sten richten.
Die Zahl der politischen Gefangenen steigt jedes Jahr. 2015 wurden 414 Personen wegen des Artikels 282 angeklagt, dreimal so viele wie noch 2011. U. a. folgende Organisationen wurden unter Putin verboten: Slawische Union (2010), die national­sozialistische Gesellschaft (2011), die Bewegung gegen illegale Einwanderung (2011) und die ethnopolitische Organisation „Russen“ (2015).
Wenn es gegen Faschismus geht, werden auch nichtpolitische Leute verfolgt. Der Leiter eines Fanklubs von FC Dynamo Kirov, A. Zamyatin, wurde für zwei Jahre verhaftet, weil er ein Foto von deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg in einem sozialen Netzwerk hochgeladen hat. Des weiteren gibt es spezielle Listen (ähnlich denen der BpJM, Anm. d. Üb.) für unerwünschte CDs, Bücher etc., deren Verbreitung strafbar ist.

Der Videoblogger M. Marcinkiewicz war bereits zweimal hinter Gittern — das letzte mal wegen einer negativen Filmkritik des Films „Stalingrad“. Der ehemalige Leiter der ver­bo­tenen Bewegung gegen illegale Einwanderung, Alexander Belov, saß 2 Jahre im Gefäng­nis. Für Nationalisten ist es unmöglich, Veranstaltungen abzuhalten, z. B. Konzerte. Der bekannten Gruppe „Kolovrat“ ist es oft nicht einmal möglich, eine Probe abzuhalten; alle ihre CDs stehen auf der Liste für extremistisches Material. Öffentliche Veran­stal­tungen sind ebenfalls kaum möglich. Ein Aktivist von St. Petersburg war für 4 Monate inhaftiert, weil er eine friedliche nationalistische Demonstration abhielt.

Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass viele russische Nationalisten emigrieren. Seit 2015 ist beispielsweise Dennis Vikhorev in der Ukraine, da er wegen der Gründung der Organisation „Unvereinbares Lager“ und der Beleidigung der „sozialen Gruppe“ der „Kommunisten“ verfolgt wird. Nach Lettland floh Dmitry Sawin, der wegen Artikel 282 verfolgt wird. Ihm wird zu Last gelegt, eine Demonstration in St. Petersburg für die Einführung von Visa-Kontrollen mit zentralasiatischen Staaten veranstaltet zu haben.

Am 11. Oktober war der Gründungskongress der Organisation „Russisches Zenter“ für Nationalisten im Exil in Kiev. Diese Organisation hat diese Broschüre herausgegeben, um die Nationalisten Europas über die Situation in Russland aufzuklären. Die Ver­fol­gung von Nationalisten erfolgt nicht nur per Gesetz, oft haben sie außer­gericht­lichen Charakter: Der Verlust des Arbeitsplatzes, der Rauswurf aus Universitäten, Miss­hand­lungen etc. — das ist aktuell das Schicksal derjenigen, die das russische Volk unter der Herrschaft Putins verteidigen.

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Quelle (ed.): Das „Russische Zenter“, Teil 2 – DER DRITTE WEG

– Danke an Heider

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