Von Andrew Joyce, übersetzt von Deep Roots.
Das Original Background to the Magna Carta erschien am 19. Mai 2013 im Occidental Observer.

 

Das erste, das man bedenken muß, ist, daß die Magna Carta ein Dokument war, das von den Adeligen erstellt und dem Monarchen vorgelegt wurde – in diesem Fall König Johann. In diesem Sinne sollten wir die Spannungen zwischen den Adeligen und dem König wegen einer hauptsächlichen Angelegenheit berücksichtigen: der Rolle des jüdischen Zinswuchers bei der Ermöglichung von Landübertragung vom Adel an den Monarchen.

Die relevanten Klauseln sind wie folgt:

(10) Falls irgend jemand, der sich eine Summe Geldes von Juden geliehen hat, stirbt, bevor die Schuld zurückgezahlt worden ist, soll sein Erbe keine Zinsen auf die Schuld zahlen, solange er noch minderjährig ist, ungeachtet dessen, von wem er sein Land hat. Falls solch eine Schuld in die Hände der Krone fällt, wird diese nichts nehmen außer der in der Schuldverschreibung genannten Kapitalsumme.
(If anyone who has borrowed a sum of money from Jews dies before the debt has been repaid, his heir shall pay no interest on the debt for so long as he remains under age, irrespective of whom he holds his lands. If such a debt falls into the hands of the Crown, it will take nothing except the principal sum specified in the bond.)

(11) Falls ein Mann stirbt, der Juden Geld schuldet, darf seine Witwe ihr Witwen­gedinge haben und braucht nichts davon für die Schuld zu zahlen. Falls er min­der­jährige Kinder hinterläßt, darf ebenfalls für ihre Bedürfnisse gesorgt werden, in einem Umfang, welcher der Größe seines Landbesitzes angemessen ist. Die Schuld soll vom Rest ausbezahlt werden, vorbehaltlich des seinen Feudalherren gebüh­ren­den Dienstes. Kredite, die anderen Personen als Juden geschuldet werden, sollen ähnlich behandelt werden.
(If a man dies owing money to Jews, his wife may have her dower and pay nothing towards the debt from it. If he leaves children that are under age, their needs may also be provided for on a scale appropriate to the size of his holding of lands. The debt is to be paid out of the residue, reserving the service due to his feudal lords. Debts owed to persons other than Jews are to be dealt with similarly.)

Diese Klauseln schwächen also offensichtlich die Fähigkeit von Jude und Krone, sich für Schulden oder Zinsen für Darlehen schadlos zu halten. Sie verhindern nicht den Geldverleih etc., aber wir können uns sicherlich darauf einigen, daß die Position von Jude und Krone geschwächt würde. Wir müssen also als erstes fragen: Warum war dies notwendig? Und zweitens: Warum verschwand es plötzlich ein Jahr später in der Charta von 1216?

Zum ersten Punkt: Wie ich in meinem Artikel über das mittelalterliche Juden­tum aus­führe, war zu dieser Zeit das Verhältnis zwischen der Krone und den Adeligen in der Tat angespannt, und die Juden waren bei dieser Spannung ein sehr bedeutender Faktor. König Johann, dessen Handlungen das Bedürfnis nach der Magna Carta erzeugt hatten, war verschwenderisch, unfähig und völlig seinen Juden und deren Fähigkeit verbunden, ihn mit anscheinend unbegrenzten Geldmitteln für seine unglücklichen Abenteuer auf dem Kontinent zu versorgen.

Er war auch gnadenlos bei der Besteuerung. Im Jahr 1207 hob er über £ 60.000 von der christlichen Bevölkerung ein – eine für diese Zeit riesige Summe. Er erhob auch eine viel mildere Steuer von den Juden. (Patricia Skinner [Jews in Medieval England, S. 42] schreibt, daß ihre Steuer „drückend, aber nicht verheerend“ war.) Aber da er argwöhnte, daß die Juden ihr Einkommen und ihren Reichtum zu niedrig angaben, führte Johann eine Neuerung ein, indem er verlangte, daß Listen all ihrer Verbindlichkeiten geführt und im königlichen Schatzamt verwahrt würden; er behielt sich dann das Recht vor, jede dieser Verbindlichkeiten aufzukaufen, die ihm gefiel.

Dies war der ernsthafte Beginn des Prozesses der Landübertragung von den Adeligen an den König (ermöglicht vom jüdischen Zinswucher), den ich in meinem Artikel erwähnte. Adelige liehen sich Geld von Juden, Johann (oder seine Agenten) überwachten die Rückzahlungen auf den Listen im Schatzamt — und wenn irgend jemand danach aussah, als würde er mit den Rückzahlungen in Schwierigkeiten geraten und gepfändet werden, kaufte Johann die Schuld von dem Juden und raffte das Land an sich.

Offensichtlicherweise erzeugte dies mit der Zeit eine große Feindseligkeit gegen Krone und Juden. Monarchen hatten dies in kleinerem Maßstab schon früher getan, aber Johann war völlig rücksichtslos. Skinner schreibt, daß Johann bis 1207 „den größten einzelnen Hort jüdischer Kredite seit 1186 in seine Hände brachte; er befahl auch dem Schatzamt, mit der Beschlagnahme des Landes von Schuldnern zu beginnen.“ Den verbleibenden Schuldnern war klar, daß sie ihr Land und ihren Besitz entweder an König oder Jude verlieren würden. Beide wurden von den Adeligen als untrennbar betrachtet, und daher gehörten, als die Magna-Carta-Rebellion ausbrach, „Juden und jüdisches Eigentum zu den Hauptzielen“ (Skinner, S. 44). Dies ist der Hauptgrund dafür, daß die Klauseln bezüglich der Juden 1215 überhaupt eingeführt wurden.

Zur Frage, warum sie nur ein Jahr später geändert wurde: Erstens starb Johann, und ihm folgte der Knabenkönig Heinrich III vor der Erstellung der zweiten Charta. Insgesamt wurden neunzehn Klauseln aus der ersten (Runnymeade-) Magna Carta eliminiert — und die beiden, die Juden und Zinswucher betrafen, befanden sich darunter. Der Knabenkönig selbst hatte nichts damit zu tun; es war der Elitenkreis um ihn. Sie wünschten die Ordnung im Land wiederherzustellen, und traditionellerweise war die Behandlung der Juden ein verläßliches Barometer für die Autorität der Krone: Wenn die Juden in Ruhe gelassen wurden, dann war die Krone in einer soliden Position, weil es allein an der Autorität der Krone lag, daß sie sicher blieben. In Zeiten des Übergangs und schwacher königlicher Autorität gehörten die Juden zu den ersten, die angegriffen wurden, denn man konnte sozusagen ruhig die Samthandschuhe ausziehen.

Für den kleinen Elitekreis um den Knabenkönig hatte es daher Priorität, die Juden sicher (und reich) zu machen. Als Teil ihrer Verhandlungen mit den Baronen forderten und erreichten sie:

  1. die Eliminierung der beiden Klauseln über die Juden;
  2. die Freilassung aller von den Baronen gefangengenommenen Juden;
  3. die Erneuerung und Stärkung der königlichen Sicherheitsgarantien für alle Juden;
  4. die Rückgabe von Schuldverschreibungen an Juden, damit sie eingetrieben werden konnten;
  5. ein Befehl an Hafenbeamte, allen ausländischen Juden die Einreise nach England zu gestatten;
  6. die Etablierung eines separaten jüdischen Schatzamtes;
  7. besondere Überwachungseinheiten, die spezifisch zum Zweck des Schutzes der Juden von Lincoln, Oxford, Gloucester und Bristol gegründet wurden;
  8. die  Befreiung der Juden vom Erlaß des Vierten Laterankonzils, daß alle Juden ein Identifikationsabzeichen tragen sollten;
  9. die Freistellung der Juden von allen bischöflichen Gerichten;
  10. die aktive Vollstreckung aller von Christen den Juden geschuldeten Verbind­lich­keiten durch königliche Sheriffs (Skinner, S. 44).

Dies war eine enorme Menge an Freiheit und Schutz. Es ist schade, daß nicht mehr über den Hintergrund und die Motivationen des Beraterkreises um den Knabenkönig bekannt ist. Ich habe den starken Verdacht, daß darunter Leute mit direktem finanziellen Interesse an jüdischen Wirtschaftsaktivitäten waren — oder vielleicht sogar ein paar Krypto-Juden.

Die ganze Episode ist extrem suspekt. Sie verschaffte den Juden etwas Zeit, und sie verstärkte eine Zeitlang den Eindruck königlicher Stärke. Heinrich wurde jedoch genauso habgierig und über-ehrgeizig wie sein Vorgänger. Seine Partnerschaft mit den Juden verschärfte die Spannungen nur auf ein höheres Maß als je zuvor. Juden fühlten bestimmt, wie der Druck stieg, und manche gingen in die Krypsis, um dem Konflikt zu entgehen (Skinner beschreibt auf S. 51 eine „Flut jüdischer Konversionen“ im Zeitraum der 1230er bis 1250er, aber viele Christen argwöhnten Unaufrichtigkeit).

Heinrichs Regierung brach 1258 zusammen und sein Sohn Edward gelangte auf den Thron. Edward sah die Schrift an der Wand und verbot im Jahr 1275 den jüdischen Geldverleih gänzlich. Auf der Suche nach einem Weg, um seine zunehmend verärgerten Barone zu besänftigen und eine nun ziemlich nutzlose Population loszuwerden, schickte er die Juden im Jahr 1290 weg.

Die Herausnahme der Klauseln war somit ein Versuch, ein Schiff zu flicken, das schon seit einiger Zeit aus den Fugen ging: die Allianz zwischen Krone und Jude. Das Aufbrechen dieser Allianz durch die Barone ist etwas, wofür England für immer dankbar sein sollte, angesichts des Schicksals anderer Nationen, wo die Allianz von Krone und Jude viele weitere Jahrhunderte lang fortbestand — wofür Polen ein Musterbeispiel ist.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Quelle: Hintergrund zur Magna Carta | As der Schwerter  (nicht mehr vorhanden)

Siehe auch: Goldenes Zeitalter im mittelalterlichen England

.