Klopeinersee KaerntenIch kann mich noch sehr genau an den Familien­urlaub im Jahre 1980 erinnern. Wir machten damals im schönen Kärnten, am Klopeinersee, Campingurlaub.

Damals war ich gerade mal 6 Jahre alt und kurz vorm Einschulen, das ich mit großer Spannung erwartete.

Mit Wörtern Nation, Volk usw. konnte ich naturgemäß noch nichts anfangen. Aber wahr­scheinlich blieb mir gerade deshalb dieser Sommerurlaub in so guter Erinnerung. Weil am Campingplatz nicht nur meine Familie und ich Erholung suchten, sondern eben auch andere Leute. Menschen, die aus anderen Teilen Europas kamen. Zum ersten Mal in meinem noch jungen Leben hörte ich Worte wie Ausländer, Touristen und eben auch Deutsche.

Ich freundete mich mit einem gleichaltrigen Jungen namens Klaus an und spielte den ganzen Tag mit ihm. Am Abend eröffnete mir meine Tante, dass Klaus ein „Deutscher“ sei. Moment mal, erwiderte ich:  „Liebe Tante Monika, aber wir sind doch auch Deutsche, oder etwa nicht?“  Nein, kam es als Antwort. Wir seien Österreicher. „Aber Tante, wir sprechen doch deutsch. Wenn wir deutsch sprechen, dann sind wir auch Deutsche. Sonst würden wir doch österreichisch reden?!“

Naja, erfuhr ich, das sei kompliziert zu erklären. Genau! Das ist kompliziert zu erklären. Zumindest dann, wenn man keine Ahnung von Geschichte hat.
Österreich als Volk, das gibt es nämlich erst seit 1945! Vor diesem Jahr wäre nämlich nie ein Bewohner Österreichs auf die Idee gekommen, sich als Österreicher zu be­zeichnen.

Österreich wurde als Ostarrichi von den Bayern gegründet und zwar als Grenzmark, als Schutzwall gegen die Slawen und Ungarn. Deswegen sind die allermeisten heutigen Österreicher bayerischer Abstammung.
Die Habsburger, ein deutsches Adelsgeschlecht das aus der heutigen Schweiz stammt, waren nicht nur die Kaiser und Herrscher von Österreich, sondern über Jahrhunderte auch Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation.
Wien war also viel länger deutsche Hauptstadt als Berlin!

Erst Napoleon Bonaparte zwang den Kaiser zurückzutreten und die Reichskrone ab­zulegen. Die Krone des heiligen römischen Reiches kann man heute noch in der Wiener Schatzkammer bewundern.

Am Wiener Kongress, als Europa nach Napoleon neu aufgeteilt wurde, gründete man den Deutschen Bund. Der Deutsche Bund war ein loser Staatenbund aller 39 deutscher Staaten — natürlich und selbstverständlich mit Österreich als Mitglied. Keiner dieser Staaten hätte angezweifelt, dass Österreich ein deutsches Land sei.
Es wurde sogar dem Habsburgerkaiser die gesamtdeutsche Kaiserkrone angetragen. Jedoch stellte man ihm die Bedingung, dass er, um gesamtdeutscher Kaiser zu werden, auf alle anderen Ländereien verzichten müsse. Da Habsburg aber nicht bereit war, auf Ungarn, Kroatien, Tschechien usw. zu verzichten, wurde er nicht deutscher Kaiser. Hätte er damals verzichtet, wäre heute Österreich zu 100% ein Bundesland der BRD und keiner wäre je auf den Gedanken gekommen, aus Österreich einen selbstständigen Staat zu machen.

So existierte also der Deutsche Bund unter Mitwirkung von Österreich eine ganze Zeit lang — bis Bismarck kam! Bismarck wollte alle deutschen Länder einen und ein einheitliches Deutschland gründen. Allerdings waren ihm die Habsburger zu mächtig. Einen jungen Wilhelm hatte er besser unter Kontrolle als einen stolzen Habsburger. Deshalb wollte er ein Deutsches Reich ohne Österreich. Ein Anlaß zum Bruderkrieg war bald gefunden.

So kämpften im Krieg von 1866 Preußen und seine Verbündeten (Italien, Mecklenburg-Schwerin, Oldenburg, Anhalt, Braunschweig, …) gegen Österreich und den Deutschen Bund (Bayern, Sachsen, Baden, Hannover, …). Bei der entscheidenden Schlacht von Königgrätz konnte Preußen aufgrund eines technischen Vorsprungs (Hinter­lader­ge­wehre) den Krieg gewinnen.
Während Bismarck sofort den Frieden anbot und sich wieder versöhnen wollte, drängte Wilhelm darauf, Österreich Böhmen und Mähren abzunehmen. Letztendlich setzte sich Bismarck aber durch, da er wußte, dass man Österreich als künftigen Verbündeten nicht demütigen könne.

So einigte sich also das Deutsche Reich, und Österreich blieb ein eigenständiger Staat.

Die alte Donaumonarchie war ein sogenannter Vielvölkerstaat. In diesem Staat lebten Slowenen, Slowaken, Tschechen, Ungarn, Italiener und Deutsche. Der Teil der Donau­monarchie, der von den Deutschen besiedelt wurde, ist das Land, welches heute Österreich heißt (+ Südtirol).

Nachdem die alte Monarchie auseinanderbrach und die Republik gegründet wurde, nannten die Verantwortlichen den neuen Staat „Deutsch-Österreich“ und wollten eigentlich den Anschluß an Deutschland. Das wurde aber von den Führern der Siegermächte des 1. Weltkriegs verboten.

Deutsch-Österreich musste sich von nun an „Österreich“ nennen.

Wenn man um diese Umstände weiß, wird einem klar, warum Adolf Hitler in der 30er Jahren unbedingt den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich wollte. Nicht nur Hitler wollte diesen Anschluß, sondern auch über 90 % der Österreicher, die sich damals noch ganz klar als Deutsche sahen.

Aber warum sehen sich heute viele Österreicher nicht mehr als Deutsche? Die Stichwörter dazu sind 1945 und verlorener Krieg.

Die Alliierten trennten Deutschland und Österreich wieder und verkündeten die Mär, dass wir Österreicher ja gar keine Deutschen seien, dass wir ja die „Braven, Armen und Überfallenen“ wären und dass ja das böse Deutschland mit allem begonnen hätten.

Die Österreicher von 1945 nahmen diese „Rutsche“ dankbar an. Ja, WIR können ja nichts dafür, denn WIR sind keine Deutschen! Dass das nicht den Tatsachen entspricht und ich mich deshalb für einige meiner Vorfahren schäme, muss ich wohl nicht erwähnen.

Wenn man heute Österreicher fragt, wann denn die Besatzungszeit gewesen wäre, so kommt zu 99% die Antwort „ zwischen 1945 und 1955“.
Also fühlten sie sich von 38 – 45 scheinbar nicht annektiert und unterjocht, sondern sie fühlten diesen Anschluß als das, was er auch war: Eine brüderliche Verbindung zweier Staaten desselben Volkes.

Was auch wenige Menschen wissen: Nicht nur deutsche Truppen marschierten 1938 in Österreich ein, nein, sondern auch österreichische Truppen marschierten in München, Berlin und allen großen deutschen Städten ein. Das war als Zeichen an die Welt gedacht, damit keiner glaube, das sei ein aggressiver Akt.

Ich möchte noch ein kurzes Zitat von Jean Paul Satre einfügen, das zwar nicht 100 % zum deutsch-österreichischen Verhältnis passt, aber dennoch sehr interessant ist:

„Nie war Frankreich freier als unter deutscher Besatzung!“

Mir ist klar, dass dieser kleine Artikel nicht sämtliche geschichtlichen Tatsachen behandeln konnte und ich mehr weggelassen als geschrieben habe. Wer sich mehr dafür interessiert, der kann selber Nachforschungen betreiben.

Was mir wichtig war, das ist folgender Umstand:
Liebe Tante Monika! Wir Österreicher sind Deutsche! Und du hast recht, es läßt sich nur kompliziert erklären, warum dem nicht so sein sollte! Denn Wahrheiten sind meist einfach, nur Lügen sind kompliziert.

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Quelle (edit.): “Deutsche–Österreicher” » Paukenschlag

Siehe auch:

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