Auszug aus
DIE ZEIT OHNE BEISPIEL

von Dr. Joseph Goebbels

10. Juni 1939

Über Dinge, die man besitzt, pflegt man im allgemeinen nicht viel zu sprechen. Wer Geld hat, macht kein Aufhebens davon, wer gebildet ist, trägt seine Bildung nicht zur Schau, wer Geschmack sein eigen nennt, spricht nicht von Geschmack. Und so ist es auch mit dem Stil.

Menschen, Völker oder Zeiten, die ein natürliches und gewachsenes Stilgefühl besitzen, werden das Wort Stil nur sehr selten anwenden und es vielfach überhaupt nicht kennen. Uns sind aus der Geschichte ganz große künstlerische und kulturelle Epochen bekannt, die uns heute als im höchsten Sinne stilbildend erscheinen, in denen das Wort Stil selbst aber vollkommen ungebräuchlich war. Wenn der Stil ein öffentlicher Dis­kus­sions­gegen­stand geworden ist, dann beginnt er meistens zu fehlen.

Stil kann auch nicht gemacht werden; er entwickelt sich aus bestimmten Bedingungen heraus und wächst auf eine natürliche Weise in eine Zeit hinein. Die Ergebnisse dieses Wachstums sind dann auf allen Lebensgebieten eines Volkes festzustellen. Stil ist die Übereinstimmung zwischen Gefühl und Ausdruck, insofern also hat Stil nicht nur etwas mit Kunst oder Kultur oder Geschmack zu tun. Der Stil ist die bindende und schlüssige Ausdrucksform des Wesens eines Menschen oder eines Volkes, die in allen seinen Lebensäußerung zum Vorschein kommt. Auch in der Politik.

Auch die Politik hat Stil oder sie ist stillos. Besitzt sie Stil, dann ist sie auch von Format. Die Zeit vor der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland war ohne Stil. Sie besaß weder auf dem Gebiet ihrer künstlerischen noch ihrer kulturellen oder poli­tischen Äußerungen überhaupt auch nur ein Gefühl für Stil. Das kam schon in der Tatsache zum Ausdruck, daß sie zwar große Worte gebrauchte, aber nicht die Kraft besaß, diesen Worten eine starke symbolische Prägung und einen ausfüllenden Inhalt zu geben.

Das 20. Jahrhundert hat die breiten Massen des Volkes in das Gebiet der Politik ein­geführt, und es war eigentlich das beschämendste Armutszeugnis, das sich sowohl das kaiserliche wie auch das novemberliche Deutschland ausstellte, daß es keine Mög­lich­keit fand, das Volk selbst auch in ihm gemäßen Formen politisch zum Ansatz und zur Geltung zu bringen. Auf den Straßen marschierten Millionen Menschen, politisch ver­treten aber wurden sie in senilen, lächerlichen Parlamenten von Reprä­sen­tan­ten, die für die breiten Massen weder ein Gefühl noch ein Organ besaßen.

Heute ist es in den westeuropäischen Demokratien noch genau so. Wenn man von ihren politischen Aktionen in den Zeitungen liest, so möchte man versucht sein, den großen Worten, die dabei gebraucht werden, Glauben zu schenken. Sieht man diese politischen Aktionen aber im Bild oder im Tonfilm, so schreckt man schaudernd zurück vor der gähnenden Kluft, die sich hier zwischen Sein und Schein auftut. Man bemerkt dicke, joviale, lebhaft gestikulierende ältere Herren in Bratenrock und Zylinder, die alle anderen Merkmale an sich tragen, nur nicht die einer dämonischen Fähigkeit, Massen zu bewegen und zu führen. Die charakteristischen Zeichen ihrer politischen Zusam­men­künfte sind Disziplinlosigkeit, Mangel an Art des Auftretens wie an Größe und Durchschlagskraft der Aktion. Und ausgerechnet diese Demokratien sitzen über uns zu Gericht.

Sie behaupten, daß wir das nicht besitzen, was ihnen vollkommen mangelt, nämlich politischen Stil, kulturellen Geschmack, ein Gefühl für Modernität und eine weite Aufgeschlossenheit für die Gedanken und Empfindungen unserer Zeit. Wir könnten über ihr albernes Geschwätz zur Tagesordnung übergehen, denn wir treten den Gegen­beweis ja fortdauernd durch Tatsachen an, die bekanntlich für sich selber sprechen.

Wir besitzen das, was ihnen fehlt. Sie reden beispielsweise von Kultur und sprechen uns sowohl kulturelle Leistungen als auch ein Gefühl für kulturelle Verantwortung gänzlich ab. Es ist nun aber kein Zufall, daß gerade die Staaten, die heute autoritär regiert werden, zugleich auch die ältesten Kulturvölker Europas darstellen. Sie hatten schon eine vielhundertjährige Geschichte hinter sich, als beispielsweise Amerika erst entdeckt wurde. Sie waren große, imponierende politische Gebilde, als Paris und London noch die Rolle von unbedeutenden Hauptstädten kleiner Duodezländer spielten. Italien repräsentierte ein Imperium in einer Zeit, in der von den heute so überheblich sich gebärdenden Demokratien weder staatlich noch volklich überhaupt die Rede sein konnte — und Deutschland hatte schon glanzvolle Blüteepochen seiner Kultur, seiner Kunst und auch seiner Geschichte hinter sich, als England und Frankreich oder gar Amerika erst in das Blickfeld der historischen Bedeutsamkeit eintraten.

In Deutschland beginnt augenblicklich ein neuer Kultursommer. Die Reichs­theater­fest­woche in Wien neigt sich ihrem Ende zu. Die Reichsfestspiele in Heidelberg, die Tage der Deutschen Kunst in München, die Bayreuther und Salzburger Festspiele sind bereits in Vorbereitung und stehen nahe vor ihrem Anfang. Das alles repräsentiert insgesamt eine Höhe der Kulturleistung, die in der ganzen Welt einzigartig ist. Es dokumentiert zugleich aber auch die ungeheure Mannigfaltigkeit unseres deutschen Kunstlebens, das seine Kraft aus den Wurzeln zieht, die tief in das Erdreich unserer so verschiedenartigen Landschaften und Volksstämme hineingesenkt sind. Hier hat ein öder und starrer Zentralismus keinen Platz mehr. Das deutsche Kulturleben ist verankert in einer bunten Vielfalt von Städten, Stämmen und Landschaften — und trotzdem steht darüber eine starke und zielbewußte Staatsführung, die es regelt, ordnet und einheitlich zum Einsatz bringt.

Was haben nun die westeuropäischen Demokratien dem überhaupt entgegenzustellen? Sie unternehmen schon aus Konkurrenzneid kümmerliche Versuche einer eigenen Kulturgestaltung. Allerdings kommen sie dabei ohne dummdreiste Anleihen aus dem deutschen oder italienischen Kunst- und Kulturbesitz überhaupt nicht aus. Eine Opernwoche beispielsweise ohne Wagner oder Verdi ist gar nicht denkbar — weder in London, noch in Paris, von New York ganz zu schweigen. Symphonische Musik wird fast ausschließlich von deutschen Tonmeistern gestellt; der Beitrag der Vereinigten Staaten zum Weltmusikbesitz besteht bekanntlich nur aus einer verjazzten Negermusik, die in diesem Zusammenhang überhaupt keiner Beachtung wert ist. Unsere deutschen Theater sind in eine Blütezeit von bisher ungekannten Ausmaßen eingetreten; die Demokratien aber, die uns des Kulturbanausentums bezichtigen, sind in Wirklichkeit gar nicht in der Lage, aus eigener Kraft etwas Ähnliches überhaupt auch nur zu versuchen. Es bleibt ihnen nichts übrig, als sich bei der deutschen oder italienischen Kultur als Kostgänger zu etablieren.

Von unseren politischen Demonstrationen ist hier ganz zu schweigen. Auch sie sind gewachsen und nirgendwo künstlich gemacht. Das Zeremoniell beispielsweise des Nürnberger Parteitages stellt etwas ganz Einmaliges und durchaus Neuartiges dar. Jede der vielen Kundgebungen auf dem Parteitag hat ihren eigenen Stil und besitzt eine ihr gemäße Ausdrucksform. Die ist nicht etwa am Schreibtisch erdacht oder den Ver­an­staltungen künstlich aufgepfropft worden. Sie ist allmählich gewachsen, aus der Praxis, aus dem Bedürfnis und aus einem inneren Form- und Gestaltungsgefühl heraus. In ihrer Gesamtheit stellt sie den großen, neuen und modernen politischen Stil dar, und sie ist damit auch ein Kulturausdruck unserer Zeit.

Das können die Demokratien nicht einmal verstehen, geschweige nachahmen oder gar selbst in einer ihnen gemäßen Art erfinden. Sie haben nicht die Kraft, die Massen zu organisieren und ihnen einen einheitlichen Willen aufzuprägen. Sie berufen sich zwar auf die Massen, aber heimlich haben sie Angst vor ihnen — und treten sie an sie heran, so stellt das meistens eine ganz klägliche und schlechte Kopie unseres Umgangs mit dem Volke dar. Das wirkt für den Kenner lächerlich und manchmal direkt aufreizend.

So pflegten auch früher in der Systemzeit die bürgerlichen Parteien mit dem Volke umzu­gehen. Sie traten an die breiten Millionenmassen überhaupt nur heran, wenn ihnen das Wasser bis zum Halse stand. Sie waren für sie nur Sprungbrett zur Macht, die sie erobern wollten, oder Stütze für die Macht, die sie besaßen. Wir erinnern uns heute noch mit Vergnügen beispielsweise der propagandistischen Methoden der sogenannten „Zentrale für Heimatdienst“, die die Aufgabe hatte, der Propaganda der national­sozialistischen Bewegung entgegenzutreten. Damals erschien in der deutschen Öffent­lichkeit ein Plakat, auf dem zu sehen war, wie eine Männerfaust einer züngelnden Schlange den Hals zudrückte. Dieses Plakat sollte die Umklammerung der national­sozialistischen Bewegung durch die bürgerlichen Parteien darstellen. Es war so kindisch und albern, daß es in den Reihen der nationalsozialistischen Bewegung allgemeine Heiterkeit entfachte und demgemäß bald den Beinamen „der Aalhändler“ erhielt. Unter dem stürmischen Gelächter der Öffentlichkeit mußte es dann wieder zurückgezogen werden. Das war einige Monate vor unserer Machtübernahme. Damals noch spotteten unsere Gegner ihrer selbst und wußten nicht wie.

Unterschiede-FlaggeZeigen HJ vs. MJBei uns dagegen war der politische Stil gewachsen. Unsere Propaganda, unsere Politik, unsere Demonstra­tio­nen waren Aus­drucks­for­men un­se­res politischen Willens und unse­res kämp­fe­rischen Tempera­ments. Hier bildete sich in jahre­langer For­mungs­arbeit ohne jedes Pathos und ohne jede Absicht­lich­keit ein neues Lebens­­gefühl. Das alles hat uns jene ungeheure, durch­schlagende Sieg­haftig­keit ver­liehen, mit der wir in der entscheidenden Stunde unsere Gegner zu Boden warfen. Es gab uns ihnen gegenüber ein souveränes Überlegenheitsgefühl, und zwar nicht nur im Politischen, sondern auch im Kulturellen.

Steht es nun um die Demokratien Westeuropas heute nicht ähnlich, wie es damals um die bürgerlichen Parteien stand? Sie reden von etwas, was sie gar nicht kennen, und führen im Munde, was sie selbst nicht besitzen. Ihre politische Beweisführung strotzt von undurchdachten Gemeinplätzen. Die Phrasen, mit denen sie uns entgegentreten, sind müde und verbraucht. Ihr ehrwürdiges Alter zeugt weniger für ihre Weisheit als vielmehr für ihre Überlebtheit. Darum haben wir keinen Grund, uns mit ihnen auf diesem Gebiet in ein polemisches Gespräch einzulassen. Ihrer Kritik gegenüber bleiben wir stolz und unnahbar. Denn was wir sind, das wissen wir selbst sehr genau. Das braucht uns nicht mehr von unseren Gegnern bestätigt zu werden.

Der Geist, der uns beseelt, besitzt heute gottlob auch die Waffen, mit denen er sich, wenn die überalterten Demokratien in ihrer letzten Verzweiflung zum Angriff gegen uns vorgehen sollten, wirksam zur Wehr setzen könnte.

Der neue Stil, der unserem gequälten Erdteil bereits ein anderes Gesicht formt, ist von uns gebildet worden. Unter seinem unaufhaltsamen Wirken ist ein besseres Europa im Werden — ein Europa der Ordnung, des gerechten Ausgleichs und des darauf beruhenden Friedens.

Wir aber sind seine Fackelträger!

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Quelle: https://ia800308.us.archive.org/25/items/Goebbels-Joseph-Die-Zeit-ohne-Beispiel/GoebbelsJoseph-DieZeitOhneBeispiel1941852S.Text.pdf  – S. 164 (PDF S.90)