Ein bemerkenswerter Artikel (Auszug) aus DIE WELT

Wie kommt die MS-Presse nur darauf, die Bolschewisten von damals mit dem IS von heute zu vergleichen???
Da könnte man ja fast  auf die dumme Idee kommen, es könnten  die gleichen „Köpfe“ dahinterstecken — aber das wäre bestimmt nur ’ne Verschwörungstheorie…

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Vergewaltigt, geköpft und erschossen von Betrunkenen: Der Autor Douglas Smith erzählt vom blutigen Untergang des russischen Adels. Was 1917 im Namen des Kommunismus  geschah, erschüttert bis heute.

 Wer „nur“ Schneeschippen musste, hatte noch Glück. Nach der Oktoberrevolution wurde über ganze Bevölkerungskreise neu verfügt. Viele kamen mit dem Leben nicht davon.

Wer „nur“ Schneeschippen musste, hatte noch Glück. Nach der Oktoberrevolution wurde über ganze Bevölkerungskreise neu verfügt. Viele kamen mit dem Leben nicht davon. (Foto: Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst)

 

Im Februar 1917 war die Gräfin Kleinmichel gerade dabei, sich mit ein paar Gästen in St. Petersburg – das damals noch Petrograd hieß – zum Abendessen niederzulassen, als plötzlich ihre Diener in den Saal strömten. „Fort! Fort!“, riefen sie, „die Hintertür ist von bewaffneten Männern aufgebrochen worden!“ Die Gräfin und ihre Gäste flohen in die verschneite Nacht hinaus. Sie hatten keine Zeit mehr, nach ihren Mänteln zu greifen.

Vom Haus eines ihrer Besucher konnte die Gräfin genau sehen, was sich in ihrer Residenz abspielte: Alle Lichter strahlten hell, auch der Kronleuchter im Ballsaal, der seit Kriegsbeginn nicht mehr gebrannt hatte. Männer mit Gewehren, Stöcken, Äxten, Bajonetten rannten durch die Zimmer, rissen Vorhänge herunter, schleppten noch mehr Tische und Stühle in den Speisesaal. Und nun erschien der Butler der Gräfin Kleinmichel mit Besteck und Tellern und Suppenterrinen. Die Diener setzten sich zu den rauen Gesellen, sie erhoben die Gläser, und durch die Fensterscheiben konnte die Gräfin sehen, wie sie stumme Trinksprüche ausbrachten.

Die Gräfin Kleinmichel kam vergleichsweise glimpflich davon. Paul Grabbe, der Sohn eines zaristischen Generals, erinnerte sich später, wie er aus seinem Fenster schaute und einen Holzstapel sah, der mit frischem Schnee bedeckt war. Merkwürdig kam ihm vor, dass den Stämmen Arme und Beine wuchsen. Dann begriff er, dass er die Leichen ermordeter Polizisten sah.

Harter Hass auf die „Burschui“

Einem Husaren-Gardeoffizier geschah damals nach Angaben seiner Ordonnanz Fol­gendes: Zuerst rissen seine Soldaten ihm ein Auge heraus. Dann zwangen sie ihn zuzuschauen, wie sie seine Kameraden ermordeten. Dann rissen sie ihm auch das andere Auge heraus, brachen ihm Hände und Füße und folterten ihn zwei Stunden lang, indem sie ihn auf ihren Bajonetten aufspießten und mit Gewehrkolben bearbeiteten, bis er endlich starb.

Der Hass der Volksmassen auf die burschui  tobte sich beinahe ungehindert aus. Die burschui  – die Bourgeois – waren keine fest umrissene Gesellschaftsklasse; gemeint waren einfach alle, denen es besser ging: die Großkopfeten, unter ihnen die Ange­hörigen der russischen Aristokratie.

Ein paar Monate nach den geschilderten Ereignissen wurde die Regierung über Nacht weggeputscht. Ein Trupp bewaffneter Revolutionäre marschierte ins Winterpalais, ohne dass ihm jemand nennenswerten Widerstand geleistet hätte. Scharen von Arbeitern, Soldaten, Matrosen plünderten den Weinkeller des Zaren, betranken sich sinnlos, ermordeten burschui  auf der Straße und in ihren Häusern. […]

Das Chaos dauerte wochenlang; es endete erst, als die letzte Flasche ausgetrunken war. In die Geschichte ist jenes Riesenbesäufnis bekanntlich als „große sozialistische Okto­berrevolution“ eingegangen. Der Schriftsteller Maxim Gorki klagte damals aber, man habe es gar nicht mit einer Revolution zu tun, sondern mit „einem Pogrom der Habgier, des Hasses und der Rache„. Hinterher wurden Aristokraten von den Bolschewiki danach als „ehemalige Leute“ bezeichnet; manchmal auch als „die noch Unge­schlachteten“.

Rein sportlich muss man zugeben, dass der bolschewistische Putsch der erfolgreichste Raubüberfall der Geschichte war. Zwischen dem November 1917 und dem Ende des Bürgerkrieges übertrugen die Bolschewiki beinahe den gesamten öffentlichen und privaten Besitz des Landes in ihre eigenen Hände — an die 160 Milliarden Dollar.

Ein lukratives Geschäft für Geiselnehmer

Sehr beliebt wurde es damals, Aristokraten als Geiseln zu nehmen und von ihren Ange­hörigen Lösegeld zu erpressen. Lenin wusste nicht nur davon, sondern förderte diese Praxis sogar. Bald taten es die Kriminellen den Bolschewiki nach und gaben sich dabei als Funktionäre des Sowjetstaates aus. Bald klauten Banden im gesamten Land alles, was nicht niet- und nagelfest war, vor allem Autos.

[…] Es gibt in dem Buch von Douglas Smith auch einen Helden, den heute beinahe ver­gessenen russischen Nobelpreisträger Iwan Bunin. Im Frühling 1918 siedelte er sich mit seiner Frau in Odessa an und verhehlte nicht seine Abscheu vor dem bol­sche­wisti­schen Pack, das er in seinem Tagebuch wie folgt beschrieb: „Matrosen mit gewaltigen Brownings am Gürtel, Taschendiebe und Verbrecher, glattrasierte Dandys in Uni­form­jacken und unzüchtigen Reithosen, in stutzerhaften Stiefeln, unbedingt mit Sporen, aber mit Goldzähnen und großen, dunklen Kokainaugen.“

[…]

Das oben beschriebene Massenbesäufnis führte zu einem Bürgerkrieg, der zu den großen Kataklysmen der europäischen Geschichte gehört. Es ist zu einfach, wenn man sagt, dass dabei die „Weißen“ gegen die „Roten“ kämpften, denn die „Weißen“ waren in Wahrheit ein Bündnis, zu dem Monarchisten und Kosaken ebenso gehörten wie radikale Sozialisten; mittendrin die ukrainischen Anarchisten des Nestor Machno; gleichzeitig erkämpften sich verschiedene Nationalitäten wie die Finnen ihre Unabhängigkeit. Es war ein ungeheures Gemetzel, und am Ende waren zehn Millionen Menschen tot, fast alles Zivilisten.

[…] Aber die „Roten“ verstanden sich genauso gut auf Schlächtereien: Eines Nachts wurden 25 Aristokraten, die von den Bolschewiki als Geiseln festgehalten wurden, zu einem Friedhof geführt, dann mussten sich 15 Männer an den Rand eines frisch ausgehobenen Grabes stellen, dann hoben die Henker ihre Schwerter. Da sie nicht gut mit diesen altertümlichen Waffen umgehen konnten, säbelten und hackten sie eine Stunde lang herum, bis es ihnen gelungen war, ihre Opfer zu enthaupten. Hätten sie Mobiltelefone gehabt, hätten sie, daran besteht kein Zweifel, Videos von dieser Hinrichtung gedreht – so mussten sie sich damit begnügen, lauthals mit ihren Schindereien anzugeben.

 

Auch die Hinrichtung der Zarenfamilie gestaltete sich blutig, chaotisch und brutal. In den frühen Morgenstunden des 17. Juli 1918 wurden Zar Nikolaus, seine Gattin Ale­xan­dra, ihre fünf Kinder, ihre verbliebenen drei Diener und ihr Leibarzt geweckt. Sie mussten sich vor einer Wand aufstellen, dann wurde zehn Minuten lang geschossen und mit Bajonetten in noch zuckende Leiber hineingestochen.

Notabene: Jene Bestien, die da Kinder niedermetzelten, waren keine religiösen Fun­damen­talisten. Sie mordeten nicht zur höheren Ehre Allahs, sondern im Namen der Aufklärung und des entwickelten wissenschaftlichen Sozialismus.

[…]

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Quelle (gekürzt, verlinkt & leicht editiert)

Siehe auch:

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