von Egon W. Kreutzer
(Auszug)

Vorwort:

Viele Hunde sind des Hasen tot. Ist der Hase aber tot, verhungern die Hunde.

Das Interesse der Hunde muss also eigentlich darin bestehen, entweder sich selbst nur so weit zu reproduzieren, dass stets genügend Hasen für alle Hunde da sind — oder die Bedingungen für die Reproduktion der Hasen so zu gestalten, dass die Vermehrung der Hasen mit der Vermehrung der Hunde schritthalten kann.

Zu viele Ausbeuter ruinieren den Bestand der Auszubeutenden.

Tatsächlicher Reichtum entsteht ausschließlich durch die Arbeit von Menschen, und er kann nur durch die Arbeit von Menschen erhalten werden. Mit tatsächlichem Reichtum kann aber nicht Geld gemeint sein. Geld ist eine Fiktion, die immer nur so lange funk­tioniert, wie es Menschen gibt, welche die von ihnen geschaffenen Werte gegen Geld eintauschen.

Kein Reicher kann für sich alleine nur von seinem Geld existieren.

Das Gesetz der optimalen Reproduktionsrate ist aber ebenfalls viel universeller, als es der erste Anschein ahnen lässt: Einerseits schließt es nämlich eine Gesetzmäßigkeit der optimalen Lebensdauer ein, andererseits gilt es nicht nur für belebte, sondern für alle Formen der Materie — insbesondere aber für die Erzeugnisse der industriellen Pro­duk­tion.

Der Aspekt der optimalen Lebensdauer innerhalb dieses Gesetzes besagt, dass ein durchschnittliches Leben umso länger sein kann, je geringer die Reproduktionsrate ausfällt — und dass ein durchschnittliches Leben umso kürzer sein muss, je größer die Reproduktionsrate ist. Diese Gesetzmäßigkeit gilt ebenso für Organisationen, deren Existenzzweck die Herstellung von Reproduktionen ist.

Ein Unternehmen, das Küchenherde nach einem einmal konstruierten Modell kon­kur­renz­los herstellt, sie also beständig reproduziert, wird umso länger existieren können, je weniger Herde es pro Periode erzeugt. Erzeugt es den gesamten Bedarf an Küchen­herden innerhalb einer einzigen Periode, ist es anschließend nahezu überflüssig — es sei denn, die Lebensdauer der Küchenherde ist so kurz, dass sie bereits nach einer Periode vollständig ersetzt werden müssen. Mit jedem aufkommenden Wettbewerber und dessen zusätzlichem Angebot verschärft sich die Situation.

Bei vielen Produkten der elektronischen Industrie ist der Zustand, in dem Produkt­ent­wick­lungs­zyklen und Produktlebensdauer ungefähr gleich lang sind, längst erreicht. Die Industrie lebt nur noch, weil es ihr gelingt, immer schneller immer neuen, glän­zen­den Schrott herzustellen, der pünktlich zum Erscheinen der nächsten Hard­ware­gene­ra­tion oder Softwareversion seinen Wert nahezu vollständig verliert, also ersetzt werden muss.  […]  Das einzelne Unternehmen, will es im Wettbewerb überleben, ist ge­zwun­gen, möglichst schnell möglichst große Mengen möglichst schnell veraltender Produkte zu erzeugen […]  

Der zwingend erforderliche Partner jeder reproduzierenden Organisation – der End­kunde – kann dieses Spiel aber aus mehreren Gründen nur begrenzt mitspielen: Häufig sind seine finanziellen Mittel begrenzt, so dass er gar nicht so häufig nach­kaufen kann, wie das theoretisch erforderlich wäre. Oft empfindet er es auch als lästig, dem rapiden Verfall der von ihm erworbenen Produkte zusehen zu müssen, und hält an irgendeinem einmal erreichten Stand der Kunst so lange fest, bis es wirklich nicht mehr anders geht […]

In Bezug auf die Verteilung von Macht, Eigentum und Gewalt in der Gesellschaft besagt das Gesetz der optimalen Reproduktionsrate, dass die Zahl der Reichen umso kleiner sein muss, je größer das Einzelvermögen und je länger das Vermögen insgesamt erhal­ten werden soll. Es besagt weiter, dass eine Ausweitung des Reichtums auf viele Reiche nur gelingen kann, wenn vorhandener Reichtum neu verteilt wird — oder die Zahl der reichtumschaffenden Menschen und/oder ihre Produktivität wachsen. Letzteres erfor­dert aber zusätzliche Ressourcen, wodurch nicht nur im Sandkastenmodell eines end­lichen Planeten die Ausweitung des Reichtums beschränkt wird. Er besagt somit letzt­lich, dass eine rückläufige Bevölkerungsdichte zu einer gleichmäßigeren Verteilung von Eigentum und Vermögen führt, während Bevölkerungswachstum zum Anwachsen der Ungleichgewichte führt. Dies muss vielleicht kurz erläutert werden:

Rückläufige Bevölkerungsdichte verknappt – und verteuert damit – das Angebot an leistungsbereiten (weil hungrigen) Arbeitskräften. Die Aufrechterhaltung der luxuriösen Lebenshaltung und die Verteidigung des angesammelten Vermögens werden also auf­wändiger — und zugleich verteilen sich die dafür aufgewendeten Mittel auf eine klei­nere Zahl von Empfängern; das Wohlstandgefälle schwindet also. Eine wachsende Bevölkerung muss hingegen mehr Mäuler stopfen. Ihre einzelnen Exemplare stehen im ruinösen Wettbewerb um die Arbeitsplätze, verdingen sich zu Minimallöhnen und ermöglichen den wohlhabenden Arbeitsplatzbereitstellern damit stetig wachsende Gewinne.

Dass es in Deutschland immer noch eine große Anzahl von Politikern gibt, die den Rückgang der Bevölkerungsdichte als Katastrophe ansehen, deutet darauf hin, dass die PISA-Problematik auch schon vor Beginn der international genormten Wissens- und Verständnistests bestanden haben muss.

Bis hierher waren das Gedanken, die ich vor rund 10 Jahre im letzten Band von „Wolf’s wahnwitzige Wirtschaftslehre – Eigentum und Teilhabe“ formuliert habe.

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Diese Gedanken erneut zu betrachten und zu bewerten, ist mir wichtig, weil diese damals eher abstrakten und sowohl in eine positive als auch eine negative Richtung vorgetragenen Überlegungen in der Situation einer akuten Migrationswelle ein bedeutsames Argument transportieren:

Der Vorwurf, Kritik an der Migrationspolitik der Bundesregierung sei überholtes, nationalstaatliches Denken, also „rechts“ und „pfui“, man dürfe die Grenzlinie nicht zwischen Staaten sehen, sondern müsse die Frontlinie zwischen Arm und Reich beachten, folglich hätten sich die Armen zu solidarisieren und die Zuwanderung der Ärmsten zu begrüßen, statt sich gegenseitig abzulehnen und zu bekämpfen, folgt zwar alten Kampfrichtlinien der sozialistischen Internationale, verkennt aber, dass die For­de­rung nach Begrenzung der Zuwanderung und nach Unterbindung unkontrollierter Zuwanderung zwar faktisch auf die Grenzen des Nationalstaats bezogen ist, weil nur der in der Lage ist, regulierend einzugreifen, aber im Grunde darauf abzielt, die von den Reichen gegen die weniger Reichen und Armen in Stellung gebrachte Migra­tions­waffe abzuwehren.

Es gibt ein gesundes, ausbalanciertes Verhältnis zwischen der Masse der Bevölkerung und jenen aus dieser Masse hervorgegangenen Gruppen von Kapitaleignern und poli­tischen Führern. Ein Verhältnis, bei dem das Angebot an Arbeitsplätzen und das Ange­bot an Arbeitskräften so ausgeglichen ist, dass keine Seite mit dem Argument der Knapp­heit die andere Seite auf erpresserische Weise benachteiligen kann.

Es ist im Grunde selbstverständlich, dass steigende Produktivität, die mit einem rück­läufigen Angebot an Arbeitsplätzen einhergeht, sinnvollerweise mit einem rück­läu­figen Angebot an Arbeitskräften darauf reagiert, um diese allen gleichermaßen dienende Balance zu erhalten. Solche Maßnahmen sind primär die Verkürzung der Arbeitszeit, pro Tag, pro Woche, pro Jahr – und die Vorverlegung des Renteneintrittsalters.

Wird dies nicht wahrgenommen, der Ausgleich nicht hergestellt, führt diese Schieflage – ausgehend von der Arbeitslosigkeit – zur Minderung des Wohlstands breiter Schichten — wobei jene, die noch nicht der staatlichen Alimentation anheimgefallen sind, deren Einkommens- und Zukunftsaussichten jedoch immer bescheidener werden, durch den ängstlichen Verzicht auf eigene Nachkommen ebenfalls einen Beitrag dazu leisten, dass die Nachfrage nach Arbeit nicht mehr auf ein hungerndes Überangebot, sondern auf ein kleineres, aber ausreichendes Potential trifft, das nur erschlossen werden kann, wenn eine gerechte Teilhabe am Erfolg angeboten wird.

Insofern ist die seit vielen Jahren immer lauter werdende Forderung, ausländische Fach­kräfte ins Land zu holen – während die Zahl der Arbeitslosen, der Unter­beschäf­tigten und der prekären Arbeitsverhältnisse wächst oder auf hohem Niveau stagniert – sehr leicht als der Versuch zu entlarven, den gewinnbringenden, weil kosten­senkenden Sockel der Arbeitslosigkeit zu erhalten und weiter aufzubauen.

Dass ein Staat wie Deutschland nicht mehr lebensfähig sei, wenn sich die Bevölke­rungs­dichte um zehn oder zwanzig Prozent verringert, ist eine Aussage, die mit einem einzigen Blick über die Grenzen so leicht widerlegt werden kann, dass die Frech­heit, mit der sie vorgetragen wird, kaum noch zu überbieten ist.

Deutschland hat rund 227 Einwohner pro Quadratkilometer.

China bringt es nur auf 141 – und, ruft China dringend nach Zuwanderung?

In den USA teilen sich 32 Menschen einen Quadratkilometer, in Schweden sind es 24, in Österreich 98, in Frankreich 102, usw., usw.

Wir brauchen weißgott keine Zuwanderung, um genügend Menschenmaterial für die Bewirtschaftung unserer Landfläche zur Verfügung zu haben. Im Gegenteil! Wir treten uns gegenseitig auf die Füße und sind gezwungen, das Land durch intensive Nutzung auszubeuten und zu verschmutzen, entziehen uns also, wie im über­be­leg­ten Maststall, gegenseitig die Lebensgrundlagen, engen unsere Freiheiten ein und treffen überall auf verteuernde Knappheit.

 

Fachkraft - wpid-img_20150109_153445Nun heißt die zweite Legende, mit den Zuwanderern kämen die dringend benötigten Fachkräfte zu uns und würden erstens: für sich selbst sorgen, zweitens: unseren Wohlstand mehren und drittens: dafür sorgen, dass unser Rentensystem nicht zusammenbricht.

Rechnungen sind dazu genug aufgestellt, aus denen sich jeder die seiner Argumentation dienliche auswählen kann. […]

Vermutlich gab es schon vor den Kriegen eher weniger Fachkräfte in den Herkunfts­ländern, als dort benötigt wurden. Wenn jetzt diejenigen, die tatsächlich auch bei uns gebraucht werden können, ihre Hei­mat verlassen, um in Deutschland in den Ver­drän­gungs­wett­bewerb um die Arbeitsplätze einzugreifen, wird das nicht nur ihre Heimat­länder weiter schwächen und destabilisieren, sondern auch uns, die wir sie auf­neh­men.

Der Ruf nach ausländischen Fachkräften war und ist von Anfang an eine besonders infame Form der Ausbeutung der Herkunftsländer.

Diesen Ruf nach Fachkräften immer noch erschallen zu lassen, während Millionen sich auf die Wanderschaft machen, weil „westliche Werte“ es erforderlich machen, ihre Hei­mat mit Krieg zu überziehen und in unwirtliche Wüsteneien zu verwandeln — und gleichzeitig die Sorgen der einheimischen Bevölkerung als unsozialen Egoismus und Fremdenhass zu verhöhnen: das ist der voll entbrannte Krieg Reich gegen Arm.

Da werden Menschen wie Wildpferde durch die Steppe gejagt, in schon überfüllte Kop­peln getrieben, dort bunt durcheinander zusammengepfercht und nach Bedarf heraus­geholt und selektiert. Was sich zureiten lässt, geht auf den Pferdemarkt, was bockig bleibt, bekommt der Pferdemetzger.

Die Cowboys, die so durch die Lande ziehen, haben keine Beziehung zu den Land­schaf­ten, durch die sie streifen, und auch nicht zu den Kreaturen, die sie jagen, um sie zu verwerten. Es ist ihr Geschäft, und das beherrschen sie perfekt.

Humanität ist es etwas ganz anderes als dieses Geschäft.

Weil aber für echte Humanität offenbar kein Platz ist, wo westliche Werte hochgehalten werden, appelliert man an die Legehennen in ihren Käfigen, sie müssten noch ein biss­chen enger zusammenrücken, um Platz zu machen für viele, viele Artgenossen, die sonst draußen frieren müssen.

Dass man vorher deren Nester in Brand gesteckt hat, das können die da drinnen, abge­schirmt von der Außenwelt, angewiesen auf die Wahrheiten, die man ihnen selbst ver­kauft, ja gar nicht wissen. [AdR.: Oh doch! Die meisten wollen es gar nicht…]

Und dass die Neuankömmlinge, sollten sie mit weniger Futter mehr und größere Eier legen, die Verwandlung der Alteingesessenen in Hühnersuppenextrakt beschleunigen, das ist halt Schicksal — und der Lohn für ihre „Humanität“.
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„Nur Hunger macht wirklich reich“,
das ist die Grundthese des Kapitalismus.

„Wer Wind sät, wir Sturm ernten“,
sagt die Bibel.

Was werden wohl die als Ernte einfahren,
die damit begonnen haben, Sturm zu säen?

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TextQuelle (leicht editiert): Egon W. Kreutzer – Paukenschlag am Donnerstag

Siehe auch:

…zum Vergleich:

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