Es ist fast wieder wie vor 13 Jahren. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte damals zu Beginn seiner zweiten Amtszeit mit der Agenda 2010 und der so genannten Hartz-Kommission einen Paukenschlag gesetzt, der in einer totalen Umgestaltung der Republik münden sollte.

Gabriel, Sigmar - Agenda2010Offiziell erklärtes Ziel war die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit — bekämpft wurden jedoch Be­schäf­tigte und Arbeitslose glei­cher­maßen; statt eines Auf­schwungs am Arbeits­markt machten sich Leiharbeit, Ein-Euro-Jobs und immer mehr prekäre Voll- und Teil­zeit­beschäf­tigungs­ver­hält­nisse breit. Ausgelöst worden war dies von dem geradezu verbrecherischen Streben, die gesamte EU – mit Deutschland als Loko­motive voran – zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum des Planeten umzu­gestalten.

„Wettbewerbsfähig“ hieß in diesem Zusammenhang allerdings vor allem und in erster Linie und primär und alternativlos: Runter mit den Löhnen, runter mit den Lohnnebenkosten, runter mit den Lohnersatzleistungen, runter mit den Sozial­transfers — also: immer feste drauf, auf die Kleinen. Nicht in der Über­zeugung: Kleinvieh macht auch Mist, sondern in der Überzeugung: Nur Kleinvieh macht Mist!

Begleitend dazu begann in Wirtschaft und in den öffentlichen Verwaltungen ein Personalabbau sondergleichen. Zum Teil durch Firmenpleiten, zum Teil durch Rationalisierungen, zum Teil durch Outsourcing in Billiglohnländer, zum Teil nur aus einem idiotischen Sparwettbewerb des Bundes, der Länder und der Kommunen, so dass in wenigen Jahren Millionen von einst unterhaltssichernden Arbeitsplätzen vernichtet und – wenn überhaupt – durch schlechter bezahlte Jobs ersetzt wurden.

Merkel - Deutschlands Chancen...Nun scheint es in eine neue Runde zu gehen. In den letzten Wochen tauchten bereits wieder viele Meldungen über bevorstehenden Arbeitsplatzabbau in nicht über­seh­baren Größenordnungen auf. Waren es die bekannten „bedauerlichen Einzel­fälle“? Oder kommt wieder etwas Großes auf uns zu?

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Die erste wirklich große Schockwelle kam mit dem so genannten „Abgas-Skandal“ bei VW. Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass weder die von den USA angekündigten milliardenschweren Strafzahlungen, noch die von der Regierung ausgesprochene hektische Verpflichtung zum Rückruf von Millionen Fahrzeugen von Höhe bzw. Umfang her in irgendeiner Weise gerechtfertigt wären. Es scheint aber so, dass sich kein Bundeswirtschaftsminister finden mag, der schützend seine Hand über einen der wichtigsten Arbeit- und Auftraggeber der Republik halten will, sondern dass man stattdessen ganz versessen darauf zu sein scheint, VW so weit wie möglich an den Rand des Abgrunds zu drängen. Auch vom Bundesland Nie­der­sachsen, Großaktionär bei VW, sind keine vernünftigen Töne zur Schadens­begrenzung zu hören. Und VW selbst? In Wolfsburg scheint man sich der Tatsache zu erinnern, dass in jeder Krise auch eine Chance liegt und spricht – noch nicht quantifiziert – davon, dass der Schaden, trotz schon beschlossener Einsparungen bei den Investitionen, wohl kaum ohne Personalabbau zu bewältigen sein wird. Dass man sich zunächst von den Leiharbeitern trennen wird, scheint bereits beschlossene Sache. Zahlen gibt es nicht.

Wissen sollte man, dass VW weltweit etwa 600.000 Mitarbeiter beschäftigt, davon die Hälfte in Deutschland. Von diesen 300.000 hierzulande könnten nach meiner Einschätzung durchaus 10 bis 15 Prozent als Leiharbeiter beschäftigt sein. Hinzu kommt eine große Zahl befristet Beschäftigter.

Fraglos wird es aufgrund der absolut einseitigen und rufschädigenden Bericht­erstattung und der Demutshaltung gegenüber den Anklägern aus den USA bei VW zu einem deutlichen Umsatzrückgang kommen. Umsatzrückgänge verringern die Auslastung der Werke – und das bringt die Kalkulation durcheinander. Je weniger Autos gebaut werden, desto mehr der insgesamt anfallenden Kosten entfallen auf das einzelne Produkt. Je kapitalintensiver ein Unternehmen, desto stärker die negativen Auswirkungen. Es können also nicht nur diejenigen Beschäftigten freigestellt werden, für die es keine Arbeit mehr gibt, es müssen darüberhinaus weitere freigestellt werden, um die steigenden Stückkosten zu begrenzen und „wettbewerbsfähig“ zu bleiben. Vorsichtig, ja optimistisch geschätzt, wird VW in Deutschland im nächsten Jahr ca. 5 Prozent weniger Neuwagen produzieren. Um dies aufzufangen, wird VW sich von ungefähr 30.000 Mitarbeitern trennen müssen. Eine ähnlich hohe Zahl ist zusätzlich bei den Zulieferern zu erwarten.

Die zweite große Schockwelle wurde dieses Wochenende von der Deutschen Bank ausgelöst. Das inzwischen von vielen als problematisch angesehene Unternehmen, dem ebenfalls – vor allem aus den USA – Milliardenstrafen drohen und das im dritten Quartal des laufenden Jahres einen Verlust von 6,2 Milliarden Euro in die Bücher schreibt, will sich wieder einmal vollkommen neu aufstellen. Dass man sich von der Postbank wieder trennen will, die man – angeblich um das Privat­kunden­geschäft wieder zu beleben – vor ein paar Jahren aufgekauft hat, ist schon länger bekannt. Da geht es um rund 15.000 Arbeitsplätze, und ob es in Deutschland noch eine Bank gibt, die bereit ist, die Postbank zu übernehmen – mit ihren sonderbaren Filialen in den hinteren Krusch-Ecken der Supermärkte, zwischen Gemüseabteilung und Leergut-Automat – ist in Zeiten, in denen den Banken allesamt wegen der Niedrigzinspolitik ein wichtiger Ertragsfaktor weggebrochen und die Ära der Filialschließungen, bedingt auch durch das Online-Banking, noch längst nicht zu Ende ist, in höchstem Maße zu bezweifeln. Doch wenn die Deutsche sich von der Postbank getrennt haben wird – vermutlich für einen Euro an einen österreichischen Investor, der dann die Drecksarbeit übernimmt  (dieses Spiel kennen wir ja schon) – ist der Laden immer noch nicht saniert. Man munkelt, dass noch weitere 10.000 Bankjobs über den Jordan (Anspielung auf den Chef der Schweizer Nationalbank, der mit der Freigabe des Wechselkurses des Franken ein wahres Gemetzel auf den Finanzmärkten ausgelöst hat) gehen werden.

  • Die Deutsche Bahn will 5.000 Stellen streichen. Schuld: Die Lokomotivführer! (hahaha!)
  • Die Zurich Versicherungen wollen sich in Deutschland von 500 Mitarbeitern trennen.
  • Die Landesbank Baden Württemberg will schlanker werden.
  • Tuifly trennt sich von 70 Beschäftigten.
  • Bilfinger, der weltweit aktive Baudienstleister aus Mannheim, kurzzeitig Arbeit­geber von Roland Koch, will die Belegschaft von 70.000 auf 50.000 Mitarbeiter eindampfen.
  • Der Maschinenbauer SPX-Flow aus Unna verlagert 170 von 230 Stellen ins Ausland.

Das alles sind nur wenige Meldungen aus den letzten Tagen. Mit einer gründlichen Recherche würde die Liste sich um viele Einträge verlängern lassen, aber ich will nicht meine alte Statistik neu auflegen, sondern einfach darauf hinweisen, dass sich da wieder etwas kolossal mächtig in Bewegung setzt. 

Aber lassen Sie sich von mir nicht irremachen! 
FachkräfteSolange die deutsche Wirtschaft hände­ringend nach ausländischen Fachkräften ruft und sich um alle hoch­qualifi­zierten Flücht­linge reißt, von denen sie gar nicht genug bekommen kann, solange kann es Deutsch­land gar nicht so schlecht gehen. 

Jedenfalls, wenn man Deutschland nur als „Standort“ betrachtet. 

Losgelöst von den Menschen, die dort heimisch sind, losgelöst von der sowieso im Zusammenbruch befindlichen Rechtsordnung, gestützt auf eine Regierung, deren Agieren in allen Fragen inzwischen unter den noch des Denkens fähigen Deutschen immer befremdlicher wirkt (in diesem Zusammenhang sei nur einmal die selbst­mörderische Hinwendung zur Todesdroge TTIP genannt), lässt sich diesem Deutschland durchaus viel Gutes   – im wahrsten Sinne des Wortes – abgewinnen [AdR: siehe „Kanzler-Eid“ …seinen Nutzen mehren…].

Vorausgesetzt, man kann dort für den Export produzieren lassen.

Solange, bis es nicht mehr geht.

Weil Deutsch kaputt.

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TextQuelle (editiert): EWK 19. Oktober 2015 

Siehe auch:

Zum Vergleich:

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