von Richard Wagner

breker-richard-wagnerAus dem Jahre 1865 fand sich, bei einer neuerlichen Untersuchung meiner Papiere, in zer­stückelten Absätzen das Manuskript vor, von welchem ich heute den größeren Theil, auf den Wunsch des mir für die Herausgabe der »Bayreuther Blätter« verbundenen jüngeren Freundes, der Veröffentlichung für unsere ferneren Freunde des Pat­ronat­vereines zu übergeben mich bestimmt habe.

War die hier vor mir stehende Frage: »was ist deutsch?« überhaupt so schwierig zu beant­worten, daß ich meinen Aufsatz, als un­voll­endet, der Gesammtausgabe meiner Schriften noch nicht beizugeben mich getraute, so beschwerte mich neuerdings wiederum die Aus­wahl des Mitzutheilenden, da ich mehrere in diesen Aufsätzen behandelte Punkte bereits anderswo, namentlich in meiner Schrift über »deutsche Kunst und deutsche Politik«, wei­ter ausgeführt und veröffentlicht hatte. Mögen hieraus Mängel des vorliegenden Aufsatzes erklärt werden. Jedenfalls habe ich aber dießmal die Reihe meiner damals niedergelegten Gedanken erst noch zu schließen, und es wird dieser Schluß, welchem ich nun, nach drei­zehnjähriger neuer Erfahrung, allerdings eine besondere Färbung zu geben habe, demnach mein letztes Wort im Betreff des ange­regten, so traurig ernsten Themas enthalten. Es hat mich oft bemüht, mir darüber recht klar zu werden, was eigentlich unter dem Begriffe »deutsch« zu fassen und zu verstehen sei.

Dem Patrioten ist es sehr geläufig, den Namen seines Volkes mit unbedingter Ver­ehrung anzuführen; je mächtiger ein Volk ist, desto weniger scheint es jedoch darauf zu geben, sei­nen Namen mit dieser Ehrfurcht sich selbst zu nennen. Es kommt im öffentlichen Leben England’s und Frankreich’s bei Weitem seltener vor, daß man von »englischen« und »fran­zösischen Tugenden« spreche, wogegen die Deutschen sich fortwährend auf »deutsche Tiefe«, »deutschen Ernst«, »deutsche Treue« u. dergl. m. zu berufen pflegen. Leider ist es in sehr vielen Fällen offenbar geworden, daß diese Berufung nicht vollständig begründet war. Wir würden aber dennoch wohl unrecht thun anzunehmen, daß es sich hier um gänz­lich nur eingebildete Qualitäten handele, wenn auch Misbrauch mit der Berufung auf die­selben getrieben wird. Am besten ist es, wir untersuchen die Bedeutung dieser Eigenthüm­lichkeit der Deutschen auf geschicht­lichem Wege.

Das Wort »deutsch« bezeichnet nach dem Ergebniß der neuesten und gründlichsten For­schungen nicht einen bestimmten Volksnamen: es giebt kein Volk in der Geschichte, wel­ches sich den ursprünglichen Namen »Deutsche« beilegen könnte. Jakob Grimm hat dage­gen nachgewiesen, daß »diutisk« oder »deutsch« nichts anderes bezeichnet als das, was uns, den in uns verständlicher Sprache Redenden, heimisch ist. Es ward früh­zeitig dem »wälsch« entgegengesetzt, worunter die germanischen Stämme das den galisch-keltischen Stämmen Eigene begriffen. Das Wort »deutsch« findet sich in dem Zeitwort »deuten« wieder: »deutsch« ist demnach, was uns deutlich ist, somit das Vertraute, uns Gewohnte, von den Vätern Ererbte, unserem Boden Entsprossene. Auffallend ist nun, daß nur die Völker, welche diesseits des Rheines und der Alpen verblieben, sich mit dem Namen »Deutsche« zu bezeichnen begannen, als Gothen, Vandalen, Franken und Longobarden ihre Reiche im übrigen Europa gegründet hatten.

Während der Name der Franken sich auf das ganze große eroberte gallische Land aus­dehnte, die diesseits des Rheines zurückgebliebenen Stämme aber sich als Sachsen, Bay­ern, Schwaben und Ostfranken konsolidirten, kommt zum ersten Male bei Gelegenheit der Theilung des Reiches Karl’s des Großen der Name »Deutschland« zum Vorschein, und zwar eben als Kollektivname für sämmtliche diesseits des Rheines zurückgebliebenen Stämme. Es sind damit also diejenigen Völker bezeichnet, welche, in ihren Ursitzen ver­bleibend, ihre Urmuttersprache fortredeten, während die in den ehemaligen romanischen Ländern herrschenden Stämme die Muttersprache aufgaben. An der Sprache und der Urheimath haftet daher der Begriff »deutsch«, und es trat die Zeit ein, wo diese »Deut­schen« des Vortheils der Treue gegen ihre Heimath und ihre Sprache sich bewußt werden konnten; denn aus dem Schooße dieser Heimath ging Jahrhunderte hindurch die unver­siegliche Erneuerung und Erfrischung der bald in Verfall gerathenden ausländischen Stämme hervor. Aussterbende und abgeschwächte Dynastieen ersetzen sich aus den ur­sprünglichen Heimathsgeschlechtern. Für die verdorbenen Merovinger traten die ostfrän­kischen Karolinger ein, den entarteten Karolingern nahmen endlich Sachsen und Schwaben die Herrschaft der deutschen Lande ab; und als die ganze Macht des romanisirten Fran­kenreiches in die Gewalt der reindeutschen Stämme überging, kam die seltene, aber be­deutungsvolle Bezeichnung »römisches Reich deutscher Nation« auf. Aus dieser uns ver­bliebenen glorreichen Erinnerung konnte uns endlich der Stolz erwachsen, mit welchem wir auf unsere Vergangenheit zurückzusehen genöthigt waren, um uns über die Verkom­menheit der Zustände der Gegenwart zu trösten.

Kein großes Kulturvolk ist in die Lage gekommen, sich einen phantastischen Ruhm aufzu­bauen, wie die Deutschen. Welchen Vortheil uns die Nöthigung zu solchem phantastischen Aufbau aus der Vergangenheit bringen möchte, kann uns vielleicht klar werden, wenn wir zuvor die Nachtheile derselben uns vorurtheilsfrei deutlich zu machen suchen. Diese Nach­theile finden sich zu allernächst unleugbar auf dem Gebiete der Politik. Eigen­thüm­licher Weise tritt uns aus geschichtlicher Erinnerung die Herr­lich­keit des deutschen Namens gerade aus derjenigen Periode entgegen, welche dem deutschen Wesen verderblich war, nämlich der Periode der Macht der Deutschen über außerdeutsche Völker. Der König der Deutschen hatte sich die Bestätigung dieser Macht aus Rom zu holen; der römische Kaiser gehörte nicht eigentlich den Deutschen an. Die Römerzüge waren den Deutschen verhaßt und konnten ihnen höchstens als Raubzüge beliebt gemacht werden, bei denen es ihnen auf möglichst schnelle Rückkehr in die Heimath ankam. Verdrossen folgten sie dem römischen Kaiser nach Italien, sehr bereitwillig dagegen ihrem deutschen Fürsten in die Heimath zurück. Auf diesem Ver­hält­nisse begründete sich die stete Ohnmacht der sogenannten deutschen Herr­lich­keit. Der Begriff dieser Herrlichkeit war ein undeutscher.

Was die eigentlichen »Deutschen« von den Franken, Gothen, Longobarden u.s.w. unter­scheidet, ist, daß diese im fremden Lande sich gefielen, dort niederließen und mit dem fremden Volke bis zum Vergessen ihrer Sprache und Sitte sich vermischten. Der eigent­liche Deutsche, weil er sich im Auslande nicht heimisch fühlte, drückte dagegen als stets Fremder auf das ausländische Volk, und auffallender Weise erlebten wir es bis auf den heutigen Tag (1865), daß die Deutschen in Italien und in den slavischen Ländern als Be­drücker und Fremde verhaßt sind, während wir die beschämende Wahrheit nicht abwei­sen können, daß deutsche Volkstheile unter fremdem Scepter, sobald sie in Bezug auf Sprache und Sitte nicht gewaltsam behandelt werden, willig ausdauern, wie wir dieß am Elsaß vor uns haben.

Mit dem Verfalle der äußeren politischen Macht, d. h. mit der aufgegebenen Bedeut­sam­keit des römischen Kaiserthumes, worin wir gegenwärtig den Untergang der deutschen Herr­lichkeit beklagen, beginnt dagegen erst die rechte Entwickelung des wahrhaften deutschen Wesens. Wenn auch im unleugbaren Zusammenhange mit der Entwickelung sämmtlicher europäischen Nationen, verarbeiten sich doch deren Ein­flüsse, namentlich die Italiens, im heimischen Deutschland auf so eigenthümliche Weise, daß nun, im letzten Jahrhundert des Mittelalters, sogar die deutsche Tracht in Europa vorbildlich wird, während zur Zeit der sogenannten deutschen Herrlichkeit auch die Großen des deutschen Reiches sich römisch­byzantinisch kleideten. In den deutschen Niederlanden wetteiferte deutsche Kunst und Industrie mit der italienischen in deren glorreichster Blüthe. Nach dem gänzlichen Verfalle des deutschen Wesens, nach dem fast gänzlichen Erlöschen der deutschen Nation in Folge der unbe­schreib­lichen Verheerungen des dreißigjährigen Krieges, war es diese innerlichst heimische Welt, aus welcher der deutsche Geist wiedergeboren ward. Deutsche Dicht­kunst, deutsche Musik, deutsche Philosophie sind heut zu Tage hochgeachtet von allen Völkern der Welt: in der Sehnsucht nach »deutscher Herrlichkeit« kann sich der Deutsche aber gewöhnlich noch nichts anderes träumen als etwas der Wieder­her­stellung des römi­schen Kaiserreiches Ähnliches, wobei selbst dem gutmüthigsten Deutschen ein unverkenn­bares Herrschergelüst und Verlangen nach Obergewalt über andere Völker ankommt. Er vergißt, wie nachtheilig der römische Staatsgedanke bereits auf das Gedeihen der deut­schen Völker gewirkt hatte.

Um über die, diesem Gedeihen einzig förderliche, wahrhaft deutsch zu nennende Politik sich klar zu werden, muß man sich vor Allem eben die wirkliche Bedeutung und Eigen­thümlichkeit desjenigen deutschen Wesens, welches wir selbst in der Geschichte einzig mächtig hervortretend fanden, zum richtigen Verständnisse bringen. Um demnach den Boden der Geschichte noch fest zu halten, betrachten wir hierzu etwas näher eine der wichtigsten Epochen des deutschen Volkes, die ungemein aufgeregte Krisis seiner Entwick­lung, welche es zur Zeit der sogenannten Reformation zu bestehen hatte. Die christliche Religion gehört keinem nationalen Volksstamme eigens an: das christliche Dogma wendet sich an die reinmenschliche Natur. Nur in so weit dieser allen Menschen gemeinsame In­halt von ihm rein aufgefaßt wird, kann ein Volk in Wahrheit sich christlich nennen. Immer­hin kann ein Volk aber nur dasjenige vollkommen sich aneignen, was ihm mit seiner ange­borenen Empfindung zu erfassen möglich wird, und zwar in der Weise zu erfassen, daß es sich in dem Neuen vollkommen heimisch selbst wiederfindet.

Auf dem Gebiete der Ästhetik und des kritisch-philosophischen Urtheils läßt es sich fast zur Ersichtlichkeit nachweisen, daß es dem deutschen Geiste bestimmt war, das Fremde, ursprünglich ihm Fernliegende, in höchster objektiver Reinheit der Anschauung zu erfas­sen und sich anzueignen. Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß die Antike nach ihrer jetzt allgemeinen Weltbedeutung unbekannt geblieben sein würde, wenn der deut­sche Geist sie nicht erkannt und erklärt hätte. Der Italiener eignete sich von der Antike an, was er nachahmen und nachbilden konnte; der Franzose eignete sich wieder von dieser Nachbildung an, was seinem nationalen Sinne für Eleganz der Form schmeicheln durfte; erst der Deutsche erkannte sie in ihrer reinmenschlichen Ori­ginalität und der Nützlichkeit gänzlich abgewandten, dafür aber der Wiedergebung des Reinmenschlichen einzig förder­lichen Bedeutung. Durch das innigste Verständniß der Antike ist der deutsche Geist zu der Fähigkeit gelangt, das Reinmenschliche selbst wiederum in ursprünglicher Freiheit nach­zubilden, nämlich nicht durch die Anwen­dung einer antiken Form einen bestimmten Stoff darzustellen, sondern durch eine Anwen­dung der antiken Auffassung der Welt die noth­wendige neue Form zu bilden.

Um dieß deutlich zu erkennen, halte man Goethe’s Iphigenia zu der des Euripides. Man kann behaupten, daß der Begriff der Antike erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts besteht, nämlich seit Winckelmann und Lessing. Daß nun der Deutsche das christliche Dogma in eben so vorzüglicher Klarheit und Reinheit erkannt und, wie die Antike zum ästhetischen Dogma, zum einzig gültigen Religionsbekenntniß erhoben haben würde, kann nicht nachgewiesen werden. Vielleicht wäre er, auf uns unbekannten und unvor­stellbaren Entwickelungswegen, hierzu gelangt, und Anlagen zeigen, daß gerade der deutsche Geist dazu berufen gewesen zu sein scheint. Jedenfalls erkennen wir deutlicher, was ihn an der Lösung dieser Aufgabe verhindert hat, da wir erkennen, was ihm die gleiche Lösung auf dem Gebiete der Ästhetik ermöglichte. Hier nämlich war er eben durch nichts verhindert: die Ästhetik wurde nicht vom Staate beaufsichtigt und zu Staatszwecken verwendet. Mit der Religion war dieß anders: diese war Staatsinteresse geworden, und dieses Staatsinter­esse erhielt seine Bedeutung und Richtung nicht aus dem deutschen, sondern bestimmt aus dem undeutschen, romanischen Geiste. Das unermeßliche Unglück Deutschlands war, daß um jene Zeit, als der deutsche Geist für seine Aufgabe auf jenem erhabenen Gebiete heranreifte, das richtige Staatsinteresse der deutschen Völker dem Verständnisse eines Fürsten zugemuthet blieb, welcher dem deutschen Geiste völlig fremd, zum vollgültigsten Repräsentanten des undeutschen, romanischen Staatsgedanken’s berufen war: Karl V., König von Spanien und Neapel, erblicher Erzherzog von Österreich, erwählter römischer Kaiser und Oberherr des deut­schen Reiches, mit dem Gedanken der Aneignung der Welt­herrschaft, die ihm zugefallen wäre, wenn er Frankreich wirklich hätte bezwingen können, hegte für Deutschland kein anderes Interesse, als dasjenige, es seinem Reiche als fest ge­kittete Monarchie, wie es Spanien war, einzuverleiben. An seinem Wirken zeigte sich zu­erst das große Ungeschick, welches in späterer Zeit fast alle deutschen Fürsten zum Un­ver­ständniß des deutschen Geistes verurtheilte; gegen ihn stemmten sich jedoch die mei­sten der damaligen Reichsfürsten, deren Interesse glücklicherweise dießmal mit dem des deutschen Volksgeistes zusammen fiel.

Es ist nicht zu ermessen, in welcher Weise auch die wirkliche religiöse Frage zur Ehre des deutschen Geistes gelöst worden sein würde, wenn Deutsch­land damals ein voll­blutig pa­triotisches Oberhaupt, wie den luxemburgischen Heinrich VII., zum Kaiser gehabt hätte. Jedenfalls ging die ursprüngliche reformatorische Bewegung Deutsch­lands nicht auf Tren­nung von der katholischen Kirche aus: im Gegentheile galt sie der Neubegründung und Befestigung des allgemeinen Kirchenverbandes durch Abschaffung der entstellenden und das religiöse Gefühl der Deutschen beleidigenden Misbräuche der römischen Kurie. Wel­ches Gute und Weltbedeutungsvolle hier in das Leben hätte treten können, läßt sich, wie gesagt, kaum nur annähernd ermessen, während wir dagegen nur die Ergebnisse des un­seligen Widerstreites des deutschen Geistes mit dem undeutschen Geiste des deutschen Reichsoberhauptes vor uns haben. Seitdem – Religionsspaltung: ein großes Unglück! Nur eine allgemeine Religion ist in Wahrheit Religion: verschiedene, politisch festgesetzte und staatskontraktlich neben oder unter einander gestellte Bekenntnisse derselben bekennen in Wahrheit nur, daß die Religion in ihrer Auflösung begriffen ist. In diesem Widerstreite ist das deutsche Volk seinem gänzlichen Untergange nahe gebracht worden, ja, es hat die­sen, durch den Ausgang des dreißigjährigen Krieges, fast vollständig erlebt. Waren bis hierher die deutschen Fürsten meistens mit dem deutschen Geiste gemeinsam gegangen, so habe ich schon bezeichnet, wie seitdem leider auch noch die Fürsten fast gänzlich diesen Geist zu verstehen verlernten. Den Erfolg davon ersehen wir an unserem heutigen öffent­lichen Staatsleben: das eigentlich deutsche Wesen zieht sich immer mehr von diesem zu­rück; theils wendet es sich seiner Neigung zum Phlegma, theils der zur Phantasterei zu; und die fürstlichen Rechte Preußen’s und Österreich’s haben sich allmählich daran zu ge­wöhnen, ihren Völkern gegenüber, da der Junker und selbst der Jurist nicht mehr recht weiter kommt, sich durch – Juden vertreten zu sehen.

In dieser sonderbaren Erscheinung des Eindringens eines allerfremdartigsten Elementes in das deutsche Wesen liegt mehr, als es beim ersten Anblick dünken mag. Nur in so weit wollen wir hier jenes andere Wesen aber in Betrachtung ziehen, als wir in der Zusammen­stellung mit ihm uns klar darüber werden dürfen, was wir unter dem von ihm ausgebeute­ten »deutschen« Wesen zu verstehen haben. — Der Jude scheint den Völkern des neueren Europas überall zeigen zu sollen, wo es einen Vortheil gab, welchen jene unerkannt und unausgenutzt ließen. Der Pole und Ungar verstand nicht den Werth, welchen eine volks­thümliche Entwickelung der Gewerbethätigkeit und des Handels für das eigene Volk haben würde; der Jude zeigte es, indem er sich den verkannten Vortheil aneignete. Sämmtliche europäische Völker ließen die unermeßlichen Vortheile uner­kannt, welche eine dem bür­gerlichen Unternehmungsgeiste der neueren Zeit ent­sprechende Ordnung des Verhältnis­ses der Arbeit zum Kapital für die allgemeine Nationalökonomie haben mußte; die Juden bemächtigten sich dieser Vortheile, und am verhinderten und verkommenden National­wohlstande nährt der jüdische Banquier seinen enormen Vermögensstand. Liebenswürdig und schön ist der Fehler des Deutschen, welcher die Innigkeit und Reinheit seiner An­schauungen und Empfindungen zu keinem eigentlichen Vortheil, namentlich für sein öf­fentliches und Staats-Leben auszubeuten wußte; daß auch hier ein Vortheil auszunutzen übrig blieb, konnte nur derjenigen Geistesrichtung erkenntlich sein, welche im tiefsten Grunde das deutsche Wesen misverstand. Die deutschen Fürsten lieferten den Misver­stand, die Juden beuteten ihn aus. Seit der Neugeburt der deutschen Dichtkunst und Musik brauchte es nur, nach Friedrich d. Gr. und dessen Vorgange, zur Marotte des Fürsten zu werden, diese zu ignoriren oder, nach der französischen Schablone bemessen, unrichtig und ungerecht zu beurtheilen, und demgemäß dem durch sie offenbarten Geiste keinen Einfluß zu gewähren, um dafür dem Geiste der fremden Spekulation ein Feld zu eröffnen, auf welchem er Vortheil zu ziehen gewahrte. Es ist, als ob sich der Jude verwun­derte, warum hier so viel Geist und Genie zu nichts anderem diente, als Erfolglosigkeit und Armuth einzubringen. Er konnte es nicht begreifen, daß, wenn der Franzose für die Gloire, der Italiener für den Denaro arbeitete, der Deutsche dieß »pour le roi de Prusse« that. Der Jude korrigirte dieses Ungeschick der Deutschen, indem er die deutsche Geistesarbeit in seine Hand nahm; und so sehen wir heute ein widerwärtiges Zerrbild des deutschen Gei­stes dem deutschen Volke als sein ver­meint­liches Spiegelbild vorgehalten.

Es ist zu fürchten, daß das Volk mit der Zeit sich wirklich selbst in diesem Spiegelbild zu ersehen glaubt: dann wäre eine der schönsten Anlagen des menschlichen Geschlechtes vielleicht für immer ertödtet. Wie es vor solchem schmachvollen Unter­gange zu bewahren sei, haben wir aufzusuchen, und wir wollen uns deshalb hier vor Allem recht deutlich das Charakteristische des eigentlich »deutschen« Wesens klar machen. Führen wir uns den äußerlichen Vorgang der geschichtlichen Doku­mentation des deutschen Wesens in Kürze noch einmal deutlich vor:

»Deutsche« Völker heißen diejenigen germanischen Stämme, welche auf heimischem Boden ihre Sprache und Sitte sich bewahrten. Selbst aus dem lieb­lichen Italien verlangt der Deutsche nach seiner Heimath zurück. Er verläßt deßhalb den römischen Kaiser und hängt desto inniger und treuer an seinem heimischen Fürsten. In rauhen Wäldern, im langen Winter, am wärmenden Herdfeuer seines hoch in die Lüfte ragenden Burg­gemaches pflegte er lange Zeit Urvätererinnerungen, bildet seine heimi­schen Götter­mythen in unerschöpflich mannigfaltige Sagen um. Er wehrt dem zu ihm dringenden Einflusse des Auslandes nicht; er liebt zu wandern und zu schauen; voll der fremden Eindrücke drängt es ihn aber, diese wiederzugeben; er kehrt deßhalb in die Hei­math zurück, weil er weiß, daß er nur hier verstanden wird.  Hier am heimischen Herde erzählt er, was er draußen sah und erlebte.

Romanische, wälische, französische Sagen und Bücher übersetzt er sich, und während Romanen, Wälsche und Franzosen nichts von ihm wissen, sucht er eifrig sich Kenntniß von ihnen zu verschaffen. Er will aber nicht nur das Fremde als solches, als rein Fremdes, an­starren, sondern er will es »deutsch« verstehen. Er dichtet das fremde Gedicht deutsch nach, um seines Inhaltes innig bewußt zu werden. Er opfert hierbei von dem Fremden das Zufällige, Äußerliche, ihm Unverständliche, und gleicht diesen Verlust dadurch aus, daß er von seinem eigenen zufälligen, äußerlichen Wesen so viel darein giebt, als nöthig ist, den fremden Gegenstand klar und unentstellt zu sehen. Mit diesen natürlichen Bestrebungen nähert er sich in seiner Darstellung der fremdartigen Abenteuer der Anschauung der rein­menschlichen Motive derselben. So wird von Deutschen »Parzival« und »Tristan« wieder­gedichtet; während die Originale heute zu Kuriosen von nur litterar-geschichtlicher Bedeu­tung geworden sind, erkennen wir in den deutschen Nachdichtungen poetische Werke von unvergänglichem Werthe. — In demselben Geiste trägt der Deutsche bürgerliche Einrich­tungen des Auslandes auf die Heimath über. Im Schutze der Burg erweitert sich die Stadt der Bürger; die blühende Stadt reißt aber die Burg nicht nieder: die »freie Stadt« huldigt dem Fürsten; der gewerbthätige Bürger schmückt das Schloß des Stammherrn.

Der Deutsche ist konservativ: sein Reichthum gestaltet sich aus dem Eigenen aller Zeiten; er spart und weiß alles Alte zu verwenden. Ihm liegt am Erhalten mehr als am Gewinnen: das gewonnene Neue hat ihm nur dann Werth, wenn es zum Schmucke des Alten dient. Er begehrt nichts von Außen, aber er will im Innern unbehindert sein. Er erobert nicht, aber er läßt sich auch nicht angreifen. — Mit der Religion nimmt er es ernst: die Sittenverderb­niß der römischen Kurie und ihr demoralisirender Einfluß auf den Klerus verdrießt ihn tief. Unter Religionsfreiheit versteht er nichts anderes, als das Recht, mit dem Heiligsten es ernst und redlich meinen zu dürfen. Hier wird er empfindlich und disputirt mit der unkla­ren Leidenschaftlichkeit des aufgestachelten Freundes der Ruhe und Bequemlichkeit. Die Politik mischt sich hinein: Deutschland soll eine spanische Monarchie, das freie Reich un­terdrückt, seine Fürsten sollen zu bloßen vornehmen Höflingen gemacht werden. Kein Volk hat sich gegen Eingriffe in seine innere Freiheit, sein eigenes Wesen, gewehrt wie die Deutschen:

Mit nichts ist die Hartnäckigkeit zu vergleichen, mit welcher der Deutsche seinen völligen Ruin der Fügsamkeit unter ihm fremde Zumuthungen vorzog. Dieß ist wichtig. Der Aus­gang des dreißigjährigen Krieges vernichtete das deutsche Volk; daß ein deutsches Volk wieder erstehen konnte, verdankt es aber doch einzig eben diesem Ausgange. Das Volk war vernichtet, aber der deutsche Geist hatte bestanden. Es ist das Wesen des Geistes, den man in einzelnen hochbegabten Menschen »Genie« nennt, sich auf den weltlichen Vortheil nicht zu verstehen. Was bei anderen Völkern endlich zur Übereinkunft, zur prak­tischen Sicherung des Vortheils durch Fügsamkeit führte, das konnte den Deutschen nicht bestimmen: zur Zeit als Richelieu die Franzosen die Gesetze des politischen Vortheils an­zunehmen zwang, vollzog das deutsche Volk seinen Untergang; aber, was den Gesetzen dieses Vortheils sich nie unterziehen konnte, lebte fort und gebar sein Volk von Neuem: der deutsche Geist.

Ein Volk, welches nummerisch auf den zehnten Theil seines früheren Bestandes herab­ge­bracht war, konnte, seiner Bedeutung nach, nur noch in der Erinnerung Ein­zelner beste­hen. Selbst diese Erinnerung mußte von den ahnungsvollsten Geistern erst wieder aufge­sucht und anfänglich mühsam genährt werden. Es ist ein wundervoller Zug des deutschen Geistes, daß, nachdem er in seiner früheren Entwickelungsperiode die von außen kom­menden Einflüsse sich innerlichst angeeignet hatte, er nun, da der Vortheil des äußerlichen politischen Machtlebens ihm gänzlich entschwunden war, aus seinem eigensten innerlichen Schatze sich neu gebar. — Die Erinnerung ward ihm recht eigentlich zur Er-Innerung; denn aus seinem tiefsten Innern schöpfte er, um sich der nun übermäßig gewordenen äußeren Einflüsse zu erwehren. Nicht seiner äußerlichen Existenz galt es, denn diese war dem Na­men nach durch das Bestehen der deutschen Fürsten gesichert; bestand ja sogar der Name des römisch-deutschen Kaisertitels fort! Sondern, sein wahrhaftigstes Wesen, wovon die meisten dieser Fürsten nichts mehr wußten, galt es zu erhalten und zu neuer Kraft zu er­heben. In der französischen Livree und Uniform, mit Perrücke und Zopf, und lächerlich nachgeahmter französischer Galanterie ausgestattet, trat ihm der dürftige Rest seines Volkes entgegen, mit einer Sprache, die selbst der mit französischen Floskeln sich schmüc­kende Bürger im Begriffe stand, nur noch dem Bauer zu überlassen. Doch wo die eigene Gestalt, die eigene Sache selbst sich verlor, blieb dem deutschen Geiste eine letzte, unge­ahnte Zuflucht, sein innigstes Inneres sich deutlich auszusprechen. Von den Italienern hatte der Deutsche sich auch die Musik angeeignet.

Will man die wunderbare Eigenthümlichkeit, Kraft und Bedeutung des deutschen Geistes in einem unvergleichlich beredten Bilde erfassen, so blicke man scharf und sinnvoll auf die sonst fast unerklärlich räthselhafte Erscheinung des musikalischen Wundermannes Seba­stian Bach. Er ist die Geschichte des innerlichsten Lebens des deutschen Geistes während des grauenvollen Jahrhunderts der gänzlichen Erloschenheit des deutschen Volkes. Da seht diesen Kopf, in der wahnsinnigen französischen Allongenperrücke ver­steckt, diesen Meister – als elenden Kantor und Organisten zwischen kleinen thü­rin­gi­schen Ortschaften, die man kaum dem Namen nach kennt – mit nahrungslosen Anstel­lungen sich hinschlep­pend, so unbeachtet bleibend, daß es eines ganzen Jahrhunderts wiederum bedurfte, um seine Werke der Vergessenheit zu entziehen; selbst in der Musik eine Kunstform vorfin­dend, welche äußerlich das ganze Abbild seiner Zeit war: trocken, steif, pedantisch, wie Perrücke und Zopf in Noten dargestellt – und nun sehe man, welche Welt der unbegreiflich große Sebastian aus diesen Elementen aufbaute! Auf diese Schöpfung weise ich nur hin, denn es ist unmöglich, ihren Reichthum, ihre Erhabenheit und Alles in sich fassende Be­deutung durch irgend einen Vergleich zu bezeichnen. Wollen wir uns jetzt aber die überra­schende Wiedergeburt des deutschen Geistes auch auf dem Felde der poetischen und philosophischen Litteratur erklären, so können wir dieß deutlich nur, wenn wir an Bach begreifen lernen, was der deutsche Geist in Wahrheit ist, wo er weilte, und wie er rastlos sich neu gestaltete, während er gänzlich aus der Welt entschwunden schien.

Von diesem Manne ist neuerlich eine Biographie erschienen, über welche die allgemeine Zeitung berichtete. Ich kann mich nicht entwehren, aus diesem Berichte folgende Stellen anzuführen: »Mit Mühe und seltener Willenskraft ringt er sich aus Armuth und Noth zu höchster Kunsthöhe empor, streut mit vollen Händen eine fast unübersehbare Fülle der herrlichsten Meisterwerke seiner Zeit hin, die ihn nicht begreifen und schätzen kann, und stirbt bedrückt von schweren Sorgen einsam und vergessen, seine Familie in Armuth und Entbehrung zurücklassend – das Grab des Sangesreichen schließt sich über den müden Heimgegangenen ohne Sang und Klang, weil die Noth des Hauses eine Ausgabe für den Grabgesang nicht zuläßt. Sollte eine Ursache, warum unsere Tonsetzer so selten Biogra­phen finden, theilweise wohl auch in dem Umstande zu suchen sein, weil ihr Ende gewöhn­lich ein so trauriges, erschütterndes ist?« — Und während sich dieß mit dem großen Bach, dem einzigen Horte und Neugebärer des deutschen Geistes, begab, wimmelten die großen und kleinen Höfe der deutschen Fürsten von italienischen Opernkomponisten und Virtu­osen, die man mit ungeheuren Opfern dazu erkaufte, dem verachteten Deutschland den Abfall einer Kunst zu Besten zu geben, welcher heut‘ zu Tage nicht die mindeste Beachtung mehr geschenkt werden kann.

Doch Bach’s Geist, der deutsche Geist, trat aus dem Mysterium der wunderbarsten Musik, seiner Neugeburtsstätte, hervor. Als Goethe’s »Götz« erschien, jubelte er auf: »das ist deutsch!« Und der sich erkennende Deutsche verstand es nun auch, sich und der Welt zu zeigen, was Shakespeare sei, den sein eigenes Volk nicht verstand; er entdeckte der Welt, was die Antike sei, er zeigte dem menschlichen Geiste was die Natur und die Welt sei. Die­se Thaten vollbrachte der deutsche Geist aus sich, aus seinem innersten Verlangen sich seiner bewußt zu werden. Und dieses Bewußtsein sagte ihm, was er zum ersten Male der Welt verkünden konnte: daß das Schöne und Edle nicht um des Vortheils, ja selbst nicht um des Ruhmes und der Anerkennung willen in die Welt tritt, und Alles was im Sinne die­ser Lehre gewirkt wird, ist »deutsch«, und deßhalb ist der Deutsche groß; und nur, was in diesem Sinne gewirkt wird, kann zur Größe Deutschland’s führen. Zur Pflege des deut­schen Geistes, zur Größe des deutschen Volkes kann daher nichts führen, als sein wahr­haftes Verständniß von Seiten der Regierenden. Das deutsche Volk hat seine Wiederge­burt, die Entwickelung seiner höchsten Fähigkeiten, durch seinen konservativen Sinn, sein inniges Haften an sich, seiner Eigenthümlichkeit erreicht: es hat für das Bestehen seiner Fürsten sich dereinst verblutet. Es ist jetzt an diesen, dem deutschen Volke zu zeigen, daß sie zu ihm gehören; und da, wo der deutsche Geist die That der Wiedergeburt des Volkes vollbrachte, da ist das Bereich, auf welchem zunächst auch die Fürsten sich dem Volke neu vertraut zu machen haben. Es ist die höchste Zeit, daß die Fürsten sich zu dieser Wieder­taufe wenden: die Gefahr, in welcher die ganze deutsche Öffentlichkeit steht, habe ich an­gedeutet. Wehe uns und der Welt, wenn dießmal das Volk gerettet wäre, aber der deut­sche Geist aus der Welt schwände!

Wie wäre ein Zustand denkbar, in welchem das deutsche Volk bestünde, der deutsche Geist aber verweht sei? Das schwer Denkbare haben wir näher vor uns, als wir glauben. Als ich das Wesen, die Wirksamkeit des deutschen Geistes bezeichnete, faßte ich die glück­liche Entwickelung der bedeutendsten Anlagen des deutschen Volkes in das Auge. Die Ge­burtsstätte des deutschen Geistes ist aber auch der Grund der Fehler des deutschen Volkes.

Die Fähigkeit, sich innerlich zu versenken und vom Innersten aus klar und sinnvoll die Welt zu betrachten, setzt überhaupt den Hang zur Beschaulichkeit voraus, welcher im minder begabten Individuum leicht zur Luft an der Unthätigkeit, zum reinen Phlegma wird. Was uns bei glücklichster Befähigung dem allerhöchst begabten alten Indusvolke als am verwandtesten hinstellt, kann der Masse des Volkes aber den Charakter der gewöhn­lichen orientalischen Trägheit geben; ja selbst die nahe liegende Entwickelung zur höchsten Befähigung kann uns zum Fluche werden, indem sie uns zur phan­tasti­schen Selbstgenüg­samkeit verleitet. Daß aus dem Schooße des deutschen Volkes Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven erstanden, verführt die große Zahl der mittelmäßig Begabten gar zu leicht, diese großen Geister als von Rechts wegen zu sich gehörig zu betrachten und der Masse des Volkes mit demagogischem Behagen vor­zu­reden, sie selbst sei Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven. Nichts schmeichelt dem Hange zur Bequemlichkeit und Trägheit mehr, als sich eine hohe Meinung von sich beigebracht zu wissen, die Meinung, als sei man ganz von selbst etwas Großes und habe sich, um es zu werden, gar keine Mühe erst zu geben. Diese Neigung ist grunddeutsch, und kein Volk bedarf es daher mehr, aufgestachelt und in die Nöthigung zur Selbsthilfe, zur Selbstthätigkeit versetzt zu werden, als das deutsche. Hiervon geschah nun Seitens der deutschen Fürsten und Regierungen gerade das Gegentheil.

Es mußte der Jude Börne sein, der zuerst den Ton zur Aufstachelung der Trägheit des Deutschen anschlug, und hierdurch, wenn auch in diesem Sinne gewiß absichtslos, das große Misverständniß der Deutschen in ihrem eigenen Betreff bis zur traurigsten Verwir­rung steigerte. Das Misverständniß, welches zu seiner Zeit den österreichischen Staats­kanzler, Fürst Metternich, bei der Leitung der deutschen Kabinetspolitik bestimmte, die Bestrebungen der deutschen »Burschenschaft« für identisch mit denen des ehemaligen Pariser Jakobinerclubs zu halten, und demgemäß gegen jene zu verfahren, war höchst er­giebig zur Ausnützung von Seiten des außerhalb stehenden, nur seinen Vortheil suchenden Spekulanten. Verstand dieser es recht, so konnte er sich dießmal mitten in das deutsche Volks- und Staatswesen hinein schwingen, um es auszubeuten und endlich nicht etwa zu beherrschen, sondern es geradesweges sich anzueignen. Nach allen Vorgängen war es nun endlich doch auch in Deutschland schwer geworden zu regieren. Hatten die Regierungen es sich zur Maxime gemacht, die deutschen Völker nur nach dem Maaße der französischen Zustände zu beurtheilen, so fanden sich auch diejenigen Unternehmer ein, welche vom Standpunkte des unter­drückten deutschen Volksgeistes aus nach französischer Maxime zu den Regierungen hinaufblickten. Der Demagoge war nun wirklich da; aber welch klägliche Aftergeburt! Jede neue Pariser Revolution ward nun in Deutschland alsbald auch in Scene gesetzt: war ja doch jede neue Pariser Spektakeloper sofort auf den Berliner und Wiener Hoftheatern zum Vorbilde für ganz Deutschland in Scene gesetzt worden. Ich stehe nicht an, die seitdem vorgekommenen Revolutionen in Deutschland als ganz undeutsch zu bezeichnen.

Die »Demokratie« ist in Deutschland ein durchaus übersetztes Wesen. Sie existirt nur in der »Presse«, und was diese deutsche Presse ist, darüber muß man sich eben klar werden. Das Widerwärtige ist nun aber, daß dem verkannten und verletzten deutschen Volksgeiste diese übersetzte französischjüdisch-deutsche Demokratie wirklich Anhalt, Vorwand und eine täuschende Umkleidung entnehmen konnte. Um Anhang im Volke zu haben, gebär­dete sich die »Demokratie« deutsch und »Deutschthum«, »deutscher Geist«, »deutsche Redlichkeit«, »deutsche Freiheit«, »deutsche Sittlichkeit« wurden nun Schlagwörter, die Niemanden mehr anwidern konnten, als den, der wirkliche deutsche Bildung in sich hatte und nun mit Trauer der sonderbaren Komödie zusehen mußte, wie Agitatoren aus einem nichtdeutschen Volksstamme für ihn plaidirten, ohne den Vertheidigten auch nur zu Worte kommen zu lassen. Die erstaunliche Erfolglosigkeit der so lärmenden Bewegung von 1848 erklärt sich leicht aus diesem seltsamen Umstande, daß der eigentliche, wahrhafte Deut­sche sich und seinen Namen so plötzlich von einer Menschenart vertreten fand, die ihm ganz fremd war.

Während Goethe und Schiller den deutschen Geist über die Welt ergossen, ohne vom »deutschen« Geiste auch nur zu reden, erfüllen diese demokratischen Spekulanten alle deutschen Buch- und Bilderläden, alle sogenannten »Volks-« d.h. Aktien-Theater mit groben, gänzlich schalen und nichtigen Bildungen, auf welchen immer die anpreisende Empfehlung »deutsch« und wieder »deutsch« zur Verlockung für die gutmüthige Menge aufgeklext ist. Und wirklich sind wir so weit, das deutsche Volk damit bald gänzlich zum Narren gemacht zu sehen: die Volksanlage zu Trägheit und Phlegma wird zur phantasti­schen Selbstgefallsucht verführt; bereits spielt das deutsche Volk zum großen Theil in der beschämenden Komödie selbst mit, und nicht ohne Grauen kann der sinnende deutsche Geist jenen thörigen Festversammlungen mit ihren theatralischen Aufzügen, albernen Festreden und trostlos schalen Liedern sich zuwenden, mit denen man dem deutschen Volke weis machen will, es sei etwas ganz besonderes und brauche gar nicht erst etwas werden zu wollen.

So weit der frühere Aufsatz aus dem Jahre 1865. Er leitete auf das Project hin, die darin ausgesprochenen Tendenzen von einer zu gründenden politischen Zeitung vertreten zu sehen; Herr Dr. Julius Fröbel erklärte sich zu dieser Vertretung bereit: die »Süddeutsche Presse« trat an das Tageslicht. Leider hatte ich zu erleben, daß Herrn Fröbel das in Frage stehende Problem anders aufgegangen war als mir, und wir mußten uns trennen, als ihn eines Tages der Gedanke, die Kunst solle keinem Nützlichkeitszwecke, sondern ihrem eigenen Werthe dienen, so heftig anwiderte, daß er in Weinen und Schluchzen ausbrach. Gewiß waren es aber auch andere Gründe, welche mich von einer weiteren Ausarbeitung des Begonnenen abbrachten.

»Was ist deutsch?«

Ich gerieth vor dieser Frage in immer größere Verwirrung. Was diese nur steigern konnte, waren die Eindrücke der ereignißvollen Jahre, welche der Zeit folgten, in der jener Aufsatz entstand. Welcher Deutsche hätte das Jahr 1870 erlebt, ohne in ein Erstaunen über die Kräfte zu gerathen, welche hier, wie plötzlich, sich offenbarten, sowie über den Muth und über die Entschlossenheit, mit welcher der Mann, der ersichtlich Etwas kannte, was wir Alle nicht kannten, diese Kräfte zur Wirkung brachte? — Über manches Anstößige war da hinweg zu sehen. Die wir, mit dem Geiste unserer großen Meister im Herzen, dem physio­gnomischen Gebahren unserer todesmuthigen Landsleute im Soldatenrocke lauschend zu­sahen, freuten uns herzlich über das »Kutschkelied« und waren von der »festen Burg« vor, sowie dem »nun danket Alle Gott« nach der Schlacht tief ergriffen. Freilich fiel es ge­rade uns schwer zu begreifen, daß die todesmuthige Begeisterung unserer Patrioten sich immer wieder nur an der »Wacht am Rhein« stärke; ein ziemlich flaues Liedertafel-Pro­dukt, welches die Franzosen für eines dergleichen Rheinweinlieder hielten, über welche sie sich früher schon lustig gemacht hatten. Aber genug, mochten sie immer spotten, so konnte dießmal doch selbst ihr »allons enfants de la patrie« gegen das »lieb Vaterland, kannst ruhig sein« nicht aufkommen und verhindern, daß sie tüchtig geschlagen wurden.

Bei der Rückkehr unseres siegreichen Heeres ließ ich in Berlin unter der Hand nachfragen, ob, wenn eine große Todtenfeier für die Gefallenen in Aussicht genommen wäre, mir ge­stattet sein würde, ein dem erhabenen Vorgange zu widmendes Tonstück zur Ausführung hierbei zu verfassen. Es hieß aber, bei der so erfreulichen Rückkehr wünsche man sich keine peinlichen Eindrücke noch besonders zu arrangiren. Ich schlug, immer unter der Hand, ein anderes Musikstück vor, welches den Einzug der Truppen begleiten, und in welches schließlich, etwa beim Defiliren vor dem siegreichen Monarchen, die im preußi­schen Heere so gutgepflegten Sängercorps mit einem volksthümlichen Gesange einfallen sollten.

Allein dieß hätte bedenkliche Änderungen in den längst voraus getroffenen Dis­positionen veranlaßt, und mein Vorschlag ward mir abgerathen. Meinen Kaiser­marsch richtete ich für den Konzertsaal ein: dahin möge er nun passen so gut er kann! — Hierbei hatte ich mir je­denfalls zu sagen, daß der auf den Schlacht­feldern erstandene »deutsche Geist« nicht nach den Einfällen eines wahr­scheinlich für eitel geltenden Opernkomponisten zu fragen habe. Jedoch auch verschiedene andere Erfahrungen bewirkten, daß es mir allmählich im neuen »Reiche« sonderbar zu Muthe wurde, so daß ich, als ich den letzten Band meiner gesammelten Schriften redigirte, wie dieß oben schon von mir bemerkt ward, meinen Auf­satz über: »was ist deutsch?« fortzusetzen keine rechte Anregung finden konnte. Als ich mich einmal über den Charakter der Aufführungen meines »Lohengrin« in Berlin aus­sprach, erhielt ich von dem Redakteur der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« eine Zurechtweisung in dem Sinne, daß ich den »deutschen Geist« doch nicht allein gepachtet zu haben glauben sollte. Ich merkte mir das und gab den Pacht auf.

Dagegen freute ich mich, als eine gemeinsame deutsche Reichsmünze hergestellt wurde, und namentlich auch, als ich erfuhr, daß sie so original-deutsch ausgefallen sei, daß sie zu keiner Münze der anderen großen Weltstaaten stimme, sondern bei »Franc« und »Schil­ling« dem »Cours« ausgesetzt bleibe; man sagte mir, das sei allerdings chicanös für den gemeinen Verkehr, aber sehr vortheilhaft für den Banquier. Auch hob sich mein deutsches Herz, als wir liberaler Weise für »Freihandel« stimmten: es war und herrscht zwar viel Noth im Lande, der Arbeiter hungert und die Industrie siecht, aber das »Geschäft« geht. Für das »Geschäft« im allergrößesten Sinne hat sich ganz neuerdings ja auch der Reichs-»Makler« eingefunden, und gilt es der Anmuth und Würde allerhöchster Vermählungsfei­erlichkeiten, so führt der jüngste Minister mit orientalischem Anstande den Fackeltanz an. Dieß Alles mag gut und dem neuen deutschen Reiche recht angemessen sein, nur vermag ich es mir nicht mehr zu deuten und glaube mich zur weiteren Beantwortung der Frage: »was ist deutsch?« für unfähig halten zu müssen. Sollte uns da nicht z.B. Herr Constantin Frantz vortrefflich helfen können? Gewiß wohl auch Herr Paul de Lagarde? Mögen diese sich als freundlichst ersucht betrachten, zur Belehrung unseres armen Bayreuther Patro­natvereines sich der Beantwortung der verhängnißvollen Frage anzunehmen. Gelangten sie dann etwa bis zu dem Gebiete, auf welchem wir im voranstehenden Aufsatze Sebastian Bach in Augen­schein zu nehmen hatten, so würde ich dann vielleicht wieder meinen er­wünschten Mitarbeitern die Mühe abnehmen können. Wie schön, wenn ich bei den ange­rufenen Herren Beachtung fände!

Quelle: Wagner, Richard; 1878. “Was ist deutsch?”, Bayreuther Blätter 1.2: 29-52.

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– Danke an Werner –

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