1. Mai - Aufmarsch-der-Bürger-von-Northeim-1_5_1933.

Der „Berliner Blutmai“ 1929

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Selbstverständlich führten auch die Nationalsozialisten in den Jahren der Weimarer Republik zahlreiche Aktionen am 1. Mai durch. So zum Beispiel im Jahr 1923, als Adolf Hitler in München im Namen der von ihm organisieren „Arbeitsgemeinschaft der vaterländischen Kampfverbände“ einen bewaffneten Aufmarsch durchführte. Auf einer Maifeier der Sozialisten hatten sich 20.000 Mann versammelt und Hitler behauptete, ein Linksputsch stünde bevor. Die bayrische Landespolizei und Angehörige der Reichswehr in Reserve entwaffneten Hitlers Anhänger, aber den Eindruck, den der Aufmarsch hinter­ließ, setzte sich fest. Auf Grund des im gleichen Jahr im November durch­geführten Putschversuches arbeiten heute noch einige Historiker mit der Frage, ob dieser bewaffnete 1.Mai-Aufmarsch eventuell ein erster Putschversuch der Nationalsozialisten gewesen sein könnte. Die von den Sozialisten geforderte Anklage wegen Hochverrats erfolgte jedoch nicht.

Auch innerhalb der Arbeiterbewegung war man sich nicht einig, wie der 1. Mai durchgeführt werden soll. Die christlichen Gewerkschaften beispielsweise lehnten 1.Mai-Demonstrationen als „marxistische Heerschau“ ab. Sie waren für Streiks, aber ohne Aufmärsche. Für die kommunistischen Gewerk­schaften blieb der 1. Mai ein „Kampftag des Proletariats“, während er für die Sozialdemokraten ein „Feiertag“ ohne Kampf und ohne politische Ziele wurde.

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Der 1. Mai 1929, der als „Berliner Blutmai“ in die Geschichte einging, wurde der Höhepunkt der Konflikte zwischen SPD und KPD in Bezug auf den 1. Mai.

Polizeipräsident von Berlin war 1929 Karl Zörgiebel, ein Anhänger der SPD. Wegen angeblicher befürchteter Unruhen verhängte er für den 1. Mai ein Demon­strations­verbot über die Stadt. Die KPD reagierte auf das Verbot ihrer traditionellen Mai-Kundgebung mit einem Aufruf zu einer friedlichen Massendemonstration, dem auch tausende Demonstranten folgten. Als die Kommunisten versuchten, von den Berliner Außenbezirken in das Stadtzentrum zu marschieren, stellte sich ihnen ein 13.000-köpfiges Polizeiaufgebot entgegen. Es kam zu Straßenkämpfen, bis die Polizei schließ­lich willkürlich in die Menge schoss. Unter Führung des Roten Front­kämpfer­bundes wurden Barri­kaden und Straßen­sperren errichtet. In den traditionellen Arbeitervierteln Wedding und Neukölln wurde sogar der Ausnahmezustand ausgerufen. Die Unruhen dauerten drei Tage und forderten über 200 Verletzte und 33 Tote. Rund 1.200 Personen wurden verhaftet. Der Rote Frontkämpferbund wurde auf Grund seiner Rolle am „Berliner Blutmai“ wegen des Versuchs eines kommunistischen Aufstands verboten.

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Bis 1932 stieg die Arbeitslosenquote in Deutschland auf Grund der Wirtschaftskrise, ausgelöst durch den „Schwarzen Freitag“ an der New Yorker Börse 1929, auf 33 Prozent. Es gab über sechs Millionen Arbeitslose, aber nur eine unzureichend entwickelte Arbeitslosenversicherung. Die soziale Situation der Arbeitslosen spitze sich zu und der Kampf um die Gewinnung dieser Masse erhielt nicht nur bei den Nationalsozialisten höchste Priorität. Goebbels und Hitler hatten mehrfach erklärt, daß die Integration der Arbeiter und auch der Arbeitslosen in die „Volksgemeinschaft“ unbedingt erforderlich sei. Im April 1933 erklärte Adolf Hitler den 1. Mai zum gesetzlichen „Feiertag der nationalen Arbeit“. Erstmals in der Geschichte – wenn man von 1919 absieht – würde niemand seinen Arbeitsplatz riskieren, wenn er zu Kundgebungen ging.

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Der neue 1. Mai ab 1933

Böse Zungen behaupten, Hitler hätte diesen geschickten Schachzug begangen, um seine noch nicht gefestigte Stellung – er war ja erst seit Januar Reichskanzler – zu sichern. Die Arbeiter und Arbeitslosen, die alle Jahre zuvor am 1. Mai auf der Straße waren, würde man nur schwer daran hindern können, 1933 wieder zu demon­strieren. Die 1.Mai-Kundgebungen wären eine günstige Gelegenheit für die Kommunisten gewesen, um noch einmal zum Schlag gegen Hitler auszuholen. 1. Mai - Marsch nach Tempelhof_2_5_33Dadurch, daß Hitler den 1. Mai jedoch zum Feiertag erklärte, sei er denen zuvorgekommen und hätte die Herzen der Arbeiter für sich gewonnen.

Es mag nicht ganz von der Hand zu weisen sein, daß die Roten die üblichen 1.Mai-Demonstrationen ver­mutlich wieder in Straßenkämpfe umgewandelt hätten. Es ist aber recht unwahrscheinlich, daß dies der Hauptgrund für Hitlers Entscheidung lag, denn dann hätte er den 1. Mai als Feiertag wieder abgeschafft, sobald seine Macht gefestigt war. Das hat er aber nicht getan. Außerdem haben sowohl er selbst als auch Goebbels in Reden immer wieder auf die Bedeutung des Arbeiters für die Volksgemeinschaft hingewiesen. Der Arbeiter macht nicht nur den größten Teil eines Volkes aus, sondern mit ihm steht und fällt das wirtschaftliche Wohl des Volkes. Um zu verstehen, wie solche Aussagen gemeint sind, muss man sich nur vorstellen, was passiert, wenn tatsächliche alle Maschinen über einen längeren Zeitraum stillstehen würden.

Wäre es Hitler aber lediglich um die Beeinflussung der Arbeiter zu seinen Gunsten gegangen, dann hätte er das gleiche auch für andere gesellschaftliche Gruppen und Klassen getan. Es hätte einen der Tag der Beamten, der Angestellten oder der Offiziere etc. geben können. Das war aber nicht so. Einen Feiertag – und somit eine besondere Ehrung – gab es nur für zwei gesellschaftliche Gruppen, bei denen Hitler immer wieder betonte, wie wichtig gerade diese für ein souveränes Volk sind: Die Mütter und die Arbeiter.

Hitler hatte den 1. Mai als „Tag der Arbeiter“ nicht erfunden, er gab ihm aber einen neuen Rahmen als gesetzlicher Feiertag und er gab ihm auch eine neue Bedeutung. Es ging nicht mehr darum, an diesem Tag Veränderungen zu Gunsten eines bestimmten Teil des Volkes zu erreichen, sondern darum, die Arbeiter zu ehren und ihnen auf diese Weise für ihren unermüdlichen und unverzichtbaren Einsatz für die Volksgemeinschaft zu danken. Ein Kampftag im früheren Sinne war auch nicht mehr erforderlich. Je mehr sich die Deutschen zu einer Volksgemeinschaft zusammenschlossen, um so geringer wurde der Wunsch nach Streiks. Jeder Streik bedeutete, daß Maschinen stillstehen, damit für einzelne Personen Verbesserungen erreicht werden. Ein Stillstand von Maschinen jedoch schadete der Gemeinschaft — und das entsprach nicht der volkstreuen Weltanschauung der Nationalsozialisten.

Erstmals wurde der 1. Mai von den Nationalsozialisten aufwendig in drei Ebenen vorbereitet:

Die erste Ebene war die politisch-staatsrechtliche: Das „Gesetz über die Einführung eines Feiertages der nationalen Arbeit“ (10. April 1933) machte den 1. Mai offiziell zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ und regelte auch die Lohnfortzahlung. Seit dem 1. Mai 1933 ist der 1. Mai bis heute ein gesetzlicher Feiertag.

Tempelhofer Feld, Feuerwerk zum 1. Mai 1933

Tempelhofer Feld – Feuerwerk zum 1. Mai 1933

Die zweite Ebene war die weltanschauliche: Joseph Goebbels bereitete das Volk inhaltlich auf den neuen 1. Mai vor und hob in Aufrufen den Sinn dieses not­wen­digen Feiertages als klassenübergreifendes Volks­fest, bei dem das Volk sich selbst ehren soll, hervor. Sein Aufruf endete mit: „Deutsche aller Stände und Berufe, reicht euch die Hand!“

Die dritte Ebene war die organisatorische Vorbereitung: Wir alle kennen die Bilder von den Großaufmärschen mit ästhetischen Arran­ge­ments in Blöcken. Hierfür gab es eine regel­rechte Choreo­graphie. Die Licht­regie für den 1. Mai 1933 in Berlin-Tempelhof übernahm Albert Speer.

Es gab noch eine weitere Neuerung: Am 1. Mai 1933 in Berlin-Tempelhof gab es erstmals eine Rundfunk­übertragung von einer 1.Mai-Ver­an­stal­tung. Das laut Goebbels erklärte Ziel war es: “…nach volksfremder Vergangenheit im neuen Reich ein freudiges Bekenntnis aller Deutschen zu unserer deutschen Weltanschauung zu ermöglichen, indem der Führer in ganz Deutschland zur gleichen Zeit zu allen am Lautsprecher lauschenden Familien vom Zusammenspiel von den Arbeitern der Stirn und der Faust spricht…“

1934 wurde der 1. Mai im Sinne der klassenlosen Volksgemeinschaft umbenannt in „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“. Um das „unlösbare Band der Volks­gemein­schaft“ (Goebbels) darzustellen, gab es eine Plakette mit allen Bestand­teilen des Volkes:

Der Hammer als Symbol für die Industriearbeit
Die Sichel als Symbol für die Landwirtschaft
Dazwischen ein Kopf als Symbol für die Arbeiter der Stirn

Auch in kommenden Jahren gab es am 1. Mai Massenveranstaltungen, aber zusätzlich symbolträchtige kleinere Veranstaltungen, wie beispielsweise der Besuch von Fabriken durch Adolf Hitler oder das Pflanzen einer Eiche in Berlin. Erwähnenswert ist auch die Idee des Arbeitsplatz-Tausches, wo z. B. der Medizinstudent mal für ein paar Wochen in der Fabrik arbeitete. Damit sollte symbolisiert werden, daß Arbeiter der Stirn und der Faust gleichermaßen wichtig sind für den gemeinsamen Erfolg der Volkswirtschaft.

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Seltsame Mai-Blüten bei Kriegsende

Kurz vor und nach Kriegsende trieb der 1.  Mai seltsame Blüten:

1945 versuchten unverbesserliche Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerk­schafter – mit Genehmigung der alliierten Streitkräfte – Maifeiern in bereits besetzten Gebieten zu organisieren. Verboten waren nur die Demonstrationen. Es störte sie nicht, daß es an vielen anderen Orten auf deutschem Boden noch Kampfhandlungen gab, daß die Wehrmacht noch gar nicht kapituliert hatte und daß zeitgleich andere Deutsche noch an den Fronten ums Überleben der Zivilbevölkerung rangen. Aber die roten Hetzer hatten kaum Erfolg. Ihre spalterischen „Maifeiern“ fanden nur in kleiner Runde statt. Die meisten Deutschen kämpften derweil noch oder bangten um Angehörige, hungerten, waren auf der Flucht oder hausten zwischen Trümmern.

1946 wurde der 1. Mai als gesetzlicher Feiertag durch den alliierten Kontrollrat bestätigt. Es durften Maiumzüge stattfinden, allerdings innerhalb der amerikanischen Besatzungszone nur ohne Fahnen und ohne Transparente. In der sowjetischen Besat­zungs­zone hingegen durften Transparente mitgeführt werden. In Berlin gab es 1946 Mai-Aufmärsche in Spandau, Schöneberg und natürlich Neukölln. Doch eines hatten die Maiveranstaltungen in allen Besatzungszonen gemeinsam: Es fehlten die jungen Männer! Die befanden sich – während bereits wieder zu Feiern aufgerufen wurde – noch in Gefangenenlagern, in Lazaretten, oder waren erst auf dem Weg von der Front in die Heimat, wo hoffentlich überlebende Angehörige auf sie warteten. An 1.Mai-Feiern dachten die Männer garantiert nicht.

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Quelle: http://mein-hh.info/archiv/index.php?datum=13/05/06

Siehe auch:
Ansprache des Reichskanzlers: Das junge Deutschland will Arbeit und Frieden

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