Machtstrukturen und Faschismus

Von Hans Kehrl
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Eike Henning nimmt in einem Beitrag zu dem Sammelband „Wirtschaft und Rüstung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges” an einer Stelle daran Anstoß, daß für Ernst Nolte „in der Führerbewegung nur der Führer verbindliche Aussagen machen kann”. Das war aber in der Tat so. Hitlers Macht drückte sich darin aus, daß er Partei und Staat total regierte. Personelle Entscheidungen in der obersten Führungsregion von Partei und Staat konnten nur von ihm und wurden nur von ihm getroffen.

Das galt für Reichsminister, Reichsstatthalter und Botschafter im Staat ebenso, wie für die höchsten SA- und SS-Führer sowie Reichsleiter und Gauleiter in der Partei­organi­sation. Jeder dieser Machtträger konnte zu jedem Zeitpunkt abberufen werden, ohne daß es vorstellbar gewesen wäre, daß er je Widerstand geleistet oder sich gar damit durchgesetzt hätte. Das gilt ganz merkwürdigerweise auch noch für die Zeit des letzten halben oder dreiviertel Jahres des Krieges, als Hitler – meiner Meinung nach – gar nicht mehr regierungsfähig war. Es erstreckt sich auch auf die ranghöchsten Macht-Ausübenden, wie z. B. Göring oder Himmler (oder auf Gauleiter); sie alle besaßen gewissermaßen nur eine abgeleitete Macht. Es wäre nicht vorstellbar gewesen, daß die Macht, die einer der Großen hatte, von ihnen gegen Hitler hätte eingesetzt werden können.

Natürlich gab es aber Persönlichkeiten, die großen Einfluß hatten. Aber Macht und Einfluß sind ganz verschiedene Kategorien. Der Führungsstil Hitlers, über den ich noch getrennt schreiben will, war in allen Bereichen darauf abgestellt, daß er selbst so „wenige Entscheidungen wie möglich” treffen wollte. Er wollte auch nicht laufend ohne Not über alles Geschehen oder auch das wichtigste Geschehen in allen Bereichen informiert oder gar um Weisungen gebeten werden. Hitler bildete für sich zeitlich und sachlich Entscheidungsschwerpunkte, auf die er sich ausschließlich konzentrierte. Es kam allerdings auch vor, daß er – eher selten – Entscheidungen zu Einzelproblemen an sich zog.

Aber generell galt, daß z. B. jeder Gauleiter, Reichsminister oder „Reichskommissar” in besetzten Gebieten alles nach eigenem Ermessen entscheiden konnte, es sei denn, er traute sich selbst in einem bestimmten Fall eine eigene Entscheidung nicht zu. Dasselbe Prinzip galt auch für Sonderbevollmächtigte auf allen Stufen. Es mußte von niemandem, der Vollmachten oder Befugnisse besaß, mit Gremien oder Personen „Übereinstimmung” herbeigeführt werden. Auf diesem – auch gefährlichen – System beruhte die Schlagfertigkeit und Schnelligkeit, mit der eine Riesenorganisation zeitweise über weite Teile Europas unbürokratisch funktionierte.

„Faschismus“ im Dritten Reich ist ein kommunistischer Etikettenschwindel!

Schlägt man den „Ploetz”, Auszug aus der Geschichte, Ausgabe 1968, auf, so liest man in der Zusammenfassung zu „Neueste Geschichte“ auf Seite 1211 unten folgendes:

„Während sich die bolschewistische Herrschaft mit aller Rücksichtslosigkeit innen­politisch durchsetzt und Rußland sich zur gewaltigen Industriemacht entwickelt, krankt Europa an den Gegensätzen, die im Jahre 1919 nicht beseitigt, sondern vervielfacht worden sind. Verfassungspolitisch ist dies begleitet von einer allgemeinen ‘Krise der Demokratie‘, wirtschaftspolitisch von einem Zurückbleiben des Potentials der europäischen Staaten gegenüber der Entwicklung der großen Weltmächte. Der heraufkommende Gegensatz zwischen dem weltrevolutionären bolschewistischen Rußland einerseits, den Vereinigten Staaten von Amerika und Westeuropa andererseits wird in den Dreißiger Jahren überdeckt durch die Expansionspolitik der im Gegensatz zu den anderen großen Völkern eingeengten Deutschen, Italienern und Japanern. In Italien und Deutschland werden im Faschismus und Nationalsozialismus neue politische Ideologien und Verfassungsformen entwickelt, in denen die Krise der Demokratie überwunden und die militante Abwehr gegen den Bolschewismus ausgedrückt sein soll.”

In historischen Beiträgen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Dritten Reiches stößt man vor allem bei „Historikern” in der damaligen „DDR” darauf, daß „Nationalsozialismus” generell durch „Faschismus” ersetzt wird. Die in der „DDR” heranwachsenden Generationen sollten gar nicht erfahren, daß es Nationalsozialisten gab oder gar, daß die NSDAP eine „Arbeiter-Partei” war. Gleichzeitig soll dadurch offenbar der „Kapitalismus“ als mitschuldig – oder gar Hauptschuldiger – am Kriege einbezogen und abgestempelt werden, in dem die Unternehmer einer „faschistischen Machtstruktur” bezichtigt werden. Diese Verfremdung wird auch erstaunlich unbekümmert von nicht wenigen „Historikern” und „Historiographen” in der alten Bundesrepublik Deutschland übernommen, obwohl sie wissen müßten, daß es sich um echte Geschichtsfälschung handelt.

Es hat nun einmal im Dritten Reich keine Faschisten, keine faschistischen Macht­strukturen und keine faschistische Organisation gegeben. Der Name „Faschismus” oder „faschistisch” wurde auch von Gegnern des Nationalsozialismus im Dritten Reich nie gebraucht, und noch nicht einmal von den Siegern, als sie das Deutsche Reich besetzten. Sie sprachen schlicht von „Nazis“ und „Nazismus”. In seinem Buch „Die deutsche Diktatur – Entstehung, Struktur und Folgen des Nationalsozialismus” hatte der Historiker Karl Dietrich Bracher als erster eine staatspolitisch relevante deutsche Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus gegeben. Erfreulicherweise hat er diese Arbeit ergänzt durch das Buch „Zeitgeschichtliche Kontroversen zum Faschismus, Totalitarismus, Demokratie” (Serie Piper, Band 142).

Das Wort „Totalitarismus” führt Bracher als einen Oberbegriff ein, in dem sich „…alle Bedrohung der Freiheit” vereinigt. Er definiert, komprimiert die Merkmale des Totalitarismus – mögen sie nun rechts oder links sein – so:

„Ausschließlicher Führungsanspruch einer Partei und Ideologie, volle Kontrolle aller Kommunikationsmittel und aller Mittel des Zwanges.“

Bracher weist darauf hin, daß auch wenn das totalitäre System, wie der sowjetische Kommunismus, mit kollektiver Führung beginnt, die Tendenz zum „Führerkult” immanent ist: Stalin, Mao, Castro.

Der Begriff „Faschismus“ oder „faschistisch” hat in den letzten Jahren zunehmend seinen ursprünglichen Sinn verloren, wenn er je einen hatte. In einer Betrachtung über Brachers Buch schreibt Joachim Besser, früher Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeiger, u. a.:

„Wer ist eigentlich ein Faschist? Darauf ließe sich, wenn man eine Summe aus vielen politischen Diskussionen ziehen will, antworten: Jeder der mir nicht paßt! In der Tat ist die Faschismus-Diskussion ins Ideologische entartet. Sie hat völlig den historischen Boden unter den Füßen verloren. Jedes nicht westlich-demokratische System wird schlagwortartig abqualifiziert, obwohl es nur einige wenige ‚faschistische‘ Elemente in sich trägt, wenn überhaupt! Linke Studenten bekamen den gleichen Vorwurf von Günter Grass zugespielt, und die radikalen Linken wiederum nennen simplifizierend alle, die nicht ihrer Meinung sind: Faschisten! Die Moskauer Propaganda läuft (lief!) auf gleichen Touren. Wer dem Kreml widerspricht (widersprach!) ist (war!) Faschist, und Sozialdemokraten sind der Einfachheit halber: Sozialfaschisten! Ein solcher Begriff wird sinnlos, und man schämt sich, ihn noch zu gebrauchen!“

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Teil 1 – Wirtschaftswunder im Dritten Reich
Teil 2 – Hitlers außenpolitische Ziele
Teil 3 – Partei und Wirtschaft im Dritten Reich
Teil 4 – Großindustrie und Staat
Teil 5 – Wirtschaft und Aufrüstung
Teil 6 – Krieg als Ausweg?
Teil 7 – Autarkie – Teil der NS-Weltanschauung

Kette

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Teil 1 – Wirtschaftswunder im Dritten Reich
Teil 2 – Hitlers außenpolitische Ziele
Teil 3 – Partei und Wirtschaft im Dritten Reich
Teil 4 – Großindustrie und Staat
Teil 5 – Wirtschaft und Aufrüstung
Teil 6 – Krieg als Ausweg?
Teil 7 – Autarkie – Teil der NS-Weltanschauung
Teil 8 – Machtstrukturen und Faschismus
Teil 9 – Deutscher Sozialismus
Teil 10 – Die politische Lage
Teil 11 – Albert Speers “Erkenntnisse” und die ihm gebührende Antwort
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