Krieg als Ausweg?

Von Hans Kehrl
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Frage:

War die Aufrüstung für die Besserung der wirtschaftlichen Binnenstruktur des Reiches notwendig?

Frage:

Hat gar die gesamtwirtschaftliche Situation 1938/39 Hitler zum Kriege getrieben, um seine Popularität mit neuen Erfolgen vor dem Sinken zu bewahren oder weil die Wirtschaftslage ihn zu dieser expansions-politischen Ersatzhandlung zwang?

Beide Thesen kann man nur als völlig aus der Luft gegriffen, ja absurd bezeichnen.

Beantwortung der Fragen:

1.  Hitlers Popularität war, wie schon geschildert, 1938/39 auf einem kaum noch zu überschreitenden Höhepunkt angelangt. Politisch war die volle Einbeziehung des linksrheinischen Gebietes in die Souveränität des Reiches erreicht, die Eingliederung Österreichs und des Sudetenlandes, die vom ganzen Volk gebilligt wurde, war ohne einen Schwertstreich gelungen. Das Saargebiet gehörte wieder voll zum Reich. Die diskriminierenden Einschränkungen des Versailler Vertrages auf dem militärischen Gebiet (100.000-Mann-Berufsheer, keine Luftwaffe, keine Kriegsflotte) waren beseitigt. Das Deutsche Reich war gleichberechtigt auf allen Gebieten.

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2.  Die Wirtschaft und Volk vernichtende Arbeitslosigkeit war, wie geschildert, über­wunden, Vollbeschäftigung ab Ende 1938 erreicht, dabei sogar noch in der gleichen Zeit die deutsche Auslandsverschuldung von 19 Mrd. RM im Februar 1933 auf 9 Mrd. RM 1938 reduziert.

Nein, die Aufrüstung war 1938/39 nicht ein notwendiger Motor der Volkswirtschaft, sie behinderte im Gegenteil sogar eine gleichberechtigte Entwicklung aller Bereiche der Industrie, da z. B. die Gebrauchsgüter- und Verbrauchsgüterindustrie durch mangelnde Devisen- und Rohstoffkontingentzuteilung gegenüber der an der Rüstung beteiligten Industrie benachteiligt und bei Maschineninvestitionen behindert war.

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3.  Leys Arbeitsfront plante umfassende soziale Investitionen und das Ernäh­rungs­mini­sterium hatte ein großes Programm der Mechanisierung und Motori­sierung der Land­wirtschaft auf Lager, ja der Aufbau einer kompletten Kühlkette vom Produzenten bis zum letzten Verbraucher für leicht verderbliche landwirtschaftliche Produkte – damals noch eine ganz neue Idee – wurde vorbereitet! Die Motorisierung stand für heutige Begriffe erst am Anfang, die Reichsbahn hatte große Investitionspläne und sogar der Export, insbesondere nach Südosteuropa und Südamerika, hätte wesentlich gesteigert werden können, wenn nur die notwendigen Kontingente verfügbar gewesen wären. Bauten für die Handelsflotte hätten anstelle der bevorzugten Kriegsflotte begünstigt werden können. Überall hatte es an Investitions- und Produktionsideen nur so gesprudelt bei der Dynamik, die die Wiederbelebung der Industrie aus der Erstarrung der Krisenjahre freigesetzt hatte. All das wurde durch die Präferenz für Rüstungsgüter und Rüstungsinvestitionen verhindert. Ohne Krieg und ohne neuen “Lebens­raum”(Propaganda von heute!) hätten Wirtschaft und Volk volkswirtschaftlich einer erfolgreichen Zukunft entgegengehen können.

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4.  Einige Autoren scheinen noch andere “innenpolitische Motive” Hitlers zu vermuten oder für möglich zu halten. Ich zitiere nur einige Hinweise aus den Beiträgen zum Sammelwerk Forstmeier/Volkmann “Wirtschaft und Rüstung am Vorabend des zweiten Weltkrieges”! Timothy W. Mason spricht u. a. von “Krisenerscheinungen im Inneren, von einer inflationären Zerrüttung der deutschen Geld- und Kreditwirtschaft”, oder davon, daß “die Staatsfinanzen aus den Fugen geraten wären”, davon daß “DAF (Deutsche Arbeitsfront) völlig versagte“, von einer “Exportmüdigkeit“, von “einer schweren sozi­alen Spannung”, ja sogar “vom Abbau der sozialpolitischen Errungenschaften” (Seite 189) – ohne klarzumachen, was er damit meint. Und schließlich “Opferbereitschaft der Beherrschten war nicht gegeben”. Allan S. Milward spricht gar von “einer extremen Anti-Arbeiterpolitik“, Hans-Erich Volkmann von einer “unüberwindbaren Krisensituation 1938/39″.

Hier sind anscheinend aus mir nicht bekanntem und von den Verfassern auch nicht erwähntem Quellenmaterial viel zu weitgehende Schlüsse gezogen worden. General Thomas z. B. übernahm vielfach kritiklos “die absichtliche Schwarzmalerei von Schacht oder auch des Preiskommissars Wagner oder vielleicht auch der von mir sehr häufig gelesenen Wochen- oder Monatsberichte des S.D.

Ihnen allen fehlte es nur allzu oft am Verständnis für Größenordnungen und Zusam­men­hänge. Eines kann ich als zeitgenössischer, voll orientierter Betrachter und Mittäter mit aller Entschiedenheit sagen: Von “schweren sozialen Spannungen”, von “einer extremen Anti-Arbeiterpolitik“ oder davon, daß die “DAF völlig versagte”, konnte 1938/39 nicht die Rede sein. Und daß eine “hohe Opferbereitschaft der Beherrschten” gegeben war, das hat der Verlauf des Krieges doch wohl unwiderlegbar bewiesen. Zu dieser Problematik möchte ich aus­nahms­weise aus meinem Buch “Krisenmanager im Dritten Reich” zitieren (S.45):

“Vor einiger Zeit las ich in einem Artikel der Gräfin Dönhoff in der ‘Zeit‘:

‘Eigentlich ist es verblüffend, daß bei der vielfältigen Repräsentanz, die dem Bürger vom Elternbeirat bis zum Parlament zur Verfügung steht, das Gefühl, nicht beteiligt zu sein, sich heute zu so unerträglicher Bedrückung auswächst – während in der Hitlerzeit, als die individuelle Meinung überhaupt nicht zählte, die Mehrzahl das Gefühl hatte, unendlich viel zu bewirken.’

[…]
Es war damals einfach das Gefühl, daß nicht ‘DIE’ etwas bewirkten, sondern daß ‘WIR’ etwas bewirkten. Jeder war dabei oder konnte da bei sein, wenn er wollte. Ich befürchte, die Geschichte der für die Arbeitsfront, die Frauenschaft, die Volkswohlfahrt, für ‘Kraft durch Freude’, für ‘Mutter und Kind’ arbeitenden Hunderttausenden von Idealisten wird nie geschrieben werden. Für die aber, die sich der damaligen Zeit erinnern, war das ein wichtiger – wenn nicht der wichtigste – Inhalt der Zeit des Dritten Reiches, der erst mit dem Kriegsbeginn mehr in den Hintergrund trat.

[…]
Ausgehend von den Gedanken des Gesetzes ‘zur Ordnung der nationalen Arbeit’ wurde die soziale Gesinnung und Verantwortung der Unternehmer auf breitester Front geweckt und mobilisiert. Jahrelange erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Ver­trauens­räten und der Arbeitsfront bewirkten, daß der Hauptsinn, die Überwindung des Klassenkampfdenkens und die Ausschaltung des Streiks als mögliches Kampfmittel, in überraschendem Ausmaß gelang.”

Nur eins habe ich diesem Zitat jetzt hinzuzufügen: Ich habe begründete Hoffnung, daß von in hohem Maße kompetenter Seite die Geschichte der Sozialpolitik des Dritten Reiches bald geschrieben werden wird. Zutreffender wird vielfach die wirtschaftliche Entwicklung historisch behandelt. Sie ist z. B. in “Außenhandel und Aufrüstung in Deutschland 1933 bis 1939″ auf den Seiten 81 bis 111 meines Buches vollkommen zutreffend nachgezeichnet worden.

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5.  Auch Timothy W. Mason kann nicht widersprochen werden, daß “eine gewaltige Inflation in Gang gekommen war” – nur nach den Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart ist das Wort “gewaltig” allerdings bei weitem zu hoch gegriffen – und die “Finanzen (auch 1938/39) kritisch zu werden begannen”, zumal gerade in diesen beiden Jahren (aber erst dann!) “der internationale Rüstungsboom” sich auszuwirken begann. Aber von einer echten Krise oder gar einer bedrohlichen Krise kann zu diesem Zeitpunkt nach meiner Kenntnis keinesfalls gesprochen werden. Es trifft zwar auch zu, daß anzunehmen war, daß “der Finanzbedarf der öffentlichen Hand weiter wachsen”, daß “permanenter Devisenmangel” sich verstärken würde. Aber krisenhaft war die Lage trotz alledem zu diesem Zeitpunkt nicht. Die von Mason geschilderte Problematik war ja auch einer der Streitpunkte, derentwegen Dr. Schacht 1938 als Reichs­wirt­schafts­minister und im Januar 1939 als Reichs­bank­präsident ausschied.

Funk ersetzte ihn in beiden Funktionen. Er, die Männer seines Reichsbankdirektoriums und gar der Reichsfinanzminister Schwerin-Krosigh waren kenntnis- und ideenreiche Persönlichkeiten und sicher eher vorsichtige Naturen. Sie traten natürlich alsbald zur Bestandsaufnahme zusammen. Zur Panik war kein Anlaß. Man würde die Finanzen und die inflationäre Entwicklung im Griff behalten, ohne daß spektakuläre Maßnahmen notwendig wären. Man hatte beides noch immer im Griff, als das Jahr 1940 zu Ende ging und die besetzten Gebiete sowie die wirtschaftliche Lage Italiens schwierige Probleme aufwarfen. Geldsteuerung, strikte Devisenbewirtschaftung, Rohstoff- und Produktionssteuerung sowie Preiskontrollen waren in den letzten Jahren zu einem Instrumentarium entwickelt worden, das sich sehen lassen konnte und eine beachtliche Flexibilität ermöglichte. Allerdings, weder der von heutigen Historikern als Zeuge zitierte Darre, noch General Thomas und sein Wirtschafts- und Rüstungsstab waren mit Wesen, Arbeitsweise und Ineinandergreifen dieses Instrumentariums vertraut.

Auch die pessimistischen Voraussagen Schachts bewahrheiteten sich mindestens bis zum Ausbruch des Rußland-Krieges nicht.

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6.  Timothy W. Mason schreibt in seinem wiederholt erwähnten Beitrag (auf Seite 165): “Auch im Sommer 1939 war ein Raubkrieg ganz gewiß nicht der einzige Ausweg aus dieser Sackgasse.”

Sehr richtig! Ein Raubkrieg wurde auch gar nicht geplant, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil niemand im Reich zu wissen schien, daß in den niederländischen, belgischen und französischen Häfen gewaltige Mengen von Rohstoffen zur Kriegsvorbereitung angehäuft lagerten. Und man hätte es wissen können! Denn die “BIZ” (Bank für internationalen Zahlungsausgleich) hatte treu und brav über diese Sonderimporte und Einlagerungen laufend berichtet. Aber diese Berichte wurden wohl von den ressortmäßig Zuständigen nicht gelesen, vielleicht weil sie zu geheim waren! Als ich in der ersten Juniwoche 1940 im Auto die neuen besetzten Gebiete Niederlande, Belgien und Nordfrankreich besuchte, besichtigte ich u. a. auch die Häfen in Rotterdam, Antwerpen und Calais, die mit Importen auch oder gerade an Rohstoffen aller Art vollgestopft waren (fast ausschließlich vorsorgliche Einkäufe der Regierungen selbst).

Niemand hatte sich bis dahin für den Inhalt der Lagerhallen interessiert. Sie waren durch Wachen des OKW und der Marine “gesichert”. Die militärischen Dienststellen stritten sich darüber, wem die Kriegsbeute zustände. Dafür, daß der Hafeninhalt und dazu tief gestaffelte Lager im Inland durch mögliche Luftangriffe und daraus entstehende Flächenbrände aufs äußerste gefährdet waren, schien bei uns niemand zuständig zu sein, so wie offenbar bei Englands und Frankreichs Streitkräften niemand zuständig war für solche leicht durchführbaren Zerstörungen durch Luftangriffe.

Ich hatte die eingelagerten Mengen verschiedenster Rohstoffe über den Daumen geschätzt und General von Hanneken bei meiner Rückkehr unterrichtet. Weder er als Rohstoffzuständiger im RMW, noch General Thomas hatten davon gehört oder sich jedenfalls auch nur dafür interessiert. Mit dem OKW vereinbarte ich eine sofortigen Abtransport durch zivile Stellen. (Die Intendantur wäre zu langsam gewesen). Die Vereinnahmung dieser Bestände, die dann zügig weitergeführt wurden, war im übrigen völkerrechtlich völlig einwandfrei, da es sich fast zur Gänze um Staats­eigen­tum handelte, das nach der Haager Landkriegsordnung als “Beute” einzustufen war. Durch zähe Verhandlungen mit dem OKW wurde schließlich festgelegt, daß alle Rohstoffbestände der Dispositionsgewalt des Reichswirtschaftsministeriums unterlägen.

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Teil 1 – Wirtschaftswunder im Dritten Reich
Teil 2 – Hitlers außenpolitische Ziele
Teil 3 – Partei und Wirtschaft im Dritten Reich
Teil 4 – Großindustrie und Staat
Teil 5 – Wirtschaft und Aufrüstung
Teil 7 – Autarkie – Teil der NS-Weltanschauung

Kette

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Teil 1 – Wirtschaftswunder im Dritten Reich
Teil 2 – Hitlers außenpolitische Ziele
Teil 3 – Partei und Wirtschaft im Dritten Reich
Teil 4 – Großindustrie und Staat
Teil 5 – Wirtschaft und Aufrüstung
Teil 6 – Krieg als Ausweg?
Teil 7 – Autarkie – Teil der NS-Weltanschauung
Teil 8 – Machtstrukturen und Faschismus
Teil 9 – Deutscher Sozialismus
Teil 10 – Die politische Lage
Teil 11 – Albert Speers “Erkenntnisse” und die ihm gebührende Antwort