Im Schneckengang abwärts…

von H.-P. Schröder

Schneckengang

Zum Tode von Günter Grass (87)

Lieber Günter,

als Johann Wolfgang starb,
ging ich in Sack` und Asche
an die 100.000 Jahr,
und als Schiller ging,
da wurde weiß mein Haar
vor Gram,
und als das Kind aus Salzburg endete
den Sang
und schwieg,
da schwieg auch ich
so an die 100.000 Jahr
vor Scham.

Egal was bleibt,
wenn etwas von uns geht,
das uns vor lebt,
was in uns strebt
und zeigt uns auf,
was möglich ist,
wenn bewusstes Sein mit Takt
und Feingefühl den
Lebensmantel webt,
– der Schmerz ist fürchterlich.

Ich fühle tief in mich
und spüre nichts.
Du warst kein Großer,
hast dein Leben nur für dich gelebt.
Einmal die Stimme frisch erhoben,
zwar schlecht, aber im Grund gerecht,
und als dein Häuselein erbebt
sofort das Schwänzlein eingezogen
und geschwiegen. Du hast versagt,
total versagt, und uns im Stich gelassen,
mein Beileid stösst sich hart
an deinen Grenzen,
denn deine Zeit –
sie ist die Zeit der kleinen Geister
Und unser Streben gilt dem großen Meister.

Du reissest keine Lücke.
Es ist, wie wenn nichts war.
Der Himmel blau,
die Lüfte mild und klar.
Dein alter Platz ist jetzt schon neu besetzt,
von einem abgebrannten Schwätzer,
der an deinen morschen Knochen,
sein eigen Schweig`gelübde wetzt.

Das ist alles was mich heut` entsetzt.

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Quelle: Julius Hensel Blog

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