Ich veröffentliche hier nur das Vor- und Nachwort von Osimandia, weil mir vor allem die Nachbetrachtung zu dem Satz

Traue niemals etwas, das für sich selber denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Gehirn hat.*

für uns in Zeiten allgemeiner Verwirrung wichtig erscheint. Die Geschichte selbst kann auf der Originalseite nachgelesen werden.

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Vorwort von Osimandia

Das englische Original wurde am 7. Januar 2015 von einem Foristen namens “kingslayer111″ unter dem Titel I work for the US government, and I have proof we’re all being brainwashed via memes in der “Nosleep”-Gemeinschaft auf reddit.com veröffentlicht.

Viel zweifelhafter kann eine Quelle eigentlich gar nicht mehr sein, deshalb ist es mir wichtig, vorauszuschicken, dass mir das sehr wohl bewusst ist. Tatsächlich gehe ich mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich um Belletristik handelt. Ich habe den Link dazu in einem Kommentarbereich zu dem Anschlag in Paris gefunden, fing an zu lesen und die Geschichte zog mich in ihren Bann. Auch wenn ich die Rahmengeschichte eher nicht glaube, klingt der eigentliche Inhalt erschreckend wahr, und der kleine Gedanke ‘Es könnte ja vielleicht tatsächlich echt sein’ ließ sich nicht ganz vertreiben. Aber lesen Sie selbst. (Links,  Hervorhebungen im Text und Bilder sind von mir.)

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Hier die Erzählung
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Nachbetrachtungen von Osimandia

[…] Der letzte Satz [*siehe oben] hat mich aber etwas irritiert und belastet. Tatsächlich ist es ja auch so, dass die Leser dieser Zeilen offensichtlich erkennen, dass ich ein Gehirn besitze, aber “nicht sehen können, wo das ist”. Und genauso geht es mir umgekehrt mit jedem Gesprächspartner hier. Der Gedanke, dass wir – ohne uns dessen bewusst zu sein – ebenfalls Meme verbreiten könnten, die nicht von uns selber sondern von professionellen Meinungserschaffern stammen, hat mich zunächst erschreckt. Wir sind ja hier auch im Internet.

Ohne diesen Gedanken vollständig aus dem Hinterkopf zu entlassen, habe ich diese Besorgnis dann aber verworfen, denn letztendlich würde er uns zu verzweifeltem oder resigniertem Schweigen verdammen, wenn wir ihn übernehmen würden. Wir sind nicht der “durchschnittliche Joe”, der nur dreieinhalb Minuten täglich auf weltbewegende Angelegenheiten verwendet, und selbst wenn wir den Aufbewahrungsort der Gehirne von Gesprächspartnern hier nicht im Wortsinne sehen können, können wir aufgrund der kleinen Zahl und der hohen Qualität und Länge der Beiträge genauso gut (und vielleicht sogar besser als bei losen Bekanntschaften im echten Leben) erkennen, dass es sich um gut unterscheidbare Persönlichkeiten handelt.

Ich denke daher, dass die Warnung sich mehr auf die anonymeren großen Plattformen bezieht, insbesondere auf diejenigen, die als “Social Media” bekannt sind, da der Autor sich ja auch selbst als Social-Media-Stratege bezeichnet hat. Und diesbezüglich denke ich, dass der Autor recht hat, selbst wenn er nichts von dem ist, was er vorgibt zu sein.

Dawkins Buch ist aus dem Jahr 1976 – da war das Internet zwar bereits erfunden (tatsächlich vom Militär und möglicherweise schon von Anfang an nicht nur zum Zweck des Eigengebrauchs?), spielte aber noch keine Rolle. Meme konnten sich selbstverständlich auch schon vor der Internet-Ära verbreiten. Zweifellos ist aber das Internet ein enormer Verstärker und Beschleuniger ihres Verbreitungswegs. Aufgrund seiner sehr jungen Existenz ist es auch noch gar nicht möglich, abzuschätzen, wie es sich langfristig auswirken wird. Es ist möglich, dass sich die gesamte menschliche Gesellschaft durch das Internet auf eine Weise radikal ändert, die Generationen vor seiner Existenz als der Übergang in eine “Gedankenleser-Gesellschaft” erschienen wäre, wenn sie davon in einem Sciencefictionroman gelesen hätten.

Wir nutzen das und sollten das auch weiterhin tun. Es wäre aber geradezu wahnwitzig, anzunehmen, dass die Gegenseite, dass die professionellen Meinungsformer, dass diejenigen, die schon Jahrhunderte und Jahrtausende davor bestrebt waren, ganze Völker mittels  Gehirnviren zu kontrollieren, schön brav bei Druckerzeugnissen, Fernsehen und den Online-Auftritten dieser Medien bleiben werden und die rebellischen Naturen [“natural born rebels”] auf eigene Faust vor sich hinwursteln ließen. Auch gegenüber alternativen Medien auf der Hut zu sein, ist daher sicher ein guter Rat.

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Ich halte “Je suis Charlie” für ein vorsätzlich verbreitetes Mem, genau wie in dem obigen “Geständnis” beschrieben. Tatsächlich habe ich mich auch schon gewundert, wie schnell die Plakate aufgetaucht sind. Wo kommen die her? Manche sehen handgeschrieben aus, aber die meisten sind gedruckt und gleichartig. Wer verteilt die?

WER?

WOZU?

Das sind die Fragen nach der Wurzel, die aber in dem wahnwitzigen Streit, wer denn nun das Recht hat, Charlie zu sein oder nicht, vollkommen untergehen.

Bereits anderthalb Stunden nach dem Anschlag ist “Je suis Charlie” in den sozialen Medien aufgetaucht und hat sich wie ein Virus verbreitet. Wer hat es als erster dort geschrieben? Eine harmlose Privatperson? Das ist möglich, denn dieses “Ich bin…” und “Wir sind…” gab es schon vorher. Aber wäre es in dem Fall nicht bei ein paar Antworten “Ja, ich auch!” geblieben und wieder verschwunden?

Ich weiß es nicht. Aber ich denke ab jetzt darüber nach, denn es hat auf jeden Fall einen Streit – und zwar einen hochgradig verrückten Streit – hervorgerufen.

Dazu fällt mir ein, dass “Streitkultur” als etwas Positives gilt,  ja dass die Demokratie nicht nur von dieser “demokratischen Streitkultur lebt”, sondern dass sie selbst nichts anderes als die Erhebung der “Streitkultur” zum politischen System ist. Was anderes als Streiten wird denn in einem Parlament getan und mit der politischen Opposition bezweckt? Natürlich ist es normal, dass politische Entscheidungen – egal, ob sie von einer demokratischen Regierung oder einer Diktatur kommen – nicht bei allen auf Zustimmung stoßen und Widerspruch hervorrufen, aber nur in der Demokratie ist dieser Widerspruch als politische Opposition Teil des Systems und kann somit sehr leicht kontrolliert werden, und in Folge davon orientiert sich die Opposition des Volkes daran  und wird damit beeinflusst und unfrei.

Das ist auch der tiefere Sinn und Zweck. Wer glaubt, politische Parteien seien dazu da, den Willen des Volkes umzusetzen, irrt. In Artikel 21 des Grundgesetzes steht unverblümt und ausdrücklich, dass es genau umgekehrt ist:

Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.

Wenn man das nicht ignoriert und sich einfach selber – durch nichts fundierte – Luftschlösser darüber baut, was Demokratie ist, wie es die meisten tun, sondern es wörtlich nimmt, dann kann man den etablierten Parteien nicht vorwerfen, irgendetwas falsch zu machen oder gar “undemokratisch” zu sein. Sie tun ganz genau das, was laut Grundgesetz ihre Aufgabe ist: Sie prägen den Willen des Volkes oder – weniger euphemistisch ausgedrückt – sie betreiben Gehirnwäsche. Damit es funktioniert, müssen es mehrere Parteien sein, und wenn das alte Parteienspektrum nicht mehr ausreichend divers für effiziente Gehirnwäsche ist, müssen neue geschaffen werden: Grüne, Linke, Piraten, AfD.

Das, was  “Steve” erklärt

Wenn man alle kontrollieren will, muss man begreifen, dass Rebellion bei jeder Propaganda unvermeidlich ist. Wenn man also Propaganda erschafft, muss man seine eigene Rebellion gleich mit dazu erschaffen, um rebellischen Naturen die Illusion von Kontrolle zu geben.

ist selbstverständlich auch schon in Zeiten vor der Erfindung des Internets durch die Erfindung und Verbreitung der modernen Demokratie praktiziert worden –  davor sicher auch, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß. Demokratie mag auch ein politisches System sein, sie ist aber weit mehr als das ein Mittel zur vollumfänglichen Meinungskontrolle, und Talkshows im Fernsehen sind Demokratie zum Quadrat – viel leichter den Massen nahezubringen als Parlamentsdebatten zwischen Regierung und Opposition, die man sich früher umständlich durch Zeitunglektüre zu Gemüte führen musste. In jenen Zeiten konnten sich noch sehr viel mehr Menschen als heute – sei es aus Faulheit,  Leseschwäche,  Zeitmangel oder Ekel  – vor der öffentlichen Debatte in Sicherheit bringen als heute. Und ich meine “in Sicherheit” nicht ironisch sondern wörtlich! Heute bleibt nur noch der Ekel als Rettungsweg und tatsächlich ist das wohl auch der Grund, aus dem man selbst auf Plattformen wie PI als Kommentar über öffentliche Debatten so häufig liest “Ich könnte kotzen!” Sie ziehen nur nicht die richtige Konsequenz daraus, weil sie gelernt haben, dass es ihre demokratische Pflicht ist, “politisch interessiert” zu sein.

Das Internet und insbesondere die sozialen Medien könnten Demokratie hoch zehn sein. Daher ist es m.E. heutzutage nicht mehr von Belang, ob eine Partei im Parlament vertreten ist oder nicht. Solange sie in der öffentlichen Debatte präsent ist, ist es exakt dasselbe, als ob sie im Parlament wäre.

Ich glaube auch für den Fall, dass die Geschichte von kingslayer1111 tatsächlich zutreffend sein sollte, keine Sekunde, dass die Praxis, gezielt Meme und Gegenmeme zu erschaffen und zu verbreiten, um sinnlose Streitereien auszulösen, von Amerikanern ausgeht. Es ist natürlich dennoch gut möglich, dass es von staatlichen Behörden der USA ausgeht, (wobei ich eher annehme, dass es die so genannten “Think Tanks” und andere NGOs sind) und die Strategen auch der Ansicht sind, sie würden den “amerikanischen” Weg verbreiten. Arthur Trebitsch schrieb schon fast ein Jahrhundert zuvor, dass Juden sich dadurch auszeichnen, dass sie

Gegenmaßnahmen gegen die Maßnahmen ihrer Gegner ergreifen, bevor diese die eigentlichen Maßnahmen ergreifen.

Was anderes ist das, als die Rebellion gegen eine Propaganda mit der Propaganda gleich mit zu erschaffen?

Am Ende möchte ich nur noch ein Beispiel erwähnen: die Zuwanderungsdebatte. Hier wurde zu der orthodoxen Position “Wir müssen gutmenschlich alle reinlassen, die Hilfe brauchen” die rebellische Gegenposition “Wir brauchen Fachkräfte” entworfen. Die tatsächliche Wurzel des Problems und damit seine Lösung ist aber:

Wir müssen (bis auf handverlesenen Einzelpersonen) niemandem dadurch helfen, dass wir ihn zuwandern lassen, und wir brauchen auch keine Fachkräfte, Rentenzahler oder Ausgleicher unseres Geburtendefizits. Wir brauchen gar keine Zuwanderung sondern Rückwanderung – platt ausgedrückt: Ausländer raus!

Und genau das ist es, was die Streithähne beider Seiten meiden wie der Teufel das Weihwasser!

Sie sind sich einig, dass das eine ungeheuerliche Forderung ist. Die einen unterstellen den anderen, sie würden das insgeheim denken. Und die anderen sind damit beschäftigt, zu beteuern, dass diese Unterstellung eine Unverschämtheit ist, man niemals so etwas denken, geschweige denn aussprechen würde und sich eilfertig von all jenen zu distanzieren, die das auch nur eventuell andenken könnten oder schon mal mit jemandem Kaffee getrunken haben, der das tut.

In einer etwas anderen und im Grunde noch verrückteren Nuancierung tobt parallel der Streit um die Islamisierung, wobei es darum geht, ob fremdrassige Moslems unangenehmere Zuwanderer sind als fremdrassige Nichtmoslems und ob es rassistisch oder “Nazi”  ist, wenn man Moslems den Islam abdressieren will. Auch hier ist wieder Konsens zwischen den aggressiv streitenden Parteien: Zuwanderung ist selbstverständlich, Rassismus ist böse und Nationalsozialismus ist abgrundtief böse. Die Islamstreiterei ist nur das Trägermedium für das Mem.

Die Initialzündung für die Aufnahme dieser Haltung in die öffentliche Debatte war Sarrazin, danach wurde sie parteipolitisch von der AfD übernommen und von Pegida auf die Straße getragen und damit für die rebellischen Naturen zum “Willen des Volkes” geadelt. Dass nicht alle der Demonstrationsteilnehmer dieser Ansicht sind, ist belanglos, es sind wohl auch nicht alle AfD-Mitglieder und Sarrazin-Leser dieser Ansicht, vermutlich nicht einmal alle Anhänger der alten Parteien.

Es ist nur von Bedeutung, was in der öffentlichen Debatte stattfindet, und innerhalb dieser wird man keinen AfD-Politiker und keinen Pegidasprecher finden, der an die Wurzel geht, der sich an das heranwagt, was mit dem Streit zwischen den Anhängern des “orthodoxen Mems” und den Anhängern des “rebellischen Mems” schön unter dem Mantel des Schweigens und unter der Wahrnehmungsschwelle bleiben soll.

Manche halten Sarrazin, AfD und Pegida auch dann, wenn sie ihre Forderungen für bei weitem nicht ausreichend halten, für einen “ersten Schritt”. Ich sehe es anders. Ich halte diese Phänomene für Gegenmaßnahmen des Systems zur Einhegung eventuell aufkommender tatsächlicher erster Schritte,  für die offiziell erschaffene Rebellenposition gegenüber der Orthodoxie, für die künstliche Hervorrufung eines Streites, der augenscheinlich höchst lautstark, allgegenwärtig und aggressiv geführt wird, der – wie “Steve” es anhand der Feminismusdebatte beschreibt:

für immer weiterwüten wird, ohne dass je eine erkennbare Änderung eintreten wird.

Und zwar genau zu dem Zweck!

Das mag deprimierend klingen, und erfreulich ist es wirklich nicht gerade. Ich denke aber dennoch, dass ein Ausweg möglich ist.

Bewahren wir uns bei allen öffentlich geführten Debatten die Angewohnheit, diejenigen Punkte, in denen sich die Gegner bis aufs Messer streiten, desinteressiert an uns abperlen zu lassen, und stattdessen nach dem Punkt oder den Punkten zu suchen, worin sie übereinstimmen, ohne das jemals auszusprechen, weil es “selbstverständliche Grundvoraussetzung” ist.

Denn es gibt sie!

Die geistige Freiheit jenseits der “demokratischen Streitkultur” und “öffentlichen Debatten”!

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Quelle: Gehirnwäsche durch Meme | Archiv des verbotenen Wissens