Es ist die Pflicht jedes mündigen Menschen – sofern er das Attribut „mündig“ für sich beansprucht – und unabhängig von seiner sonstigen Weltanschauung, sich über die zunehmend grassierende Umdeutung* und den Mißbrauch der Begriffe in der Politik klarzuwerden, weil es ihn (den Mündigen) ansonsten nach Definition überhaupt nicht gibt und „der Bürger“ den Status des reinen Matrix-Stimmviehs nie überwindet.

Letzterer kann seinen „Wahlberechtigungsschein“ dann gleich an die Denkfabriken („Thinktanks“) abtreten…

*„Es setzte eine Umkehrung aller Begriffe ein:

Was gut war, wird nun schlecht, und was schlecht war, gut.
Der Held wird verachtet und der Feigling geehrt, der Redliche bestraft und der Faule belohnt.
Der Anständige hat nur noch Spott zu erwarten, der Verkommene aber wird gepriesen.
Die Stärke verfällt der Beurteilung, die Schwäche der Verherrlichung.
Der Wert an sich gilt nichts. An seine Stelle tritt die Zahl, d. h. der Minder- und Unwert.
Die geschichtliche Vergangenheit wird genau so infam besudelt
wie die geschichtliche Zukunft unbekümmert abgeleugnet.“

(Adolf H.)

Morbus ignorantia - Die Krankheit Unwissen

Von Götz Kubitschek

Es gibt kaum ein besseres Beispiel für dieses Erlahmen der Abwehrbereitschaft als die Umdeutung des Wortes »Toleranz«. Die heutige Form der Toleranz ist die 9. Todsünde der zivilisierten Menschheit. Ob sie in der Notwendigkeit ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung liegt, vermag nur ein Ethologe zu sagen. Festzustehen scheint, daß ihr trotz vielstimmiger Warnrufe und glasklarer Fakten nicht beizukommen ist. Vielleicht ist diese weiche, pathologische Form der Toleranz tatsächlich ein wichtiger Indikator für einen an das Ende seiner Kraft gelangten Lebensentwurf, hier also: den europäischen.

Toleranz ist nämlich zunächst ganz und gar nichts Schwaches, sondern die lässige Geste eines Starken gegenüber einem Schwachen. Während ich hier sitze und vermessen den acht Todsünden von Konrad Lorenz eine neunte aufsattle, toleriere ich, daß eine meiner Töchter im Zimmer über mir trotz angeordneter Bettruhe vermutlich einen Tanz einstudiert. Von Toleranz diesen rhythmischen Erschütterungen gegenüber kann ich nur sprechen, weil ich a) einen klaren Begriff…

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