NOMINIERUNG

Thema:  Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Komplex Auschwitz 1945

Quelle:  Dienstschreiben israelisches Justizministerium, 06.06.2005, Az. 6-98-11

Urheber:  Justizminister Yosef/Tommy Lapid, durch StA Gal Levertov

 

AUSSAGEN

Der Angeklagte Morel werde nicht an die Justiz ausgeliefert, denn:

1) Eventuelle Verbrechen von KZ-Chef Morel im Auschwitz-Komplex seien nach israelischem Recht verjährt.
2) Eventuelle Untaten seien verständlich, weil vorher Angehörige seiner Familie von „polnischen Faschisten“ ermordet wurden.
3) Morels Lager hatte 1945 nur 600 Häftlinge, „alles Nazis“, deren Anzahl unverändert blieb.
4) Etwa 60-100 Typhus-Tote im Lager waren durch die schwierigen sanitären Umstände unvermeidbar.
5) Anderslautende Beweise seien deutsche Fälschungen.
6) KZ-Chef Morel war kein Täter sondern Opfer von „Antisemitismus“.
7) Antragsteller Polen sei schuldig des „Antisemitismus“ nach 1945.

1. Personalien

Kremlin killer Shlomo (Solomon) Morel

Salomon (Schlomo) Morel wurde als Sohn eines Bäckers 1919 im russ.-polnischen Garbow, Kreis Pulawy, geboren und hatte zwei weitere Brüder. Wegen der Armut der Familie siedelte er zu einer Tante in Lodz um, wo er bis 1939 als Verkäufer in einer Konditorei arbeitete. Nach Kriegsbeginn zog er in den Heimatort zurück.(1) Er begann im November 1942 mit seinem älteren Bruder Icek (Isaak) und einer selbstgegründeten Bande in benachbarten Dörfern zu plündern, wobei er von polnischen Partisanen erwischt wurde. Indem er die Schuld auf seinen Bruder schob, kam er ungeschoren davon. Im folgenden Jahr schloß er sich diesen Partisanen an, die sich aus der PPR gebildet hatte, der Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza, 1942-1948), eine Neugründung der ehemaligen KP Polens, die 1938 von Stalin wegen Trotzkismus liquidiert worden war. Morels Gruppe der Armia Ludowa (Polnische Volksarmee, 1942-1944) unter Kapitän Chil zerstörte in der Region Lublin Molkereien und Gemeindeämter.(2) Vorgesetzte der AL bestätigten, daß Morel an allen Aktionen zu großer Zufriedenheit teilnahm. Gegen Kriegsende sollen diese Partisanen auch direkt mit sowj. Truppen zusammen gekämpft haben. Morel war jedoch weiterhin mit konspirativen Aufgaben betraut. Während er heute behauptet, 30 Familienangehörige durch „Nazis“ verloren zu haben, scheint sein Bruder Isaak 1943 eines natürlichen Todes gestorben zu sein. Bruder Josef starb bei dem Versuch, unerkannt die Grenze zur UdSSR zu überqueren. Im Januar 1943 wurden Morels Eltern von poln. Polizei verhaftet und später hingerichtet.(3)

2. Gefängniskarriere

Eintritt beim UBP:
Nachdem die Rote Armee die Region im dt. besetzten Generalgouvernement Sommer 1944 erobert hatte, lebte Morel mit einer Partisanengruppe in einer Etagenwohnung der Ogrodowa Str. von Lublin und arbeitete mit dem sowj. Geheimdienst NKWD. Die auf poln. Seite vorhandenen Strukturen der Kommunisten wurden von den Sowjets als Basis des neuen Staates aufgebaut. Bürgerliche Gruppen Polens wie die von der Exilregierung in England kommandierte poln. AK (Armia Krajowa, Heimatarmee) wurden hingegen von den Sowjets unterdrückt. Im August arbeitete Morel mit am Aufbau des von Sowjets kontrollierten UBP (Urzad Bezpieczenstwa = polnisches Amt für innere Sicherheit).(4)

Morels Beförderung im polnischen Staatssicherheitsdienst unter sowj. Kontrolle verdankte er politischen Gründen anstelle von Leistung. Er war nach ersten Einsätzen gegen polit. Gegner während der gesamten Betriebsdauer des polnischen KZ-Zgoda in höchster Kommandofunktion.

Strafversetzung:
Seit 09.11.44 war Morel Wärter im Gefängnis Lubliner Schloß, wo u.a. poln. Heimatarmee gefoltert wurde, deren Fehler lediglich war, keine Kommunisten zu sein. Im selben Monat verfaßte Gefängnisleiter Antoni Stolarz eine Beschwerde, worin auch Morel als „schädliches Element in der Gefängnis­verwaltung“ bezeichnet wird, das bei wenig Fleiß die Dienstordnung arrogant mißachte und gegen ihn intrigiere.(5) So wurde Wachtmeister Morel im Dezember 1944 versetzt nach Tarnow an der Düna (Tarnobrzeg), östl. von Krakau. Schon am 18.12. folgte seine weitere Versetzung Richtung Westen nahe Kattowitz in ein KZ im Stadtteil Eintrachthütte in der oberschlesischen Stadt Schwientochlowitz (Swietochlowice).

Lager Zgoda:
Im Zweiten Weltkrieg war die ehemalige schlesische Berg­bau­hütte vom Mai 1943 bis Mitte Januar 1945 eines von 44 Außenlagern von KZ-Auschwitz mit zuletzt 1.297 Häftlingen.(6) Nach dem dt. Rückzug übernahm der sowj. Sicherheitsdienst NKWD die Liegenschaft und übergab sie im Februar 1945 an das UBP. Unweit der Messehalle von Schwientochlowitz hatte dieses Amt auch gleich sein Regionalbüro. Aus dem dt. KZ-Auschwitz-Eintrachthütte wurde nach wenigen Wochen Pause das poln. KZ-Zgoda, wobei Zgoda Frieden/Eintracht bedeutet. Aleksy Krut (1925-1963) und Salomon Morel waren dort gemeinsam im Kommando bis zum Mai 1945. Ab dann wurde Morel alleiniger Leiter bis zur Auflösung des Lagers ab September nach einer Epidemie.(7) Bis zum 20.11.1945 war KZ-Zgoda verwaltungstechnisch abgewickelt.(8) Das angebliche Arbeitslager ohne Bezahlung zur Bestrafung von „Nazis“ und Kollaborateuren war tatsächlich ein Übergangslager zur Vertreibung der Deutschen. Häftlinge aus Baracke-7, angebliche Mitglieder von NS-Organisationen, durften Zgoda auch zur Zwangsarbeit nicht verlassen, für sie war es also ein Straflager.(9) Die Arbeit mußte an verschiedenen Orten geleistet werden, meist außerhalb von Eintrachthütte.(10)

3. Nachkriegsverfolgungen

Nach dem Rückzug der dt. Wehrmacht und mit dem Beginn poln. Verwaltung unter russ. Aufsicht begann die Verfolgung deutscher Bevölkerung. Dabei wurde durch das PKWN (Poln. Komitee der Nationalen Befreiung) nach Volkslisten (DVL) behördlich unterschieden zwischen Reichsdeutschen, also Einwohnern von dt. Staatsgebiet, und Volksdeutschen, dt. Einwohnern in poln. besetzten Gebieten.(11) Beide verloren pauschal ihre Bürgerrechte, das Vermögen wurde beschlagnahmt. Durch ebenso pauschale Einweisung in Zwangsarbeitslager, offiziell als „Abgeschiedenheitsstellen“ bezeichnet, sollten sie sich dort rehabilitieren, sozusagen reinigen. In der Praxis wurde daraus eine Ausmerzung der Deutschen aus poln. Herrschaftsgebiet, wobei auch Priester ermordet wurden.(12) Deutsche mußten Armbinden oder Abzeichen tragen, z.B. „N“= Niemiec/Deutsche.(13) Vorher waren Verschleppungen in Büros der Miliz (=Partisanen) üblich, wo Bewohner der Nachbarhäuser wegen der ständigen Schreie der Opfer ausziehen wollten.(14) Das von ehemaligen Partisanen wie Morel geleitete KZ-Zgoda wurde derart berüchtigt, daß Meldungen darüber sogar 1945 schon in England bekannt wurden.(15) Die Verfolgungspraxis zeigt sich auch in den Details als identisch in Polen und der Tschechoslowakei. Die USA und England ließen über ihre Botschafter in Prag und Warschau protestieren, ohne Gehör zu finden. Besonders Polen erlaubten noch weniger als Tschechen eine Besichtigung der Lager durch das Internationale Rote Kreuz.(16)

Mai 1945: Massengrab mit getöteten Deutschen im Schloßpark von Miröschau

Morels berüchtigtes Lager war nur eines unter 1.255 polnischen KZ und 227 Gefängnissen, wo ab 1945 im Oder-Neiße Gebiet Gewaltverbrechen gegen Häftlinge üblich waren.(17) Opfer wurden neben Deutschen relativ wahllos, was als Feind galt, oft genug auch als lukrative Beute durch Plünderung der Wohnungen während der Haft.(18) Auf diese Weise kamen neben dt. Kriegsgefangenen auch polit. Häftlinge aus dem dt. KZ-Auschwitz plötzlich wieder in solche Lager zurück unter poln. Regie, „weil nach ihrer Ansicht jeder Deutsche ein Faschist ist“.(19)

So lautete besonders in Polen das bündige Motto der Verhaftungs-Schwadronen vor den Wohnhäusern: „Alles was deutsch – raus!“.(20) In den Lagern wurden Arbeitsunfähige, sowie Alte und Kranke erschossen.(21) Weitere Hinweise bietet ein dt. Gerichtsurteil gegen einen der schlesischen KZ-Aufseher.(22) In der Liste der genannten Verbrechen: wahlloses Verprügeln und Erschießungen, Vergewaltigungen, Aushungern, Seuchen und Sadismus wie lebende Zielscheiben.

Diese Lager-Umtriebe poln. Besatzung in Schlesien dauerten bis zur Jahreswende 1949/50, wobei zur Verlängerung beitrug, daß die Häftlinge auf regelrechten Sklavenmärkten für poln. Zivilisten wirtschaftliche Interessen weckten.(23)

Das von Morel geleitete KZ zur Verfolgung und Ausbeutung von Deutschen sowie polit. Gegnern in Polen war Teil einer offiziellen Unterdrückungsstrategie des von Sowjets kontrollierten kommunistischen Nachkriegsregimes in Polen.

4. Häftlinge

Zgoda:
Häftlingsbelegung

31.03.1945 1.062
01.05.1945 2.213
01.06.1945 3.759
01.07.1945 4.996
01.08.1945 5.048
01.09.1945 3.929

Inhaftierung:
Laut erhaltenen Einweisungsbefehlen kamen auch Zgoda-Häftlinge (Tabelle links) ohne gerichtliches Verfahren und ohne Prüfung individueller Schuld in das Lager.(24) Grund etlicher Inhaftierungen war auch Willkür wie das Fehlen von Ausweispapieren bei Kontrollen sowie Reichtum, den sich poln. Milizionäre/Partisanen aneignen konnten.(25) Andere Häftlinge waren Polen der falschen politischen Konfession. Soweit heute behauptet wird, einige dt. Zgoda-Insassen seien später zurecht gerichtlich verurteilt worden, gehören dazu auch Strafen für die Mitgliedschaft im NS-Kraftfahrerkorps (ein Fahrdienst) sowie der Hitlerjugend, deren Mitgliedschaft vielerorts im NS-Staat nicht freiwillig war. Nur ein Häftling wurde davon abgesehen später von einem Kreisgericht zu einer zusätzlichen Strafe verurteilt wegen Mißhandlung von Polen in der Kriegszeit.(26)

Ausländer:
In Zgoda sind auch Fälle ausländischer Häftlinge aus 13 Nationen belegt wie Österreich, Schweiz, Tschechien, USA, Litauen und der Ukraine. Der blonde Holländer VanCalsteren mußte sich in Streitdiskussionen mit dem UBP belehren lassen, daß alle Holländer schwarze Haare haben und Französisch sprechen, weshalb er Deutscher sein müsse, und also im Lager ganz richtig sei. Man steckte ihn in Zgoda sogar in Baracke-7 zu den „überführten Nazis“.(27)

Zgoda:
deutscher Anteil

31.03.1945 0 %
01.05.1945 99,7 %
01.06.1945 98,7 %
01.07.1945 98,6 %
01.08.1945 98,7 %
01.09.1945 98,2 %

Statistiken:
Neben hunderten Häftlingen über 60 Jahren waren bis zu 17% Frauen und entgegen den Vorschriften sogar Kinder unter 16 Jahren. Mindestens eines wurde im Lager geboren, starb aber nach vier Wochen.(28) Nachdem anfangs nur „sonstige“ Häftlinge ins Lager Zgoda kamen, also polit. verfolgte Polen, bestand die Welle der Einlieferungen ab Mai 1945 aus Deutschen (Tabelle links). Das völlig überbelegte Lager war nur für maximal 1.500 Insassen geeignet und hatte eine Sterblichkeitsrate von rund 30%. Das war fast noch wenig im Vergleich zum Lager Lamsdorf im poln. besetzten Schlesien, wo die Todesrate 76% betrug.(29)

Lager-Bilanz:
Bei der Auflösung von Zgoda bis November 1945 fand eine poln. Kommission unter Staatsanwalt Jerzy Rybakiewicz im Lager 1.647 überlebende Häftlinge von ehemals ingesamt 5.764 registrierten Einlieferungen plus einer Dunkelziffer an verstorbenen Zugängen zwischen dem Februar und dem Beginn von Bestandsaufzeichnungen im März 1945. Von den Überlebenden wurden laut Behördenakten 1.341 entlassen, vier blieben zur stationären Behandlung im Krankenhaus der Stadt und 301 wurden wegen „Verbrechen“ in das benachbarte KZ-Jaworzno überwiesen. Eines dieser Verbrechen bestand darin, daß der Häftling G. Gruschka seine Heimatstadt Gleiwitz als deutsche Stadt kannte, nicht als polnisches „Gliwice“, und an der poln. Staatsangehörigkeit kein Interesse zeigte. Wer entlassen wurde, mußte sich schriftlich verpflichten, über seine Erlebnisse im Lager zu schweigen.(30)

Niemand in Morels dubiosem „Friedens-Camp“ war aus berechtigten Gründen in Haft, es gingen keine Gerichtsverfahren und pers. Schuldprüfungen voraus. Im Falle von dt. Kriegsgefangenen und poln. Polithäftlingen folgte die Inhaftierung ideologischen Gründen, im Falle der Ausländer war sie eine tragische Posse.

5. Haftbedingungen

Ernährung:
Tagesration bei harter Arbeit war eine Scheibe Brot und eine Suppe aus „Brennessel und Haarbüscheln, manchmal etwas Kohl, Mais oder Möhren“. Deshalb wurden auch Gras und Abfälle gegessen. Geschirr gab es nicht, es wurde aus leeren Konservendosen gegessen.(31)

Zgoda:
tägl. Seuchentote

28.07.1945 27
29.07.1945 24
30.07.1945 28
31.07.1945 34
01.08.1945 35
02.08.1945 38
03.08.1945 38
04.08.1945 35

Epidemien:
Bei 400% Überbelegung des Lagers und ohne Reinigungsmittel brach am 26.07.1945 eine Typhus/Ruhr-Seuche im Lager aus. Die Kranken wurden nicht isoliert und blieben lange unversorgt. Impfungen beschränkten sich auf die Lagerwächter, die sich trotzdem von den Kranken fernhielten. In den Sommerwochen gab es bis zu 38 Seuchen-Tote täglich (Tabelle rechts). Alleine im August starben 632 Häftlinge, also 18% der durchschnittl. monatl. Häftlingszahl. Die Baracken 4, 6 und 7 waren schließlich praktisch ausgestorben, die restlichen Überlebenden paßten in die Baracken 1-3.(32) Kommandant Morel hielt diese Lage nicht für berichtenswert gegenüber seinen Vorgesetzten. Der Leiter der Lagerverwaltung im Sicherheitsministerium erfuhr erst Anfang August davon durch Zeitungsmeldungen.(33) Morel sah sich auch erst hierdurch zur Meldung veranlaßt an Mieczyslaw Dobromeski, Staatsanwalt beim Strafgericht in Kattowitz. Der wies den regionalen Wojwoden an, keine Häftlinge mehr nach Zgoda zu schicken, wo inzwischen 1.419 überlebende Häftlinge typhuskank waren.(34) Kommandant Morel schickte bei Auflösung des KZ abschließend 1.581 zumeist von ihm persönlich abgezeichnete Todesmeldungen über das Nachbarlager Jaworzno an das Standesamt von Schwientochlowitz als Abrechnung seiner Dienstzeit.(35) Die Quittung aus dem Ministerium waren 3 Tage Hausarrest und Abzug von 50% seines Lohns.(36) Es war wohl Morels Lager, welches das poln. Ministerium auf die Mißstände auch an anderen Orten aufmerksam machte. Sein Rundschreiben vom Dezember 1945 wies die Lagerleitungen auf bereits verfügte Strafen für mangelnde Seuchenabwehr hin.(37)

Karriere:
Morel schadete das nicht im kommunistischen Staat. Im Gegenteil, der ungelernte Bäckersohn machte eine erstaunliche Karriere. Nach der Kassation von Zgoda wurde er nacheinander Chef der KZ von Oppeln, Ratibor und Jaworzno. Als Leiter des Bezirksgefängnisses von Kattowitz hatte er schließlich bis zu seiner Entlassung im Mai 1968 den Rang eines Obristen erreicht. Neben seinem Beruf hatte er in Kattowitz bis 1949 das Abitur nachgeholt, und von 1958-1964 ein Jura-Studium an der Uni Breslau abgeschlossen. Seine Magisterarbeit trug den Titel: „Die Gefängnisarbeit und ihr Wert“. Er wurde ausgezeichnet mit dem „Goldenen Ehrenkreuz“ sowie dem zweithöchsten Orden des Staates, dem „Ritterkreuz der poln. Wiedergeburt“ (Order Odrodzenia Polski, Bild rechts), wobei lockerer poln. Volksmund den Nachkriegsorden Polonia Restituta aus der Jaruselzki-Zeit lieber „Polonia Prostituta“ nennt.(38)

Verantwortung:
Morel bestreitet bis heute eigene Schuld am Massensterben in Zgoda. Er führt an, für schlechte Versorgung und Überfüllung keine Verantwortung zu tragen, und die Epidemie erkläre sich durch zuviele körperlich geschwächte Greise und Behinderte. Schon vor der Epidemie habe der Lagerarzt unter 2.500 Häftlingen nur 50 Arbeitsfähige gefunden.(39) Das widerspricht seiner eigenen Meldung vom 01.07.1945, demnach vor Ausbruch des Typhus unter seinen 4.996 Häftlingen nur 397 über 60 Jahren waren.(40) Es wurde außerdem bewiesen, daß er persönlich das Bekanntwerden der Epidemie außerhalb des Lagers zu unterdrücken versuchte, anstatt sie den zuständigen Stellen zu melden. In einem dokumentierten Fall schickte er einen Seuchentransport für das Krankenhaus der Stadt wieder in das Lager zurück. Neu eintreffende Häftlinge pflegte er einzuführen mit Leitsätzen wie „Ihr werdet hier sterben / Auschwitz war nix / Was die Deutschen in 5 Jahren nicht geschafft haben, schaffe ich in 5 Monaten / Ihr seid hier, um zu sterben, obwohl keiner schießen wird, denn Munition ist zu teuer“.(41) Seine Wärter hatten das Konzept verstanden. Sie belehrten die Gefangenen, die zu dritt auf einer Pritsche schlafen mußten, „daß es bald genug Platz geben wird.“, womit sie immerhin Recht hatten.(42)

Morel beklagt heute ihm fehlende Möglichkeiten für den Lebenserhalt der Gefangenen, hatte als KZ-Kommandant aber keines dieser Probleme an seine Vorgesetzten gemeldet, sondern unterdrückt. Selbst ihm direkt verfügbare Möglichkeiten zur Besserung wie die Isolierung von Seuchenkranken nutze Morel nicht, stellt aber vielfach auch wörtlich die Haft in seinem Vernichtungslager unter das Motto eines raschen Todes.

6. Verbrechen

Verwaltung:

Zgoda – Deutsche im Todeslager der polnischen Geheimpolizei (Bild: Polarfilm)

„Übergangslager“ wie Zgoda sollten Bevöl­ke­rungs­gruppen isolieren, um von dort aus entweder als geläuterte neue Polen entlassen oder als Verbrecher ins Gefängnis überwiesen zu werden.(43) 

– Dem dafür zuständigen Staatsanwalt gab Morel jedoch nicht die für Ermittlungen nötigen Informationen. So erließ dieser Staatsanwalt im Dezember 1945 einen Strafbefehl gegen einen Gefangenen (wg. Mitgliedschaft in der SA), obwohl der schon im August in Zgoda an Typhus gestorben war.(44)

Morel respektierte auch nicht die Vorschrift, keine Kinder zu inhaftieren (s.o.).

– Soweit Angehörige den Häftlingen Pakete ins Lager brachten, wurden diese von den Wärtern gestohlen und auch Pakete für Verstorbene weiter angenommen. Die gelieferten Zucker-Rationen wurden entgegen Morels Berichten nie ausgeteilt. Er ließ auch keine Listen führen über den Häftlingsbesitz bei Einlieferung, damit der unterschlagen werden konnte. Als die Vergehen nicht mehr zu vertuschen waren, wurde lediglich Karol Zaks in der Wirtschaftsverwaltung des Lagers vom Posten enthoben.(45)

– Die Bestandsakten wurden unseriös geführt. Von 39 verstorbenen Häftlingen wußte nicht einmal Morel, weshalb sie eingeliefert wurden. Von ausländischen Häftlingen wie Wanda Lagler aus den USA und Kindern wußte man wohl, warum man sie nicht auflistete. Morel unterschrieb bewußt eine interne Todesmeldung „erschossen“, während die offizielle Todesurkunde „Typhus“ angibt.(46)

Demütigungen und Gewalt:

Deutsche Soldaten werden vor ihrer Ermordung im Schloßpark von Miröschau gedemütigt.

Beim Eintreffen im Lager nach längeren Fußmärschen hinter dem Träger einer Hakenkreuzfahne mußten die Gefangenen zwischen mehreren Stunden bis zu Tagen auf dem Freiplatz des Lagers strammstehen, andere Kohlereste vom Boden auflecken. Morel befahl das Singen von NS-Liedern, die viele dt. Gefangene erst zuvor unter Prügeln erlernen mußten. Die Insassen von Baracke-7 (Deutsches Haus, Braune Baracke) wurden fast jede Nacht von den Wärtern geschlagen, die anderen in unregelmäßigeren Abständen mit Gummi­knüppeln, Holz- und Eisenstangen, Kabeln und anderen Gegenständen. Morel war dabei nicht nur Zuschauer, sondern prügelte eigenhändig mit, entweder mit der Hand oder mit seiner Pistole, bzw. einem Schemel. Die Gefangenen wurden auch gezwungen, sich gegenseitig zu verprügeln und anderenfalls bestraft. In mindestens einem belegten Fall wurden dafür gezielt Vater und Sohn ausgesucht. Dazu ein Belegbild oben aus vergleichbaren tschechischen Lagern jener Zeit. Bei der „Menschenpyramide“ mußten sich unter Prügeln Männer in Schichten übereinander legen, bis die untersten erdrückt wurden. Morel befahl auch, Häftlinge in enge Zellen einzusperren („Bunker“), wo sie bis zur Brust im Wasser standen und nach Tagen aus Erschöpfung ertranken.(47) Laut Todesurkunden des Lagers wurden mehrere Häftlinge „auf der Flucht erschossen“. Eine größere Anzahl stürzte sich freiwillig im Hochspannungszaun zu Tode. Mindestens zwei erhängten sich, so ein Vater von drei Kindern aus Rydulty.(48)

In über hundert übereinstimmenden Zeugenaussagen des Strafverfahrens in Kattowitz wurde erwiesen, daß in Morels Todeslager Gewaltverbrechen üblich waren an Gefangenen, die ohne Rechtsgrund wegen ihrer politischen Orientierung im poln. Widerstand gegen dt. Besatzung oder wegen ihrer deutschen Nationalität dort festgehalten wurden. An den Ermordungen hatte sich demnach auch Morel als Lagerkommandant persönlich beteiligt.

7. Strafverfolgung

Morel – laut israelischem Paß von 1993

Die ersten Untersuchungen der Verbrechen im KZ-„Frieden“ begannen erst nach dem Sturz des kommunistischen Regimes im Polen. Erna Kolodziejczyk wandte sich am 11.12.1989 mit einer Anzeige an den neuen Justizminister zur Aufklärung über den Tod ihres Vaters Pawel Benczek. Morel war zunächst Zeuge der Voruntersuchung bei der „Kreiskommission zur Untersuchung von Naziverbrechen in Kattowitz“ und nahm bis November 1992 zur Sache Stellung.(49) Nach menschlichem Ermessen läßt die Fülle der Beweise gegen Morel einen Freispruch kaum zu. Der Angeklagte scheint das ebenso einschätzen, denn um 1992/93 entzog er sich der drohenden Verurteilung durch die Flucht nach Israel, wo er bis heute in Tel Aviv untergetaucht lebt bei seiner Tochter.
Im Jahr 1995 wurde der Fall per Strafantrag an die Staatsanwaltschaft Kattowitz überwiesen, die 1997 einen internationalen Haftbefehl erließ und das Strafverfahren eröffnete. Nach einem vergeblichen Auslieferungsantrag an Israel 1998 (Ver­jäh­rungsfrist 20 Jahre) wurde der Fall im Juli 2001 weitergereicht an die „Kreiskommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Polnische Nation“. Diese erließ unter Ewa Koj einen neuen vorläufig vollstreckbaren Haftbefehl gegen Morel und im April 2004 einen weiteren Auslieferungsantrag, der vom israelischen Justizminister erst nach über einem Jahr beantwortet und abgewiesen wurde (Vergl. die Nominierung).(50)
Morel wandte sich in Israel an den Direktor der „Holocaust-Gedenkstätte“ Yad Vashem. Laut Shmuel Krakowski entstand der Eindruck, daß Morel sich mit Aben­teuer­geschichten aus seinem KZ-Seelenfrieden als heldischer Rächer an „bösen Nazis“ inszenieren und interviewt werden wollte, während er sonst jeden Journalisten abwies. Krakowski lehnte weitere Kontakte ab.(51) Dem jüdischen Journalisten John Sack in den USA, der die Zgoda-Verbrechen in einem Buch dokumentierte, drohte Morel mit der Ermordung.(52)

Nach zähem Anlaufen einer auch für poln. Interessen unbequemen Strafverfolgung verschleppt die israelische Justiz den Fall weiter. Die Pflicht, die Anklage vor eigenen Gerichten zu verhandeln, wird grundsätzlich mit dem Trick umgangen, Morels Verbrechen schon vor ihrer Prüfung gänzlich zu leugnen, woraus voreilend der Schluß gezogen wird, daß damit die israelische Verjährungsfrist von 20 Jahren greift, und der Fall erledigt ist.

FAZIT

Die meisten offiziell mit dem Fall Morel befaßten Beamten auf allen Seiten werden es ihm vor allem übel nehmen, daß er nicht wie seine KZ-Kollegen die Höflichkeit besessen hat, rechtzeitig in gutbürgerlichem Alter zu sterben und statt dessen bis heute noch immer lebend herumzulaufen. Polen hatte zwischen der ersten Strafanzeige, 33 Jahre nach den Verbrechen, und einem ersten Haftbefehl nicht weniger als acht Jahre verstreichen lassen, davon fast fünf Jahre nach der Flucht des Angeklagten. Mehr kann man einem hochbetagten Täter nun wirklich nicht mehr verschleppend ent­gegen­kommen. Wer mit solcher Vergangenheit dann immer noch lebt, hätte alleine dafür Strafe verdient.

Die nominierte Ansicht zum Schutz des Angeklagten vor Strafverfolgung irrt in wichtigen Punkten und bedient sich dabei eines Argumentationsprinzips, das ansonsten gerade von dieser Adresse stets empört als „revisionistische Geschichtsfälschung“ gebrandmarkt wird. Das Herunterrechnen der Häftlingszahlen von insgesamt 5.700 registrierten Einlieferungen auf nur 600 ist irrsinnig und bleibt ebenso ohne Beleg wie die Behauptung, maximal 100 der Häftlinge seien unvermeidlich an Typhus verstorben. Von über 1.500 offiziellen Todesmeldungen aus neun Monaten Lagerzeit sind die meisten von Morel selbst unterzeichnet. Sie existieren noch ebenso wie die Massengräber der Opfer.

Indem Morel die tödliche Seuche in seinem Lager durch Mißachtung der Hygiene-Vorschriften billigend inkauf genommen hatte, und nach dem Auftreten weder meldete noch bekämpfte, hatte er sie von einer Schicksalsplage zum Instrument gemacht. Offenbar in richtiger Einschätzung der Wünsche seines von Sowjets kontrollierten Staates, der ihm anschließend hohe Ämter und Würden zuschanzte, bis der Sturz des kommunistischen Regimes auch seinen Gefängnis-Diener davonspülte.

Zynisch ist die Behauptung, die Häftlinge seines KZ hätten ganz zurecht da gesessen. Worin die Schuld der im Lager geborenen und meist verstorbenen Kinder liegen könnte, sowie weiterer 6-13 Jähriger ist heute ebenso unersichtlich, wie die Schuld von 39 Getöteten, von denen nicht einmal Morel angeben konnte, warum sie eingeliefert wurden. Außer den Rechtfertigern von Morels Untaten scheint niemand mehr daran zu zweifeln, daß die Häftlinge seines Lager nur aus politischen und völkischen Gründen, ohne Nachweis individueller Verfehlung dorthin gekommen waren, wobei schließlich noch ein Holländer lernen mußte, daß er die für seine Nation falsche Haarfarbe und Sprache hat.

Weitere Einlassungen, die Polen als angeblichen Täterstaat einschüchtern wollen, behördliche Dokumentenbeweise und hundert übereinstimmende Zeugenaussagen pauschal und ohne Nachweis als „deutsche Fälschungen“ abtun, oder die belegte Untaten mit dem Hinweis auf andere relativieren wollen, sind für die Schuldbeurteilung unerhebliche Zweckargumente.

Quelle & Fußnoten:  http://histor.ws/seppdepp/059x.php (Seite nicht mehr zugänglich)

Siehe auch:
Metapedia – Salomon Morel
Der Lebensweg eines tschechischen »Partisanen«
Remembering the Jewish Partisans in Poland’s Lublin District (ganze Partisanen-Nester)
Vladimir Putin: Did you also extend New Year’s greetings to Shlomo Morel?

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…und ein älterer MSM-Bericht:

Eine andere Seite der deutsch-jüdischen Vergangenheit?

Als der amerikanische Journalist John Sack 1994 den ehe­maligen Kattowitzer Geheimpolizisten Salomon Morel in seinem Buch „Auge um Auge“ bloßstellte, brach in Deutschland eine heftige Debatte darüber los, ob Sacks Buch in Deutschland erscheinen dürfe.

Morel war nämlich nach 1945 Kommandant des berüchtigten Internierungslagers Schwientochlowitz in Oberschlesien ge­we­sen, in dem durch Hungertod, Seuchen und grausige Folterungen über 1 500 Häftlinge, darunter viele Kinder und Frauen, zu Tode gekommen waren. Die Insassen waren überwiegend deutsche Oberschlesier, die nicht rechtzeitig aus ihrer Heimat geflohen und so in die Hände der polnischen und sowjetischen Behörden geraten waren.

Morel, damals Offizier der kommunistischen polnischen Geheimpolizei, habe sich als polnischer Jude an den Deutschen, deren er habhaft werden konnte, für die Shoah und die deutsche Besatzung gerächt, so Sack.

Polen und Deutsche

Gab es, wie Sack in seinem Buch damals andeutete, eine jüdische Verantwortung für stalinistische Verbrechen? Oder verbreitete Sack, selbst Jude, „Antisemitismus“, wie ihm damals der Schriftsteller Arno Lustiger vorwarf, weil er ausgerechnet hatte, daß polnische Juden im kommunistischen Geheimdienst Polens unmittelbar nach dem Krieg überproportional zahlreich vertreten waren?

Die These, wonach der Stalinismus eine Art jüdisches Komplott war, ist auch in Osteuropa bei Rechtsradikalen sehr populär. Obwohl Sacks Buch inzwischen auch ins Polnische übersetzt ist und in Oberschlesien in Windeseile vergriffen war, hat man in Polen nie versucht, die Verantwortung für die Greuel von Schwientochlowitz auf ein jüdisches Konto zu buchen. Leicht wäre es gewesen, denn Morel war bekennender Jude und ging regelmäßig in die Synagoge. Doch nach den intensiven Debatten über den Kommunismus und die Vertreibung der Deutschen, die in den letzten Jahren in Polen stattgefunden haben, war den meisten klar: Was damals in Lagern wie Schwientochlowitz, Potulitz und Lamsdorf geschah, war unabhängig von der Nationalität und vom Glauben einzelner Beteiligter eine Angelegenheit zwischen Polen und Deutschen.

Die polnischen Behörden haben Morel daher behandelt, wie sie auch den polnischen Kommandanten von Lamsdorf bei Oppeln behandelt haben. Gegen letzteren war bereits in den fünfziger Jahren ein Freispruch ergangen, weil so das Gericht die Beweise für die ihm vorgeworfenen Grausamkeiten nicht ausgereicht hätten. Czeslaw Geborski, so sein Name, soll damals Häftlinge gefoltert und umgebracht haben. Beim Brand einer Häftlingsbaracke soll er den Wachmannschaften befohlen haben, auf die aus dem Feuer fliehenden Menschen zu schießen. 48 starben im Kugelhagel. Inzwischen wurden entsprechende Beweise aus Deutschland nachgeliefert und Geborski, der bis heute als Rentner in Kattowitz lebt, vorgehalten.

Die Haltung des Staates Israel

Salomon Morel ersparte sich das. 1995 entzog er sich der Strafverfolgung durch Flucht nach Israel, wo er bis heute lebt und mehrfach erklärte, die Vorwürfe gegen ihn seien unhaltbar und stellten eine Rachekampagne polnischer und deutscher Antisemiten gegen ihn dar. Nun hat die israelische Justiz den Schlußpunkt unter die Angelegenheit gesetzt. Wie das polnische Justizministerium mitteilte, hat Israel es abgelehnt, Morel auszuliefern. Nach polnischem Recht waren seine Taten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in Polen nicht verjähren. Morel habe als Lagerkommandant den Tod von insgesamt 1.538 Deutschen verursacht, so die polnische Justiz. Alleiniges Kriterium sei für ihn dabei gewesen, daß seine Opfer Deutsche waren.

Doch Israel liefert seine Bürger nicht aus. Das mußte auch schon die litauische Justiz erfahren, die sich um die Auslieferung ehemaliger Mitglieder des stalinistischen Geheimdienstes und Staatsanwälte bemüht, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems nach Israel flohen und dort die israelische Staatsbürgerschaft annahmen. Israel sieht sich als Heimstatt aller Juden und dem, so eine israelische Zeitung, widerspreche eine Auslieferung.

Nach polnischen Quellen hat die Ablehnung prosaischere Gründe: Morels Taten seien nach israelischem Recht verjährt. Wie auch immer: Als Verbrechen gegen die Menschlichkeit kann die israelische Justiz sie nicht eingestuft haben, denn diese verjähren nicht. Morel wird seinen Lebensabend friedlich in Israel verbringen können. Nichts deutet darauf hin, daß ihm dort ein Prozeß droht.

Quelle: Berliner Zeitung

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