EZB: 0,05 Prozent – Wer einmal mit dem Hammer schraubt…

von Egon W. Kreutzer
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Versuchen Sie es gar nicht erst.

Noch nicht einmal in höchster Not.

Eine Schraube mit einem Hammer einschlagen zu wollen, ist Zeitverschwendung.

Wertvolle Zeit, die Sie besser darauf verwenden sollten, eine andere Lösung für Ihr Problem zu suchen.

Ob die EZB eines Tages zu der Erkenntnis gelangen wird, dass dieses Vorgehen sinnlos ist, ist schwer vorherzusagen. Die heutige Sitzung der europäischen Zentralbank lässt dafür wenig Hoffnung.

Es sieht eher so aus, als hoffte man immer noch darauf, durch Veränderung marginaler Variablen (kleinere Schraube und größerer Hammer) eine sinnvolle und haltbare Verbindung zwischen zwei Dogmen herstellen zu können, die sich gegenseitig ausschließen.

Auf den Punkt gebracht lautet die Absicht derjenigen, die in dieser EU das Sagen haben:

Wir werden das Wachstum herbeisparen.

  • Mit „Wachstum“ ist dabei die Steigerung des Bruttosozialprodukts gemeint, also die Summe der in einer Periode von einer Volkswirtschaft hervorgebrachten Waren und Leistungen.
    Dieses Wachstum ist allerdings, abgesehen von den Möglichkeiten, die den Statistikern zur Verfügung stehen, „Wachstum“ in Tabellen und Diagrammen darzustellen, in hohem Grade davon abhängig, dass die „Leistungsersteller“ darauf bauen, das, was sie erzeugen, auch absetzen zu können.
    Steht der Erzeugung keine wachsende Kaufkraft gegenüber, kann ein reales Wachstum nicht ernsthaft erwartet werden.

  • Mit „Sparen“ ist dabei gemeint, durch Kürzungen in den staatlichen Haushalten und mit gesetzlichen Vorschriften zur Kürzung von Transferleistungen, sowie durch Ermahnungen an die Tarifparteien, ihre Lohnabschlüsse „moderat“ zu gestalten, Ausgaben des Staates ebenso zu senken, wie die Kosten der Unternehmen.
    Dieses Sparen hat den Zweck, die Waren und Leistungen mit geringeren Kosten produzieren zu können.
    Bei unveränderter Kaufkraft auf Seite der Konsumenten und fallenden Preisen könnte dann die vorhandene Kaufkraft ausreichen, um zumindest ein Mengenwachstum zu ermöglichen.

Auch ohne intensives Studium der Volkswirtschaftslehre ist unmittelbar einleuchtend, dass Kürzungen in den Staatshaushalten und bei den Transferleistungen, sowie real sinkende Löhne die Kaufkraft im Wirtschaftsraum mindern. Wo aber die Kaufkraft schrumpft, wird man vergebens nach Wachstum Ausschau halten, weil jegliche Mehrproduktion schlicht und einfach auf den Halden vergammeln muss.

In einer solchen Situation neigt die stark diversifizierte Wirtschaft dazu, in einen Wettbewerb um die verfügbare Kaufkraft einzutreten. Derjenige, der ein Produkt zu den geringsten Kosten produziert, wird die Preise senken und damit den Konkurrenten, der am teuersten produziert, von der Gewinn- in die Verlustzone treiben.

Dies erkennend, wird die verbleibende Konkurrenz schnellstens versuchen, die eigenen Kosten möglichst stark zu reduzieren, um überleben zu können. Einziger Ausweg ist dabei die Senkung der Personalkosten, also Lohnverzicht und/oder Entlassungen.

Selbstverständlich handelt es sich wieder nur um das Wegsparen von Kaufkraft, was den Konkurrenzkampf verschärft.

Es entwickelt sich eine Spirale von Lohn- und Preissenkungen, die von den Nationalökonomen als „Deflation“ bezeichnet wird. Man könnte auch volkstümlich einfach sagen: „Die Luft ist raus“, oder, konkreter „es ist zu wenig Geld in Umlauf“.

Die EZB hat dies wohl seit geraumer Zeit erkannt und warnt vor der Deflation. Sie bemüht sich daher, und das außerordentlich effektiv, Geld zu produzieren. Ob die Maßnahme nun „Dicke Berta“ oder „Bazooka“ genannt wird, immer handelt es sich um viele Milliarden Euro, die von der EZB gegen immer windigere Sicherheiten in die Welt gesetzt werden.

Das ist sozusagen der Hammer, mit dem Mario Draghi versucht, Wachstum und Sparwahn zu einem in sich stabilen Denkgebäude zu verschrauben.

Reduzieren wir alle Funktionen der EZB auf ihren Kern, dann kann dieses inzwischen wichtigste Organ der EU im Grunde nichts anderes tun, als über die Zinsschraube am Geldhahn zu drehen, mal ein bisschen weiter zu, mal ein bisschen weiter auf, mal noch ein bisschen weiter auf.

Der Einfluss der EZB endet aber am Geldhahn. Mit der Verteilung des Segens hat sie nichts mehr zu tun.

Das ist der Job der Geschäftsbanken.

Die Geschäftsbanken sehen ihre Aufgabe aber nicht darin, das Wachstum des BIP zu fördern, sondern möglichst hohe Gewinne für ihre Aktionäre zu erwirtschaften. Außerdem sind sie durch restriktive Vorschriften (Basel I, Basel II) gezwungen, bei der Kreditvergabe ebenfalls ausgesprochen restriktiv vorzugehen.

Das spüren die Konsumenten, das spüren die kleinen und mittleren Unternehmen, die seit mehr als 10 Jahren unter der so genannten „Kreditklemme“ leiden, während das so genannte Investmentbanking inzwischen fast unbegrenzte Kreditmittel zu niedrigsten Zinsen einsetzen kann, um auf unproduktive und häufig auch ausgesprochen destruktive Weise Gewinne zu generieren, denen keinerlei realwirtschaftliche Leistung gegenübersteht.

Wenn Draghi wieder einmal „Wasser marsch!“ befiehlt, wird damit nicht etwas eine europaweite Sprinkleranlage in Gang gesetzt, mit der das dringend benötigte Geld auf die ausgetrockneten Felder der Realwirtschaft verteilt wird, sondern lediglich der Swimming Pool der Banker gefüllt, die sich darin fröhlich tummeln – und soviel sie auch immer beim übermütigen Plantschen verspritzen, sie sonnen sich in der beruhigenden Gewissheit: Papa Draghi wird jeden vergeudeten Kubikmeter wieder auffüllen, weil sie allesamt zu mächtig sind, um sie fallenlassen zu können.

Nun hat Draghi die Zinsschraube mit dem Geldhammer inzwischen auf einen Klumpen nahe Null Prozent zusammengeschlagen und heute noch einmal kräftig den Vorschlaghammer benutzt, mit dem Ergebnis, dass die Geschäftsbanken sich mit einem Zinssatz von 0,05 Prozent bei der EZB mit frischem Geld versorgen können.

Natürlich werden sie dieses Geld nicht in die Euro-Zonen-Realwirtschaft pumpen. Da macht es nämlich keinen Sinn. Die weggesparte Kaufkraft ermuntert niemand zu Investitionen oder Produktionsausweitungen, und wo ein Notkredit das Überleben eines Unternehmens sichern könnte, das wegen schleppender Zahlungen der öffentlichen Auftraggeber in der Krise steckt, wird das Risiko als viel zu hoch eingeschätzt.

Und weil von den 82 Millionen Bundesbürgern nur noch 30 Millionen einen Job haben, von dem man einigermaßen leben kann, kann der Markt für Konsumentenkredite ebenfalls nicht gerade als üppig bezeichnet werden.

Die neue Geldschwemme wird über den Weg der Börsen und der Spekulationsgeschäfte schnell wieder auf den Konten derer landen, die sowieso schon über die großen Guthaben verfügen, und die sich in wenigen Wochen als die „Märkte“ wieder so lange bitten lassen, neue Staatsschuldverschreibungen aufzukaufen, bis die von ihnen gewünschte Rendite angeboten wird.

Die Hoffnung, die nun genährt wird, der Kurs des Euro an den Devisenmärkten könne wegen sinkender Zinserwartungen ebenfalls sinken, in der Folge würden sich europäische Exporte ins nichteuropäische Ausland verbilligen und so neues Wachstum entstehen, ist ebenfalls eine Milchmädchenrechnung, mit der allenfalls ein Strohfeuer entzündet werden kann.

Exporte werden preiswerter – Importe dafür teurer. Alleine der Import von Öl und Gas, aber auch vieler weiterer Rohstoffe, wird die Kosten der Industrie in die Höhe treiben, was den durch den Kursverfall ausgelösten Wettbewerbsvorteil zumindest zum Teil wieder auffrisst und eine Einladung zu weitererm Outsourcing für alle darstellt, deren Produktion stark importabhängig ist, während gestiegene Preise für importierte Nahrungsmittel, importierte Bekleidung und importierte Unterhaltungselektronik, um nur die wichtigsten Importgüter für den Konsum anzusprechen, den Binnenmarkt noch weiter belasten.

Zudem muss davon ausgegangen werden, dass der Großteil der Exporte auch weiterhin mit nichts als mit Schuldscheinen bezahlt wird, die niemals eingelöst werden können, solange nicht (weltweit) ausgeglichene Handelsbilanzen hergestellt werden können.

Die weitere Hoffnung, über eine strikte Sparpolitik in der EU und die daraus resultierenden Kostenvorteile den Anteil der EU am Weltmarkt erheblich zu steigern, damit einen Wettbewerber nach dem anderen zu verdrängen, um am Ende als „Weltmeister“ dazustehen, ist die Perversion des Wirtschaftens schlechthin.

Die eigene Bevölkerung ausbeuten, um den Rest der Welt in unbezahlbare Schulden zu stürzen, nur weil ein paar wenige große Player damit die in bereits vollkommen unsinnige Größenordnungen gewachsenen Ziffern auf dem Bankkonto noch um eine weitere Stelle verlängern können, ist nichts als ein selbstmörderisches Wettrennen in die neben der realwirtschaftlichen Deflation längst heranwachsende Hyperinflation der Finanzsphäre.

Der Euro ist kaputtgespart.

Jede zusätzliche Milliarde aus Draghis Schloss macht ihn weiter kaputt, auch wenn die Absicht dahinter noch so gut sein sollte.

Draghi selbst hat vor etwa zwei Wochen gewagt, den verrückten Sparkurs der Politik zu kritisieren.

Er wurde für dieses Mal noch zurückgepfiffen und hat reuig die nächste Zinssenkung verkündet.

Was soll er auch tun.

Die Zinsschraube lässt sich auch mit dem dicksten Vorschlaghammer nicht so in das Gegensatzpaar „Wachstum : Sparzwang“ einschlagen, dass daraus ein volkswirtschaftliches Paradies werden könnte.

Also dreht er halt den Geldhahn noch ein bisschen weiter auf.

Die Playboys und ihre Häschen im großen Swimmingpool der Finanzwirtschaft werden es ihm danken.

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TextQuelle: http://www.egon-w-kreutzer.de/Paukenschlag am Donnerstag.html

Siehe auch:
Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes
Stoff zum Nachdenken: Der Zinseszinseffekt
Rasse, Geld, Macht
Die Währungspolitik als Auslöser des Zweiten Weltkrieges
Die Wirtschaftskraft des Reiches

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