Volksbewirtschaftung — was ist das?  

von Egon W. Kreutzer
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Volksbewirtschaftung setzt voraus, dass führende Figuren der Einbildung erliegen, das Volk sei ihnen von Gott, oder von wem auch immer, als persönliches Eigentum anvertraut und überlassen worden, zu dem Zwecke, aus dem Volk für sich und ihren Anhang den größtmöglichen Nutzen zu ziehen.

Führende Figuren – eine bewusst schwammige Bezeichnung – gibt es viele in vielen verschiedenen Funktionen. Es gibt sie in der Politik, es gibt sie in der Wirtschaft, es gibt sie in Vereinen und Vereinigungen und es gibt sie selbstverständlich auch in den Religionsgemeinschaften.

Die Demokratie sollte die Volksbewirtschaftung nach althergebrachtem feudalistischem Muster eigentlich beenden und für alle Zeiten unmöglich machen, doch haben sich die heute führenden Figuren innerhalb und außerhalb der Demokratie so eingenistet und untereinander verwoben, dass der Unterschied zu den Zeiten französischer Sonnenkönigsherrlichkeit und russisch-zaristischer Machtfülle nur noch darin liegt, dass all das unter dem fadenscheinigen Mäntelchen der Demokratie so verborgen wird, dass dem Volk, wenn es denn einmal Ärger, Unmut oder gar Zorn äußert, mit honigsüßen Worten verkündet – oder gar vorgehalten – werden kann, es habe dies ja selbst so gewollt, denn das sei eben das Wesen der Demokratie, dass die Mehrheit den Gang der Dinge bestimme, weil doch das Volk selbst seine Bewirtschafter gewählt und legitimiert habe.

Das ist kein Deut anders als die Entschuldigung der großen Einzelhandelskonzerne, wenn sie billigen Mist in die Lebensmittelregale legen und im Brustton der Überzeugung behaupten, die Verbraucher würden genau dies fordern. In Wahrheit bekommen die Verbraucher, abgesehen von wöchentlich neu platzierten Lockvogelangeboten, schon lange nichts anderes mehr, als das, was den größtmöglichen Profit abwirft. Der Rest wird ausgelistet. Das gibt es nicht mehr – und wenn man nachfragt, erfährt man erstaunt, dass das, was man letzte Woche dort noch eingekauft hat, in diesem Laden noch nie zu haben war.

Und da sind wir auch schon bei den Kälbern und beim Metzger, und bei dem dümmsten aller Sprichwörter, dass nämlich nur die dümmsten Kälber ihre Metzger selber wählen: Als ob die intelligenteren Kälber, wenn sie die Auswahl des Metzgers dem Bauern überlassen, auch nur einen Tag länger am Leben blieben.

Volksbewirtschaftung erfordert Volkszählungen ebenso selbstverständlich wie Volkswohnungen, Volksautos (nicht generell zu verwechseln mit Volkswagen), Volksarmeen, Volksrundfunk und -fernsehen sowie Volksvergnügungen. Eben alles, was zum Erhalt einer ertragsstarken Population erforderlich ist in der billigstmöglichen Volksausführung.

Wozu das alles?

Eine ertragsstarke Population – nach dem Wunschbild der Volksbewirtschafter – ist einerseits pflegeleicht, vermehrungsfreudig und billig im Unterhalt, andererseits arbeitsam, dankbar und leicht lenkbar.

Dem Bienenvolk, das sich am wenigsten zur Wehr setzt, wenn ihm die Früchte unermüdlichen Sammelns genommen und durch wertlose Zuckerplörre ersetzt werden, gehört die Zukunft. Genau dieses Volk, das nach Möglichkeit sogar stachellose, ist das Ziel aller Zuchtbemühungen und wird eines Tages durch so viele Patente geschützt sein, dass man glauben könnte, es wären die Aktionäre von Monsanto höchstselbst, die im Zuge der Evolution gelernt hätten, aus Nektar, Blütenpollen und Speichel Honig zu erzeugen und ihn aus kleinen Drüsen an der Großhirnrinde in jene Gläser abzusondern, die uns in den Regalen der Supermärkte zum Kauf animieren.

Dabei ist der Bienenvolksbewirtschafter ebenso eigennützig wie der Schweine- oder Bullenmäster. Das Insektenvolk, die Säuger-Herde, das sind „Produktionsmittel“,

  • denen man, nach den Prinzipien der vorbeugenden Instandhaltung, die unbedingt notwendige medizinische Betreuung angedeihen lässt,
  • die man nach den Prinzipien der Investitionsrechnung zum optimalen Zeitpunkt ausrangiert und durch jüngere, leistungsfähigere ersetzt,
  • die man, solange sie die geforderte Honig-, Fleisch-, Milch und Nachwuchsleistung erbringen, in ihren Stöcken und Ställen vor sich hin vegetieren lässt,
  • und die man, wenn sie diese Leistung nicht mehr erbringen, in Abwägung des möglichen Restnutzens und des für dessen Erschließung aufzubringenden tierärztlichen Honorars, noch einmal aufpäppeln oder gleich der Endverwertung zuführen lässt.

 Dem Menschenvolk, das

  • sich geduldig damit abfindet, dass es 100 Prozent Leistung (Brutto-Inlandsprodukt) abliefert,
  • als Lohn, einschließlich aller Sozialabgaben aber nur 50 Prozent erhält,
  • von diesen 50 Prozent über Steuern und Abgaben auch die Beschäftigten des gesamten Verwaltungs- und Repressionsapparates des Staates,
  • die Alten und nicht mehr Leistungsfähigen, die Jungen, noch nicht Leistungsfähigen und deren Ausbildung alimentiert,
  • nie zu fragen wagt, wo die anderen 50 Prozent verbleiben, und was diejenigen leisten, die es für ihr angestammtes Recht halten, die andere Hälfte als verdienten Ertrag aus der Volksbewirtschaftung für sich beanspruchen zu dürfen,

dem gehört die Zukunft.

Einem solchen Volk, wie auch das deutsche eines ist, erklärt man, ohne Rücksicht auf die bereits erreichte Bevölkerungsdichte, die mit zu den höchsten der Welt gehört, dass seine Geburtenrate verheerend niedrig sei (verheerend für wen?), dass seine Neigung, immer länger zu leben, verheerend teuer sei (verheerend für wen?), dass der Eintritt in die Rente vor dem 67. Lebensjahr, der Wunsch nach einem künstlichen Hüftgelenk für über 80-Jährige, der Anspruch auf einen Kindergartenplatz – dass alles das verheerend teure Forderungen seien, für die man bereit sein müsse, Verzicht zu üben, die Gürtel enger zu schnallen und dass trotzdem nicht alles sofort und zu 100 Prozent zu erfüllen sei, weil man sonst die internationale Wettbewerbsfähigkeit einbüße, was wiederum zum Verlust von Arbeitsplätzen und zu einer ganz, ganz verheerenden gesamtwirtschaftlichen Lage führen würde, vor der sich alle fürchten müssten.

Als die Volksbewirtschafter der europäischen Staaten beschlossen, ihre Völker zusammenzuwerfen und sie in einem großen Überstaatsstall nach gleichen Prinzipien zur Optimierung des Gesamtertrags zu bewirtschaften, waren die Erträge der einzelnen Völker noch recht unterschiedlich.

Hier fehlte es an der vollen Leistungsbereitschaft, dort fehlte es an der Bereitschaft, sich die Hälfte des Hervorgebrachten unter fadenscheinigen Vorwänden nehmen zu lassen.

Dies zu ändern war damals schwierig. Alleine durch Beschlüsse von sonderbaren, plötzlich – wie vom Himmel gefallen – auftauchenden und selbstherrlich agierenden Figuren, die sich als „Kommissare“ bezeichnen und huldigen ließen, wäre es nicht durchsetzbar gewesen, allen gleich hohe Leistung bei den gleichen miserablen Beschäftigungsbedingungen abzuverlangen. Den eigenen Führungsfiguren in den Unternehmen, Kirchen und Regierungen hatte man seine „Privilegien“ über die Jahre und Jahrhunderte abgetrotzt. Schon denen gegenüber würde niemand nachgeben, wie dann den Kommissaren folgen, die keiner kennt, die keiner gewählt hat (kluge Kälber), denen keiner vertraut?

So kamen die versammelten Führungsfiguren auf die Idee, es klammheimlich mit der Verhunzung des Geldes zu versuchen. Alle alten Währungen wurden abgeschafft und damit alle Möglichkeiten der einzelnen Völker, ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch eigenständige Währungspolitik, vor allem durch eigenständige Geldmengenpolitik und die Freiheit der Festsetzung des Außenwertes, selbst zu schaffen und zu gestalten.

Dafür kam eine neue Währung, die alle Völker verwenden mussten, ohne auch nur den geringsten Einfluss darauf zu haben. Auch die neue Zentralbank war nicht mehr – wie früher bei ihren geldpolitischen Entscheidungen – angewiesen, für Vollbeschäftigung, Geldwertstabilität und ausgeglichene Außenhandelsbilanzen zu sorgen: Sie sollte nun nur noch dafür sorgen, dass der Wert des Geldes pro Jahr um nicht mehr als 2 Prozent sinkt.

Außerdem hat man den Staaten verboten, sich direkt bei der eigenen Zentralbank zu verschulden, und man hat ihnen verboten, bei den privaten Banken in dem Maße Kredit zu nehmen, wie es nötig und sinnvoll gewesen wäre. Stattdessen hat man einheitliche Maßstäbe aus der dünnen Luft gegriffen und festgelegt, wie hoch die Gesamtverschuldung eines Staates und die jährliche Neuverschuldung maximal sein dürfe.

Ein Unternehmer, der weiß, dass sich der Finanzbedarf und folglich auch der Finanzierungsbedarf seines Unternehmens von Jahr zu Jahr verändern, dass er rechtzeitig und mit fremdem Geld immer wieder einmal kräftig in die Zukunft investieren muss, dass er nicht gleich aufgeben kann, nur weil einmal die Umsatzerwartungen nicht erfüllt wurden oder weil ein unerwarteter Schadensfall eingetreten ist, zu dessen Behebung Geld gebraucht wird, der würde nicht im Traum daran denken, sich in ein solch idiotisches Korsett zwängen zu lassen.

Doch da waren sich unsere heuchlerischen Führungsfiguren einig, dass Schulden Sünde sind (… und vergib uns unsere Schulden …) und dass man die bestmögliche Volksbewirtschaftung erreicht, wenn man die Völker knapp hält, was am besten gelingt, wenn man die Neuverschuldung begrenzt.

Ja, und nun meinen Sie: Der Kreutzer spinnt.

Was ist denn schlecht daran, die Neuverschuldung zu begrenzen?
Was ist denn schlecht daran, die Gesamtverschuldung der Staaten zu begrenzen?

Das will ich Ihnen gerne verraten.

Ganz abstrakt – und nur ganz zufällig unter beispielhafter Würdigung Griechenlands.

Erste Frage:
Warum hat Griechenland Schulden?

Die Frage lautet nicht, warum Griechenland sich verschuldet hat, schon gar nicht warum, Griechenland in welchem konkreten Fall für welche konkrete Aufwendung welchen Kredit aufgenommen hat; die Frage ist viel einfacher und grundsätzlicher, und so fällt auch die Antwort aus.

Erste Antwort:
Griechenland hat Schulden, weil dem Staat Griechenland Kredit gewährt wurde.

Die weitere Frage, warum Griechenland Auslandsschulden hat, beantwortet sich jetzt quasi von selbst:

Griechenland hat Auslandsschulden, weil ihm von ausländischen Gläubigern Kredit gewährt wurde – und zwar immer wieder, sowohl zur Ablösung alter Schulden, als auch zur Erhöhung der Gesamtverschuldung.

Wie fast alle Staaten hat auch Griechenland faktisch nie wirklich Schulden getilgt. Es wurden immer nur alte Schulden durch neue Kredite bedient und der Gesamtschuldenstand ständig erhöht.

Dass dem gar nicht anders sein kann, ergibt sich nach kurzem Nachdenken als mächtiges Aha-Erlebnis:

Was sollen die Gläubiger denn sonst mit ihren Guthaben machen, als sie immer wieder neu zu verleihen? Staatsfinanzierung ist die sicherste und langfristig ertragreichste Geldanlage, die man sich vorstellen kann.

Zweite Frage:
Wie kommt es, dass Griechenland, wie fast alle Staaten, nie wirklich Schulden getilgt hat?

Auch diese Frage fragt nicht nach dem jeweils akuten Finanzierungsproblem, dass im ganz konkreten Fall die Tilgung einer Schuld unmöglich erscheinen ließ – sie ist einfacher und grundsätzlicher, und so fällt auch die Antwort aus: Einfach und grundsätzlich.

Zweite Antwort:
Griechenland konnte nicht tilgen, weil es das Geld für die Tilgung nicht aufbringen konnte.

Ja. Das Geld konnte nicht aufgebracht werden. Es lag nicht am Willen, nicht am Geschick, nicht an mangelnder Intelligenz oder an blanker Dummheit, es lag nicht an Korruption, Steuerhinterziehung oder Betrug, es lag und liegt daran, dass nie genug Geld da ist, um alle Schulden zu tilgen.

Dass der Geldmangel in Griechenland gerade besonders ausgeprägt ist, hat auch nichts mit dem Willen oder dem Geschick, nicht mit fehlender Intelligenz oder einem Übermaß an Korruption, Steuerhinterziehung oder Betrug zu tun, es hat damit zu tun, dass die Volksbewirtschafter den Griechen den Geldhahn zugedreht haben und ihn dauerhaft fest geschlossen halten.

Wenn schon der Staat Griechenland Kredit nur noch in dem Umfang erhält, wie es erforderlich ist, um die aktuell fälligen Forderungen seiner Gläubiger zu befriedigen, und das zu Wucherzinsen, wenn also von allen Rettungspaketen, zu deren Füllung die Steuerzahler der übrigen Euro-Länder verpflichtet werden, nichts bei Griechenland und bei den Griechen ankommt, sondern alles den Gläubigern zufließt, denen damit gleichzeitig neue, noch leistungsfähige Schuldner zugeordnet wurden – wie mag es dann erst um die Kreditversorgung der griechischen Wirtschaft und der privaten Haushalte bestellt sein?

Das sollten wir zur Sicherheit noch einmal im Detail behandeln und ganz akribisch, Schritt für Schritt unter die Lupe nehmen:

Griechenland hat einen Kredit aufgenommen.

Dass Griechenland sich nicht verschuldet hat, um das geliehene Geld in den Keller zu legen, dürfte auch ohne großes Nachdenken klar werden.

  • Griechenland hat das Geld, das es sich geliehen hat, so spät wie möglich geliehen, um Zinsen zu sparen. Das Geld aus dem Kredit war also (wenn überhaupt) nur für ganz kurze Zeit, Stunden, vielleicht Tage, im Besitz Griechenlands. Dann ist es abgeflossen, um damit etwas zu bezahlen.
  • In einem idealen Wirtschaftssystem sollte nun das Geld, mit dem der Staat etwas bezahlt, für eine Weile im Wirtschaftskreislauf hin und her wandern, bis es am Ende als Steuereinnahme wieder in der Kasse des Finanzministers landet, der es dann, bei Fälligkeit, an den Gläubiger zurückgibt.
  • Die Realität ist jedoch alles andere als ein ideales Wirtschaftssystem. In der Realität bleibt bei fast jeder Transaktion ein gewisser Prozentsatz des in Umlauf gebrachten Geldes hängen. Der Empfänger hat einen Gewinn gemacht, für den er keine Verwendung hat. Das Geld wird also zur Bank getragen und dort für einen mehr oder minder langen Zeitraum stillgelegt.
  • Die Bank schreibt Zinsen dafür gut, dass das Geld nicht verwendet wird, dass es dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird, weil nämlich erst so die Notwendigkeit entsteht, durch Neuverschuldung die entschwundene Liquidität zu ersetzen, und darin liegt schließlich das eigentliche Geschäftsinteresse der Kreditbank. Es geht nicht darum, Geld hereinzunehmen, um es verleihen zu können; es geht vielmehr darum, Geld hereinzunehmen, damit neue Kredite vergeben werden müssen.
  • Auch und vor allem die Zinsen, die Banken von den Schuldnern fordern, verschärfen das Problem des Liquiditätsmangels. Das Geld für die Zinszahlungen wurde ja bei der Kreditvergabe nicht mit ausgezahlt. Es wird auch von der Bank nicht wieder in Umlauf gebracht. So teuer ist der Bankbetrieb nicht, dass man die kompletten Zinserträge dafür ausgeben müsste – und die Aktionäre der Bank werden auch den allergrößten Teil ihrer Dividendengutschrift nicht verwenden, um davon beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Sie werden das Geld erneut verzinslich anlegen.

So funktioniert die Zinsfalle.

Weil unter dem Strich immer mehr zurückgezahlt werden muss, als ausgezahlt wird, müssen neue Schulden gemacht werden, um die alten bedienen zu können. Das exponentielle Wachstum der Schulden ist daher nicht nur theoretisches Lehrbuchwissen, es ist grausame Realität.

Dritte Frage:
Wenn nun aber bekannt ist, dass Schulden kaum, oder gar nicht zu tilgen sind, warum haben dann nicht alle Staaten längst eine Schuldenbremse in der Verfassung?

Diese Frage ist infam, weil falsch gestellt. Sie entspringt einem überkommenen Geldverständnis und lässt nur eine einzige Antwort zu, nämlich die Folgefrage: „Ja, warum eigentlich nicht?“

Die Antwort muss daher scharf an der Frage vorbei erfolgen.

Dritte Antwort:
Verschuldet sich der Staat nicht, müssen sowohl die Bürger als auch die Wirtschaft einspringen und sich stärker verschulden, soll die notwendige Liquidität im Markt bleiben.

Das ist eigentlich eine logische Binsenweisheit, aber vielleicht gerade deswegen so verdammt schwer zu verstehen.
Haben denn die Wirtschaft und die Bürger selbst nicht genug Geld, um den Markt liquide zu halten?

Ja – woher denn?
Wer hat es denn, das Geld?
Woher kommt es denn, das Geld?

Es ist doch eine logische Binsenweisheit, dass der Staat das Geld, das er einnimmt – sei es aus Steuern oder Abgaben, sei es aus Neuverschuldung – nicht vernichtet oder stilllegt, sondern wieder ausgibt und unverzüglich in Umlauf bringt, um damit Leistungen zu bezahlen, die nicht erbracht würden, fände sich keiner, der sich bereit erklärt, sie zu bezahlen.

Je weniger der Staat ausgibt, desto mehr Menschen sind arbeitslos.

Das stimmt zwar nicht in jedem Detail, auch Staatsdiener geben nicht jeden Euro sinnvoll aus, doch unter dem Strich besteht der hier angesprochene, direkte Zusammenhang sehr wohl.

Wenn ein Staat – aus welchem Grund auch immer – seine Ausgaben einschränkt, löst er einen Zustand des Geldmangels aus.

Es wird nämlich wohl kaum der Großaktionär von Daimler anfangen Straßen zu bauen, wenn der Staat es unterlässt, weil er sparen muss.

Wenn aber niemand mehr Straßen baut, werden die Tiefbaufirmen schließen müssen. In den Hochbau können sie nicht ausweichen. Dort gibt es bereits genügend Hochbauunternehmen, und wenn die Tiefbauer trotzdem in den Markt der Hochbauer eindringen, dann wird eben für jeden Tiefbauer, der überlebt, ein Hochbauer schließen müssen. Die Folge: Arbeitslosigkeit. Die Folge: Steigende Staatsausgaben, sinkende Staatseinnahmen, sinkende Umsätze auf dem Konsumgütermarkt.

Es wird nicht der Großaktionär von RWE Schulen bauen und Lehrer bezahlen, wenn der Staat es unterlässt, weil er sparen will.

Wenn aber niemand mehr Schulen baut und Lehrer beschäftigt, dann werden nicht nur Hochbauunternehmen schließen müssen und Lehrer und Bauarbeiter arbeitslos – dann werden auch die Kinder mit immer weniger Bildung aus der Schule entlassen und taugen nur noch als Hilfsarbeiter im Niedriglohnsektor, was auf die Dauer den Binnenkonsum ganz schön in den Abgrund reißt.

Wenn der Geldfluss an einer Stelle unterbrochen wird, muss alles, was hinter dieser Stelle liegt, verdorren.

Wenn der Geldfluss durch die Fehlkonstruktion des Geldes permanent in einen Seitenkanal abgeleitet wird, an dessen Ende ein gigantisches Speicherbecken ohne jeden Abfluss liegt, dann muss das abgeleitete Geld permanent ersetzt werden, oder die schleichende Dürre wird von Jahr zu Jahr unerbittlicher.

Da hilft auch Sparen nichts.
Außer man verwechselt Sparen mit Verzicht.

Durch Sparen entsteht schließlich kein Geld, es wird nur keines ausgegeben. Aber der Verzicht ist nicht freiwillig, sondern durch Geldmangel erzwungen, und Geldmangel entsteht immer dann, wenn auch nur ein einziger Marktteilnehmer dauerhaft mehr Geld einnimmt als er ausgibt.

Das hat noch gar nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Das ist nur reine Geldmechanik.

Gerecht wäre, wenn jeder so viel einnimmt, wie es seiner Leistung entspricht, und im Sinne der Geldmechanik vernünftig wäre es, wenn auch der Höchstleister für seine Leistung nicht mehr Geld bekommt, als er in absehbarer Zeit auch wieder auszugeben in der Lage ist.

Werden Einkommen erzielt, die nicht mehr in den Markt der Realwirtschaft zurückfließen, sondern als Geldanlage in der reinen Finanzsphäre verbleiben, wird einerseits realwirtschaftlicher Geldmangel induziert, und andererseits durch die Zinsansprüche des stillgelegten Kapitals weiteres Geld aus dem Markt herausgezogen.

Zinserträge sind schließlich nahezu leistungslose Einkommen. Pachteinnahmen sind nahezu leistungslose Einkommen, Mieteinnahmen, die nach der Amortisation der Baukosten und über die Betriebskosten hinaus anfallen, sind nahezu leistungslose Einkommen, und der Beispiele (der dann allerdings erklärungsbedürftigeren) gäbe es noch viel mehr.

Es entstehen also Einkünfte, die nicht mehr durch Leistung, sondern lediglich durch Eigentum begründet werden, bei Menschen, die selbst kaum etwas zum Wohlstand der Gesellschaft beitragen, aber dessen ungeachtet den höchsten Luxus für sich in Anspruch nehmen, einzig durch Ausnutzung der Fehlkonstruktion des Geldes, die es möglich macht, das Transaktionsvolumen der Geldmenge unterzuordnen, anstatt die Geldmenge am erforderlichen und wünschenswerten Transaktionsvolumen zu bemessen.

Eine Schuldenbremse, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, ist nichts anderes als ein in die Verfassung geschriebener Zwang zu größtmöglichem Verzicht. Getroffen wird davon ausschließlich das bewirtschaftete Volk, dem – in Angleichung an die europäischen Minimalstandards – das Fell über die Ohren gezogen werden soll.

Gestattet man dem Volk – und dem Staat, der dem Volk Dienstleistungen zur Verfügung stellt – sich mehr zu verschulden, dann erhöht sich die Geldmenge, Handel und Wandel wachsen – und der Anteil des bewirtschafteten Volkes an den von ihm selbst hervorgebrachten Gütern und Leistungen wächst ebenfalls, während leistungslos erworbenes Geldvermögen allmählich durch Inflation aufgezehrt wird, wie gleichzeitig auch die eingegangenen Schulden durch Inflation in ihrem Schrecken gemindert werden.

Das aber ist nicht im Sinne einer betriebswirtschaftlich konzipierten Volksbewirtschaftung.

Einem Huhn bemisst man den ihm zustehenden Platz im Stall auf den Quadratzentimeter genau. Warum soll man nicht dem Volk auch den ihm zustehenden Wohnraum auf den Quadratmeter genau bemessen?

Das ist gar nicht schwer. Man baut einfach so lange keine Wohnungen, bis der gewünschte Wert erreicht ist, und erhöht – was aufgrund des so angerichteten Mangels einfach ist – die Mieten. Hohe Mieten mindern zugleich die Fähigkeit der Bevölkerung, eigenes Wohneigentum zu finanzieren – vor allem dann, wenn eine Schuldenbremse im Grundgesetz die Gehälter der Beamten und Angestellten niedrig hält, was in der Fernwirkung das gesamte Lohngefüge niedrig hält.

Das, was das bewirtschaftete Volk für sich selbst verbraucht, fehlt dem Bewirtschafter.

Lässt der Imker die Honigwaben über den Winter in den Stöcken, fehlt ihm der Gewinn aus seiner Imkerei.

Und nachdem Griechenland keine Schuldenbremse in seine Verfassung geschrieben hat, werden die Griechen jetzt von ihren neuen Gläubigern, den vereinten europäischen Volksbewirtschaftern, gezwungen, ihr Volk auch ohne eigene Schuldenbremse kaputtzusparen, indem die sogenannte „Hilfe für Griechenland“ beschlossen wird, die in Wahrheit nichts anderes ist, als die Verteilung der Zinslast Griechenlands auf die Schultern der Bürger der übrigen Euro-Staaten. Und dafür zwingt man die Griechen, sich strengsten und unsinnigsten Auflagen zur finanziellen Selbststrangulation zu unterwerfen, nur damit die anderen Europäer die Gläubiger Griechenlands vor dem Verlust ihrer Forderungen bewahren.

Mein Gott, wie sind wir schön volksbewirtschaftet.

Wir Deutschen.

… und was den Griechen schlimmstenfalls widerfahren könnte, kehrten sie zur Drachme zurück, habe ich am 15. April 2010 schon ausgeführt: Nur Gutes.

Das Problem ist, dass die Volksbewirtschafter,

wenn sie Deutsche sagen oder Deutschland, wenn sie Griechenland sagen oder Griechen, Spanien oder Spanier, Frankreich oder Franzosen,

nie Deutschland und die Deutschen, Griechenland und die Griechen, Spanien und die Spanier oder Frankreich und die Franzosen  meinen, sondern immer und ausnahmslos nur die den jeweiligen Standort nutzenden Volksbewirtschafter.

Deshalb kommt einem das, was Volksbewirtschafter vorgeblich zum Nutzen Deutschlands oder Griechenlands vorschlagen, so unsinnig und verlogen vor; deshalb gerät man leicht in Gefahr anzunehmen, was sie von Frankreich fordern und den Spaniern verwehren, sei überzogen oder kontraproduktiv; dabei ist alles richtig, korrekt und zielgerichtet, wenn man die Aussagen nur richtig versteht.

Aber das sollten wir uns gar nicht wünschen.

Schweine verstehen ja zu ihrem Glück auch nicht, was der Ferkelzüchter, der Mäster und der Schlachter zu ihrem Wohl verabreden. Sie können es nicht einmal hören, weil es im Wirtshaus besprochen wird, bei Bier und duftendem Krustenbraten – eben da, wo die Schweine normalerweise erst nach dem Tod hinkommen.

Paradiesische Zustände.

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TextQuelle: http://www.egon-w-kreutzer.de/0PaD2011/19.html

Siehe auch:
Das Welt-Schuldensystem — Ein gigantischer Betrug
Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen

…und im Vergleich dazu:
Die Wirtschaftskraft des Reiches
Freihändlerischer Individualismus und organische Volkswirtschaft

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