Ein Whistleblower spricht zum NSU-Fall

von Kopp online Redaktion

[Vorwort] 
Nach über einem Jahr steckt der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München in der Sackgasse. Warum will die Mainstreampresse die eklatanten Widersprüche in der offiziellen Erzählung nicht behandeln?

Sackgasse nach 130 Verhandlungs­tagen

Seit nun mehr über 130 Verhand­lungstagen (seit 06.05.2013) läuft am Oberlandesgericht München der Prozess gegen die im November 2011 bekannt gewordene rechts­extreme Organisation »National­sozialistischer Unter­grund« (NSU) wegen Mordes an neun Klein­unternehmern, dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter, zwei Bombenattentaten in Köln und 14 Banküberfällen.

Dieser Organisation gehörten angeblich nur drei Hauptpersonen an: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Von diesem Trio lebt heute nur noch Beate Zschäpe, welche vor dem Münchner Gericht von Anfang an schweigt.

Im Vorfeld des Prozesses gab es gravierende Ungereimtheiten, die darauf hindeuteten, dass das Landesamt für Verfassungsschutz in den Fall involviert war. Insbesondere wurden vom Verfassungsschutz offenbar nach Bekanntwerden des Falles größere Mengen Akten vernichtet.

Am 26.01.2012 wurde ein Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages eingerichtet, der von Sebastian Edathy geleitet wurde. Im weiteren Verlauf kam es zum Rücktritt des Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm. Weitere Rücktritte ranghoher Verfassungsschützer folgten. So traten auch der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz Sachsen, Reinhard Boos, am 11.07.2012 und der Chef des Landesverfassungsschutzes von Sachsen-Anhalt, Volker Limburg, am 13.09.2012 zurück.

Von Anfang an unglaubwürdig

Der NSU-Fall war von Anfang an nicht glaubwürdig, nicht nur wegen der Verstrickungen staatlicher Organisationen/Geheimdienste, sondern auch wegen der Hinweise, die die »BAO Bosporus« ermittelt hatte, die die Alternative zur jetzigen Version darstellen und ins Mafia-Milieu verweisen. Die BAO Bosporus war die bis zu 160 Personen starke SOKO, die die Morde an den acht Türkischstämmigen zwischen 2005 und 2008 untersuchte.

Nach dem Auftauchen des NSU und dem damit angeblich rechtsterroristischen Hin­ter­­grund der Taten übernahm die Bun­des­anwalt­schaft die Ermittlungen in der Mordserie.

Das Verbindende der Fälle ist im Wesent­li­chen ein obskures »Paulchen Panther«-Video und die angebliche Tat­waffe, eine Ceska CZ83 mit Schall­dämpfer, die allerdings bei genauer Betrachtung auch nicht sonderlich überzeugt, wie wir noch sehen werden.

Dubios, wie der NSU-Fall ist, wird er sehr detailliert in Internet-Foren und im Kommentarbereich der Mainstreampresse diskutiert – die Skepsis überwiegt dabei bei Weitem. Der Prozess selbst ist seit Kurzem ebenfalls in schwieriges Fahrwasser geraten, vor allem weil die Angeklagte Beate Zschäpe letztlich ihren drei Verteidigern offiziell das Misstrauen ausgesprochen hat.

In diesem Umfeld gibt es nun seit etwa zwei Monaten einen Whistleblower namens »fatalist«, der auf seinem Blog Wer nicht fragt, bleibt dumm NSU-BKA-Akten sowohl leakt als auch analysiert und die Widersprüchlichkeiten herausarbeitet.

Kopp Online hat »fatalist« kontaktiert und ihm einige Fragen gestellt. Die Identität von »fatalist« ist unbekannt. Glaubwürdigkeit erlangt er ausschließlich durch die Vielzahl der Dokumente, die er ins Netz stellt. Die Links auf seinen Blog mit den Dokumenten sind mit Fußnoten angemerkt, welche auf das Ende dieses Artikels verweisen.

Interview  mit  »fatalist«

Kopp Online: Was können Sie uns über sich verraten? Wo leben Sie? Was machen Sie beruflich?

»fatalist«: Ich bin 48 Jahre alt und Bauingenieur von Beruf. Ich bin als Betriebsleiter einer Baufirma-Niederlassung tätig gewesen, habe vier Kinder und lebe in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Manchmal baue ich Solarinselanlagen, bin ansonsten Privatier.

Kopp Online: Wie entstand Ihr Blog Wer nicht fragt, bleibt dumm, und was können Sie uns über die Herkunft der von Ihnen dort geleakten Dokumente sagen?

»fatalist«: Der Blog ist eine Zusammenfassung von rund 12 000 von mir seit November 2011 in einem bekannten Internet-Politik-Forum geschriebenen Beiträgen zum Thema NSU. Am 29.05.2014 richtete ich den Blog ein, da ich mit der selektiven Art der Übernahme durch Dritte im Forum unzufrieden war.

Die BKA-Dokumente wurden mir erst später zugespielt, Ende Juni. Das ging hoch konspirativ zu, keine Mails, keine Telefonate, nur geheime Treffen. Man sprach mich an, man habe was für mich. Es gab keine Bedingungen, was ich wie und wann veröffentliche.

Kopp Online: Was wollen die Lieferanten der Dokumente erreichen? Vertrauen Sie ihnen?

»fatalist«: Ja, die wollen den Sumpf austrocknen. Es sind derart viele Akten, mit Unterschriften etc., die kann niemand fälschen, der Umfang ist zu riesig, 100 000 Seiten oder noch mehr.

Kopp Online: Wenn Sie sagen, dass Sie 12 000 Forenbeiträge noch vor dem Start des eigenen Blogs zum Thema NSU erstellt haben, kann man erstmal davon ausgehen, dass Sie NSU-Experte sind und eine gewaltige Menge an Zeit und Arbeit investiert haben. Wie viel Zeit hat es gekostet und was hat Sie dazu motiviert?

»fatalist«: Die Arbeit wurde von Ende 2011 bis Mai 2014 von mir verrichtet. Die meisten Blog-Einträge von Mai 2014 bis Ende Juni wurden aus den 12 000 Forenbeiträgen übernommen, was leicht von der Hand ging.

Schwieriger war das Durcharbeiten der ersten mir zugespielten Dokumente, gut sechs Gigabyte als gezippte Datei. Beim Lesen musste ich vieles über Bord werfen, was ich zu wissen glaubte. Das betrifft inhaltlich sowohl die neun Morde als auch die Bombe in Köln. Ich musste beim Durcharbeiten meine Meinung ständig revidieren und meine eigenen Thesen ständig hinterfragen. Das war nötig, da die Sachverhalte in den Akten nicht nur den Medienberichten, sondern auch den Abschlussberichten – z.B. dem 1400 Seiten langen Bericht des Bundestags-NSU-Ausschusses – deutlich widersprachen. Eine erstaunliche Tatsache!

Motiviert hat mich die Notwendigkeit, der staatlichen »Verschwörungstheorie« der BRD etwas entgegenzusetzen und den Linken nicht das Feld kampflos zu überlassen. Ich hätte nicht erwartet, dass die Konservativen in diesem Punkt total versagen.

Kopp Online: Mittlerweile soll Ihre Familie in Deutschland Besuch von den Behörden bekommen haben. Was sagt sie zu Ihren Ambitionen?

»fatalist«: Die Solidarität innerhalb meiner Familie ist mir gewiss und stand nie zur Debatte. Wohl dem, der solch eine Familie hat. Die Familie ist mein größter Rückhalt – Danke und Gruß!

Kopp Online: Die NSU-Geschichte hat einige logische Brüche. Was sind aus Ihrer Sicht die gravierendsten?

»fatalist«: Die Ceska aus Zwickau hat das falsche Beschussjahr (Anm. d. Red.: Das ist ein Stempel mit der Jahreszahl der ersten Probeschüsse auf der Waffe), 1993 statt 1989, wie die anderen aus der Schweiz-Serie. Aber sie ist »Made in Czechoslovakia«, ein Staat, der seit 01.01.1993 gar nicht mehr existierte; die ganze Geschichte der Schweizer Ceska als Mordwaffe kann nicht stimmen.

Es gibt außerdem einen Widerspruch bei einem Tattoo von Uwe Böhnhardt. Während in zwei (!) früheren Polizei-Zeugenaussagen und in den Akten des LKA Erfurt von einem Tattoo an der linken Wade berichtet wurde, hatte die Leiche dort keines.

Aus den BKA-Waffengutachten geht hervor, dass die aufgefundenen Projektile (Hülsen gab es kaum, nur zwei aus den letzten sieben Morden) gar nicht an jedem Tatort einem Waffentyp zugeordnet werden konnten. Somit gibt es keinen Beweis, dass eine Ceska 83 bei allen neun Morden die Tatwaffe war. Und schon gar nicht immer dieselbe Ceska 83, die man im Zwickauer Schutt gefunden haben will, die am 10.11.2011 oder 11.11.2011 zum BKA kam (zwei Varianten existieren) und die dann am 11.11.2011 ohne jede Prüfung zur »Dönermordwaffe« erklärt wurde

Weiterhin sind die »Benzinsocken« von Beate Zschäpe kein Beweis für die Brandstiftung, die man ihr zur Last legt. Diese mit Benzin belasteten Socken werden als einer der Beweise gewertet, dass Beate Zschäpe selber ihre damalige Wohnung in Brand steckte. Stattdessen steht in den Akten: »Kohlenwasserstoffe können nicht ausgeschlossen werden.« Das ist kein Beweis, das ist gar nichts! Es wurde aber überall gegenteilig dargestellt.

Dazwischen finden sich skurrile Geschichten, wie die Mietminderung durch Uwe Böhnhardt, der, obwohl im Untergrund befindlich und angeblich durch Banküberfälle im Besitz von bündelweise Geld, die Miete wegen Geruchsbelästigung eigenmächtig Anfang 2011 um 136,90 Euro mindert.

Kopp Online: Die Ceska ist also ein äußerst zweifelhafter Beweis. Taucht sie denn wenigstens im so genannten »Paulchen Panther«-Video auf?

»fatalist«: Genau das ist der Punkt! Die Ceska taucht im gesamten »Paulchen Panther«-Video eben nicht auf. Es werden auch nur drei Morde im Video behandelt, wobei es zudem inhaltliche Fehler gibt, z.B. ein falsches Morddatum oder ein falscher Mordort.

Kopp Online: Wenn beide Hauptbeweise, die die NSU-Geschichte zusammenhalten, nämlich die Ceska und das »Paulchen Panther«, suspekt sind: Was hält die Geschichte dann noch zusammen?

»fatalist«: Zusammengehalten wird der Fall durch das Medienkartell, welches Widersprüche und Unmöglichkeiten seit 2011 niemals thematisiert hat. Der NSU ist Teil der Staatsräson der BRD.

Kopp Online: Was vermuten Sie denn als Grund dafür, dass Beate Zschäpe vor einigen Wochen ihren drei Anwälten das Misstrauen ausgesprochen hat?

»fatalist«: Die Anwälte haben im Prinzip alle Anklagepunkte der Bundesanwaltschaft durchgewunken. Sie haben die offen daliegenden Schwachpunkte der Anklage gar nicht moniert bzw. die eklatant unlogischen Widersprüche nicht aufgegriffen.

Beate Zschäpe meinte wohl, dass sie auf lebenslänglich zusteuert, und das dürfte der Grund sein, warum sie den Deal als gefährdet ansieht, den sie zu haben glaubte: Verurteilung nur wegen Brandstiftung, aber nicht wegen Mittäterschaft an zehn Morden. Zschäpe hat gesehen, dass der Antrag von Ralf Wohlleben, dem mutmaßlichen Unterstützer des NSU, auf Entlassung aus der U-Haft abgelehnt wurde, obwohl man im Kern gegen Wohlleben nichts Substanzielles in der Hand hat.

Beate Zschäpe hat schlicht Panik, lebenslänglich zu bekommen wie Verena Becker 1977 – siehe Buback-Prozess.

Kopp Online: Wie erklären Sie es sich, dass um andere Whistleblower wie Edward Snowden ein riesiges Medientheater gemacht wird, aber über Sie gar nichts berichtet wird?

»fatalist«: Alles, was weit weg ist und die Machenschaften unserer Exekutive nicht betrifft, kann gefahrlos verbreitet werden, und es eignet sich auch gut zur Ablenkung von »unseren Schweinereien«. Je weiter weg, desto besser, desto gefahrloser für unsere »Eliten« in Regierungen und Polizeibehörden.

Erstaunlich für mich ist dabei, dass die »alternativen Aufklärer« diese Spielchen ebenso mitspielen, und jedes Detail bei 9/11 oder beim Boston-Marathon endlos gehypt wird, während zu staatlich inszeniertem Terror bei uns daheim absolute Ebbe herrscht. Das deutet sehr auf eine gewisse Aufgabe dieser Plattformen hin, die »Truther und Skeptiker« mit gefahrlosen Themen, die weit weg sind, einzufangen und zu beschäftigen. Den Staatsterror in den USA müssen die US-Bürger aufklären, das ist nicht meine Baustelle. Wir Deutschen sollten uns um Kriminalität unserer Behörden und Regierungen (Länder und Bund) kümmern, das geht uns an – uns als Bürger.

Kopp Online: Danke, dass Sie uns für ein Gespräch zur Verfügung gestanden haben.

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Quelle: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/redaktion/ein-whistleblower-spricht-zum-nsu-fall.html
Gefunden im Julius-Hensel-Blog