von Egon W. Kreutzer

Der Scarabäus, auch als Mistkäfer oder Pillendreher bekannt, ist darauf programmiert, aus Mist Pillen zu drehen. Das ist Teil der Vorsorge für seine Nachkommen, und dass dieses Prinzip funktioniert, erweist sich alleine daraus, dass es diese Käfer, Jahrtausende nach der ägyptischen Hochkultur, die den Scarabäus verehrte, immer noch gibt.

Andere Pillendreher mussten in diesen Tagen die bittere Erkenntnis wahrnehmen, dass der Stoff, aus dem sie ihre Pillen drehen, wahrscheinlich nicht wirksamer ist als ein Placebo. Die Rede ist von Paracetamol, einem häufig eingesetzten Schmerzmittel, von dem eine neue Studie nun sagt, dass es bei Kreuzschmerzen praktisch wirkungslos ist. Der Stern berichtet darüber ausführlich. Allerdings bleibt auch der Stern in seinen Ausführungen in den schulmedizinischen Dogmen verhaftet, wenn er in diesem Artikel eine Broschüre der Bundesärztekammer zitiert, in der erklärt wird: „Da der Hexenschuss nur selten gefährlich ist, raten Ärzte vor allem zu Geduld. Die Beschwerden bei akuten nichtspezifischen Kreuzschmerzen bessern sich in der Regel nach kurzer Zeit von allein.”

Dieser Satz besagt zweierlei: Erstens, die Bundesärztekammer ist sich offenbar bewusst, dass Kreuzschmerzen – mit und ohne Behandlung – nach einer vom Allge­mein­zustand des Patienten abhängigen Zeitspanne wieder vergehen. Zweitens, dass es den Medizinern nicht sinnvoll erscheint, bereits bei ersten Kreuzschmerzen eines Patienten eine ausführliche Diagnose zu stellen und therapeutische Maßnahmen einzuleiten, die sich nicht, wie Paracetamol und Ibuprofen alleine auf die Linderung der schmerzhaften Symptome beschränken.

Der Versuch, wirklich herauszufinden, was die Kreuzschmerzattacke verursacht haben könnte und dementsprechende wirksame Therapien einzusetzen, könnte schließlich dazu führen, dass die von kreuzlahmen Patienten überfüllten Wartezimmer sich schnell leeren würden. Der alte Sinnspruch der leider nicht existenten Bundespatientenkammer bewahrheitet sich damit immer wieder:

Was bringt den Doktor um sein Brot?
a) Die Gesundheit,
b) der Tod.………
Drum hält er uns, auf dass er lebe,
stets zwischen beidem in der Schwebe.

Was unsere Politiker „Gesundheitswesen” nennen, ist im Grunde eine unersättliche „Krankheitsbranche”. Deutlich auch zu erkennen an den Informationen über die Zahl der „teuren Operationen”, die in unseren Krankenhäusern so oft durchgeführt werden, dass die herausragende Position unter den OP-Zahlen vergleichbarer Staaten erhebliche Zweifel am medizinischen Nutzen, jedoch keinerlei Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen aufwerfen.

Noch vorgestern war in den Zeitungen zu lesen: „Herzoperationen klettern auf Rekordstand” (Die Welt), und zum gleichen Thema „Unnötige Herz­operationen” (Stuttgarter Nachrichten). Vor gar nicht allzu langer Zeit standen die Ersatz­teil­chirurgen mit ihren Rekord­zahlen an Hüft- und Knie­gelenks­operationen im Kreuzfeuer der Kritik, doch ändern wird sich daran so lange nichts, wie das von keinerlei „lauterem” Wettbewerb gestörte System aus Zwangsversicherung und Medizinbetrieb nicht wirklich grundlegend reformiert wird.

Dass eine Reform nicht gewollt sein kann, hängt unter anderem damit zusammen, dass jede Absenkung der Aufwendungen für den Gesundheitsbetrieb vollkommen unerwünschte Folgen auf das Bruttosozialprodukt haben würde. Die so genannten „Gesundheitsausgaben” überschritten bereits 2012 die 300 Milliarden Euro-Grenze, machen also mehr als 10% des BIP aus – und welcher Betrag zusätzlich von den Patienten aus eigener Tasche in die Kassen des Gesundheitswesens fließt, kann kaum abgeschätzt werden. Auch hier gilt offenbar: „Too big to fail”.

Wäre die Bevölkerung der Bundesrepublik deutlich gesünder als die Menschen in vergleichbaren Staaten mit einem niedrigeren Anteil der Gesundheitskosten am BIP, könnte man dies als den Vorzug des deutschen Gesundheitswesens bezeichnen, doch leider ist dies nicht der Fall. Unsere „Krankheitsindustrie” ist nicht effektiver, lediglich teurer. So lange die Politik dieses System erhält und stützt, ist für den – per Gesetz in die Krankenversicherung gezwungenen – Bürger der Ausweg aus der Rolle des Zahlmeisters versperrt.

Dummerweise sieht der Bürger seine Kosten überdeutlich auf dem Gehaltszettel oder bei der monatlichen Abbuchung der Beiträge zur Privaten Krankenversicherung auf dem Konto-Auszug – und wird damit gleich noch einmal in die Falle des Systems gelockt, wenn er dem zunächst logisch erscheinenden Gedanken nachgibt: Ich will für meine Beiträge aber auch so viel wie möglich herausholen!  Also glaubt er bereitwillig den Gesundheitsratgebern, die in Apotheken ebenso kostenlos verteilt werden, wie sie in praktisch jedem Medium pausenlos auf ihn einprasseln, und besucht beim kleinsten Wehwehchen den Arzt – und anschließend den Apotheker. Gerade warnende Artikel, in denen auf erste Anzeichen und frühe (zumeist unsichere) Symptome von schrecklichen Krankheiten wohlmeinend hingewiesen wird, in denen Risiken – oft ohne Hinweis auf die Eintrittswahrscheinlichkeit – maßlos überzeichnet werden, füllen die Praxen mit den herangezüchteten Hypochondern, die dann, weil der Allgemeinarzt zu einer eindeutigen Diagnose nicht in der Lage, oder – aus Sorge um Regress-Ansprüche – nicht bereit ist, die sichere Diagnose „Ihnen fehlt gar nichts“ zu stellen, von einem Facharzt zum nächsten weitergereicht werden, bis ein jeder sein Honorar verdient, seine Verordnung verschrieben und den Kontrolltermin in zwei Wochen festgesetzt hat.

Irgendwann merkt der Patient, dass das ihm von interessierter Seite über die Medien suggerierte mögliche Problem vielleicht doch gar nicht besteht, und geht einfach nicht mehr hin, bis er sich vom nächsten Aufruf zur Vorsorgeuntersuchung, zur absolut sinnvollen Schutzimpfung oder zur dringend zu empfehlenden IGEL-Leistung hat hinreißen lassen, erneut in dieses Karussell einzusteigen. Damit werden zwar die eingesammelten Beiträge in Leistungen umgesetzt, doch weil das so ist, und weil die Kosten – unabhängig vom Umfang der erbrachten Leistungen – stetig steigen, steigen auch die Kosten im Gesundheitswesen – und die Politik weiß sich nicht anders zu helfen, als einen immer größeren Teil der Gesundheitskosten direkt auf die Patienten abzuwälzen, weil den Arbeitgebern der von ihnen zu erbringende Aufwand nämlich längst nicht mehr angemessen erscheint.

Die Erkenntnis, dass am Ende jeder zwangsweise Versicherte seinen Teil von dem zu bezahlen hat, was von allen in Anspruch genommen wird, dass gerade der Wunsch, für den eigenen Beitrag auch eine entsprechende Leistung in Anspruch zu nehmen, ganz erheblich zur Kostenexplosion mit beiträgt, dämmert inzwischen in einigen Köpfen heran.

Die viel wichtigere Erkenntnis, dass die Erhaltung der eigenen Gesundheit primär die Aufgabe jedes einzelnen ist, haben wohl inzwischen die meisten verinnerlicht. Dummerweise mit der Auffassung verbunden: Wenn ich nur bei jeder Kleinigkeit zum Arzt gehen, mir die in der Werbung angepriesenen Mittelchen gegen Schmerzen, Verstopfung, Harndrang, Müdigkeit oder Schlaflosigkeit, Husten und Schnupfen, Gliederschmerzen oder Stimmungsschwankungen einwerfe, sobald auch nur das kleinste Anzeichen auftaucht, mir außerdem alle Vitamine und Mineralstoffe und ein ordentliches Arsenal von Globuli zulege, dann habe ich mehr als das Men­schen­mögliche für meine Gesundheit getan.

Meine Urgroßmutter ist im Alter von 94 Jahren bei völliger körperlicher und geistiger Gesundheit und mit einem vollständigen Gebiss an Altersschwäche gestorben. Sie lebte zuletzt alleine und führte den Haushalt bis zum Schluss selbstständig. Sie war nie beim Arzt. Natürlich hatte sie das Glück, im ganzen Leben nie wirklich schwer krank geworden zu sein, keinen schweren Unfall zu erleiden oder sonstwie zu Schaden zu kommen. Die meisten Menschen ihrer Generation erreichten dieses hohe Alter nicht.

Kriege, schlimme Infektionskrankheiten, ja sogar eine einfache Blinddarmentzündung oder das Kindbettfieber waren noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verbreitete Todesursachen, die der Altersschwäche erfolgreich Konkurrenz machten. Heute ist es die Kunst der Chirurgen und Neurochirurgen, die auch übelste Unfallfolgen heilen oder zumindest weitgehend korrigieren und lindern kann. Es gibt wirksame Arzneimittel gegen Krankheiten, die noch vor 60 oder 70 Jahren in den meisten Fällen unweigerlich zum Tode führten – und die gerade wieder im Verruf stehende Transplantationsmedizin hat auch vielen Menschen geholfen, dem Tod noch einmal von der Schippe zu springen.

Gar kein Zweifel, die Medizin hat große Fortschritte gemacht – und auch ich wäre seit ungefähr 50 Jahren tot, hätte man mir damals nicht unter Äther-Betäubung den kurz vor dem Durchbruch stehenden Blinddarm entfernt. Ich bin überzeugt: Könnte sich die Medizin auf das beschränken, was sie wirklich kann, und würde sie dies stets nach bestem Wissen und mit der notwendigen Sorgfalt anwenden, es ginge uns allen besser und die Kosten des Gesundheitswesens würden sinken. Leider verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass das in weiten Bereichen industriell organisierte und an betriebs­wirt­schaft­lichen Erfolgsgrößen orientierte „Krankheitswesen” immer mehr dazu übergeht, sich die Hypochonder, von denen es lebt, selbst zu züchten.

Ein altes indisches Märchen enthält folgende Passage:

Eines Tages begegnete ein Reisender der Pest. „Wohin des Wegs?”, fragte er. Die Pest antwortete: „Ich gehen nach Bombay, um fünfzig Menschen zu töten!” Nach einigen Wochen traf der Reisende die Pest wieder. „Oh, du hast mich angelogen”, rief er ihr entgegen. „In Bombay sind nicht 50 Menschen an der Pest gestorben, sondern 5.000!” – „Nein, ich habe nicht gelogen”, antwortete die Pest. „Ich habe tatsächlich nur 50 umbringen wollen, aber einhundertmal soviel haben sich mir vor Angst direkt in die Arme geworfen.”

Der größte Teil der „Gesundheitswerbung”, ob nun erkennbar als Anzeige oder Werbespot, oder unterschwellig als redaktioneller Artikel oder Informationssendung dargereicht, zielt darauf ab, Ängste zu erzeugen – und das vor Krankheiten, die man gar nicht hat, oder vor Verschlimmerungen und Folgewirkungen, die nur in den seltensten Fällen eintreten, um dann das erlösende Mittel gegen die Angst an die Frau und den Mann zu bringen. Angst setzt aber Unsicherheit und Unwissen voraus, und daher ist der beste Weg, die Verantwortung für die eigene Gesundheit selbst zu übernehmen, sich nach und nach das Wissen über „gesundes Leben” anzu­eignen. Gesundes Leben beginnt bei der Ernährung, es verlangt nach körperlicher Aktivität ebenso, wie nach ausreichender Ruhe – und es setzt voraus, auf die Signale des eigenen Körpers zu achten, sie richtig deuten zu können und sinnvoll darauf zu reagieren.

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Quelle: http://www.egon-w-kreutzer.de/001/PaD282014.html

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