von Egon W. Kreutzer

Was über Jahrzehnte als die Stärke des deutschen Exports gepriesen wurde, was uns als Alleinstellungsmerkmal weltweit Wettbewerbsvorteile verschaffte, nämlich die sprichwörtliche Qualität „Made in Germany“, messbar in Präzision, Zuverlässigkeit und Lebensdauer, hat nun – nach den Erkenntnissen der Unternehmens­beratungs­gesellschaft McKinsey – ausgedient.

Gerade der deutsche Maschinenbau, stets – nach der Automobilbranche – die Vorzeigebranche schlechthin, soll sich nun darauf besinnen, dass es auch schlechter, billiger, ja schlampiger geht.

Deutsche Maschinenbauer, so McKinsey, sollten die „Wachstumsmärkte“ mit Produkten beliefern, die nicht besser sind als die Erzeugnisse der Konkurrenz aus Asien. Das ist der gute Rat Nummer 1. Der gute Rat Nummer 2 lautet: Aufhören, in Deutschland zu produzieren, stattdessen den Schrott auch gleich da zusammenschrauben, wo er verkauft werden soll. Guter Rat Nummer 3: Schluss mit den deutschen Ingenieuren in der Konstruktion, die können nämlich nicht billig. Stattdessen lieber ausländische Fachkräfte anheuern, die erstens selbst billiger sind und zweitens gar nicht in der Lage sind „hochwertige“ und damit teure Produkte aufs elektronische Reißbrett zu bringen.

Krönende Aussage vom offenbar vollständig vom McKinsey-Gedankengut infizierten Präsidenten des Verbandes der deutschen Maschinenbauer, VDMA, Reinhold Festge: „Die deutschen Hersteller dürfen sich nicht an die Spitze der Technologiepyramide abdrängen lassen“. Bis vor wenigen Monaten hätte das noch heißen müssen: „Die deutschen Hersteller dürfen sich nicht von der Spitze der Technologiepyramide abdrängen lassen.“

Mein erster Kontakt mit den Eggheads von McKinsey ergab sich in den späten 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals operierten die frisch von den Elite-Hochschulen entlassenen Consultants mit standardisierten Rezepten, die irgendwo in geheimen Kämmerchen, fernab jeglicher Praxis entwickelt worden waren, und veränderten die Gegebenheiten in den beratenen Unternehmen so, dass sich diese Rezepte überstülpen ließen.

Vermutlich ist das noch immer so. Vermutlich hat man auch koreanischen, chinesischen, vietnamesischen und philippinischen Unternehmen geraten, die Qualität anzupassen, um im Wettbewerb gegenüber europäischen, besonders deutschen Unternehmen bestehen zu können, und nun sind sie eben über die deutschen Maschinenbauer hergefallen und verkaufen denen das gleiche Rezept.

Das Ergebnis ist vorhersehbar. Der deutsche Maschinenbau wird von der Spitze der Technologiepyramide verschwinden und die Chance jemals zurückzukehren verspielen, wenn er sich tatsächlich von jenen Ingenieuren trennt, die ihn dahin gebracht haben, und jene Facharbeiter entlässt, die es verstanden, Maschinen zu bauen, die den Ansprüchen der Ingenieure genügten.
Ein Weltmarkt, dem der Begriff Qualität auf diese Weise abhanden kommt, wird aber in ganz kurzer Zeit zu einem Markt verkommen, auf dem nur noch der Preis zählt, und damit wird Deutschland als Standort für den Maschinenbau vollkommen untergehen. Da kleben dann vielleicht noch für ein paar Jahre deutsche Logos an den Gehäusen, doch auch das wird ein Ende haben.

Inzwischen neige ich dazu, die Strategie von McKinsey mit der Strategie der US-amerikanischen Rating-Agenturen zu vergleichen. Der gleiche Nimbus der Unfehlbarkeit, und Erkenntnisse und Empfehlungen, die sich für die Gläubigen – im Nachhinein – als fatale Fehleinschätzungen herausstellen.

In beiden Fällen verlassen sich Rater und Berater auf die Gier ihrer Klienten. Wo hohe Rendite für geringen Einsatz versprochen wird, da ist kein Halten mehr, und sobald erst einer angebissen hat, rennen die anderen hinterher. Das ist das Prinzip „Flötenspieler zu Hameln“. Dass gleichzeitig im Windschatten der Fußballweltmeisterschaft ein bekannter Trainer in Werbespots auftritt, um zu verkünden: „Vorsprung entsteht im Kopf“, wird in diesem Kontext betrachtet, zum echten Eigentor der deutschen Industrie. Zeugt genau diese Werbung doch davon, dass schon versucht wird, die Idee „Vorsprung“, da, wo der Vorsprung zu schwinden droht, ja gezielt „zurückgebaut“ wird, nun – ohne auch nur den geringsten Hinweis auf tatsächliche Innovationen – mit aller Macht in die Köpfe der Konsumenten gehämmert werden soll.

Es reicht, wenn die Kundschaft an Qualität und technologischen Vorsprung glaubt. Das macht dann sogar die Pannenstatistiken vergessen, in denen nach der ADAC-Affäre nun deutlicher wird, dass die Qualität „Made in Germany“ aus den unteren Marktsegmenten bereits verdrängt ist. Dass die erfolgreichen Umsteiger die vom Kleinst- auf den Kleinwagen ihrer deutschen Marke treu geblieben sind, beim nächsten Aufstieg womöglich nach einer Marke Ausschau halten, die ihnen weniger Ärger macht, wird wohl auch nicht befürchtet. Die Zahl derjenigen, die in Deutschland noch aufsteigen, ist schließlich zu einer vernachlässigbaren Größe geschrumpft.

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Quelle: http://www.egon-w-kreutzer.de/001/tk080714.html

…und im Gegensatz dazu, siehe: Die Wirtschaftskraft des Reiches

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