Bericht des Arztes Heinz Esser über ein polnisches Lager, welches polnische Behörden  im oberschlesischen Lamsdorf  nach Beendigung des II. Weltkrieges für die deutsche Bevölkerung  eingerichtet hatten.

ENGLISCH

Heinz Esser, Die Hölle von Lamsdorf, Dokumentation über ein
polnisches Vernichtungslager

Dülmen, 2000, 13. unveränderte Auflage, S. 13 – 29
(http://www.amazon.de/exec/obidos/search-handle-form/ref=sr_sp_go_qs/028-0900960-8231717)

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Zwischen Oppeln und Neiße lag das polnische Internierungslager für Deutsche, Lamsdorf. In der Geschichte Oberschlesiens bedeutet es einen monumentalen Grabstein, unter dem Tausende von Oberschlesiern, Männer, Frauen und Kinder, nach grauenvollen Erlebnissen und qualvollen Leiden ruhen, für Polen aber ist es ein Schandmal, errichtet nach Beendigung des Krieges im Juli 1945, zu einem Zeitpunkt, an dem in Deutschland die Kriegsverbrecher und Verbrecher an der Menschheit ihrer Aburteilung und einer gerechten Strafe entgegensahen.

Lamsdorf war ein Vernichtungslager. Ein damals etwa zwanzigjähriger, grausamer, zu sadistischen Exzessen veranlagter Kommandant mit dem Namen Ceslaw Gimborski  führte an der Spitze von etwa 50 blutrünstigen Milizianten seine Schreckensherrschaft in diesem Lager, das von der Bevölkerung als „Blutlager“ oder auch als „Hölle von Lamsdorf“ bezeichnet wurde. Viele Tausende von Menschen Oberschlesiens kamen in dieses Lager, beraubt und ausgeplündert, um es niemals mehr verlassen zu können. In der Hauptsache wurden die Dorfbewohner des Kreises Falkenberg ohne Altersunterschied und Geschlecht, ja sogar Schwerkranke und Sterbende, dorthin gebracht. Am härtesten betroffen wurden die Dörfer Bielitz, das fast völlig ausgerottetwurde, Neuleipe, Ellguthammer, Steinaugrund, Lippen, Lamsdorf, Arnsdorf, Hilbersdorf, Goldmoor, Mangersdorf, Jakobsdorf, Groditz, Kleuschneritz, Jatzdorf u. a.

Nachts wurden die Menschen unerwartet und plötzlich in aller Eile aus den Häusern getrieben, zusammengejagt und nach Lamsdorf verschleppt. Die Schwerkranken und Sterbenden legte man im Lager auf die Straße, wo sie bald verstarben oder man tötete sie sofort. In anderen Fällen mußten die Sanitäter diese in die sogenannten Krankenbaracken tragen, wo sie mangels Ernährung, Pflege oder Medizin bald zu Grunde gingen. Es waren nicht politisch belastete Menschen, sondern hauptsächlich Bauern- und Arbeiterfamilien, manchmal auch Geschäftsleute, Lehrer, Beamte, Angestellte usw. „Politisch Belastete“ waren auf einer Stube zu etwa 45 Mann zusammen-gefaßt. Aber auch bei diesen wenigen wurde, abgesehen von fünf Fällen, niemals untersucht, ob sie tatsächlich in der Partei waren. Sie waren nur auf Denunziation zur Anzeige gekommen und hatten unter dem Zwang der Anwendung grausamer Folterungen und Mißhandlungen die Zugehörigkeit zur NSDAP schließlich entgegen den Tatsachen erklären müssen, sehr oft im Zustand geistiger Ohnmacht. Diese Männer wurden im Laufe der Zeit alle ermordet, nachdem sie vorher den entsetzlichsten Grausamkeiten und Qualen ausgesetzt worden waren.

Die Aufnahme ins Lager vollzog sich etwa so: Die meistens des nachts ausgesiedelten und ausgeraubten Menschen eines Dorfes wurden mit dem Rest ihrer Habe ins Lager gejagt. Dort mußten sie den ganzen Tag bei Wind und Wetter vor dem Büro stehen und auf ihre Registrierung warten. Nachdem jedem einzelnen auch das Letzte, einschließlich Mantel, Rock oder Schuhen geraubt worden war, wurde er verprügelt, mit Kolben gestoßen, mit Bleikabeln geschlagen usw., so daß diese Menschen im Gesicht völlig unkenntlich, blutüberströmt und oft mit zerbrochenen Gliedern und Rippen weggestoßen wurden. Markerschütternde Schreie hallten von dort in das Lager. Vielewurden erschlagen oder erschossen, die Überlebenden starben in zahlreichen Fällen an den Folgen der vorausgegangenen unbeschreiblichen Mißhandlungen. Sie wurden geschlagen und getötet, nur weil sie Deutsche waren.

Die Hinmordung geschah entweder durch Erschlagen mit Knüppeln oder Zaunlatten auf den Schädel, wobei der Unglückliche meist niederknien mußte, oder er erhielt einen Schlag gegen die Halsschlagader, worauf er regelmäßig tot hinstürzte, oder er wurde durch Fußtritte auf den Leib und auf die Kehle ermordet. Oft bediente man sich hierbei auch eines sechzehnjährigen Henkersknechtes mit dem Namen Jusek. Er war Ukrainer und polnischer Spitzel. Vor dem Zusammenbruch hatte er Jahre in Erziehungsheimen und im Gefängnis verbracht. Trotz seiner Jugend vereinte er in sich alle Merkmale des brutalen Mörders und Verbrechers. Er mordete „auf Bestellung“ zu allen Tages- und Nachtzeiten, bis ihn schließlich seine eigenen Freunde und Auftraggeber im Streit nach Alkoholgenuß durch Kopfschuß beseitigten. Ich untersuchte die Leiche dieses jugendlichen Verbrechers. Sie bot einen schrecklichen Anblick.

Der Gastwirt Max H. aus Tillowitz z. B. wurde grundlos als SS-Mann angesehen. Ich sah, wie man ihn mit Knüppeln und Kabelstücken schlug, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein letztes Mal richtete er sich auf und schrie seinen Peinigern entgegen: „Ich sage die Wahrheit und wenn Ihr mich totschlagt, aber niemals werde ich lügen unter Eurer Gewalt.“ Darauf führte man ihn mit 8 Wachposten hinter Baracke ab. Eine Stunde später stellte ich an seiner Leiche fest: Stichwunden, offenbar von Bajonetten, in Brust, Bauch, Oberschenkel ­und Wangen, 2 Schußkanäle im Kopf und in der Brust.

Johann L. wurde bereits vor dem Büro blutig geschlagen wegen seines Bartes. Dann wurde er als SA-Führer bezeichnet, obwohl er Unterlagen vorweisen konnte, die seine politische Unbelastung bewiesen, aber man trieb ihn unter Johlen und Schreien und der Bezeichnung „Judas“ in die Werkstätte, wo man ihn mit dem Barte in einen Schraubstock einklemmte und mißhandelte. An seiner Leiche stellte ich 2 Stunden später fest: Schädel mehrfach gespalten, Bart abgetrennt und verbrannt, Brandwunden im Gesicht, Fingernägel ausgerissen, rechts Schlüsselbein gebrochen, beide Unterarme zwei- und dreifach gebrochen.

Die übrigen bei der Registrierung nicht Getöteten oder halb Totgeschlagenen kamen in Baracken, in denen ihnen unter furchtbaren Drohungen und Prügeln noch die Leibwäsche, evtl. verstecktes Geld usw. abgenommen wurde, wobei leider auch deutsche Stubenkommandanten eine niederträchtige Rolle spielten. Sie raubten den Neuangekommenen diese Dinge aus den unmöglichsten Verstecken, nur um es der polnischen Lagermiliz auszuhändigen und dafür ein Lob oder eine besondere Vergünstigung, entgegenzunehmen, wie z. B. L., der zahlreiche Männer, die niemals Parteigenossen gewesen waren, ausplünderte, als Nazis beschuldigte und sogar dem Tod durch Mord auslieferte. Sein Vorbild war der sogenannte „deutsche Lagerführer“ Fuhrmann. Er riß z. B. mißhandelten Müttern den Säugling aus den Armen und erschlug ihn. Vor ihm zitterte jeder Deutsche. Er stahl den Frauen, die zum Teil über 50 km weit zu Fuß gekommen waren, um ihren gefangenen Männern eine dürftige und oft unter Schlägen mit Blut errungene Liebesgabe zu bringen, achtlos ihre Habe und teilte sie im besten Falle mit seinen Günstlingen. Die Frauen von längst Ermordeten bestellte er immer wieder mit dem Verlangen nach weiteren Liebesgaben und versuchte ihnen glaubhaft zu machen, ihre Männer seien noch am Leben und würden von ihm bevorzugt behandelt.

Um sich vor seinen polnischen Auftraggebern auszuzeichnen, veranstaltete er die jedem Lamsdorfer in grausamer Erinnerung gebliebene Nachtübung, bei der 25 Männer völlig entstellt und 15 getötet wurden. Dies war sein Werk, dessen er sich oft in Gemeinschaft mit der polnischen Lagermiliz rühmte.

Während so die friedlichen Bewohner der Dörfer massenhaft und ohne jeden Grund ins Lager gebracht und dort vernichtet wurden, wurde mit einzelnen Personen auf Grund von Anzeigen und Denunziationen, die an der Tagesordnung waren, folgendermaßen verfahren: Man holte diese Menschen tags oder nachts für sie völlig überraschend aus der Wohnung oder von ihren Arbeitsstätten und brachte sie zur Geheimpolizei, wo sie zunächst in dunkle, feuchte Keller kamen, die von Schmutz und Ungeziefer strotzten. Sie wurden hierbei Zeugen der Mißhandlungen ihrer Leidensgefährten in den Nachbarzellen, aus denen Tag und Nacht die Angst- und Schmerzensschreie gellten. Dann begannen dieVernehmungen. Die Unglücklichen wurden gefesselt, getreten und geschlagen, mit dem Kopf nach unten aufgehängt und wieder geschlagen, bis das Blut aus zahlreichen Wunden floß und dem Gefolterten das Geständnis einer nicht begangenen Tat erpreßt wurde. Manchmal trat man den so Gefolterten auf die Zehenspitzen oder quetschte ihnen die Daumen, oder man schlug sie mit Stahlfedern auf die nackten Fußsohlen. Auf dem Wege zu solchen Vernehmungen trieb man die Verhafteten unter Schlägen durch die Ortschaften. Nach den tage- und nächtelang dauernden Vernehmungen und Folterungen kamen diese Menschen zu den anderen ins Lager, wo für sie die zweite Phase ihrer Leidensgeschichte begann. Hier wurden schließlich die Häftlinge, um sie auch nach außen als Verbrecher zu bezeichnen, mit dem Buchstaben W  als Kennzeichen auf ihrem zerrissenen Anzuge bezeichnet.

Das Lagerleben vollzog sich etwa folgendermaßen: Früh morgens war kurz nach dem Wecken um 5 Uhr Appell und sogenannter „Frühsport“. Während des Sportes, den alle Männer ohne Rücksicht auf Krankheit oder Gebrechen und Alter, ja sogar Männer von 80 – 90 Jahren mitmachen mußten, wurde wieder geschlagen, getreten usw. Anlaß hierzu war meist die Tatsache, daß die Kommandos in polnischer Sprache gegeben wurden, die die meisten überhaupt nicht verstanden, oder weil die Männer gezwungen waren, in polnischer Sprache abzuzählen, wozu sie natürlich nicht in der Lage waren. Hierbei kam es zu Mißhandlungen, die überhaupt nicht zu beschreiben sind und die regelmäßig mit tödlichem Ausgang bei mehreren Menschen endeten. Die alten Männer, die jeglicher Sportbetätigung unfähig waren, wurden dabei fast alle in bestialischer Weise umgebracht. Nach einem solchen „Frühsport“ wurden in den ersten 4 Monaten durchschnittlich am Tage etwa 10 Tote vom Platze geschleppt. Manche der so Gequälten, die noch gar nicht tot waren, kamen dessen ungeachtet darauf ins Massengrab. Die übrigen Wachtposten sahen diesen Mordtaten ebenso wie ihr Kommandant Gimborski lachend höhnend zu.

Dann wurden die Männer und Frauen in Arbeitskommandos eingeteilt.

Am 15. September 1945 wurden 16 Männer vor einen Wagen gespannt mußten unter ständigen Stockschlägen schwere Eisenteile im Nachbardorf holen. Sie konnten sich kaum halten vor Schwäche und Hunger. Unterwegs im Walde wurden auf diese Männer regelrechte Schießübungen veranstaltet, wobei die Hälfte der Unglücklichen unter Feuer in einen Teich gejagt wurde und darin ertrank. Die anderen, worunter sich auch der jetzt noch lebende Erhard Sch. befand, kehrten blutüberströmt und sich nur mühsam vorwärtsschleppend zurück. Drei ihnen hatten von den Schreckenserlebnissen die Sprache verloren. Einer schrie vor Schmerzen, weil er vier tiefe Bajonettstiche im Körper hatte. Aber er durfte nicht ins Revier oder ärztlich behandelt werden. Er erhängte sich in derselben Nacht neben der Schlafstelle eines Mithäftlings.

Die Arbeit, die bei einer Verpflegung von etwa 200 – 300 Kalorien am Tage verrichtet werden mußte, unter Stock- und Peitschenhieben oder schwersten, blutigen Mißhandlungen, war schlimmer als Sklavenarbeit. Männer und Frauen, ohne Rücksicht auf ihren schlechten Ernährungs- und Kräftezustand oder auf bestehende Krankheit, mußten 12 Stunden und länger in dürftiger und zerrissener Kleidung, voll Ungeziefer und eiternden Wunden, die nicht behandelt werden durften, bei allen Witterungslagen schwerste Arbeit verrichten. Diese Arbeiten wurden bei Regen und grimmigster Kälte rücksichtslos verlangt, bis die Menschen zusammenbrachen. Frauen und Männer mußten zu 10 – 12 den Pflug oder die Egge ziehen, mit Kartoffeln überladene schwerePferdewagen oder Jauchefässer ziehen usw. Frauen, zarte und kranke, mußten sich mit den Männern ohne Schutz vor Regen und Kälte am Barackenbau betätigen und unmenschliche Lasten tragen, bis sie entkräftet und blutüberströmt von den Schlägen zusammenbrachen. Sie mußten mit den Händen Hunderte von Leichen, die längst verwest waren, ausscharren und waren dabei stundenlang dem penetranten Verwesungsgeruch ausgesetzt. Dabei kam das Unglaubhafte vor, daß sie verweste Leichenteile mit dem Munde berühren oder Kot essen mußten.

Aber auch bei den im Lager Verbliebenen wütete tagsüber Terror und Mord. Entweder wurden auf den Stuben wahllos Männer erschlagen, so z. B. der Oberstudienrat Kr. aus Neustadt, der fünf Minuten nach Betreten seiner Stube als Leiche herausgetragen wurde, weil er eine „Intelligenz-Brille“ trug, oder der Bürgermeister F. von Buchelsdorf, weil er so groß war „wie ein SS-Mann“, und viele andere mehr.

F. war mit mir von Neiße gekommen, wo wir von jeder Schuld freigesprochen worden waren. Er wurde, auf Anzeige Fuhrmanns, dem Hauptmörder Ignaz besonders empfohlen, der auch ungehemmt seine Tötung verlangte. So mußte dieser weißhaarige und bei allen beliebte frühere Bürgermeister niederknien und erst die Schläge hinnehmen. Dann nahm der Henker Jusek eine Latte und schlug in kurzen Abständen damit dem Unglücklichen auf den Schädel, aus dem das Blut spritzte. Er flehte vor Schmerzen um Erbarmen, mit zum Gebet gefalteten und erhobenen Händen. Als er mit dem Kopfe den Boden berührte, zwang man mich als Arzt festzustellen, ob er noch am Leben sei. Erregt und empört forderte ich, mit dem Martyrium aufzuhören und mir den Halbtoten ins Revier zu geben, damit ich ihm das Ende erleichtern und die Schmerzen lindern konnte. Man jagte mich unter mehreren Schüssen vom Platze. Zurückblickend sah ich noch, wie man F. weiter mit der Latte bearbeitete, bis er tot war.

Man schoß auch auf Menschen, die zum Beispiel zur Latrine gingen oder einen Auftrag auszuführen hatten, am hellichten Tage wie auf Schießbudenfiguren. Einmal stellte man einem jungen fünfzehnjährigen Wachtposten, der eben erst eingekleidet worden war und kurze Schießinstruktionen erhalten hatte, einen alten Mann, der gerade des Weges kam, als Schießübungsfigur zur Verfügung, bis dieser endlich tödlich getroffen zu Boden sank. Andere Männer kamen in den berüchtigten Bunker, in dem sie durch Fußtritte „fertiggemacht“ wurden. Hierbei spielten auch bedauerlicherweise die eigenen deutschen „Vorgesetzten“ (der Lagerführer Fuhrmann und seine Stubenkommandanten) eine üble Rolle.

Der deutsche Lager-Funktionär Herbert Pawlik, ein Günstling des polnischen Kommandanten, gefürchteter Spitzel und Intrigant, der meist betrunken war und ein ausschweifendes Leben führte, rühmte sich eines Tages vor mir: „Ich habe heute den 25. Deutschen ins Jenseits befördert!“

Manche kamen in einen unterirdischen, stockfinsteren Raum, der bis fast Mannshöhe mit fauligem Wasser gefüllt war, und mußten hierin mehrere Tage und Nächte unter entsetzlichen Qualen verbringen, bis sie endlich durch den Tod erlöst wurden. Ihr Jammern und Stöhnen drang nachts bis in die Baracken, in denen die noch Lebenden ängstlich und zitternd saßen und beteten, denn auch sie konnte das Schicksal ereilen. Es gingen nämlich nachts meist betrunkene Mordkommandos durch die Stuben, trieben die Menschen aus den Betten, schlugen sie, wobei die Männer niederknien mußten, stießen ihnen die Kolben in den Leib und quälten so viele zu Tode. Die Toten wurden von den sogenannten Beerdigungskommandos, dessen Führer der Häftling Th. aus G. war, auf Befehl schnell verscharrt, wobei durchaus der Tod nicht immer feststand. Manchmal wurden Männer unter Maschinengewehrfeuer auf Bäume gejagt und bis in die Baumspitzen getrieben. Darauf mußten andere Männer den Baum absägen, während die Posten unter Lachen und Höhnen zusahen, wie sich die Abgestürzten das Genick brachen.

War die Frauen-Latrine voll besetzt, so richtete ein Posten aus unserer Nähe Maschinenpistolenfeuer darauf. Alle Frauen wurden durch schwere Bauch- und Brustschüsse verletzt und blutüberströmt ins Revier gebracht, in dem Sanitäter Hubert W. und Schwester W. Hilfe leisten wollten. Aber sie wurden gewaltsam daran gehindert, und die Schwerverletzten kamen kurzerhand (bis auf eine, die später den Hungertod starb) ins Massengrab, um jede Spur der Bluttat zu verwischen.

Selbst vor den Schwerkranken und Sterbenden machten Raub, Mißhandlungen und Totschlag nicht halt. Hinter den mit dem Roten Kreuz bezeichneten Baracken der Kranken fanden furchtbare Greuelszenen statt, wobei die Sanitäter G., Sch. und R. u. a. Zeugen wurden. Bei allen diesen  Mord- und Bluttaten spielten die gefürchteten Polen Ignaz, Antek, der „Mörderling“ und der „Neunfingerige“, eine berüchtigte und grausame Rolle. Bei ihrem Erscheinen zitterten Männer und Frauen. und die Kinder schrieen. Bei ihrer Namensnennung überlief es jeden eiskalt. Oft wollten die beiden alle Kranken aus den Krankenbaracken herausholen und erschießen, um Platz zu machen für die Einwohner eines neuen Dorfes, das wieder von neu eingeströmten Polen besetzt werden sollte.

Lehrer, Beamte, Kaufleute und Geistliche waren besonderen Schikanen ausgesetzt, die fast immer das Leben kosteten. Man kam hierbei auf die grausamsten Methoden. Die polnische Miliz trieb zum Beispiel unter die Zehennägel der Gefolterten lange Nadeln, knebelte sie, übergoß sie unter Schlägen mit Kot und Urin (Alois St. aus Proskau) oder ließ Frauen und Männer sich entkleiden und zwang sie unter Schlägen zu sexuellen und sadistischen Handlungen, ließ sie manchmal auch menschliche Exkremente essen (Ing. Sch. aus Berlin). Entkleideten Mädchen preßten sie mit Petroleum getränkte Geldscheine zwischen die Glieder, steckten diese in Brand und brachten den Opfern furchtbare Brandwunden bei, ohne daß später Verbandsmaterial oder Behandlung zur Verfügung stand (Geschwister H. aus Lamsdorf u. a.).

Eine bekannte, weit und breit hochgeachtete geistliche Persönlichkeit, Pater D. aus Neiße, zwang man im geistlichen Habit zur Teilnahme am Exerzieren und Jauchefahren. An der vornehmen und geduldigen Haltung dieses hochgeachteten und ehrwürdigen Geistlichen prallten alle Schmähungen und Lästerungen dieser polnischen Unmenschen ab. Sein heroisches Aushalten, seine gütige Nächstenliebe und vorbildliche Kameradschaft wirkten ermutigend auf alle Lagerinsassen.

Ebenso wie man den Schwerkranken und Sterbenden den letzten geistlichen Beistand versagte, obwohl ein katholischer Geistlicher im Lager war, verweigerte man dem Geistlichen selber die Abhaltung eines Gottesdienstes, mit Ausnahme eines Feiertages, wogegen es aber an diesem Tage für das ganze Lager weder Essen noch Wasser gab, dafür aber um so härtere Schläge und Arbeit. Als im Mai 1946 in der Krankenbaracke Mai-Andachten abgehalten wurden, verbot diese sofort der Lagerkommandant. Es zeugt schon von größter menschlicher Abscheulichkeit und Verkommenheit, daß die polnischen Wachtposten selbst den Schwerkranken und Sterbenden die letzten Gebete fluchend und brüllend verboten. Es war tief erschütternd, das heldenmütige und geduldige Sterben dieser Menschen zu beobachten, insbesondere sie vor dem Tode das letzte Vaterunser beten zu hören.

Wie gleichgültig gegenüber diesen furchtbaren Zuständen und seelischen Nöten der neue polnische Geistliche aus Lamsdorf war, geht daraus hervor, daß er den Schwerkranken und Sterbenden jeden Beistand und die Sakramente verweigerte, sowie jede hilfesuchende Annäherung der Gefangenen rigoros ablehnte. Demgegenüber soll aber an dieser Stelle der vorbildliche bereite Einsatz von zwei Lehrerinnen (Fräulein M. und A.) in seelsorgerischen Angelegenheiten der Ausübung praktischer Nächstenliebe und Krankenpflege erwähnt werden.

Den sadistischen Grausamkeiten der Lagerbewachung waren Männer und Frauen gleichermaßen ausgesetzt. Es war auch keine Seltenheit, daß Frauen und Mütter Prügelstrafen erhielten, während selbst schwerkranke Frauen vergewaltigt wurden. Am 2. September 1945 kamen etwa 100 Frauen am Abend. von einem Arbeitskommando bei strömenden Regen bis auf die Haut durchnäßt ins Lager zurück. Sie mußten Nazi-Lieder singen und dabei nach dem Übungsplatz marschieren. In der Platzmitte wurde ein Schemel aufgestellt, worüber sich der Reihe nach jede Frau legen mußte und dann etwa 25 – 30 Schläge mit dicken Knüppeln auf das Gesäß erhielt. Diesen Frauen hingen nach diesen Marter-Prozeduren die Haut und Muskulatur buchstäblich in Fetzen herunter, und sie bekamen nur auf ärztlichen Protest Einlaß in die Krankenstube. Dort lagen sie ohne Verbandszeug, das der Kommandant verweigerte, auf schmutzigen Strohsäcken wimmernd vor Schmerzen, während massenhaft Fliegenschwärme in den eiternden Wunden saßen. Nach qualvoller Leidenszeit wurden sie endlich durch den Tod erlöst.

Männer mit schweren Schußverletzungen am Arm, denen der Unterarm in zwei besonderen Fällen nur noch durch einige Sehnen und Muskeln am Oberarm hing, mußten ohne Behandlung bleiben. Auch Deutsche, die bereits für den polnischen Staat optiert hatten, erfuhren als neue polnische Staatsbürger keine andere Behandlung als ihre übrigen Leidensgenossen.

Kinder erlebten ähnliche Grausamkeiten. Wegen Kleinigkeiten und oft auf Grund bewußt falscher Anzeigen eines polnischen Postens wurden Jungen von 12 bis 14 Jahren ausgepeitscht, bis sie zusammenbrachen.­

Kleine Kinder wurden von den Müttern, die irgendwohin nach Polen verschleppt wurden, grausam getrennt. Sie sahen sich nie wieder. Das Flehen und Schreien der Mütter und Kinder wurde mit Schlägen, Treten und Schüssen beantwortet. Auch Mütter, die ihre Säuglinge stillten, wurden von diesen getrennt, so daß die Kinder verhungerten, während ihre Mütter wie Vieh mit Stöcken gejagt geprügelt wurden.

Leichen wurden nackt auf Karren geladen und ins Massengrab geworfen. Erst gab man sich nicht einmal die Mühe, sondern warf die Leichen einfach in die zwischen den Baracken verlaufenden Zickzackgräben und bedeckte sie nur etwa 20 cm hoch mit Erde. Jeder Grabschmuck (Blume oder Kreuz) war verboten. Als einmal einige Frauen mit ihren Kindern an der letzten Ruhestätte ihrer erschlagenen Männer und Väter weilten und einige Blumen dorthin warfen, wurde auf sie geschossen, und man faßte sogar den grausamen Entschluß, am nächsten Tage alle Frauen dieser Baracke zu erschießen. Durch unvorhergesehenes Erscheinen einer Besichtigungskommission wurde dann diese Tat in letzter Minute verhindert.

Das Beerdigungskommando war Tag und Nacht beschäftigt unter Einsatz des eigenen Lebens. Eines Abends beim Appell waren wieder einige Männer erschlagen worden, und das aus 6 Mann bestehende Beerdigungskommando mußte seinen traurigen Dienst versehen. Nach dieser Arbeit schoß man die 6 Männer am Grabe nieder und warf sie zu den anderen Toten.

Der berüchtigte „Adjutant“ des Kommandanten, „Ignaz“, fluchte und drohte, wenn die tägliche Sterbeziffer nicht weiter anstieg, sondern etwa ausnahmsweise gesunken war. Es wurden dann einige Menschen rücksichtslos erschossen, um die Quote mindestens auf gleicher Höhe zu halten.

Während diese Greueltaten und Morde die Menschen schnell vernichteten, wurde noch eine systematische Vernichtung im großen Stil durchgeführt, und zwar durch Aushungern. Die Menschen erhielten an Verpflegung täglich etwa 3 bis 4 Kartoffeln und sonst nichts. Hin und wieder gab es wohl zusätzlich mal 1 oder 2 Schnitten Brot für diejenigen, die besonders schwere Arbeit zu verrichten hatten. Im Allgemeinen gab es pro Tag und Kopf 200 bis 250 Kalorien. Der günstigste Tag war wohl der 8. Juni 1946, an dem die Zahl der Lagerinsassen nur noch 334 betrug. An diesem Tage gab es 15 Brote, 5 kg Mehl und 50 kg Kartoffeln. Das sind 530 Kalorien pro Person. Aus diesen täglichen Kalorien läßt sich ohne weiteres errechnen, wie lange die meisten Lagerinsassen durchschnittlich zu leben hatten, bis sie massenhaft an Hungerödemen erkrankten und bald darauf starben.

Das Massensterben erreichte seinen Höhepunkt, als, unterstützt durch Unterernährung und Mangel an allem, auch nur der primitivsten hygienischen Einrichtungen, Waschgelegenheit, Bekleidung sowie auch Arzneien, die, wie bereits gesagt, grundsätzlich nicht beschafft werden durften, noch Seuchen ausbrachen in Form von Bauch- und Flecktyphus, denen die Menschen massenhaft (etwa 95°/0) zum Opfer fielen. Die Aushungerungstaktik hatte furchtbare Auswirkungen, besonders unter den Kindern, die Tag und Nacht vor Hunger weinten und wimmerten. Viele von ihnen gingen durchs Lager und bettelten von Fenster zu Fenster vergeblich, da ja niemand etwas zu spenden hatte. So gingen diese Kinder mit müden schleppenden Schritten, abgemagert zum Skelett, mit Augen tief in den Höhlen, nur noch Kleiderfetzen am Leibe, barfüßig bei Eis und Schnee, mit ausgestreckten bittenden Händen, um den Hals oft das Skapulier der verstorbenen oder erschlagenen Eltern tragend oder auch den Rosenkranz, und so wankten sie, bis sie vor einem Fenster oder auf dem Wege leise wimmernd zusammenbrachen und ihr junges, qualvolles Leben still aushauchten.

Im Lager waren 828 Kinder, wovon etwa 100 in unbestimmten Zeitabständen wieder herauskamen. Von diesen aber kamen nach späteren Feststellungen in Neiße in den Kasematten schätzungsweise 60 bis 70%  durch Krankheit, Hunger und Kälte um. Von den über 700 im Lager verbliebenen starben 218 ebenfalls an Hunger- und Infektionskrankheiten, wofür keine Medikamente zur Verfügung gestellt wurden. Von den Überlebenden kamen durch ärztliche Bemühungen nach Fühlungnahme mit Geistlichen außerhalb des Lagers 78 Waisenkinder zur Entlassung und zu Pflegeeltern, während der Rest anderweitig entlassen wurde.

Kinder über 10 Jahre mußten schwere, oft unmenschliche Arbeiten verrichten.

Mir stand eine Revierstube ohne Instrumente oder Medikamente und ohne jegliches Verbandszeug zur Verfügung. Daneben eine Krankenstube mit 8 Bettgestellen und Strohsäcken, dazu ein Gefangener als Sanitäter, der Student war, und der mir für den Anfang schätzenswerte Dienste in der Aufbauarbeit leistete (Hubert W. aus Bielitz), außerdem die frühere Caritasschwester Lucie W., ebenfalls aus Bielitz.

Es war grundsätzlich verboten, Verletzten und Verwundeten Hilfe zu gewähren. Dies war nur unbeobachtet möglich. Anfangs „organisierten“ wir unter Lebensgefahr heimlich Medikamente und Verbands­zeug, später sogar eine Spritze und ein altes Küchenmesser für Operationszwecke.

Die von der UNRA stammenden oder von Angehörigen mit Liebesgaben herbeigebrachten Medikamente wurden von den Posten sofort vernichtet.

Allmählich  gelang es, die sogenannte Krankenstation mehr und mehr dem Zutritt der Wachtposten zu bewahren. Nur hin und wieder drangen diese während der Nacht oder mitunter auch am Tage ein, wo dort ihr grausames Spiel zu treiben, die Pflegerinnen und Kranken zu mißhandeln oder zu vergewaltigen, den Sterbenden die Schuhe unter dem Bett oder das zerrissene Hemd vom Leibe zu rauben.

De meisten Kranken mußten sterben, sei es an den Folgen der Aushungerung, sei es infolge Fehlens von Medikamenten oder Hilfsmitteln für ärztliche Behandlung oder infolge der Schwere der Krankheit und der völlig fehlenden Abwehrfähigkeit und Widerstandskraft sowie den furchtbaren Folgezuständen der unvorstellbaren Verletzungen durch Mißhandlung und Folterung. Eine ärztliche und sachgemäße stationäre Behandlung in dem ca. 3 km entfernt liegenden Krankenhaus in Friedland war verboten. Das Krankenhaus in Friedland mit seinen schlesischen Ordensschwestern schickte oft heimlich Liebesgaben für die Kranken, die aber meist von den Posten unterschlagen oder von dem berüchtigten Fuhrmann gestohlen wurden. Immer wieder  bat ich den polnischen Kommandanten, besonders dringliche Fälle, die einer sofortigen chirurgischen oder gynäkologischen Hilfe bedurften, dorthin einzuweisen, ggf. auch unter Bewachung. Aber meine Bitten wurden jedesmal barsch abgelehnt. Akute Blinddarmentzündungen, eingeklemmte Brüche, Darmverschluß, Sepsis, unstillbare Blutungen nach Entbindung und verhaltene Nachgeburt, Diphtherie mit hochgradiger Atemnot usw., diese und ähnliche Fälle, bei denen das Leben durch ärztliche Hilfe bei sachgemäßer Behandlung hätte erhalten werden können, wurden für die Krankenhausaufnahme höhnisch abgeschlagen, während die Wachtposten wegen leichter Erkrankung sofort ins Krankenhaus kamen, um dort wochenlang zu bleiben.

Wie bereits erwähnt, ging die Grausamkeit so weit, daß den Sterbenden der letzte Trost und Beistand versagt wurde. Zwar versuchten die Geistlichen beider Konfessionen immer wieder, den Lagerkommandanten zu bewegen, ihnen zu den Kranken und Sterbenden Zugang zu gewähren. Erzpriester O. führte deswegen unter eigener Lebensgefahr mit den höheren polnischen Behörden, wie dem Landrat von  Falkenberg als auch dem Lagerführer Gimborski, mutige Verhandlungen, aber leider ohne Erfolg. Er wurde schließlich verlacht und mit Schüssen davongejagt. Nicht einmal der ebenfalls ins Lager verschleppte katholische Geistliche, Pater D., durfte die Kranken und Sterbenden besuchen, abgesehen von einer einzigen Ausnahme. Die polnische Geistlichkeit, an die ich mich in zahlreichen Schreiben heimlich gewandt habe, überging diese vollständig und ohne Anteilnahme für uns. Wie konnten sie auch Verständnis für solche Bedürfnisse in größter menschlicher Not haben, da sie selber leider sehr oft von der Demoralisierung infiziert waren. Die Wachtposten erzählten mir mehr als einmal, daß der neue polnische Pfarrer von Lamsdorf, dem der deutsche, bei allen beliebte und hoch angesehene Pfarrer T. zwangsmäßig hatte weichen müssen, jede Nacht dem Trunke huldige und morgens dann mit Verspätung wankenden Schrittes die Kirche betrat. Ich beobachtete selber, wie aus der vorbeiziehenden Fronleichnamsprozession der polnische Pfarrer von Falkenberg in vollem Ornat von zwei Milizianten gestützt herausgeführt wurde, weil er völlig betrunken war und das Gleichgewicht verloren hatte.

Nur mit Entrüstung konnte ich feststellen, ohne es verhindern zu können, wie den Schwerkranken in den eisigkalten Wintermonaten bei offenen Fenstern und undichter Bedachung Decken vom Körper gerissen und als Beute eingesteckt wurden. Voller Verzweiflung mußten wir zusehen, wie die Fieberkranken und Sterbenden mit Peitschen geschlagen wurden, oder wie man selbst schwerkranke Frauen und Mädchen von 14 Jahren brutal und mit sadistischen Methoden vergewaltigte, zumal ich ja die Gewißheit hatte, daß diese Bestien alle geschlechtskrank waren. Dafür wurden nach solchen unmenschlichen Schandtaten die beim Kommandanten von der UNRA abgelieferten Medikamente, wie zum Beispiel einmal etwa 5000 Sulfonamid-Tabletten unter höhnischem Gelächter der versammelten Wachmannschaften vor meinen Augen zertreten.

Die Schändungs- und Vergewaltigungsakte erfuhren ihren Höhepunkt durch folgende Anordnung des Kommandanten Gimborski in Zusammenarbeit mit Fuhrmann: Anfang Oktober 1945 sollten alle Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 40 Jahren von mir auf Geschlechtskrankheiten untersucht werden. Diese Anordnung war schon deswegen unsinnig, weil keinerlei Untersuchungsgeräte zur Verfügung standen. Unter dem geilen Grinsen und Gelächter der versammelten Posten wurden die Frauen und Mädchen vorgeführt und sollten sich nun in Anwesenheit der betrunkenen Soldateska entkleiden. Ich protestierte dagegen und verweigerte die Durchführung der Untersuchung, so daß ich wieder mit der vorgehaltenen Pistole bedroht wurde. Ein Teil der Frauen wurde brutal vergewaltigt.

Am Mittag des 4. Oktober 1945, der für sehr viele Männer und der Todestag wurde, brach in der Baracke 12 ein Brand aus, dessen Ursache nie geklärt wurde. Während in der Wachstube Orgien mit Wodka gefeiert wurden, wobei sich auch ein Brandsachverständiger mit Namen Nowack in Gestalt eines polnischen Feuerwehroffiziers befand, entstand plötzlich ein Brand. Der Lagerkommandant Gimborski  war mit seinen Milizianten an der Brandstelle, bevor die Gefangenen überhaupt ahnten, was geschehen war. Das Lager wurde alarmiert. Durch Hetze, ungerechtfertigte Vorwürfe und Anschuldigung­en, Fluchen und Treiben und Schläge wurde eine unvorstellbare Panik unter den an und für sich schon in Schrecken lebenden Männern und Frauen hervorgerufen. Alles sollte den Brand löschen, womit?

Etwa 30 Posten liefen mit vorgehaltenen Schußwaffen hinter den ratlosen nach Löschmitteln suchenden Menschen, wobei sie einen Kordon um die Brandstelle bildeten und ihre Gewehre und Maschinengewehre schußfertig machten. Da fiel auch schon der erste Schuß als Signal zum Beginn eines furchtbaren Massakers. Man schoß nunmehr ununterbrochen und unterschiedslos auf jeden, der von der Hitze zurückgetrieben und in die Nähe des Postenringes kam. Es waren durchweg wohlgezielte, in voller Ruhe und Grausamkeit abgegebene Kopfschüsse, oft aus einer Entfernung von 1 – 3 m. Andere wurden bei lebendigem Leib in die Flammen getrieben. Die Posten munterten sich gegenseitig lachend auf und wetteiferten miteinander in ihren Abschußzahlen.

Nach der Verbrennung der Baracke ging die Jagd auf Menschen im Lager weiter und damit auch das Erschießen. Überall und fernab von der Brandstelle lagen am nächsten Tage die Leichen der Erschossenen. Jeder, der einem Wachtposten begegnete, verlor sein Leben. So wurde der Sanitäter F., der die Rote-Kreuz-Binde deutlich sichtbar am linken Arm trug, auf dem Wege zu einem kranken Kinde, dem er etwas Suppe bringen wollte, von dem berüchtigten Ignaz durch Genickschuß getötet. Ähnlich erging es einer alten Frau, die gerade bei mir zwecks Aufnahme im Lazarett weilte. Diese nahm der berüchtigte Ignaz aus dem Arztzimmer und erschoß sie am Rande eines Massengrabes.

Der deutsche Stubenkommandant L., bei seinen Kameraden wegen seines rigorosen Verhaltens und bei den Polen wegen seiner Denunziationen bekannt, bat diesen Ignaz, einen Mann aus seiner Stube wegen angeblicher Geisteskrankheit zu erschießen, was auch sofort erfolgte. Es handelte sich dabei um den Deutschen M., der Vater von 6 Kindern war und durch die Brandkatastrophe einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.

Der Lehrer O. aus Moschen und ein unbekannter weißhaariger Schulrektor aus Mangersdorf wurden ohne ein Wort zu verlieren auf der Straße durch Stirnschüsse getötet.

Über die Zahlen der beim Barackenbrand verlorenen Toten gibt es genaue Feststellungen. Ich wurde mit vorgehaltener Pistole durch den Kommandanten Gimborski gezwungen, dem grausamen Massenmor­den zuzusehen und die Toten nach drei verschiedenen Richtungen hin entfernen zu lassen, um den Überlebenden unmöglich zu machen, zu einer annähernd richtigen Schätzung zu kommen. Ich habe die Toten, die in panikartiger Stimmung von Männern und Frauen verscharrt wurden, außer von den offiziell damit beauftragten Kommandos gezählt.

Es waren:

36 Männer und 11 Frauen (diese wurden erschossen);

25 Männer und 15 Frauen (diese waren in den Flammen verbrannt und wurden von mir als verkohlte Leichen festgestellt);

285 Männer und Frauen (diese wurden mit Gewalt aus der Krankenstube ins Massengrab geworfen, wobei sie entweder vorher durch Genickschuß getötet oder durch Kolbenschläge betäubt, noch lebendig ins Grab geworfen wurden);

209 Männer und Frauen (diese starben am nächsten Tage oder einige Stunden später an den Folgen der während der Katastrophe erlittenen Schuß- oder Körperverletzungen).

Daß dieser Massenmord bis heute keine Sühne fand, liegt wohl daran, weil alle nachträglich mit einer gewissen Oberflächlichkeit eingeleiteten Untersuchungen frucht- und erfolglos verlaufen mußten, zumal die noch heute lebenden Zeugen des Brandes vom 4. 10. 1945 zum Stillschweigen gezwungen wurden. Es kamen zwar mehrmals nach dem Brande Vertreter der Wojewodschaft, aber die verängstigten Lagerinsassen erhielten von dem Lagerführer Fuhrmann abends vorher genaue Anweisungen über die zu gebenden Antworten. Durch schwerste Bedrohungen eingeschüchtert, wagte niemand die Wahrheit zu sagen, aus Angst vor einem qualvollen Tod. Ähnlich verhielt es sich auch, wenn Abgeordnete einer übergeordneten polnischen oder alliierten Dienststelle kamen und die Männer fragten, ob sie mißhandelt würden, oder wie die Verpflegung sei. So kam die Wahrheit niemals an den Tag.

Niemand kann bestreiten, daß die polnischen oder alliierten Behörden von ungeheuerlichen Greueltaten und den hohen Sterbeziffern im Lager Lamsdorf wußten. Eines Tages wurde der Mordkommandant Gimborski seines Dienstes enthoben, und man versuchte die wenigen am Leben verbliebenen Deutschen damit zu trösten, daß der für schuldig befundene Kommandant zum Tode verurteilt würde oder wenigstens 10 Jahre Zuchthaus erhielte. Bald aber erfuhr man die Wahrheit, daß  der Kommandant wieder frei sei und sogar befördert wurde. Er wurde sogar vom Mord an seiner Geliebten freigesprochen, die er 1945 unter Alkoholeinfluß im Lager erschossen hatte.

Über die Toten durften keinerlei Aufzeichnungen oder Listen geführt werden. Auch nach außen hin durften keine Angaben gemacht werden, nicht einmal gegenüber den eigenen Angehörigen, wie ja überhaupt jeder Briefverkehr mit der Außenwelt verboten war, ebenso wie Unterhaltung mit Personen außerhalb des Lagers.

Ich führte dennoch als Arzt sorgfältig eine Liste über die Verstorbenen mit Krankheitsbezeichnung und überantwortete diese bei meiner Abkommandierung der Schwester Lucie W. unter Mitnahme einer Durchschrift.

Die Polen behaupteten immer wieder, in der Nähe des Lagers Lamsdorf seien angeblich 90 000 Polen von den Deutschen erschossen und in Massengräbern im früheren russischen Kriegsgefangenenlager verscharrt worden. Eines Tages erschien eine Kommission unter Führung eines hohen russischen Offiziers und namentlich bekannter alliierter Offiziere, um die Angelegenheit der Massengräber zu untersuchen. Die Lagerinsassen erhielten den Befehl, sofort geschlossen zum Massenfriedhof zu marschieren und mit der Ausgrabung der Toten zu beginnen.

Soweit diese Arbeiten unter Aufsicht russischer Truppen ausgeführt wurden, verliefen sie normal und unter einigermaßen menschlichen Bedingungen. Daß die Menschen im Lager kein Essen erhielten, wußten die Russen nicht, soweit sie es in Einzelfällen erfuhren, teilten sie ihr Brot mit den Unsrigen!

Aber an den abseits gelegenen Gräbern vollzogen sich Greuelszenen. Unsere Männer und Frauen mußten unter furchtbaren Schlägen der polnischen Posten mit den bloßen Händen die verwesten Leichen ausscharren von morgens bis abends. Dabei kam es zu unvorstellbaren Bestialitäten. Frauen mußten auf Befehl der polnischen Miliz die Leichen küssen und wurden mit diesen in schamlose Berührung gebracht. Der Verwesungsgeruch der Leichen drang in die nassen Kleider und abends in das Lager und in die Stuben. Der furchtbare Geruch ging wochenlang nicht mehr heraus.

Nach einigen Tagen wurde ich unter Bewachung vorgeführt und gezwungen, an der ärztlichen Untersuchung der Leichen teilzunehmen. Bei keiner dieser Leichen wurden Anzeichen einer gewaltsamen Todesursache festgestellt. Bei den Verstorbenen handelte es sich um Russen. Es befanden sich auch einige Deutsche darunter, wie man an den Erkennungsmarken feststellen konnte. Der russische Offizier erklärte ruhig und sachlich in wenigen Worten unseren Leuten, die Untersuchung habe für die Deutschen nichts Belastendes ergeben! Ich konnte die Zahl der Toten nicht feststellen, es mögen annähernd 500 gewesen sein. (Es waren die Opfer einer Tuberkulose- und Flecktyphus-Epidemie).

Nunmehr, als die Reihen bereits stark gelichtet waren, stand im Vordergrund des Lagerterrors das Schänden der Frauen und Mädchen durch betrunkene Posten, die nach ärztlicher Feststellung alle geschlechtskrank waren. Es wurden zwar von dem neuen Kommandanten im März 1946 Vernehmungen durchgeführt und Protokolle aufgesetzt zur Weiterleitung an die polnischen Regierungsstellen, die aber leider ohne Erfolg blieben. Die Mörder und Schänder bewegten sich weiterhin frei umher.

Die Hauptschuldigen aus dem Lager Lamsdorf sind der ehemalige Kommandant Ceslaw Gimborski, sein erster Gehilfe Ignaz, seine Komplizen Antek, der „Neunfingerige“, der „Mörderling“, Jan Fuhrmann und die übrigen mit Namen nicht bekannten, sowie der Feuerwehrmann Nowack. Ignaz rühmte sich mir gegenüber allein 24 Deutsche durch Kopfschuß getötet zu haben. Nach Absetzung des Mörders Gimborski hörte der Massenmord in der bisherigen Form zwar auf, während die Vernichtung durch Aushungerung und Seuchen weiterging. Ein gewisser Pawlik schlug und mißhandelte Frauen und Jungen von 14 Jahren oder lieferte diese den Mördern durch Denunziation zur Ermordung aus. Ein Vierzehnjähriger kam einmal ins Revier, der über 60 Schläge mit einem Spatenstiel von dieser Bestie erhalten hatte und schwere Blutergüsse mit eitrigen Prozessen davontrug.

Etwa im Dezember erschien eine Vernehmungskommission aus Falkenberg unter Leitung des von dorther bekannten und wegen seiner Brutalität gefürchteten polnischen Leutnants Kuczmerczyk, wieder in Begleitung des berüchtigten Gimborski. Die Lagerinsassen sollten wieder vernommen werden über angebliche Verstecke von Wertsachen „ausgewanderter“ Deutscher. L. hatte bereits zwei Monate vorher seine ehemaligen Landsleute bei den Polen angezeigt und diesen große Werte in die Finger gespielt. Diese Vernehmungen verliefen wie üblich unter den gräßlichsten Mißhandlungen. Das Geschrei der Gequälten drang jede Nacht durch das Lager, währenddessen wurden Festgelage mit Wodka veranstaltet, Frauen vergewaltigt, Kranke ihrer Bekleidung beraubt und nächtliche Razzien mit Folterungen veranstaltet, während Sterbende in Gruben geworfen wurden.

Eine UNRA-Kommission hatte schließlich erfahren, daß im Lager ein Arzt festgehalten wurde. Offenbar sind wohl einige Vorkommnisse in die weitere Öffentlichkeit gedrungen. Ab Juni 1946 wurden in Lamsdorf plötzlich Entlassungen durchgeführt. Ein Teil der Überlebenden  sollte schnell nach Westdeutschland transportiert werden. Auch ich wurde auf höheren Befehl entlassen, sofort als Chef eines polnischen Krankenhauses eingesetzt und mit der Leitung der Inneren Abteilung beauftragt. Aber mancher von denjenigen Deutschen, die im Juni angeblich in die Heimat entlassen wurden, holte man aus dem zur Abfahrt bereitstehenden Transportzug heraus, darunter Frauen und Kinder. Sie kamen erneut in Arbeitslager und dort weiterhin Frondienste leisten. Viele von diesen konnte ich durch ärztliche und materielle Hilfe unterstützen. Polnische Ärzte hingegen lehnten durchweg eine Behandlung ab, da die Deutschen keine Mittel zur Zahlung hatten. Eine rühmliche Ausnahme bildete der polnische Arzt Dr. Olcha in Falkenberg. Die Deutschen waren weiter Freiwild und durften noch lange Zeit nicht zu den Ihren.

Die chaotischen Zustände nach dem Zusammenbruch hatten sich in den zwei Jahren meiner Inhaftierung nirgends geändert oder gebessert.

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Quelle: http://www.deutscherosten.de/Lamsdorf.htm

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