Der heutige Tag, den wir „Muttertag“ nennen, ist der Frau gewidmet, die im höchsten Sinne Gestalterin des Volkstums ist. Staatspolitisch gesehen hat sie große Aufgaben als Trägerin der Familie zu erfüllen. Denn die Familie ist die kleinste Zelle eines Volkes und bildet somit die Grundlage jeden Staates. In dieser Eigenschaft ist sie mitverantwortlich für die heranwachsende Generation und es hängt grundlegend von ihr ab, ob die Zukunft des Landes in den Händen von brauchbaren und wertvollen Staatsbürgern liegen wird. Somit wird sie in all ihrer Weiblichkeit entscheidend mitbestimmen über Gedeih und Verderb ihres Volkes.

Von diesem Standpunkt gesehen, sollte jeder Mensch, ob Mann oder Frau, ob verheiratet oder unverheiratet, ob elternlos oder noch unter deren Obhut, am heutigen Tage der Frau und Mutter gedenken und sich ihrer großen Aufgabe und schweren Pflichten erinnern.

Mutter – heiliges Wort

Mutter – in diesem Wort ist alles vereint, was dem Menschen Kindheit, Jugend und Heimat bedeutet und in diesem Wort liegen alle Leiden und alle Seligkeiten, die das irdische Leben zu vergeben hat. Tiefsten Schmerz und höchstes Glück kann beides nur eine Mutter erleben.

Von der Natur schon als Dulderin gestempelt, beginnt ihr Leidensweg und die Aufgabe ihrer selbst von dem Augenblick an, da sie ihr Kind empfängt. Körperlich und seelisch opfert sie alles dem Werdenden und diese Opferbereitschaft steigert sich zum Höhepunkt, wenn sie dem Kinde das Leben schenkt.

Jetzt hat banges Hoffen und stilles Erwarten realen Sorgen und ernsten Pflichten Platz gemacht. Die täglichen Mühen um das Gedeihen des Kindes, das stündliche Bangen um seine Gesundheit, rastlose Arbeit und durchwachte Nächte, für all das nimmt sie als reichsten Lohn sein erstes Lächeln, seine rührende Unbeholfenheit und Hilflosigkeit entgegen, und findet ihr selbstloses Glück nur im Wohlergehen des Kindes. Unter ihrer Obhut wächst es langsam heran zum verstehenden und empfindenden Menschen.

Nun tritt die Mutter als Erzieherin in den Vordergrund. Was dem Kinde an seelischen Werten und Unwerten blutmäßig von Vater und Mutter mitgegeben wurde, alle vererbten Eigenschaften, Tugenden und Untugenden schlummern in ihm, und sie übernimmt die heilige Aufgabe zu erwecken, zu fördern, zu mildern, kurz, den inneren Menschen zu gestalten.

Wieviel unendliche Arbeit, wieviel Sorgen und Mühe, wieviel verstehende Liebe und erzwungene Härte muß solch Mutterherz aufbringen, bis aus dem kleinen, vegetierenden Wesen ein verständiges Kind geworden ist.

Gehorsam, Wahrheitsliebe, Pflichttreue, geordneter Fleiß, äußere Formen und Sauberkeit, das alles sind Dinge, die die Natur uns nicht fertig mitgibt, sondern dazu müssen wir – mehr oder weniger schwer – erzogen werden.

Horchen wir in diese Zeit unserer ersten Erinnerungen, so wird uns die mahnende und gütige Stimme der Mutter bei tausend Anlässen, bei tausend großen und kleinen Gelegenheiten erklingen, und was wir heute selbstverständlich in uns tragen, ist von ihr mühselig eingepflanzt worden.

Bis hierhin hat sie allein uns behütet, umsorgt und umhegt, nun naht der Tag, an dem sie diese Pflichten teilen muß: der erste Schultag! Voll heißer Ungeduld und stolzer Freude vom Kind ersehnt, von der Mutter aber mit banger Sorge und schwerem Herzen erwartet. Ihr ureigenster, bis dahin unumstrittener Besitz, ihr ein und alles, muß sie fremden Menschen übergeben.

Und nicht allein die Schule, auch der Vater fordert jetzt sein Recht als Erzieher. Der Mann erzieht mit Strenge, die Mutter mit Liebe. Je größer seine Strenge, um so größer ihrer Liebe und mit dieser Liebe verfolgt sie all sein Tun, wirkt ausgleichend und mildernd. Unendlicher Stolz und tiefste Sorge wechseln einander ab und lassen ihr Herz erzittern.

Doch die schwerste Zeit steht ihr noch bevor: die Sturm- und Drangjahre des Kindes. Ihm kaum bewußt, durchkämpft sie mit ihm alle Nöte seiner Zeit. Sein Drängen zur seelischen Selbstständigkeit erlebt sie mit, und die ewig alte und ewig neue Überheblichkeit der jungen Generation gegenüber den Eltern fordert von ihr unendliche Geduld. Die Jugend, stürmischer und heller begeistert, fühlt sich von der Mutter unverstanden und ihre jungen Anschauungen und Ziele sind ihnen allein richtig und maßgebend. Ausgesprochen oder unausgesprochen beginnt hier das Ringen zweier Generationen, in dem der eine Teil im Verstehen und Verzeihen Unendliches erduldet, der andere  in lebensbejahenden Egoismus rücksichtslos vorwärts stürmt. Schlimmer als in allen Sorgen um Gesundheit und Gedeihen des Kindes, leidet jetzt das Mutterherz und das Sprichwort „Kleine Kinder treten der Mutter in den Schoß, große Kinder treten ihr ins Herz!“ findet hier seine bittere Wahrheit.

Allverstehend und allverzeihend, ewig bereit zu vergessen und zu helfen, so steht die Mutter in den Jahren unsrer seelischen Entwicklung uns zur Seite und keine Sünde, keine Verfehlung – wäre sie auch noch so groß – wird ihre Liebe jemals beeinträchtigen. Der Zeitpunkt kommt, da die erwachsenen Kinder ins Leben treten. Bei aller äußerlichen Entlastung, die die Mutter dadurch erfährt, läßt die wache Sorge um das Kind sie nicht zur Ruhe kommen. Ein Kind in der Fremde, und das andere schon selbst verheiratet und das Schicksal jedes einzelnen erlebt sie mit derselben Stärke mit, als sei es ihr eigenes.

Die ungetrübte reine Freude, das schattenlose Glück der Mutter, erfährt sie erst in ihren Enkelkindern. In diesem Besitz allein ist sie rastlos glücklich und hier gibt ihr die Natur erst den Lohn für ein ganzes, opfervolles Leben. Hier darf sie hemmungslos verwöhnen, hier darf sie sich, ohne durch schwere Pflichten belastet zu sein, von ganzer Seele freuen, und hier sollten die verheirateten Kinder ihr dieses wohlverdiente Glück uneingeschränkt gönnen. Nie kann der Fehler der Verwöhnung so groß sein, wie die Dankesschuld, die sie ihrer Mutter abzutragen haben, und was Großmutter hier vielleicht in der Erziehung der Enkelkinder erschwert, wird tausendfach durch das Glück, das wir ihr damit geben, ausgeglichen. Lassen wir unseren Müttern dieses Vorrecht und schmälern wir es nicht durch ängstliche Erziehungssorgen!

Dies alles wollen wir ihr danken!

Sicherlich können wir nie die Sorge und Liebe einer Mutter vergelten, aber durch kleine Zeichen unsrer Verehrung und Liebe können wir das Mutterherz erfreuen und sie wird in ihrer immerwährenden Selbstlosigkeit sie groß empfinden. An ihrem Ehrentage wollen wir sie glücklich machen. Einmal im Jahr soll sie stärker als sonst sich sicher geborgen fühlen in unserer Führsorge und einmal im Jahr soll sie ganz dem Glück leben, von ihren Kindern geliebt und verehrt zu werden. Darum müssen wir den Muttertag vor allen Dingen mit unsren Herzen erfassen.

Nicht nur äußerliche Gaben wollen wir ihnen geben, sondern an diesem Tag wollen wir zurückfinden in das Land der Kindheit, als die Mutter uns noch alles bedeutete.

Die heiligsten Güter des deutschen Volkes zerfallen immer mehr. Moral, Ehre, Vaterlandsliebe müssen mehr und mehr  weichen, vor der zersetzenden und zerstörenden Macht einer niedrigen, pietätlosen Gesinnung. So wird heutzutage auch der Wert der Mutter degradiert und Irrsinn einer frivolen Zeit zerren sie von ihrer hohen Stellung als Trägerin und Hüterin der Familie herunter und machen sie zur Partnerin des Mannes, deren Ziel es wurde, sich auf den Gebieten der Politik, der Arbeit und der Moral ihm gleichzustellen oder gar ihn zu übertreffen.

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Quelle: Freies Pommern » Zum Muttertag: Die deutsche Mutter