Eine etwas historische Perspektive

von Andrew Joyce,
übersetzt von Deep Roots. Das Original Nationalists, Jews and the Ukrainian Crisis: Some Historical Perspective erschien am 8. März 2014 im Occidental Observer.

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In den letzten Tagen hat es mehrere Kommentare gegeben, die die angeblich faschistischen oder antisemitischen Neigungen ukrainischer Nationalisten andiskutieren, die an der Revolution beteiligt sind. Zuletzt hat Wladimir Putin erklärt, daß die Revolutionäre eine Bande von „Faschisten“ und „reaktionären antisemitischen Kräften“ sind, die „Randale gemacht“ haben. Die Kommentatoren bleiben gespalten bezüglich der Frage, ob Putin wirklich glaubt, daß die Ukraine an der Schwelle zu einer faschistischen Übernahme steht, oder ob das einfach ein Vorwand für russisches militärisches Eingreifen auf der Krim ist. Dennoch hat Abraham Foxman, der immer noch im ADL-Hauptquartier weilt und immer noch bei jedem Anzeichen von Nationalismus unter Weißen einen Anfall bekommt, sich kürzlich trotz der unklaren Natur der nationalistischen Koalition auf den Seiten der Huffington Post geäußert, um zu behaupten, daß „die ukrainische jüdische Gemeinschaft nervös ist“, und die neue Regierung dazu gedrängt, die ukrainischen Juden zu „beruhigen“.

Foxman und viele Nachrichtenunternehmen haben die Svoboda-Partei und andere Gruppen und Individuen innerhalb der lockeren Allianz von Nationalisten als besonders besorgniserregend ausgemacht. Nachdem viele dieser Individuen und Gruppen (wie auch ihre Einstellungen zu den Juden, zum Multikulturalismus und zum Westen) westlichen Lesern wahrscheinlich unbekannt sind, hoffe ich mit diesem Artikel einen historischen Überblick und etwas Analyse der Trends im ukrainischen Nationalismus zu geben. Ich hoffe, daß dies bei der Entwicklung eines klareren Verständnisses der Ereignisse in der Ukraine aus der Perspektive westlicher weißer Nationalisten helfen könnte.

Der ukrainische Nationalismus mußte immer um seine freie Äußerung kämpfen. Ukrainisches Land ist seit mindestens dem siebzehnten Jahrhundert das Ziel von Einfällen von Polen, Türken, Kosaken und Russen gewesen, und im achtzehnten Jahrhundert wurden diese Länder zwischen dem Russischen Reich und Österreich aufgeteilt. Sogar heute noch haben die Wissenschaftler Andres Umland und Anton Shekhovtsov angemerkt: „Die heutige Westukraine gehört eher in den mitteleuropäischen statt in den osteuropäischen Kontext und ähnelt in mancher Weise mehr den baltischen Republiken als anderen ehemaligen Sowjetrepubliken.“[1]

In den mittleren 1700er Jahren erlebte die ukrainische Gesellschaft, die immer noch überwiegend ländlich war, mehrere schwere Ausbrüche interethnischer Gewalt, wobei die meisten Handlungen auf Juden und Polen abzielten, die als ausbeuterische fremde Eliten gesehen wurden. Der ukrainische Nationalismus begann erst nach der Modernisierung und Industrialisierung in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts seine Stimme zu finden, beginnend mit den Schriften von Intellektuellen wie dem Dichter Taras Schwetschenko (1814 – 1861) und dem Politiktheoretiker Mykhailo Drahomanov (1841 – 1895). Schon in diesem frühen Stadium lag das Zentrum der nationalistischen Bewegung in der Westukraine, im österreichischen Galizien.

Wegen der Teilung der Ukraine traten Ukrainer auf beiden Seiten in den Ersten Weltkrieg ein. Diejenigen im österreichischen Galizien kämpften unter dem Banner der Mittelmächte für das österreichisch-ungarische Kaiserreich, während jene unter russischer Kontrolle für die kaiserlich-russische Armee unter der Tripel-Entente kämpften. Als der Krieg endete, brachen mehrere Reiche zusammen, darunter sowohl das russische als auch das österreichische Kaiserreich. Inmitten des Chaos der bolschewistischen Revolution von 1917 entstand eine ukrainische Nationalbewegung für Selbstbestimmung. Als Schauplatz fast unaufhörlicher gewalttätiger Konflikte zwischen 1917 und 1920 wurden mehrere eigene ukrainische Staaten aus verschiedenen Teilen der ukrainischen Länder gebildet, mit gleichermaßen variablem Maß an Loyalität zum Bolschewismus, was erst 1921 mit der Absorption des Großteils der Ukraine durch die Sowjetunion endete, und des Rests durch Polen und Rumänien.

Ganz von Anfang des bolschewistischen Einfalls in die Ukraine war eine ethnische Dimension des Kampfes um die Kontrolle ukrainischen Landes offensichtlich. Im Journal für Nationalismus und Volkstum weist Marco Carynnik darauf hin, daß die Ukraine um 1920 „die vielleicht größte jüdische Population der Welt“ hatte.[2] Der Einfluß von Juden in ukrainischen Ländern, der bis dahin auf die Monopolisierung zahlreicher Gewerbe beschränkt war, erhielt eine enorme Verstärkung durch die Invasion der Roten Armee, die in vielen Fällen von russisch-jüdischen Kommissaren geleitet wurde. Der Wissenschaftler Sergej Pavliuchenkov hat behauptet: “Jede ernsthafte Analyse der Geschichte des Kommunismus und insbesondere der Russischen Revolution erhebt unvermeidlich die sogenannte Judenfrage“.[3] Pavliuchenkov weist darauf hin, daß einer der frühesten Faktoren in der Entwicklung einer ausdrücklich ethnischen Dimension des ukrainischen Nationalismus der Antibolschewismus und „die Teilnahme von Vertretern der jüdischen Bevölkerung an der Errichtung der Sowjetmacht Anfang 1919 und ihre Widersprüche zu der überwiegenden Mehrheit der eingeborenen Bewohner der Region“ war.[4]

Tatsächlich wurde der Kommunismus in der Ukraine völlig von Juden dominiert. Pavliuchenkov erklärt, daß ab Anfang 1919 „die [in der Westukraine] geschaffenen Sowjet- und Parteiorgane zur Gänze mit jüdischem Personal besetzt waren.“[5] eacd4-internationaljewEin Bericht, der nach einem Besuch in der Ukraine Anfang 1919 von einem Beamten des Nahrungsmittelamtes des Moskauer Sowjet geschrieben wurde, erzählt: „Nachdem jeder das sichere Gefühl hat, daß alle Macht in den Händen von Juden liegt, wird der Antisemitismus in der Bevölkerung noch stärker. In der gesamten Bevölkerung hört man nur, daß sie ‚sich nicht der Macht der Jiden beugen werden’.“[6]

Laut dem Autor des Berichts agierten ukrainische und russische Juden, die zusammenarbeiteten, rücksichtslos als „Nahrungsmittelspekulanten“ und hatten sichergestellt, daß „buchstäblich aller überlebender privater Handel in ihren Händen liegt.“ Der Bericht schließt mit der Bemerkung, daß Juden „beträchtlichen Schutz seitens der Behörden genießen, und dies ermöglicht es ihnen, eine beherrschende Rolle in der Nahrungsmittelversorgung zu spielen — bei Kauf und Verteilung von Gütern, bei der Erhöhung von Preisen und allgemein in der Nahrungsfrage. Und nachdem die Nahrungsfrage in der Ukraine täglich akuter wird und die Preise überhöht werden, ist es verständlich, daß aller Hass wegen der Krise auf jene unglückseligen Juden fällt.“[7]

Eine Welle der Gewalt gegen Juden brach im Mai 1919 in der gesamten Ukraine aus. Ähnlich mancher meiner Bemerkungen über die „Pogrome“ im neunzehnten Jahrhundert merkte Pavliuchenkov an, daß Historiker dazu geneigt haben, sich auf die Gewalt selbst zu konzentrieren, statt zu versuchen, sie in einen Zusammenhang zu stellen oder tieferer Analyse zu unterziehen – was unvermeidlicherweise eine jüdische Rolle ans Licht bringen würde. Pavliuchenkov erklärt: „In der Regel… hält die Literatur über sie einfach die Tatsache dieser Pogrome fest, ohne sich mit den Gründen zu befassen, warum sie stattfanden.“[8]

Unbeirrt und nicht von historischen Mainstream-Darstellungen abgelenkt, daß die judenfeindliche Gewalt von irgendeiner Art irrationaler kultureller „Seuche“ provoziert worden sei, konsultierte Pavliuchenko sowjetische Zensurarchive und analysierte Hunderte zeitgenössischer Briefe von gewöhnlichen Ukrainern, die ihre Unzufriedenheit mit der sowjetischen Herrschaft ausdrückten. Die Ergebnisse waren in ihrer Konsistenz überwältigend, wobei ein Brief erklärte: „Die Sowjetmacht wird dafür kritisiert, daß ihre Vertreter in den meisten Fällen Juden sind“, und ein weiterer sich darüber beschwert, daß „jeder außer den Juden in Armut geraten ist; sie sind besser gekleidet als wir, sie essen hundertmal besser als wir.“[9]

Als die Unruhen und Aufstände gegen den jüdischen Bolschewismus an Tempo und Intensität gewannen, flohen Tausende jüdische Kommissare mit allen verfügbaren Mitteln nach Moskau. Moskau reagierte auf die Krise, indem es Vorschläge entwarf, die das sowjetische Ansehen in der Ukraine durch Entschärfung des ethnischen Elements im Antibolschewismus im Land verbessern sollten. Dies sollte durch die Entfernung von Juden aus einflußreichen Kommissarpositionen in der Ukraine und ihren Ersatz durch Russen geschehen, und auch durch Einziehung jüdischer Kommunisten als einfache Soldaten in die Rote Armee, „weil es bis jetzt keine jüdisch-kommunistischen gewöhnlichen Soldaten in der Roten Armee gegeben hat.“[10]

Diese Vorschläge wurden als wichtig betrachtet, weil die russischen Sowjets Ende 1919 einen zweiten Invasionsversuch vorbereiteten, nachdem sie im Frühling dieses Jahres von ukrainischen Nationalisten unter Symon Petliura zurückgeschlagen worden waren. Bezeichnend für das Ausmaß der jüdischen Macht im Moskauer Sowjet wurden diese Entscheidungen zur Verringerung der jüdischen Präsenz „nicht voll umgesetzt“, und Pavliuchenko konnte entdecken, daß in der Liste führender Kommissare und sowjetischer Amtsträger, die zur Begleitung der zweiten Invasion (Dezember 1919 – Januar 1920) erstellt worden war, „30 von 47 Leuten eindeutig von jüdischer Nationalität waren.“[11]

Das Problem blieb endemisch genug, daß Lenin während der kommunistischen Parteikonferenz in Warschau im September 1920 persönlich eine Note überreicht wurde, indem man sich darüber beschwerte, daß „die Ausfüllung von Partei- und Sowjetorganisationen mit Arbeitern jüdischer Herkunft“ in der Ukraine „extreme Unzufriedenheit“ in der ukrainischen Landbevölkerung verursachte.[12] Um 1921 war der ukrainische Kommunismus selbst entlang ethnischer Linien zerbrochen, da ukrainische Kommunisten sich gegen die Erkenntnis sträubten, daß der Bolschewismus im Land von Juden dominiert wurde. Das Ergebnis, argumentiert Pavliuchenko, war „ein scharfer Kampf auf allen Ebenen des Partei- und Staatsapparates“, als die Ukrainer darum kämpften, sich die Kontrolle von den jüdischen Kommissaren zurückzuholen.[13]

Während Juden und kommunistische Ukrainer um die Kontrolle rangen, waren die ukrainischen Nationalisten außerhalb der bolschewistischen Hallen der Macht in ein halbes Dutzend Gruppierungen zersplittert und relativ unwirksam. Um die Mitte der 1920er begannen sie sich locker miteinander zu verbinden und konnten nach der Ermordung von Symon Petliura (der die Zurückschlagung der ersten sowjetischen Invasion angeführt hatte) 1926 in Paris stärkere Bindungen bilden.

Petliura war von Sholom Schwartzbard ermordet worden, einem russischen Juden und Gewohnheitsverbrecher, nach dem nun in Israel mehrere Straßen benannt sind, und der behauptete, daß Petliura „Pogrome“ in der Ukraine angeführt hätte, bei denen mehrere seiner Familienmitglieder getötet worden waren. Zwei im Entstehen begriffene ukrainisch-nationalistische Journale, Surma und Rozbudova natsii, halfen bei der Einigung der Sache, indem sie Petliura verteidigten und die Tatsache verurteilten, daß „ganz Israel“ zur Verteidigung Schwartzbards aufgesprungen war. Ein Bericht in Surma erklärte, daß bei Schwartzbards Prozeß „nicht nur das gemeinsame jüdische Blut an die Oberfläche kam, das jedem Juden sagt, seine Glaubensgenossen zu verteidigen… sondern auch die jüdische Ethik, die Juden befiehlt, alle Mittel zur Erreichung ihrer Ziele einzusetzen.“[14]

Ein weiterer Artikel in Surma wies darauf hin, daß „jüdisches Verhalten gegenüber der ukrainischen Bevölkerung deren Hass auf die Juden hervorgerufen“ hatte, und fügte hinzu: „Statt theatralische Posen einzunehmen und Tränen zu vergießen, hätten die Juden und die Verteidiger und Unterstützer von Schwartzbard sich selbst an die Brust klopfen und einen Teil der Verantwortung für die Pogrome übernehmen sollen.“[15]

Solche Appelle an die Vernunft blieben natürlich unbeachtet und ein reueloser Schwartzbard wurde freigesprochen und bleibt bis zum heutigen Tag das Objekt jüdischer Heldenverehrung.

Der Fall erwies sich als aufrüttelnde Kraft für den ukrainischen Nationalismus. In den späten 1920ern war klar, daß sie es mit erdrückenden Widrigkeiten zu tun hatten und ihre Kräfte würden vereinigen müssen. Im Januar 1929 vereinigten sich die Gruppen unter Oberst Ievhen Konovalets als Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und konzentrierten ihre Aktivitäten in der Westukraine. Die OUN, die Terror- und Gewaltakte beging wie auch nationalistische Ideologie verbreitete, bezeichnete sich als „integrale nationalistische Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die polnischen Landbesitzer und Beamten aus Ostgalizien und Wolhynien zu vertreiben, Ukrainern in anderen Ländern die Hände zu reichen und einen unabhängigen Staat zu errichten.“[16]

In Vorbereitung des ersten OUN-Kongresses schrieb Konovalets, daß die neue nationalistische Regierung „den kulturellen Prozeß mit der spirituellen Natur des ukrainischen Volkes und seinen historischen Traditionen abstimmen und die bösen Folgen der Versklavung durch Fremde im Bereich der Kultur und der Volksseele beseitigen würde. … Zusätzlich zu einer Anzahl äußerer Feinde hat die Ukraine auch einen inneren Feind… das Judentum und seine negativen Folgen für die Sache unserer Befreiung kann nur durch eine organisierte kollektive Anstrengung liquidiert werden.“[17] Kurz nach der ersten OUN-Konferenz schrieb ein führender Ideologe der OUN, daß der Schaden, der der Ukraine durch Juden zugefügt wurde, so umfangreich sei, daß „es nicht nötig war, all die Verletzungen aufzuzählen, die Juden den Ukrainern zufügten.“[18]

Die Seiten von Rozbudova natsii beherbergten viele Kommentare zur Rolle von Juden in der sowjetischen Ukraine. Ein nationalistischer Journalist, Makar Kushnir, schrieb: „Die Diktatur der Proletariats in der sowjetischen Ukraine legt die Macht in die Hände einer russischen und jüdischen Minderheit und hindert die ukrainische Mehrheit daran, ihre wirtschaftlichen und kulturellen Interessen zu verteidigen.“[19] Beim OUN-Kongreß hatte Kushnir behauptet: „Russen und Juden hatten die Wirtschaft übernommen, und die Massen betrachteten die Regierung als fremd.“[20]

Volodymyr Martynets, OUN-Mitglied und Redakteur sowohl von Surma als auch Rozbudova natsii in den späten 1920ern und frühen 1930ern, veröffentlichte 1938 einen Sonderartikel über „Das jüdische Problem in der Ukraine“, der später von der OUN als Separatdruck in Umlauf gebracht wurde. Darin schrieb Martynets: „Unsere Juden sind aus politischer Sicht ein feindliches Element, aus sozioökonomischer Sicht parasitisch, aus kultureller und nationaler Sicht schädlich, aus moralischer und ideologischer Sicht verderblich … und aus rassischer Sicht ungeeignet für Vermischung und Assimilierung.“[21]

Obwohl niemals ein Mitglied der OUN, wurde Dmytro Dontsov von vielen ukrainischen Nationalisten als „ihr spiritueller Vater“ betrachtet. Anfänglich ein Sozialist, gelangte Dontsov zu dem Glauben, daß Demokratie, Humanismus und Sozialismus alle kompromittiert worden waren und daß die einzige Antwort „eine scharfe Wendung nach rechts war.“[22] Nach Schwartzbards Ermordung von Petliura schrieb Dontsov: „Wir müssen und wir werden gegen das Streben des Judentums kämpfen, die unangemessene Rolle der Herren in der Ukraine zu spielen.“[23]

Aus einer Anzahl von Gründen erwies sich 1939 als bedeutsames Jahr in der Geschichte des ukrainischen Nationalismus. In diesem Jahr hielt die OUN ihren Zweiten Großen Kongreß in Rom ab und wählte Andrii Mel’nyk, dem der Titel „Vozhd“ oder „Führer“ verliehen wurde, als Ersatz für Konovalets. In demselben Jahr jedoch wurde ein junger ukrainischer Nationalist namens Stepan Bandera (der in der aktuellen Berichterstattung das Thema vieler Diskussionen ist) nach der deutschen Besetzung Westpolens aus einem polnischen Gefängnis freigelassen. Bandera weigerte sich, Mel’nyk als Führer anzuerkennen und bildete seine eigene nationalistische Organisation unter demselben Namen, die aber allgemein OUN (B) oder OUN-Bandera genannt wurde. Die beiden Fraktionen bekämpften einander in weiterer Folge bitter und gewalttätig, bis Bandera im August 1940 an Mel’nyk schrieb und ihm einen Waffenstillstand und die Akzeptanz seiner Rolle als Führer unter einer Bedingung anbot – daß er etwas dagegen unternehme, daß eine Anzahl von Führern der OUN jüdische Ehefrauen hatten, wenn sie nicht selber im Verdacht jüdischer Herkunft standen. [24]

Banderas Ansatz war erfolglos. Im April 1941 hielt die OUN (B) in Krakau einen Kongreß ab, bei dem eine Resolution beschlossen wurde, in der es hieß: „Die Juden in der UdSSR stellen die engagierteste Unterstützung des herrschenden bolschewistischen Regimes und die Vorkämpfer des russischen Imperialismus in der Ukraine. … Die Organisation Ukrainischer Nationalisten bekämpft Juden als Unterstützer des russisch-bolschewistischen Regimes.“[25]

Hingerissen von der Aussicht auf deutsche Unterstützung nach Deutschlands Überraschungsangriff auf die Sowjetunion, erließen die Führer der OUN (B) am 30. Juni 1941 Proklamationen eines neuen unabhängigen ukrainischen Staates. Unbeeindruckt angesichts ihres Wunsches, den Ukrainern den Status von Knechten zuzuweisen, begannen deutsche Behörden OUN-Führer zu verhaften und allgemeiner gegen die OUN vorzugehen.

Gejagt und im Falle der Gefangennahme sowohl durch Sowjets als auch Deutsche hingerichtet, wurde der Dritte Kongreß der OUN-Bandera im August 1943 in einem isolierten Landstrich aus Feldern im nördlichen Bereich der Region Ternopil abgehalten. Das Treffen drehte sich um die Niederlage deutscher Kräfte bei Stalingrad. In einem Anfall verzerrter Logik kamen die 25 anwesenden Mitglieder zu dem Schluß, daß Britannien und Amerika bald der Sowjetunion den Krieg erklären würden, mit oder ohne Deutschland an ihrer Seite. Im etwas bizarren Glauben, daß Juden in Washington und London von entscheidender Bedeutung bei der Herbeiführung der Allianz gegen die Sowjetunion sein würden, beschlossen diese Führer der OUN-Bandera, ihre zukünftigen Genossen zu beschwichtigen, indem sie ihre Politik bezüglich nationaler Minderheiten änderten und die „Gleichheit aller Bürger“ betonten.“[26]

Zwei Monate später begannen Führer der OUN-Bandera Listen und Berichte zu erstellen, die Ukrainer von der Teilnahme an jeglichen Aktionen gegen Juden und Kommissare freisprachen. 1944, als die Rote Armee die feste Kontrolle über die Westukraine hatte, gaben regionale Führer der OUN-Bandera Befehle aus, daß „keine Aktionen gegen Juden durchgeführt werden sollen.“[27] Trotz ihrer neuen „judenfreundlichen“ Politik wurde die OUN-Bandera von den Sowjetbehörden nachdrücklich verboten. Die Mehrheit jener in der OUN oder ihrer späteren Inkarnation, der Ukrainischen Aufständischenarmee, war gezwungen, im Ausland zu leben. In der sowjetischen Ukraine selbst wurden alle Versuche zur Wiederbelebung rechten Denkens selbst im kleinsten Ausmaß von der Polizei und vom KGB unterdrückt.[28]

Ukrainischer Nationalismus war dann im Land bis zur Perestroika im Grunde nicht vorhanden. 1990 begannen die ersten ultrarechten Gruppen seit Jahrzehnten zu erscheinen. 1990 wurde in Lemberg [Lwiw] die Ukrainische Nationalversammlung gegründet und begann im folgenden Jahr Fackelzüge durch die Stadt durchzuführen. Obwohl sie die Aufmerksamkeit der Medien durch ihre Zusammenstöße mit Linken, pro-russischen Kräften und der Polizei auf sich zog, gab es wenig Wahlerfolg. Eine weitere nationalistische Gruppe, die in den 1990ern erscheinen sollte, war der Kongreß Ukrainischer Nationalisten (KUN). Mehr als jede andere nationalistische Gruppierung konnte der KUN behaupten, der direkte Erbe der OUN-Bandera zu sein, angesichts dessen, daß er aus mehreren ehemaligen OUN-Exilanten bestand. Anders als die Ukrainische Nationalversammlung hatte der KUN einigen Erfolg in den Vorwahlen von 1997, und KUN-Führerin Ianoslava Stets’ko wurde Abgeordnete im ukrainischen Parlament. Der KUN schloß sich später Viktor Juschtschenkos Block „Unsere Ukraine“ an im Gegenzug dafür, daß er 2002 und 2006 drei Abgeordnete im Parlament bekam, geriet danach aber in Verwirrung und gab Wahlen überhaupt auf.

Die dritte bedeutende nationalistische Partei der 1990er war die Sozial-Nationale Partei der Ukraine (SNPU). Ohne irgendwelche offenkundigen Verbindungen zur OUN-Bandera war die SNPU von einem bedeutend jüngeren Kader gebildet worden als der KUN. Sie wurde 1991 von Iaraslav Adrushkiv, Andrii Parubi und Oleh Tiahnybok gegründet, der bis 1994 auch Vorsitzender der Lemberger Studenten-Burschenschaft war. Anfänglich auf der öffentlichen Organisation der Veteranen des sowjetischen Afghanistankrieges beruhend, übernahm die Gruppe bald schwarze Uniformen und bildete „Volkskommandos“, die vor dem Parlament protestierten. 2004 änderte die SNPU ihren Namen und ihr Image und nannte sich nun All-Ukrainische Union – Svoboda.

Es ist die Svoboda, die gegenwärtig der Gegenstand der größen hysterischen Presseaufmerksamkeit ist. Obwohl es ihr 2005 nicht gelang, eine sofortige Vereinigung rechtskonservativer Parteien zu erreichen, zeigte die Partei um 2009 ein „bisher unbedeutendes, aber stabiles Popularitätswachstum“.[29] Entsprechend der Geschichte des ukrainischen Nationalismus ist die Svoboda eine westukrainische Organisation, und ihre Erfolge sind überproportional dort angesiedelt. Die Wissenschaftler Andres Umland und Anton Shekhovtsov haben darauf hingewiesen, daß das Maß des Ethnozentrismus in der Westukraine höher ist und daß „fremdenfeindliche Ideen unter pro-westlichen Westukrainern und der jüngeren Generation der Ukrainer als Ganzes am stärksten sind“.[30] In einer Schrift vom September 2013 wiesen Umland und Shekhovtsov darauf hin, daß Verbesserungen der ukrainischen Wirtschaft begonnen haben, nichttraditionelle, nichtweiße Migranten aus China, Vietnam, Pakistan und Afghanistan anzuziehen, und fügten hinzu: „Es ist leicht zu erraten, daß die schnell wachsende Svoboda von dieser Situation wahrscheinlich am meisten gewinnen wird.“[31] Die Svoboda hat eine starke Vorstellung von der Ukraine als Nation, die auf Volkstum begründet ist, und erhielt in den letzten Wahlen 10 % der Wählerstimmen. Allein für dieses ‚Verbrechen‘ forderte der Jüdische Weltkongreß im letzten Jahr die EU dazu auf, die Partei zusammen mit Griechenlands Goldener Morgenröte zu verbieten.

Trotz Foxmans schauderbarem Geblöke wegen der Svoboda und des Vermächtnisses von Stepan Bandera ist die Position der Juden in der Ukraine wahrscheinlich sehr sicher, trotz dem, was man als vernünftige Gründe für antijüdische Einstellungen in der ukrainischen Bevölkerung betrachten könnte. Zusätzlich zu dem in diesem Artikel umrissenen reichhaltigen historischen Kontext betont Betsy Gidwitz am Jerusalemer Zentrum für Öffentliche Angelegenheiten die „unverhältnismäßig große Rolle jüdischer Oligarchen in der russischen und ukrainischen Wirtschaft“, daß „mehrere Juden und Halbjuden prominente Gestalten im Bankenkollaps und nachfolgenden Wirtschaftskrisen der späten 1990er waren“ und daß der reichste Mann der Ukraine der Jude Viktor Pinchuk ist, der „von vielen seiner Landsleute als Räuberbaron verurteilt wurde, der seine persönlichen Verbindungen dazu benutzte, während der post-sowjetischen Privatisierungswelle einige der wertvollsten Vermögenswerte in der Ukraine für einen Apfel und ein Ei aufzukaufen, während Millionen seiner Landsleute darum kämpften, über die Runden zu kommen.“

Zu der Zeit, da dies geschrieben wird, finden in der Ukraine interessante Entwicklungen statt. Andrii Parubi, eines der drei Gründungsmitglieder der Svoboda, ist zum Leiter der nationalen Sicherheit in der neuen Regierung gemacht worden. Ein weiteres Svoboda-Mitglied kontrolliert nun das Landwirtschaftsministerium. Am beeindruckendsten ist, daß das Svoboda-Mitglied Oleksandr Sych zum Vizepremierminister gemacht worden ist. Insgesamt gibt es jetzt sieben Minister in der ukrainischen Regierung, die man für rassebewußte Nationalisten halten kann.

Ich denke, diese Entwicklungen verdienen ein tieferes Verständnis und offensichtlich unsere Unterstützung.

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Siehe auch:

Neubetrachtung der russischen Pogrome im 19. Jahrhundert, Teil 1: Rußlands Judenfrage von Andrew Joyce
Mythen und die russischen Pogrome, Teil 2: Erfindung von Greueltaten von Andrew Joyce
Lerne zeitig klüger sein: Mythen und die russischen Pogrome, Teil 3 – Die jüdische Rolle von Andrew Joyce
Das „Pogrom“ von Limerick: Schaffung einer jüdischen Opferrolle von Andrew Joyce
Aktuelles und Skurriles – heute: Demokratie von Dunkler Phönix
Ukraine: Fiktion und Wirklichkeit von Osimandia
Quo vadis Ukraine von Barbarossa
Die Feinde zerschmettern wie ein Hammer – die jüdische Sowjetunion von Juri Lina
Competing Nationalisms in Ukraine von Kevin MacDonald
sowie Die Arsenij Jazenjuk Stiftung ist verschwunden von Freeman

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TextQuelle & Fußnoten: http://schwertasblog.wordpress.com/2014/03/12/nationalisten-juden-und-die-ukrainische-krise-etwas-historische-perspektive/

 – Danke an Svea –

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