Von Egon W. Kreutzer

Weitgehend unbeachtet findet in Sydney ein G20-Gipfel statt. Primäres Thema: Die Geldpolitik. Der australische Finanzminister Hockey erwartet, dass Finanzminister und Notenbankchefs sich auf einen belastbaren Rahmen einigen, der das Wirtschaftswachstum der nächsten fünf Jahre unterstützt.

Dumm nur, dass im G20-Kreis auch so genannte „Schwellenländer“ sitzen, wie z. B. Indien.

Das Signal der Fed, die Anleger sollten ihr Kapital nun schleunigst in die USA zurückführen, es gäbe bald wieder fette Kriegsdividenden, ist – in Form einer massiven Kapitalflucht – auch in Indien angekommen.

Kein Wunder, dass der indische Notenbankchef den großen Industrieländern, allen voran den USA, eine egoistische Geldpolitik vorwirft, die seinem Land schadet.

Ganz unabhängig davon, dass die Geldpolitik der Fed und der EZB in den letzten Jahren aus Sicht aller Nichtmilliardäre nur als „unverantwortlich“ bezeichnet werden kann, und die Fortsetzung der ungehemmten Liquiditätsbereitstellung auch nur eine Watzlawick’sche Pat-End-Lösung wäre, die den Horror erst vervollkommnet, hat Raghuram Rajan mit seinem Vorwurf natürlich Recht.

Doch das kann der „Weltfinanzminister“ und heimliche „EU-Präsident“ Wolfgang Schäuble natürlich nicht so stehen lassen, und so greift er auf die Formel zurück, mit der er auch die berechtigte Kritik der Euro-Krisenländer zurückweist:

Indien
(nach Belieben auch wahlweise: Griechenland, Spanien, Portugal, Frankreich, usw.) hat genug eigene Probleme, die nicht auf die Geldpolitik anderer Länder (nach Belieben auch wahlweise: der EZB, des Internationalen Währungsfonds, Deutschlands, usw.) zurückzuführen sind. Jedes Land muss zuhause selbst für Reformen und Stabilität sorgen.

Diesen, inzwischen bis aufs Äußerste abgedroschenen Satz, kann Schäuble offenbar aus dem Stand zu jeder Tages- und Nachtzeit ablassen, was ihn davor bewahrt, sich ernsthaft auf real existierende Probleme einlassen zu müssen.

Dabei ist das Vorgehen der Hüter der Weltleitwährung nichts anderes, als das Vorgehen von Monsanto: Erst werden genveränderte Sorten ausgesät, die sich bestmöglich auf fremde Felder ausbreiten, und wenn dort die unerwünschte neue Saat dann aufgegangen ist, werden Lizenzgebühren für das genmanipulierte Saatgut gefordert, weil der Landwirt es sich unberechtigt angeeignet habe. Und wenn der versucht sich vor Gericht dagegen zu wehren, wird ihm erklärt, dass er
a) nichts beweisen könne, Monsanto aber sehr wohl Beweise habe, und dass er
b) doch erst einmal auf den eigenen Feldern für Ordnung sorgen soll.

Damit kann als gesichert angenommen werden, dass der G20-Gipfel von Sidney die Hoffnungen des australischen Notenbankchefs auf einen Rahmen für eine stabile Wachstumspolitik aller G20-Staaten nicht erfüllen wird.

Die starken Egoisten werden ihre Verabredungen treffen und den schwächeren Gipfelteilnehmern (wenn überhaupt) erklären, worauf sie sich in den nächsten Jahren einzustellen haben. Schäuble wird sich ggfs. bereiterklären, eine der Troika nachgebaute Reformtruppe zu rekrutieren und zur Unterstützung beim Aufbau eines endlich international wettbewerbsfähigen Niedrigst-Niedriglohnsektors nach Neu-Dehli zu entsenden.

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Quelle: http://www.egon-w-kreutzer.de/

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