Von Michael Winkler

Beruflich und privat habe ich fast ausschließlich mit Deutschen zu tun, also Angehörigen des „Volkes der Dichter und Denker“. Wobei „Deutscher“ für mich nicht der Besitzer eines BRD-Passes ist, sondern Abstammung, Verhalten und Mentalität umfaßt. Nur, wie viel ist von diesem Dichten und Denken noch übrig? Ich gebe zu, ich bin kein Dichter. Ein paar Knüttelverse bekäme ich wohl noch hin, aber das Dichtkunst zu nennen, würde ich mir nie anmaßen. Eine Haltung, die ich so manchem modernen Literaten ebenfalls anraten möchte, ganz nebenbei.

Denken dürfte ich jedoch genug, so daß ich wenigstens diesen Teil der Definition erfülle. Bei so manchem meiner Mitmenschen habe ich jedoch Probleme, jedwede Art von Denken oder wenigstens Mitdenken zu erkennen. Da muß ich einen logischen Zusammenhang bis ins kleinste Detail ausbreiten und oft genug noch mit zusätzlichen Erklärungen anreichern, damit es überhaupt verstanden wird. Dafür kommen oft genug Gegenargumente. Argumente? Nein, es sind nur Versuche, vom eigenen Nicht-Verstehen abzulenken, die bei erfolgreichem Mitdenken gar nicht unternommen worden wären.

Ich rede nicht von Politikern. Diese Lebensform hat den Satz verinnerlicht, daß der größte Narr mehr fragen, als der größte Weise beantworten kann, und nutzt dieses Wissen destruktiv. Dabei reicht das eigene Wissen eines Politikers nur selten über das aktuelle Redemanuskript hinaus, weshalb der Politiker die Rede einer Diskussion vorzieht. Und bei einer Diskussion gibt es bewährte Taktiken, das eigene Nichtwissen zu verschleiern und das Denken zu verweigern, denn zu denken steht nur der Parteiführung zu.

Ich rede von der ganz normalen Denkfaulheit in unserem Land. Ein einzelnes Wildtier muß seine Augen, Ohren und Nase überall haben, wenn es nicht zur Beute werden möchte. Sein Gehirn arbeitet mit voller Leistung. Im Rudel, im Schwarm und in der Herde ist das einfacher. Viele Artgenossen teilen sich die Wachsamkeit, da kann das einzelne Tier schon mal abschalten und sich aufs Grasen konzentrieren. Noch einfacher wird es für ein Haustier: Der Mensch sorgt für Futter und Wohlbefinden, das Tier selbst ist rundum umsorgt, bis es schließlich zur Schlachtbank geführt wird.

Von Herrn Dr. Robert Müntefering möchte ich den Begriff der „Verhausschweinung“ übernehmen, der Übergang vom freien, selbstverantwortlichen Wildschwein zum trägen, umhegten Hausschwein, dem alle Mittel der Selbstbestimmung genommen sind. Dieses „Hausschwein“ kann durchaus zwei Beine haben und einen Führerschein besitzen. Es ist das Ideal der Werbebranche, der unkritische Konsument, und das Ideal demokratischer Regierungen, der unmündige Wähler.

Die Entwicklung des einzelnen Menschen, das Erwachsen-Werden, sollte eigentlich der entgegengesetzte Weg sein: Als Säugling und Kleinkind das völlig abhängige „Haustier“, das heranwächst, eigene Erfahrungen sammelt, sich loslöst und in die „freie Wildbahn“ begibt. Tochter – Frau – Mutter und Sohn – Mann – Vater ist der natürliche Weg. Angeleitet von Anderen, frei und eigenständig, zuletzt Vorbild und Erzieher.

Heute leben wir in einer Welt, in der wir Freiheit und Eigenständigkeit nicht mehr erreichen können. Wir werden immer von außen beeinflußt und müssen fremden Informationen vertrauen. Mit einem Fernseher bin ich seit 50 Jahren vertraut, doch wenn ich einen neuen brauche, muß ich mich erst informieren, welche Eigenschaften das neue Gerät haben sollte. Früher hat der Dorfschmied die Pfanne hergestellt, man hat ihm nur gesagt, wie groß sie sein soll. Heute gibt es Pfannen aller Art, mit und ohne Antihaft-Beschichtung, mit Keramik, für diesen oder jenen Herd geeignet… Zum Glück halten Pfannen das eine oder andere Jahrzehnt, weshalb wir nicht oft mit dem Neukauf konfrontiert werden.

Was Sie jedoch erreichen können, ist ein hohes Maß an Freiheit und Eigenständigkeit. Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie auf Hausschweinart einkaufen, also das erste nehmen, was man Ihnen vorsetzt, oder ob Sie versuchen, das Beste zu bekommen, was es für Ihre Bedürfnisse zu kaufen gibt. Das wählerische Wildschwein muß denken, vergleichen, auswählen, es benötigt sicher länger als sein domestizierter Kollege. Natürlich muß der Aufwand angemessen sein, für ein paar Brötchen fünf Bäckereien abzuklappern und Vergleiche anzustellen, ist sicherlich übertrieben. Allerdings lohnt es sich, auch mal woanders die Brötchen zu probieren, um schließlich die besten zu finden.

Früher gab es zu den Vorgängen in der Welt mehrere Meinungen, und wir konnten auswählen, welcher Meinung wir uns anschließen oder welche wir als Grundlage unserer eigenen Meinung hernehmen wollten. Heute gibt es nur den „Mainstream“, die Einheitsmeinung. Alle großen Fernseh- und Radiosender, die meisten Zeitungen vertreten die Einheitsmeinung. Das nennt man Pluralismus, weil man dabei aus vielen (pluris) Quellen mit dem gleichen Einheitsbrei überschüttet wird. Das Hauschwein stellt fest, daß das, was alle sagen, wohl richtig sein müsse. Die allgemeine Meinungseinfalt schenkt uns den Luxus einer einfältigen Meinung.

Das Denken, vor allem das eigenständige, wird uns bereitwillig abgenommen. Große Unternehmen haben inzwischen „Policies“, auf Deutsch Handlungsanweisungen, wie Probleme angegangen und gelöst werden sollen, wie man mit den Kunden umzugehen hat und wie man nach außen hin auftritt. Arbeiter am Gängelband… Dafür dürfen Sie an anderer Stelle wählen! Stellen Sie sich doch einfach mal spaßeshalber ein Auto zusammen. Sechs Motorenvarianten, massenhaft Extras, eine Vielfalt an Lackfarben, jede Menge Innenausstattungen – aber was ist mit Ganzjahresreifen? Für Wenigfahrer im schneearmen Würzburg wäre das eine sehr sinnvolle Option. Nur, leider, wird die nicht angeboten. Und Sie dürfen nur das wählen, was Ihnen der Hersteller zur Auswahl anbietet.

Das ist in der Politik genauso. Da bekommen Sie Wahlzettel vorgesetzt, auf welche sich die Parteifunktionäre selbst draufgeschrieben haben. Mit Ihrer Parteistimme sprechen Sie sich für ein Wahlprogramm aus, für das ganze Wahlprogramm, ohne jeden Abstrich. Ein Wahlprogramm, das Parteifunktionäre aufgestellt haben. Und das, sobald die Wahllokale schließen, in den Abfall geworfen werden kann, denn dann wird eine Koalition ausgehandelt, und nur das, was die Parteifunktionäre auf diesen Koalitionsverhandlungen beschließen, wird tatsächlich auch gemacht. Das vollständige Delegieren jeglicher Entscheidungen an die Parteifunktionäre nennt man Demokratie – Volksherrschaft.

In der Schule hat man früher nicht nur Rechnen, Schreiben und Lesen gelernt, sondern auch Denken. Heute lernt man dort Diskutieren. Ein guter Schüler kann im Zweifelsfall alles bestreiten, bis auf den eigenen Lebensunterhalt. Diskutieren, dagegen reden, hinterfragen – anstatt selbst nachzuvollziehen und diese dummen Reden erst gar nicht zu führen. Der in der merkelhaften Staatsdoktrin gefestigte Mensch, der ohne nachzudenken eine der Sozialistischen Einheitsparteien Deutschlands ankreuzt, ist das Ziel jeder Bildungsreform.

Eine Monarchie, mit gesicherten Herrschaftsverhältnissen, kann sich Meinungsvielfalt leisten. Eine Parteiendemokratie, die auf möglichst einfältige Wahlbürger angewiesen ist, hingegen nicht. Die Parteidemokraten benötigen Stimmvieh, das ihnen nicht dazwischenpfuscht, das brav abnickt und gut findet, was ihm vorgesetzt wird. Tunlichst sollte dieses Stimmvieh geistig unterlegen sein, was den Wunsch mitzureden zuverlässig eindämmt. Der geistlose, gehorsame Untertan ist das, was sich eine Demokratie als mündigen Bürger vorstellt.

Worüber soll ich mich nun wundern? Darüber, daß es denkfaule Mitmenschen gibt, denen man alles haarklein erklären muß, oder darüber, daß es noch immer Menschen gibt, die bereit sind, eigenständig zu denken? Der Mensch ist ein widerstandsfähiges Lebewesen, selbst in der Verhausschweinung sind ihm nicht alle Instinkte der Wildbahn abhanden gekommen.

Wer stetig strebend sich bemüht, den können wir erlösen!

Aber, wer bemüht sich schon? Es geht um Mühe, nicht ums Vergnügen. Nicht um ein wenig Mühe, sondern um fortgesetztes, stetiges, unermüdliches Bemühen, das zur Erlösung nötig ist.

Wer sich nicht bemühen will, für den gilt jener Satz, den mir mein Vater eingetrichtert hat und der hier als Überschrift steht: Laß sie dumm sterben!

Ich habe auch schon sinnlose Diskussionen geführt, zu viele, in der Rückschau. Ein gegenseitiges Beharren auf dem eigenen Standpunkt, eine wechselseitige Unbelehrbarkeit, mag eine lebhafte Diskussion ergeben, doch die Zeit dafür kann anderweitig besser genutzt werden. Dabei mag es durchaus sein, daß ICH derjenige bin, der falsch liegt. Doch solange ich nicht bereit bin, meinen eigenen Standpunkt selbst zu hinterfragen und zu überdenken, ist es besser, mich dumm sterben zu lassen.

Ich kann nicht die ganze Menschheit belehren, ich kann sie erst recht nicht retten. Es gibt einen Punkt, bei dem die eigene Kraft an ihre Grenzen stößt. Die unwiderstehliche Kraft trifft auf die unbewegliche Masse – fast immer siegt die Masse, da Trägheit mühelos aufgebracht wird, während die Kraft schließlich erlahmt. Lassen wir es also dabei.

© Michael Winkler

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Quelle: Laß sie dumm sterben!

Advertisements