(Eng. Original: The Days of Our Revolution)

Published by Carolyn Yaeger

.

Aus Leopold Wengers Fahrtentagebuch:
Die Tage unserer Revolution  

copyright 2013 Willy Wenger   

.

[Auszug: 11. – 20. März 1938]                                                                   

11. März 1938: Ununterbrochen fuhren Lastautos durch die Stadt und warfen Flugzettel ab: „Stimmt für Schuschnigg“,   usw. Aber kaum lagen sie am Boden, kam die HJ und sammelten die Zettel auf und warfen sie in die Mur. Das schon den ganzen Tag so. Flieger warfen auch Flugzettel ab und alle hatten schon eine grenzenlose Wut. Zu allem Überfluss wurde die Volksmiliz bewaffnet, marschierte auf und um 3 Uhr Nachmittag waren alle öffentlichen Gebäude  (Post, Bahnhof, Kreisgericht usw.) von diesen Halunken besetzt. Aber ihr Traum dauerte nicht lange. Um 5 Uhr traf ich Herrn Ebner von der DAF Der rief mir zu: „Die Abstimmung ist verschoben,   alle Häuser beflaggen durchsagen!“ 

Das  war eine Freudenbotschaft! Ich lief gleich zur HJ-Dienststelle, die in der Vorderbergerstraße seit einiger Zeit lag. Hier erhielt ich den Befehl: „Heute Abend großer Fackelzug, Treffpunkt Josef Grafgasse. Die ganze Gefolgschaft alarmieren!  Und dann ging’s los. Der ganze Hauptplatz war voller Menschen. Wir bekamen alle Gummiwürste – für alle Fälle. Das erste Mal traten wir mit unserer Schar-Fahne an. Mit entzündeten Fackeln marschierten wir auf den Hauptplatz vor das Rathaus zur Kundgebung. Am ganzen Platz war kein freier Platz mehr. Unter dem Rathausbalkon stand SS mit Stahlhelm und Fahne. Rundherum Gendarmerie mit aufgepflanzten Seitengewehren . Dann sprach vom Balkon der  Stabsleiter der SA-Brigade Steindl. Als er herunter rief, deutsche Truppen haben die Grenze überschritten und stehen in Österreich, da erscholl ein  Jubel, wie man ihn nur  einmal hören kann. Dann stellte er allen unsren Gegnern frei, die Stadt sofort zu verlassen und betonte, daß kein Blut vergossen werden darf. Hernach sprach der illegale Kreisleiter Kristandl. Dann marschierten die Kolonnen ab nach Donawitz […]

Als weggetreten wurde, mussten wir noch zu einem Führerappell, wo wir Richtlinien für die nächsten Tage erhielten. Dann glaubten wir fest daran, dass noch im Laufe der Nacht die deutschen Truppen nach Leoben kommen würden und wollten den Einmarsch nicht versäumen.  Noch während der Kundgebung auf dem Hauptplatz verschwanden plötzlich alle Gendarmen auf die Wachstube und als sie wieder zurückkamen, hatten sie alle SS-Armbinden um. Das konnten wir zuerst gar nicht glauben und man hätte fast glauben können, man lebe wie in einem Traum. – Natürlich kamen so schnell keine Truppen.  Die waren um diese Zeit nicht einmal noch in Salzburg; aber ich hatte wirklich keine Lust schlafen zu gehen. Es begann zu regnen und die vielen Leute verschwanden aus den Straßen. Ich sah, wie die SA bewaffnet wurde, mit den Gewehren der Volksmiliz. Ich war dabei als um 1 Uhr früh das Haus der VF, die Arbeiterkammer, besetzt wurde. Um 3 Uhr früh holte Oberleutnant Vinek aus dem Hotel Post eine Hakenkreuzfahne und ließ sie auf der Kaserne hissen. Dann erst ging ich schlafen.

.

12. März 1938: Das Heim des österreichischen Jungvolkes war von der Gendarmerie belegt. Es stand natürlich uns zu. Um 14 Uhr besetzten wir es, schlugen ein Plakat an, das Vati gemalt hatte: NSDAP – HITLERJUGEND  und behandelten die Gendarmen als unsere Gäste. Abends wurden wir von einem Appell weggeholt. Um Autos bekannter Nazifresser zu requirieren. (Druckerei Herzog,  Jude Bauer udgl.) Auch die Massenburg wurde von HJ besetzt.

.

13. März 1938: Nachmittag marschierte unsere ganze Gefolgschaft nach Tollinggraben, wo das große österreichische Jungvolkheim lag. Es wurde besetzt und ich sollte mit 5 Mann oben bleiben. Gegen Abend kam ein Telephonanruf, dass wir sofort nach Leoben kommen sollten, da nach Graz gefahren werden sollte; der Führer sei in Graz, so hieß es. Als wir oben weggingen konnte ich es nicht verbeißen eine Serie auf die große Tafel des Heimes mit dem Revolver abzugeben.

In Leoben wurden wir auf Lastwagen verladen, daß fast die Wände platzten. Es war saukalt. – Natürlich war der Führer nicht in Graz. Wir fuhren also wieder zurück. Da die meisten nur Hemd und Rock anhatten, liehen die Mädels, die in Autobussen fuhren, ihre Mäntel her. Trotzdem war es kaum auszuhalten. Mitternacht kamen wir in Leoben an und dann hatten wir noch  im Heim Nachtdienst. Beim Wache schieben liehen uns die Gendarmen ihre Mäntel und Stahlhelme.

.

14. März 1938: Die Garnisonstruppen werden am Hauptplatz, auf den Führer vereidigt. Auch kommt die erste deutsche Polizei nach Leoben. Vormittag führte mich Vati nach Bruck an der Mur. Dort war schon das deutsche Militär von Wien aus gekommen.

15. März 1938: Wieder hatte ich Wachdienst. Die ganze Nacht hindurch.

16. März 1938: Der Dienst wurde regelmäßiger.

17. März 1938 – Der erste HJ Musikzug bestehend aus Gymnasiasten

17. März 1938 – Leopold (rechts) führt die Jugend des Gymnasiums an

17. März 1938: Wir brauchten Uniformen, doch nirgends konnten wir sie auftreiben. In Bruck bekamen wir noch zwei Braunhemden. Alles sonst ausverkauft. Auf dem Burgplatz auf der Massenburg fand eine kurze Feier des Gymnasiums unter dem neuen Direktor Prof. Peintinger statt.

18. März 1938: Der Bannführer der Steiermark war zur Besichtigung in Leoben.

20. März 1938: Nun kamen endlich die ersten deutschen Truppen nach Leoben, die schon so sehr von der ganzen Bevölkerung erwartet wurden.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Quelle: Die Tage unserer Revolution | Carolyn Yeager

Video:  Österreichs Anschluß an das Deutsche Reich   + YouTube-Unblocker

.